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Großartigkeit

 

Man stilisiert sich den Wechsel aus, glaubt, irgendetwas und alles wird sich komplett und radikal ändern. Und dann startet man sein Linux und landet auf seinem Desktop von vorhin, ohne Murren, ohne Peng-Peng, einzig muss zuvor unter Umständen der alte Grafiktreiber deinstalliert werden.
Dann klickt man ein bisschen rum und nach einigen Sekunden hat man vergessen, dass man nun auf einem System mit einer Hochpotenz der Leistung des alten Systems arbeitet, alles ist wie gehabt, nur ein klein wenig flutschiger.

Ohne dass es dir besonders bewusst wäre, erhöhst du mit der Zeit deine Standards, nimmst nun doch einen verlustfreien Codec für dies und jenes und encodierst deine Videos bald ganz selbstverständlich in Studioqualität. Der Übergang durch die neue Grenzbestimmung ist fließend und mit dem Luxus an höhere Standards, die heute, ja heute noch, deinen Premium-Anspruch par excellence befriedigen, wird dein Rechner schrittweise auf das Durchsatzniveau bei Standardaufgaben deines Altrechners angeglichen. Und es wird sich immer wiederholen, das ist das Schöne an PCs, und zugleich das Tragische. Dazwischen ist eine Phase, in der du das Gefühl hast, dass irgendwas an deinem System fehlt und du weiß Gott nichts mit seiner Leistung anzufangen weißt. Aber die Zeit, die ändert das, die Zeit ist der wahre Fortschrittsmotor dieser Branche, des Einsiedler-Biotops der Geeks.

Konkret geplant war der Rechner seit Sommer 2010, das nötige Kapital wurde mir Mitte Januar 2011 bewilligt. 🙂 Die Recherche nach den besten Komponenten dauerte wie gewöhnlich bei meinen größeren Anschaffungen mehrere Wochen.
Meine Maxime diesmal: Das Beste. Keine Kompro-misse mehr. Du bereust sie *immer*.
Und alles perfekt aufeinander abgestimmt.

Zusammenbau alte HW: Juni 2007
CPU: AMD Athlon64 X2 5200+ EE (2,6 GHz)
RAM: letztlich 4 GB DDR2-800 A-Data/V-Data
MB: Abit NF-M2-Nview
GC: GeForce 7600 GS/später 8600 GS
PS: be quiet! Straight Power 450W
F: Arctic Cooling Freezer 64 Pro + Arctic Cooling Arctic Fan 8 PWM + Noiseblocker BlackSilent 80 mm
WLP: Coollaboratory Liquid Metal Pad
HDDs: 3 HDDs, letztlich 5 TB
optische LWs: LG DVD-Brenner + LG Blu-Ray/HD DVD-Leselaufwerk
Gehäuse: noname Mac Pro-Nachbildung, relativ wertig, schwarz

Zusammenbau neue HW: Januar 2011
CPU: AMD Phenom II 1100T (3,2 GHz – OC @ 3,85 GHz stabil mit AMD C&Q) (bis dato AMDs schnellster Desktop-Prozessor, und das macht mich sehr glücklich)
RAM: 4 GB DDR3-2000 (OCZ3P2000C8LV4GK) (OC @1920 MHz stabil)
MB: ASUS M4A89GTD PRO/USB3
GC: SAPPHIRE AMD Radeon HD 6850
PS: ENERMAX Modu87+ 500W
F: Noctua NH-D14 + Noctua NF-S12B
WLP: Coollaboratory Liquid Metal Pad
HDDs: erhalten + ein silentmaxx HD-silencer-Festplattendämmer (das Lauteste in jeder Hinsicht an dem Rechner sind die mechanischen Laufwerke)
optische LWs: erhalten
Soundkarte: ASUS Xonar DX PCIe (native Linux-Treiber!)
Gehäuse: Xigmatek Midgard

Monitor: Dell/Samsung 23″ Full HD seit Anfang 2009
Soundsystem: Edifier S530D 2.1 Rev. 2 seit August 2010
geplante Anschaffung: System-SSD mit 400 MB/s+


(Mai 2018: Die Diashow scheint nicht mehr zu funktionieren, hier ein Direktlink auf das Album auf 23hq.)

Bei einigen der Bilder wäre mir vor wenigen Monaten noch der Sabber gekommen. Wie euch in diesem Moment. Hrrr.

Damit: Allen verspätet einen schönen Start in 2011 und wieder auf diesem Blog!
Seid nicht zu sehr angeberisch und materialistisch! ;D

Dichterwettstreit

Ich bin auf der Suche nach einem freien Platz. „Ist hier noch frei?“ „Nein, die Plätze sind alle besetzt.“ Mein Blick schweift über den Raum, im vorderen Teil, die Stufe hinab, ist alles belegt. Im hinteren Teil sind noch Stühle an Tischen frei, mehr oder weniger gute Sichtwinkel. Hinten sitzen die Erwachsenen, vorne die jungen Leute. Ich sage mir, vorne müsstest du doch sowieso so unbequem den Kopf zur Bühne heben, hinten hast du entspannte Sicht. OK, ich kam knapp zu dem Poetry Slam, wie eigentlich immer. Endlich finde ich einen Dreidamentisch, der mich aufnimmt. Als ein Exot unter ungleich Älteren sitze ich nun hinten und beobachte, wie die vorne noch neue Freunde begrüßen und ihnen die von ihnen für sie vorbelegten Plätze zeigen. Ich kam allein. Mir hat auch niemand reserviert; wer sollte. Ich komme hier immer allein her, suche einen Erwachsenentisch, der mich gnädig aufnimmt. Die kommen auch in Gruppen, wenigstens zu zweit, meistens.
Die ersten 20 min des Abends bin ich regelmäßig in mich nachdenkend versunken.
Es heißt, geh raus, geh zu Veranstaltungen, da lernst du nette neue Leute kennen. Ich sitze über den Infragekommenden. Selbst wenn ich es einmal durch verschätzte zeitliche Überpünktlichkeit oder glückliche Fügung der äußeren Ereignisse schaffte, mir im vorderen Teil einen Platz zu sichern, half mir das nicht. Traute mich nicht zu sprechen, aus mir raus zu gehen. Wie macht man das da? Ich weiß nicht.

Die Schule hat wieder begonnen, ich bin jetzt in der Kursstufe. Kaum noch vertraute Personen um mich, ein ganz neues soziales Umfeld – oder eher gesagt, so viele wie Kurse. Ich tu mir sehr schwer, Kontakte aufzubauen, weiß nicht, wie das gehen soll. Direkt ein bisschen geredet habe ich mit den Jungs mit den iPhones, das war kein Problem. Im Nachhinein dachte ich, wir haben ja *nur* darüber geredet, nichts Persönliches ausgetauscht. Wie Jungengespräche halt gewöhnlich laufen.

Vergangene Sommerferien war ich sage und schreibe einmal unter Gleichaltrigen, zwei alte Chatfreunde, die auf einen Tag zu Besuch kamen. Die restliche Zeit moderte ich daheim unter meinen Eltern herum – was wirklich auch nicht schlecht sein muss – oder lag alleine im Stadtpark, ein Buch lesend. Ehrlich, ich hab überhaupt keinen Bezug zu mir noch unbekannten Gleichaltrigen, ich kann mit ihrem Leben gar nichts anfangen, der Lebensweise von irgendwie so Normalen, Nicht-Geeks (aber das schrieb ich schon mal vor Jahren).

Vermutet, gefürchtet, gebangt, das hatte ich im Gedanken an die Auflösung unserer Klassengemeinschaft um einen Punkt. Nun, ich war zuletzt wirklich der aggressivste Kritiker unserer Klasse, vor allem störten mich die letzten zwei Jahre die zunehmenden starren Strukturen und die verlorene Denkfreiheit, im speziellen für mich durch ein paar Geschehenisse, aber jetzt fehlt sie mir.
Sie war immer etwas, in das man regelmäßig zurückfiel, das einen trug, auf das man als Ganzes noch irgendwie vertrauen konnte. Das ist jetzt weg, jeder ist auf sich allein gestellt.
Da ist eine enorme soziale Kälte in mir, die kristallisiert und schmerzt. So viele Mitschüler um mich, aber alle fremd, über die Hälfte irritierend jung, und keiner, wirklich keiner unter denen, mit dem ich mal ein paar Worte über eine Emotion, ein Gefühl austauschen kann und der oder die mich lächelnd und aufmunternd anschaut, mit einem Blick Mut macht. Das war in den Ferien ok, da war ich nicht unter Menschen, da haben sich viele inneren Vorgänge auch nicht ergeben, aber jetzt ist Schule, ist Stress, und ich bin ja unter Mitmenschen, aber jetzt ist keiner für mich da. Wenn man das nicht ausgleichen kann, wo irgendwo anders, ist es furchtbar. Ich habe sehr, sehr große Angst, jetzt keine Freunde zu finden.1

Ich weiß jetzt, dass die mit den iPhones ganz nett sind, das funktioniert, man hat ein gemeinsames Thema, fachsimpelt sich gegenseitig an und dann… Dann lauf ich aus dem Ruder, dann weiß ich nicht, wie ich weitermachen soll und ob, und weiß auch ehrlich nicht, ob mich das Mehr vom Gegenüber jetzt noch interessiert. Es ist ganz eigenartig…
Zusätzlich dumm ist der Aspekt der Altersunterschiede der G8er zu uns G9ern im Doppeljahrgang (plus mein Wiederholen der 3. Klasse); wenn ich wen bisschen Interessantes gefunden habe, glaube ich meist eher nicht, mit ihm wegen des Alters außerhalb der Schule oder gar außerhalb des Themas etwas machen zu wollen, aber das ist noch mal eine andere Sache.

Grüppchen von Maiden tuscheln dort unten. Die wenigsten sind begleitungslos da, um die kleinen Rundtische drängen sich Freundeskreisverbindungen, oft mit Partner. Gut 2/3 der Unterparkettler dürfte weiblich sein, das andere Drittel setzt sich zusammen aus den angereisten männlichen Poesie-Vortragenden und den Partnern der 2/3. Glaube nicht, dass viele von denen gekommen wären, wenn sie von ihren Freundinnen nicht mitgenommen worden wären. Insgesamt sieht die ansehnliche weibliche Belegschaft dort unten über den Finger geschätzt sehr vergeben aus.
Gefühle des Alters formen aus einem Nebel eine Manifestation die ich nicht fühlen mag; Unabänderlichkeit, zu spät sein. Langsam komm ich damit klar. Langsam akzeptiere ich, dass ich es nicht schaffe, dass ich es nicht kann, weil ich total sozialinkompetent und introvertiert und schüchtern bin. Langsam kann ich sie anschauen ohne in Verliebtheitsfantasien, Möglichkeiten abzudriften, bleibe ganz sachlich. Ob das gut ist, ist sicher fraglich, aber es macht mir weniger Stress und erzeugt weniger Selbstwertstiche. Es ist irgendwo konsequent.

Aber dass ich auch komplett abgeschottet von (wirklich) gleichaltrigen Jungen in der Nicht-Netz-Realität bin, das setzt mir zu, macht mich krank. Ich hätte so gerne Kontakt und weiß nicht wie. Eine Träne rinnt.
Wenn ich sie beobachte, dann ist mir überdeutlich, wie viel reifer sie im Gruppenumgang sind, selbstbewusster Meinungen vertreten, deutlichere Charakter ausgebildet haben, und was weiß ich noch alles… Irgendwie erwachsener eben. Tatsächlich halte ich mich auch dazu fähig, ich kann das auch, oder könnte es, irgendwie… Aber nicht so, nicht wenn ich nie unter solchen Menschen bin! Ich sehe nicht so aus, aber ich bin potenziell mindestens so weit wie sie – bildlich gesprochen fühle ich in meinem Kopf ausgegraute neue Bereiche, die früher noch nicht da waren, in die ich hinein könnte, und es so gerne wollte, wenn ich nur wüsste wie… Nicht benutzte, nicht geschulte Kapazitäten, oder auch nur anschauliche Fähigkeiten, die aus Gefühl das Potenzial der Entfaltung und Verwurzelung dieser Kenntnisse bieten…
Wahrscheinlich kann man sagen, ich bin sozial entwicklungsgehemmt, wobei es das nicht ganz trifft. Jedenfalls bin ich wirklich tief unglücklich darüber, und nicht erst seit vorletzter Woche.

Durch meinen frühen Geburtstag im September war ich bei Einschulung schon der Zweitälteste in der Klasse, damals noch stolz darauf, nachdem ich die dritte Klasse freiwillig wegen eines besonderen Schulwechsels wiederholte dann endgültig, und die Altersdifferenz von im Schnitt anderthalb Jahren war meine bisherige Gymnasialzeit schon Grund von vielem Klagen und Ursache von kleineren Störungen.
Und jetzt nicht noch mal eine Verbreiterung des Grabens! Das ist der Hauptgrund, warum ich über den G9/G8-Doppeljahrgang jammere; weil ich befürchte, noch weniger Gelegenheit zu bekommen, mich in altersentsprechendem (und besserem!) Umfeld zu entwickeln. Ich hab schon mehrfach schlecht deswegen geträumt. Entwicklungsstop, fast schon Rückwurf. Aber ja, daran ist nicht die Schule schuld, sondern ich.

Klar gehe ich nicht aus Gesellschaftsgründen auf den Poetry Slam, sondern um die Poeten zu hören. Aber es ist so ein Wunsch von mir, wenn ich rausgehe, einmal Kontakte knüpfen zu können. Vielleicht ist die Erwartung zu groß, auch weil ich außer dem Dichterwettstreit alle paar Wochen abends nicht das Haus verlasse, und weil ich auch sonst immer noch keine Tagesaktivitäten außer der Schule habe, bei denen ich unter Menschen käme. Speziell unter eine Vielzahl neuer Gesichter, Abwechslung, Dynamik und so weiter. Irgendwas.

Also, Lösungen aus der Misere. Ich roll mir das Thema noch mal auf. Ich habe kein Interesse an Alkohol und Getränken, finde dieses „Was trinken“ ehrlich gesagt auch lächerlich. Bin zu introvertiert zum Tanzen – wollte es mal, aber kriege es nicht über mich. Freimaurer? In unserer Loge sind nur reife Erwachsene, nützt mir nichts. Pfadfinder? Für meinen Geschmack zu aktivitätsfreudig. Was gäb’s noch? Keine Ahnung.
Und ich habe keinen, der mich in irgendwelche speziellen Kreise einführen könnte, WEIL ICH KEINEN KENN. Der Verdienst aus 10 Jahren Geek-Sein! Zehn Jahre vergeistigte Tätigkeiten, lieber als Gesellschaft. Oder andersherum, weil ich von Kindergarten an nie bereichernde Weggefährten fand, völliger Rückzug ins Alleinsein; wofür ich aber zusätzlich eine Veranlagung besitzen müsste, denn dem Durchschnitt passiert das nicht, und das hieße, ich hatte im Psychischen selbst Schuld von Anfang an; und — oww…

  1. Mir ist bewusst, dass es so auch während des Studiums sein wird, doch der nun stattfindende Umstellungsprozess macht sich eben eben für mich äußerst schmerzlich bemerkbar.
    Der Text ist schon ein paar Wochen alt, ich wollte ihn bei meinem damaligen Gefühlsstand zu genau dem Zeitpunkt belassen. Zwischenzeitlich entwickelten sich leichte Besserungen: Mit einigen Maiden in meinen Kursen kann ich Gedanken austauschen, mit den Jungen dagegen fange ich allgemein kaum etwas an, sie bleiben mir verschlossen. []

Das Mädchen, das kleine Ding

Ist euch schon mal das angefügte „-chen“ an dem Wort aufgefallen? „Mädchen“ ist sexistisch, es ist eine Verniedlichung. Das könnte egal sein, hieße es dagegen nicht ungerechterweise „der Junge“. – Aber halt, da gibt es doch das Bübchen.
Aha, auf der Suche nach einer sprachlichen Gleichwertigkeit zu Mädchen kommen wir auf das Bübchen; spätestens jetzt sollte jedem die antiquierte und unzeitgemäße Sprachfestlegung ins Gesicht springen.

Herkunft des Wortes ist das Diminutiv (Verniedlichungsform) von Magd ? die Magd ? das Mägdchen ? das Mädchen.
Diminutive bekommen einen sachlichen Artikel, da sie als Neutrum behandelt werden. Ein Hauptziel feministischer Sprachpolitik ist die Herstellung von sprachlicher Symmetrie. Wir könnten also einfach das -chen streichen und bekämen eine Mäd – nicht sehr tauglich. Fügten wir analog zu Junge noch ein -e daran, hätten wir eine Mäde. Noch immer wäre damit aber keine Symmetrie hergestellt, besitzt doch die weibliche Form einen Umlaut, – also Made? Nein, doch es ließe sich auch ein -a anhängen, was uns eine Mada einbrächte, nur ist diese Form im Deutschen eher unüblich.

Glücklicherweise hält unsere Sprache noch ein ein Synonym zu Magd parat: Die Maid. Hört sich Magd heute nach bäuerlichem oder Hausangestellten-Kontext und unter Vormundschaft an, hat sich die Maid ihre Reinheit bewahrt, konnte vielleicht sogar noch etwas Prestige als Anrede hoher Frauen (meist mittelalterliche Geschichten mit dem Bezug zur Unvergebenheit) gewinnen.

Graben wir dieses relativ unvorbelastete ursprungsdeutsche Wort hervor, ergibt sich: Die Maid, der Junge, die Maiden, die Jungen – vollständige Symmetrie hergestellt!
Und huch: Jetzt heißt es auch nicht mehr: „Oh, DAS kleine, süße, Mädchen [/Entchen/…]“ Das Femininum zieht ein.

Es macht mich wütend, dass ich selbst in wissenschaftlichen Bereichen ausnahmslos Mädchen lesen muss und finde es traurig, dass so viele junge Frauen die sprachlich-patriarchale Verniedlichung mit sich machen lassen. Das Wort hat seine Berechtigung bei Kindern, aber ab dem Alter, in dem man zu ihnen nicht mehr Bübchen sagen könnte, ohne eine gewischt zu kriegen, sollte auch dieses Wort einem angemessenerem weichen.

Meine Bitte ist, euch Gedanken darüber zu machen und euch um das Wort bewusst zu werden. Als ich vor mehreren Monaten darauf kam, beschloss ich, zuerst mich selbst zu ändern. Seitdem gewöhne ich mir an, Maid und Maiden anstatt Mädchen zu sagen und nach einem verwirrten Blick und meiner Begründung kommen meine meist verständnisvollen Zuhörer damit zurecht.

Auch interessant: Mädchen und Bübchen, fembio.org

Nachtrag vom 12. Oktober 2010:
Die letzten Wochen beschäftigte mich hartnäckig die Frage, ob ich nun im Singular Maid oder Maide sagen sollte. Maid ist im Deutschen und Englischen die offizielle Form, das zu seinem Plus. Möchte man aber absolute Symmetrie herstellen, müsste man in der Konsequenz entweder das -e an Junge streichen, oder ein -e an Maid anhängen. Da das eine sprachlich nicht umsetzbar ist, bleibt nur die Änderung zu Maide als Lösung und als Nächstes stellt sich einem dann die Frage ob der akzeptablen Ästhetik und dem Lautbild. Diese möchte ich bejahen und als vorteilhaft bezeichnen: Als Vereinfachung muss beim Plural wie bei Junge nur noch ein -n angehängt werden, das „gehauchte“ Maid bekommt mehr Stimme und kann mit geringerer Anstrengung laut betont werden, und letztlich bietet das -e die Chance, die Neubezeichnung als starkes neues Wort zu etablieren, vielmehr noch als mit den leisen Reminiszenzen an Burgfräuleins. Darum lautet meine neue Empfehlung: Die Maide, die Maiden.

Bestürzende moderne weibliche körperliche Gesellschaftszwänge

Mir fiel die letzten Jahre immer deutlicher an den Mädchen meiner Klassenstufe auf, dass, je älter sie werden, dass da etwas mit ihren Beinen nicht stimmen kann. Sie wirken aus einem inneren Gefühl heraus irgendwie befremdlich unnatürlich. Dahinter stand kein größeres Lösungsinteresse und überhaupt waren die Beobachtungen eher unbewusst.

Nun, durch einen Zufall erlebte ich vor kurzem eine Szene, in der von Freundinnen über andere Mädchen und eines im Speziellen gelästert wurde, das sich die Beinhaare nicht rasiert: »Wuääh! Wie unmöglich!« – Beinhaare rasieren?!
Das war es also, was nicht stimmte. Ich hatte es doch schon gefühlt…
Das hat mich enorm schockiert. Diese Mädchen diskriminierten sich also untereinander bei nichtrasierten Beinen. Ich hab mit offenem Mund gestaunt.

Ich war entsetzt, als mir aufging, wie lange meine Mitschülerinnen das schon tun mussten: Schon Jahre bevor ich anfing, mir regelmäßig meinen Bart zu rasieren.
Ich dachte immer, das wüchse so, beziehungsweise „in dem Alter“ NOCH NICHT. Ich hatte eine obskure Vorstellung davon, dass die Beinhaare erst ab Anfang 30 bei Frauen beginnen zu wachsen, wie gesagt, ich hatte mir darüber noch nie bewusst Gedanken gemacht.

Auf Nachfrage, wie sie das über das Jahr über hielten, erklärte man mir in Eile, dass das „darauf ankommt, ob man ’nen Freund hat“. Aber in wiefern, in welche Richtung? Erwarten das etwa sogar die Jungen in einer (körperlichen?) Liebesbeziehung, und gilt es ganz abstrakt als wichtiger Attraktivitätspunkt? Oder aber braucht man gerodete Beinhaare nur, solange man noch keinen Freund hat, weil dieser dann vollstes Verständnis zeigt?
Damit warf sich in mir die Frage auf, ob eine Beinglattrasur gar schon persönliches Schönheitsideal für die Frauen geworden ist und nicht nur Konvention.

Das ist doch nur ein leichter Flaum, nicht so was wie bei Männern!
— Dabei fällt mir auf, dass ich eigentlich gar keine Vorstellung davon habe, wie junge Frauenbeine unrasiert aussehen. Nur aus Einschätzung und Gefühl heraus glaube ich aber, es sind nicht so viel, es sind weniger und zartere Haare, und farbloser.

Was hier natürlich aufkommen könnte und das ich vorsorglich klären möchte: Ich bin nicht vom anderen Ufer. Ich hab keine Schwester, ich hab keine Freundinnen (hier), ich hab keine Freunde in der Gegend, mit denen ich besonders viel gemein hätte. Über solche, ich sage mal, weltlichen Dinge, kommt kaum einer (meiner Freunde) auf die Idee zu chatten, man spricht doch über diesen Themenkomplex eher, wenn man real zusammensitzt. Meine Gespräche sind in der Regel bestimmt von Abstrakta und Theorie, nicht vom Auspacken von seltsamen Geschichten und Beobachtungen am anderen Geschlecht. Diese Sachverhalte nicht zu kennen und auch größtenteils nicht die gegenwärtige „Kultur- und Schönheitsempfindung“ zu teilen, erklären sich somit durch meine vorwiegende Kommunikationsart und meinen Freundeskreis.

Bald kam ich, logisch erweiternd, auch noch auf ein ganz anderes Gebiet: Die Achseln. Mir schauderte es, als ich begriff, dass wie die Beinhaare wohl auch Frauen Achselhaare wachsen müssen und – der Grund des Schauderns – allerorts absolut unbeanstandbare glatte Achselhöhlen zeigen, was bedeuten muss, dass sie sie penibelst und akribisch in sehr häufigen Abständen rasieren und überprüfen müssen, wovon ich aber noch nie sprechen gehört habe. Man schweigt darüber. DAS ist das Unheimliche!

Seit wann ist das schon so, seit wann ist das Pflicht, Mode, Norm? Ich erinnere mich noch düster: Mitte der 90er konnte man noch viel öfter Achselhaare bei Frauen sehen (erinnere mich nur allgemein, nicht, bei welcher Altersgruppe). Ich war zwar noch sehr jung, aber sagt mir, ist das Einbildung?

Männer können mit Achselhaaren herumlaufen, ein bisschen sollen sie sogar, glaube ich, haben. Auch das scheint Frauen verboten zu sein, aber das ist noch ein bisschen nachvollziehbarer als das mit den Beinhaaren. (Schweiß durch Arbeit ? männlich; keine Schweißabfänger ? „weiblicher“)

Dadurch separiert ihr euch noch mehr von den Männern und steckt euch damit SELBER in ein konservatives Frauenbild hinein! Es ist antifeministisch!

Da man (- ich) nur perfekt rasierte Frauenachseln sieht, und da ich einschätzen kann, wie schnell dort die Haare nachwachsen, muss ich doch annehmen, dass ihr sie täglich genötigt seid zu rasieren. Hammer.

Bei manchen ist das äußerst sexy, an vielen sieht es einfach nicht gut aus, haarlose Beine passen an ihnen nicht zum Körper (was überhaupt nichts mit Burschikosität zu tun hat). Das sind die, an denen es dann auch besonders unnatürlich, befremdlich, falsch wirkt und an denen der gesellschaftliche Zwang am deutlichsten wird, durch den sie es dennoch tun.

Wenn ich die 90er nicht miterlebt hätte, und daheim nicht meine Mutter sehen würde, die aus der Mitläuferzeit heraus ist, läge das Denken nur allzu nahe, Frauen hätten keine Achselhaare! Eine perfekte Illusion da draußen, und ihr alle spielt mit!!
Dass ich dachte, Frauenbeinhaare wüchsen auch erst mit Anfang 30, ist genau das Selbe! Ich seh einfach keine unter diesem Alter mit Beinhaaren!

Täglich die Achselhaare rasieren, das muss für euch zum Tag gehören wie Zähneputzen. Reizt das die Haut nicht irrsinnig? Nicht selten, wenn ich das mach, schneid ich mich dabei. Ich weiß nicht, ob ich’s wirklich wissen will, welche Tricks und Apparaturen ihr dafür bemüht, damit das immer so aalglatt aussieht… Vielleicht habt ihr da ja ganz andere Haut, oder ihr seid auch gar nicht so perfekt und immer gründlich, aber habt dann „draußen“ große Hemmungen, euch natürlich zu bewegen, weil andere die Wündchen oder nichtrasierte (!!!) Stellen sehen könnten, zieht euch dann auch für diese Tage was Geschlosseneres an…

Je länger ich über dieses und ähnliche Themen nachdenke, desto mehr Leid tut ihr mir.

Damit komm ich zur Frage: Macht ihr das auch so verbindlich wie Zähneputzen, oder seht ihr das an Wochenenden, in Ferien und Co. nicht doch etwas legerer? Geht es euch darum, in einer fest definierten Gruppe euren Status zu wahren („Schulklasse“), oder wollt ihr auch „für“ Fremde auf der Straße (in den Ferien z.B.) unbehaarte Achselhöhlen und Beine haben? Wenn ja, wofür? Warum meinen denn so viele von euch, immer sexuell attraktiv sein zu müssen (nach den Konventionen) und nicht nur einfach hübsch? Wo ist der Sinn dabei? Und hey, ihr seid Mädchen, das Hübschsein wird euch von der Natur schon viel leichter gemacht als uns; oder meint ihr nicht? Warum braucht’s da noch mehr?
Damit erreicht ihr höchstens eine Penetration, nicht aber euren Traummanntyp, den ihr erhofft. Was also soll das? Es kommt mir vor, als wär die ganze Konvention von lüsternen Männern erdacht, und euch durch Gehirnwäsche aufgezwungen!

Wie haltet ihr es, wenn ihr mehrere Tage das Haus nicht verlasst (Ferien; dabei schließ ich zwar von mir auf andere, aber mal angenommen)?
Und überhaupt: Wie haltet ihr das im Winter, in der Jahreszeit, in der ihr überhaupt niemandem eure Beine und Achseln zeigen, geschweige denn Rechenschaft darüber ablegen müsst?
Eure Antworten auf diese Fragen, gerne differenziert, beantworten euch, ob ihr nur gezwungenermaßen den aktuellen Schönheitskonventionen folgt, um nicht ausgeschlossen zu werden, oder ob ihr sie als natürlich empfindet. Ob ihr euch schämt, wenn ihr nicht rasiert seid.

Ich spreche bei den Achselhaaren nicht von drei Zentimetern, ich spreche von noch ästhetischen Längen.
Bei beidem nehme ich euch nicht ab, dass „die Männer das einfach so wollen“. Ihr könnt euch sehr wohl gegen solchergestalten Ansprüche wehren und sie ausschlagen. Natürlich war das zu erst Hollywood, die Idee wurde bekannt, der Wunsch geäußert, dann habt ihr euch alle angepasst und seid pariert.
Welcher Trend soll als nächstes folgen? In welche bedingungslose Verzichtabhängigkeit und falsche Tugend – denn nichts anderes ist das – soll euch das noch führen?
Nietzsche: »Nutzen der großen Entsagung: Das Nützlichste an der großen Entsagung ist, dass sie uns jenen Tugendstolz mitteilt, vermöge dessen wir von da an leicht viele kleine Entsagungen von uns erlangen.«
Wir erschaffen eine neo-viktorianische Gesellschaft, aber diesmal gibt es keiner zu!

Ich empfinde es hier als angebracht, die Funktionen der Haare ins Gedächtnis zu rufen: Arm- und Beinhaare zum Kälteschutz, populärste Überreste des Ganzkörperfells. Achsel- und Schamhaare: Schweißabnehmer – das sind beides Extremitätenendzonen, in denen viel Muskelarbeit und Reibung stattfindet.
Öhm, ok. Weiter ausführen, dass letztgenannte Regionen ohne wenigstens leichte Behaarung schnell sehr schweißig werden, brauche ich wohl nicht. Und das der Schweiß runterrillt und dann ernsthaft riecht, großflächig über den Körper verteil. Oder doch…?
Die Haare haben einen Sinn. Auch heute. Welche falsche Scham aus diesem durchdachten Prinzip baut ihr also daraus?

Wollt ihr wissen, wie ich meinen Körper zurückweise? Ihr wollt es nicht, aber ich sag es euch trotzdem: Alle drei Monate lasse ich mir die Kopfhaare schneiden, etwa alle drei Wochen rasier ich mir die Schamhaare, alle zwei Wochen schneid ich mir die Nägel, ebenso etwa alle zwei Wochen die Achselhaare, und auch etwa alle zwei Wochen die Brusthaare, wenn ich die Brust gerade lieber glatt habe; alle zwei bis drei Werktage rasiere ich meinen Bartwuchs, jeden Tag putz ich mir die Zähne. Punkt. Eventuell nicht repräsentativ für einen Jungen, aber so sieht’s aus. Versteht aus diesem Standpunkt meinen Schock über euren einvernehmlich selbstaufgestachelten Körperkult. [Anmerkung Juli 2011: Die Intervalle sind noch sehr viel großzügiger geworden. Abgesehen vom Zähneputzen und den Nägeln, natürlich.]
Ich hab schon oft versucht, einen tieferen Sinn in eurer emsiger Beschäftigung und Auseinandersetzung mit eurem Körper (in allen Bereichen) zu finden, diese große Körperlichkeit und Körperkonzentriertheit, aber ich komme einfach auf keinen. Verzeiht, aber so müsste ich eigentlich denken, ihr seid so nieder materialistisch und objektizistisch und dabei paranoid untereinander. Und doch schwingt dabei etwas mit: Unterdrückung durch den Mann und der Wille nach Freiheit, aber sogleich mit ihm, als sei es eine Miterscheinung, das Schaffen von Strukturen zum eigenen Ausgrenzen und Erschweren in seltsam diametraler Richtung gegen die Annäherung der eigenen Rechte hinauf zu jenen des Mannes.
Das ist kein Emanzipationsproblem mehr, sondern ein ganz neuer Streit darum, was es heißt, eine Frau zu sein, aus euren Reihen. Vielleicht aus reaktionärer Angst, vielleicht während der zunehmenden Emanzipation eine Suche nach wahrer Weiblichkeit, verleitet gestrandet im Materiellen, vielleicht sind auch gewisse Elemente so konstelliert, dass sie eine eigene Wettbewerbsordnung erschaffen, dass sie ein eigenes Funktionssystem aus sich heraus entwerfen möchten – aber schließlich ist es eine Identitätskrise.

Auf mich wirkt euer Beinhaarumgang widernatürlich und befremdlich. Ich finde ihn übertrieben und neurotisch.
Euren Achselhaarumgang finde ich schlicht schockierend. Zwar gebe ich zu, dass haarlose Achseln sexyer sind, ich kenne es aber auch nicht mehr anders. Macht es wieder sexy, seid sexy mit eurem Kopf, macht leichte Achselbehaarung wieder salonfähig, indem ihr sie im Kollektiv langsam wieder einführt und sanft erhöht – dann wird sie auch akzeptiert. Ein Tabubruch muss erfolgen! Behindert euer Positionsfortschreiten nicht selber, tretet ein für eine zwangsfreie, freie Lebensgestaltung! Es ist höchste Zeit!

Nachwort (26. September 2009)
Es wurde von einigen gefragt, was mich das Thema denn anginge, »schließlich ist er kein Mädchen«, das könne mir doch vollkommen egal sein.
Ihr tut mir einfach furchtbar Leid.

Wenn es mich doch nicht direkt selbst betrifft, so möchte ich zumindest, dass meine noch ungeborenen Töchter einmal nicht in einer Welt unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen und Zwängen werden leben müssen.

Das Plädoyer ist sogar sehr eigennützig: Wenn ich als Mann dauerhaft neue Rechte erhalten möchte, die bisher den Frauen vorenthalten waren, muss es ein gerechtes Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern geben, sonst wird meine „Nahme von Rechten“ immer argwöhnisch beäugt werden; und *körperliche* Zwänge sind dabei absolutes No-Go und unzuwirklich dem Ziel, so was darf es nicht geben.

Der Körper ist das Niederste, und Gedanken sind seinen Ideen, seinen Vorstellungen in gewisser Weise bedingt und unterworfen.
Die Enthaarungspraxis und der gesellschaftliche körperliche Zwang dahinter dient nur der Unterdrückung und Unterwerfung; von den Männern mehr oder weniger bewusst lanciert und in eure Köpfe verpflanzt, um euch unfrei, „bewusstlos“, zu halten, ihnen „ungefährlich“.
Ihr müsst doch das erkennen, was hier mir euch gemacht wird! Ihr seid Sklaven der Vorstellungen der Männer, geschickt von ihnen in eure eigenen Ideale geschrieben!

Wenn ihr gar nicht das Bedürfnis habt, dagegen zu rebellieren, – das versteh ich voll! Aber denkt doch mal über dieses System auf einer höheren Ebene nach, ihr werdet erkennen, wie es funktioniert; dass die „natürliche Notwendigkeit“ durch die Medien – und letztendlich dahinter den lüsternen Männerköpfen als Entscheidern, die eben genau so etwas sehen wollen – seit Jahren propagiert wird, bis ihr es tatsächlich als Eigenschaft von „Weiblichkeit“ annahmt; das ist fatal!!

Wenn ich hypothetisch mit einem Mädchen den Körper tauschen würde, ich würde mich aktuell sehr bedrängt, unter Zwängen und Erwartungen und Idealen fühlen, nicht gleichberechtigt und von anderen bestimmt, befohlen und eingeschränkt; das empfände ich als höchst unangenehm.
Das stelle ich mir schrecklich vor, ich empfinde ja schon alleine die geistige Unfreiheit, die natürlich auch ich habe, als große Behinderung in meiner persönlichen Auslebung und Entfaltung, dazu noch mehr körperliche Zwänge, oh Gott! So wollte ich nicht leben! Das ist keine Freiheit!

Macht euch dessen bewusst, was mit euch *getan wird*, macht euch dessen bewusst, *was ihr nicht dürft*, was euch *verhindert wird*, was euch an Freiheit *entgeht*. Die Freiheit gehört euch durch die Natur, sie wird euch genommen; ihr seid nicht Frauen, ihr seid *Menschen* und sie steht euch zu!

Dagegen müsst ihr was tun, echt. Mir ist völlig klar, dass ihr euch nicht trauen werdet, in Trotz auf einmal mit Bein- und Achselbehaarung herumzulaufen, würde ich mich an eurer Stelle auch nicht.
Das Thema muss diskutiert werden, es muss öffentlich gemacht werden und es muss zum öffentlichen Interesse werden – was es natürlich unter jeder von euch schon sein sollte.
Sprecht mit Männern darüber, nicht nur Partnern, sondern allgemein mit Freunden. Macht ihnen klar, wie ihr den Zwängen unterworfen seid, und glaubt mir, die werden nachsichtiger damit werden und sein, als ihr selbst untereinander, die möchten euch helfen.
Sprecht überhaupt mit so vielen Freundinnen und Freunden wie möglich darüber, wenn ihr einen Blog habt, bloggt darüber, stellt eure Situation dar. Das ist der Schritt hin zu ungehemmter Empörung, Mut und schließlich einer Änderung, die gesellschaftlich akzeptiert wird.