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Von der Einsamkeit

Vor einem Jahr um diese Zeit habe ich gerade mein Abitur geschrieben gehabt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch keine Vorstellung über das Danach. Besser sollte es werden.
Mittlerweile habe ich das erste Semester an der Uni durchharrt und stehe auch noch einigermaßen hinter meiner Fachwahl. Der Kontakt zu meinen alten Mitschülern ist abgebrochen, was wenig überrascht, weil es ihn außerhalb der Schule quasi nicht gab. Mein einziges vertrautes Miteinander der letzten Jahre fand für mich vormittags mit meinen SchulkameradInnen statt. Das war nicht immer gut, aber ich habe viele ins Herz geschlossen, auch wenn ich es ihnen meistens nicht gesagt habe. Sie waren da. Verlässlich. Wir haben etwas miteinander erlebt, wir waren eine Gemeinschaft.
Nach einem Semester an der Uni konnte ich noch keinen Ersatz für solche Beziehungen finden und ich habe das Gefühl, ich werde das dort auch nie finden. Jeder geht ab jetzt seinen eigenen Weg. Ich wohne noch daheim in der nächstgelegenen Stadt, bekomme daher nichts vom studentischen Leben Tübingens mit und habe auch keinen Kontakt zu studentischen Gruppen. Das waren jetzt sehr trostlose, sehr lange Semesterferien für mich.
Ich denke mir immer: So sollte es nicht sein. Ich sollte nicht so einsam sein. Ich hab keinen Grund dafür. Ich bin 21, weiß viel, bin kein Autist, habe keine Sozialphobie, bin universalinteressiert, reflektiere viel über mich nach, habe mein Ego unter Kontrolle. Nein, ich sollte nicht so einsam sein. Aber ich bin es. Ich kann mit niemandem darüber reden. Ich kann mit Menschen darüber schreiben und die sagen mir dann, ich solle rausgehen und Leute kennenlernen. Aber das ist nicht so einfach. Ich komme mir überall deplatziert vor. Peinlich. Wenn es mal vorkommt, und ich Leute ‚kennenlerne‘, dann nur oberflächlich, und gleich sind sie wieder weg, weil ich nicht wusste, wie ich Kontaktmöglichkeiten in nicht aufdringlicher Weise einholen sollte.

Alle meine Freunde und Bekannte des RL habe ich durch Institutionen kennengelernt: Kindergarten, Schule, nichts. Weil, mehr hatte ich eigentlich nicht. Freunde durch Freunde kennenlernen, auf einer Party oder öffentlichen Veranstaltungen, das hatte ich nie. Ich komme mit der Aufgabe nicht klar. Sicherlich spielt eine Rolle, dass ich nie mit Freunden unterwegs bin, nie zu Partys eingeladen werde und keine öffentlichen Veranstaltungen besuche. Weil meine Freunde richtigerweise mit Anführungszeichen geschrieben werden müssten, mich niemand kennt, der Partys schmeißt (oder einlädt) und ich nicht weiß, was ich auf öffentlichen Veranstaltungen soll.
Ich sitze ganz schön in der Scheiße. Jemand könnte sagen, das sei doch bei mir genauso, wie wenn man in eine fremde Stadt zieht, da kennt man auch noch keinen, und bei mir sei doch noch überhaupt nichts verloren, sondern alles zum Besten, ich sei nur ein unbeschriebenes Blatt, und ich solle einfach jetzt damit beginnen, Kontakte aufzubauen. Aber ich habe nie die Kompetenzen dafür entwickeln können. Sorry, ich kann das nicht. Ich bin einsam und ich war mein Leben lang einsam. Ich wünsche mir einen Freund, der mich da bei der Hand nimmt, einen Freund, den ich nicht habe. Ich weiß nicht, was ich tun soll und es macht mich total fertig. Ja, ich bin eines dieser Kellerkinder, das nie raus kommt, nur ohne Keller, und im Sommer gehe ich sogar sehr gerne raus, zum Lesen. Weil, alles andere macht mir allein keine Freude mehr.

Die schönen Dinge, die man in seiner Jugend gewöhnlich so erlebt: Nicht erlebt, weil keine Gelegenheit dazu gehabt. Bei Schulkameraden beobachtet und eine Ahnung davon bekommen, wie das wohl wäre. Nur stets aus der Distanz eine Lebenswirklichkeit betrachtet, die nicht die meine war. Ich dachte immer, das ändert sich noch, und eine lange Zeit hat es mir auch nichts ausgemacht. Aber jetzt bin ich raus aus der Schule, ein echter Student, wenn auch noch daheim lebend, und es hat sich für mich nichts zum Besseren gewendet, es ist schlechter geworden. Zwar gibt es auf der Uni mehr Neukontakt, aber noch weniger Möglichkeiten, um Beziehungsnähe aufzubauen.
Die Situation ist für mich alarmierend. Ich seh für mich da keine Perspektive, bin aber auch kein Selbstmörder-Type. Ich hab im RL überhaupt keinen Anschluss an Gleichaltrige. Ich muss mein Leben irgendwie ändern, sonst werd ich damit nicht glücklich.
Die Menschen auf Twitter sind toll, ohne diesen gesellschaftlichen Austausch und die vielen netten Worte wäre ich heute ein Wrack. Oder hätte vielleicht gerade deswegen doch andere Wege finden müssen, minimalen Austausch haben zu können – mit der Zeit, die für Twitter draufgeht, die ich dann frei gehabt hätte, nicht unrealistisch. Aber Twitter ist auch nicht das RL, es ist eben nur Microblogging.

Ich studiere nichts Technisches. Da spricht man in den Pausen nicht über Betriebssysteme. Mein Wissensvorteil als Computer-Geek hilft mir da nicht bei der Bekanntmachung mit anderen. Fast alle meine Hobbys drehen sich in der einen oder anderen Weise um diesen Kasten, doch ich bin nicht monothematisch interessiert. Es sind sehr viele Dinge, die mich eben letztlich digital erreichen, und damit umzugehen, darin bin ich vielleicht besonders gut als Geek. Aber es muss für mich nicht technisch sein. Ich kann auch etwas zu Goethe, Anthroposophie, oder Feminismus sagen. Aber es kommt nie dazu.

Bei Arbeiten für die Uni weiß ich oft nicht, wie ich die Kraft dafür aufbringen soll. Ich bin unglücklich mit mir. Ein liebes Lächeln oder eine Umarmung wären viel. Niemand umarmt mich. Niemand ist da, der mich anlächeln könnte. Da ist bei mir so viel Einsamkeit, Bitterkeit und Verzweiflung. So sollte das nicht sein.

Können wir uns treffen, auch wenn ich ein seltsamer Junge bin?

Ich weiß beim besten Willen nicht, was ich mit „normalen“ Jungen, die keine Computer-Geeks sind, reden soll. Mit Mädchen/Maiden wüsste ich es. Da kann ich über ziemlich alles sprechen. Jungen wollen mit dir nicht über die wirklich wichtigen, emotionalen Dinge im Leben sprechen. Sie sprechen immer in einer technischen Form, und wenn du sie einmal da raus führst, werden sie gleich sehr unsicher und ihnen wird das Gespräch unbehaglich. Meine Erfahrung ist, dass mir Gespräche mit tollen Mädchen viel mehr nützen als mit Jungen, und dass ich mich dabei viel angenehmer fühle.

Mir geht’s nicht gut. Mir ging es die letzten vier Schuljahre nicht gut, sogar richtig schlecht.
Meine soziale Kompetenz ist nicht stark, ich habe es über die Kursstufe immerhin geschafft, keine groben Verhaltensprobleme mehr in Gruppen zu zeigen, irritiere aber immer noch mit ungewöhnlichen Formen von Unangepasstheit. Ich besitze in helleren Momenten eine heitere, spielerische Natur, aber zusammen immer noch mit einer bissigen Selbst-Hartnäckigkeit, einer Spielart des Perfektionismus, die für Beobachter sehr schwer einzuordnen ist. Ich bin in hellen Momenten skurril, bestenfalls amüsant. Aber nicht so amüsant, dass ich cool wäre und mensch direkt Kontakt mit mir außerhalb der Lehrveranstaltung wollte. Und das sind die hellen Momente.
Niemand kommt auf mich zu und fragt, wollen wir Freunde sein. Derartiges hab ich die letzten 10 Jahre nicht erlebt. Es war immer ich, der deutliches Kontaktinteresse verbalisieren musste.

Ich würde so gern einmal mit jemandem sprechen, der mich einfach mag, mich umarmt und Freund mit mir ist. Mit dem ich einfach ich selbst sein kann, mit dem ich mein Selbst durch seines entdecken kann, ohne eine Rolle erfüllen zu müssen. Ich schaffe es nicht, solche Beziehungen aufzubauen, nicht im RL. Ich weiß gar nicht, wie das geht. Wie mensch zueinander findet und Freude an sich haben kann. In mir fühle ich, dass es möglich sein muss. Aber ich war immer nur allein. Mein Beitrag „Ich wünsche mir einen Freund“ von letzten Februar trifft das noch immer auf den Kopf. Ich bin sehr einsam und es zermürbt mich.

Zu den Mädchen: Mir geht es nicht gut und das nimmt mensch wahr, zumindest unbewusst. Darauf angesprochen haben mich in den letzten Jahren nur sehr wenige, meist durch mein desorientiertes Verhalten nachdenklich gemacht, und ich bin ausgewichen.

Wenn du seltsam drauf bist und sie dann fragst, wollen sie nichts mit dir machen. „Ich find Dich cool“, „Ich find Dich inspirierend“, „Es macht Spaß mit Dir“, „Ich fühl mich gut mit Dir“ – das führt alles zu nichts. Nie Zeit, wochenlang, monatelang; viel zu tun; nein, ich mag nicht mit Dir.
Ich fand das schlimm. Es hat mich wirklich verletzt. Ich hab mir immer Mühe gegeben.

Es ist eigentlich sehr simpel: Wenn du Mädchen fragst, ob sie was mit dir machen wollen und nicht selbstbewusst rüberkommst, wird die Antwort in den meisten Fällen nein sein. Deine Intention ist dabei egal; ob du einfach nur Freunde suchst, ob du sie inspirierend findest, ob sie dir helfen, mit dir besser klar zu kommen. Ich habe auch wenig Erfahrung mit Jungen, aber ich weiß, dass sie da gnädiger sind, wohl auch, weil sie die Situation selber kennen.
Wenn du irgendwie komisch bist und ein Mädchen dann fragst, dann bittest du sie um ein Date. Eine Strategie, die Falle zu vermeiden, wäre sofort klar zu stellen, dass es aber kein Date sein soll. Absolut kein Interesse, keine Sorge. – Aber ich will das nicht ausschließen, hey, weil ich hetero bin. Ich habe wahrscheinlich sowieso keine Chancen, aber ich will es nicht ausschließen, verdammt!

Tut mir leid, ich bin nicht schwul, können wir trotzdem Freunde sein? NEIN!
Ich leide darunter. Ich weiß auch nicht richtig, was ich will – eigentlich beides (ich glaube, das spüren sie), aber dafür sollte ich mich nicht schlecht fühlen, das ist normal, das will doch jeder. Mir macht es ein schlechtes Gewissen. Ich kann damit nicht umgehen und niemand gibt mir die Chance, damit umgehen zu lernen.

Mir fehlt das soziale Sprungbrett, eine Plattform, auf der man sich schon außerhalb von jedem Unterricht kennenlernen und abschätzen kann. Ich hab nichts. Ich bin dieser Computer-Mensch mit seinem Linux und ungeheurer unbrauchbarem IT-Kulturwissen, daheim.

Jetzt auf der Uni scheint es so weiter zu gehen. Der quantitative Neukontakt ist erheblich mehr geworden, aber die qualitative Nähe noch geringer. Mich macht das sehr traurig. Ich will nicht so allein sein.

Ich wünsche mir einen Freund

Ich wünsche mir einen Freund.
Einen Freund, mit dem ich auf einer Wiese zu den vorbeiziehenden Wolken schauen kann.
Den Wind auf der Haut spüren, die feinen Gerüche wahrnehmen.
Die Natur erleben. Der mit mir die Natureindrücke in seine Seele aufsaugen kann.
Wir die dezenten Farbnuancen des Himmels in uns aufnehmen.
Barfuß durch das Gras streichen, und der mit mir über feuchtes Moos tapst.

Wir über die Felder rennen und kichern. Kind sein. Frei sein. Ich sein. Ich sein reinstes Du erblicken.

Auf Wolken zeigen. Dasitzen und den Abendhimmel betrachten.
Und während wir dasitzen, mich verstehend anlächelt, und uns die Größe des anderen in einem tiefen Blick offenbart wird, und das große Glück, ein Selbst zu sein. Und miteinander entdecken, wie groß das eig’ne Selbst ist.
Und wenn wir uns verabschieden, uns ein goldenes Glühen der Begegnung in der Brust liegt.

Mit dem ich die Welt erleben kann, wie sie ist, und mich in einer reinen Form. Der mir hilft, die Form herauszuschälen. Momente teilen in einer aufmerksamen Stille.
Mit dem ich tuscheln kann, weil wir uns verstehen. Verschmitzt lächeln über Vorgänge der Außenwelt, deren Einfluss nicht bis über uns reicht.

Wir sprechen nicht über Technik oder Netzpolitik, sondern über Selbsterkenntnis.
Mit dem ich Disney-Zeichentrickfilme schauen kann, und der dabei so große Augen macht wie ich.
Der mich tröstet und aufmuntert. Sagt, es ist nicht so schlimm, und Du hast ja mich, ich bin für Dich da.

Je älter ich werde, umso größer wird die Sehnsucht danach. Es auch einmal spüren zu können.
Ich wünsche mir einen Freund, der mir auch mal sagt, es ist schön, dass es Dich gibt, ich mag Dich. Und wenn wir zusammen sind, ist mir das eine kostbare Zeit, weil Du mir wertvoll bist.
Weil, wenn ich Dich hätte, würde ich Dir das sagen.

Doch – ich weiß nicht wie.

Ich will nicht so allein sein.
Ich weiß nicht, wie das geht. Ein paar nette Worte, und dann ist die Person einfach weg. Für mich verloren. Die Gelegenheit verflogen. Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, wie das geht. Ich würde so gerne, aber weiß nicht, wie das geht. Trau mich nicht. Fühle mich so anders, unwürdig, Kontaktinteresse zu zeigen. Und Angst habe ich, dass ich es kaputt mache und Dich gleich verliere, noch bevor ich Dir näher gekommen bin. Also tu ich nichts, mache das, was ich am besten kann: Ich ignoriere Dich.

Ich wünsche mir so sehr, finde Du zu mir, denn ich bin gefangen in mir selbst. Doch ich weiß, dass Du mich nicht hörst. Vielleicht niemals, und falls doch, wirst Du verschreckt, weil ich so verzweifelt bin. Und ich weiß nicht, was ich tun soll.

Ich wünsche mir einen Freund.
Und wenn Du weiblich bist, wäre das noch umso schöner.

Thank you, Steve

In memoriam des kreativsten und rücksichtslosesten Innovators des Jahrhunderts, und eines meiner größten Idole. Danke für Dein Wirken auf diesem Planeten. Du ermöglichtest mir ein digitales Leben von unermesslichen Möglichkeiten. Mach’s gut, Steve.

 

Wie sehr man doch Fanboi ist, trotz Linux- & Freie Software-Evangelismus, merkt man erst bei so was, wenn man 20x das Video spielt und Tränen kullern.
Mich verbindet mit Apple eine Hass-Liebe, einerseits die Geschäftspraktiken ablehnend, andererseits dem faszinierenden Reiz der Produkt-Philosophie erliegend. Seit ich das Geschehen in der IT verfolge, etwa ab 14, ist das Unternehmen bedeutsam für mich dafür, wie ich die digitale Welt erlebe.
Da die bekannten deutschen Geek-Podcast über Apple im Allgemeinen sehr vergnüglich zu hören waren und diesen Sog in ein ganz eigenes (Rückzugs-)Universum mit seinen eigenen Naturgesetzen aufbauten, es also immer etwas neues Spannendes zu entdecken gab – wenn man mit Offenheit daran geht und begeisterungsfähig für Computer ist – wurden die Podcasts zu meinem wöchentlichen Kulturprogramm. Was konnte ich darüber nicht alles miterleben. Was habe ich alles über die Wirtschaft gelernt. Themenfelder waren die Produkte, das Unternehmen, das erweiterte Ökosystem und immer irgendwie dabei und untrennbar die Person Steve Jobs.
Der Mann war Teil meines kulturellen Heranwachsens. Der Ganz-Kosmos seines Unternehmens das Substitut für die Erfahrung von Gruppenzugehörigkeit und -Dynamik in der Pubertät eines sozialverhinderten Geeks.
Ich sah in den sechs Jahren viele Keynotes, sah Filme, las viele Berichte, viele Feuilletons, Reportagen, seine Biografie, und natürlich die Blogosphäre, und konnte nicht aufhören. It’s Magic. Boom!
Wir haben es Jobs‘ kompromisslosen Innovations-Geist zu verdanken, der die Branche vielfach, rücksichtslos auf eigene Altlasten, revolutionierte. Ohne seine anthropozentrische Vision der Datenverarbeitung für jedermann, seinen außergewöhnlich einmaligen Anspruch auf Perfektion und praktische Benutzbarkeit, wäre die gesamte digitale Revolution lange nicht dort, wo sie heute steht. Vielleicht hätte sich auch eine völlig andere Benutzbarkeits-Philosophie und ein anderer Anspruch durchgesetzt. Steve Jobs war ein rebellischer Visionär in einer Branche von Ingenieuren und Bilanzschubsern, dessen Ideale sich längst zum Kulturgut erhoben.
Ich danke Dir, Steve. Es ist schwer vorzustellen, dass wir von nun an nichts mehr von Dir hören werden. Dass es ohne Dich weitergehen soll.
Mach’s gut.
Because the people who are crazy enough to think they can change the world,
are the ones who do.