The Geekster Rises – Das Ende einer Tech Culture

»To geek out: The act of becoming emotionally and physically aroused by the sight or the thought of a technicality of a certain topic of major interest. It resembles an ‚orgasm of the mind‘.« –urbandictionary.com

Das Thema IT wird in einer breiteren Öffentlichkeit denn je diskutiert, es ist für die Breite der Gesellschaft alltäglich geworden. Es hat sich über die letzten Jahre eine neue Konsum-Coolness für die Massen um neue Branchen-Entwicklungen gebildet. Die Rede ist von Smartphones, einer aberwitzigen Zahl verschieden konfigurierter Smartphones, Tablets, und ein paar sozialen Web-Diensten. Es hat sich eine Art Subkultur von Menschen herausgebildet, die nach Lifestyle gieren, nach Neuheiten schreien, und sich über Marken identifizieren.

Ich beobachte da gerade etwas: Was dort nun lautstark in der Mitte der Gesellschaft diskutiert wird, ist nicht mehr das, was ich unter Computern verstehe, sondern sind massentaugliche Konsumprodukte.
Ich betrachte mich zugehörig zu einer Gruppe von rebellischen Tech-Begeisterten. Wir haben diese Kultur aufgebaut, wo wir seit Jahren als Selbstbeschäftigung um die neuesten Mobile-Trends kreisen und uns gegenseitig versichern, wie bedeutsam diese Entwicklungen sind. Und selbst ich überhöhe künstlich die Bedeutung der Post-PC-Gerätschaften (für mich), wenn ich abschreckend lange Mobile-OS-Analysen schreibe: Denn in meiner Realität nutze ich zu allerhäufigst für das Allermeiste nach wie vor den PC und das wird auch so bleiben.
Denn ich bin kein Hipster, ich bin Geek.

Zu Anfang stand die Verweichlichung des Nerds in die Popkultur durch Matrix, wodurch Computer erstmals mit Coolness assoziiert wurden. Diese Darstellung griffen in Folge weitere Filme auf und statteten die wirr redenden Protagonisten mit beeindruckenden Technik-Gadgets aus. Der Blick schwenkte auf die unverstandenen, aber drolligen Wissensanhäufer im Experimentierkämmerlein und gab auch diesen erfolglosen Charakteren eine Bühne. Ein Abziehbildchen des Geeks ist zum Popkulturphänomen geworden. Er wurde gefeiert, er wurde stilisiert, er wurde irgendwie cool. Er wurde kopiert, aber er wurde dabei nicht verstanden.

Der Tech-Hipster ist der Gegenentwurf zum Geek, bei flüchtiger Betrachtung scheinen sie aber dem selben Schlag anzugehören. Noch frappierender ist, das dies ebenso für die eigene Selbstreflektion gilt – leicht verwechseln wir unsere Intentionen. Nachrichtenportale richten sich auf eine vergrößerte Zielgruppe aus, immer stärker werden die gegenseitigen Überschneidungen dessen, womit sich beschäftigt wird, beziehungsweise womit nicht mehr. Aufschlussreich geben sich beispielsweise die Kommentare auf The Verge: Was zu techy ist, ist gleich uncool, was eine flutschige UI hat, am besten noch proprietär, Mac-only, das gilt als cool.
Ich bin nicht der Type, der immer die neuesten Spielsachen hat und sich mit allen Hypes auskennt – ich bin jemand, der Freude am Erforschen hat. Ich bin ein Tüftler. Und ich verliere gerade eine Selbstidentifikation. Es scheint, Technik ist zu einfach geworden. Ich schaue irritiert auf die Nutzerschaft: Das ist nicht mehr das faszinierende, weite, geheimnisvolle Land voller Rätsel und Abenteuer, das mich einst anzog.

Origins: Tech-Hipster
Es gab da diese Phase, in der „Gadget“ zu einer einschließenden Einheit von „Geek“ wurde. Das iPhone war im Prinzip der Wendepunkt: Ab 2007 wurde es in der Geek-Kultur aufregend und cool, einen Taschencomputer bei sich zu tragen, der nicht mehr wie frühere PDAs den PC-Paradigmen folgte und nun eine angenehmere Bedienung ermöglichte. Ausschlaggebend für die Akzeptanz innerhalb der Gemeinde dürfte zudem das rebellische Image gewesen sein, das Apple zu dieser Zeit noch anhaftete. Es vertrug sich gut mit der Selbstidentifikation der Geeks. Apple wurde von uns abgefeiert und viel Konfetti stob auch außerhalb unserer Kreise. Mancher verschrieb sich der neuen Philosophie und wurde von Apples Hardware-Ökosystem in den Bann gezogen. Andere wurden zu regelrechten Jüngern, zu Evangelisten, und mancheiner Rollenmodell für die aus dem Geek-Lager abtrünnigen, und sich zugleich aus der Mitte der Gesellschaft nährenden Hipster.
Gadgets liegen heute in jedermanns Hand, sie wirken cool. Das sind sie auch, aber Gadgets sind in erster Linie Appliances, keine ‚Computer‘. Wenn wir sie nutzen, arbeiten wir nicht mit Software, sondern mit Objekten, wir denken so natürlich, wie wenn wir einen Wasserhahn bedienen (im Speziellen bei iOS).

Ich seh da nicht mehr mich. Ich liebe Technik. Ich schätze Appliances, die einfach tun, für bestimmte Zwecke. Aber ich bin nicht post-PC, ich bin sogar noch sehr PC. Ich habe Ideale von völliger Freiheit, die mit Computern nur an einem PC umsetzbar sind. Wir sollten uns fragen: Sind moderne Gadgets heute wirklich ‚geekig‘, oder nur ‚convenient‘? Sind wir dem Komfort verfallen? Was haben wir dafür geopfert? Können wir das mit unseren Werten vereinen?

Hipsters gonna hip
Was können wir tun, um unsere unterwanderte Tech-Geek-Kultur zu retten? Die Frage ist vielleicht auch, ob es diese Kultur überhaupt wert ist, gerettet zu werden. Vielleicht lohnt es sich nicht, sich mit Tech-Hipstern in einen Image-Kampf zu begeben, vielleicht liegt unsere Zukunft darin, zu akzeptieren, dass Technik existiert und das Beste aus ihr herauszuholen, ohne sie zu idealisieren oder zu hypen. Vielleicht sind wir von der Zeit eingeholt worden und vielleicht wäre es sinnvoll, sich neu zu orientieren.

Sinnkrise – Der Traum ist wahr geworden
Aus meiner Perspektive hat die IT-Branche die größten Ihrer Träume bereits in der richtigen Weise umgesetzt und kluge Fundament-Konzepte ersonnen und beschäftigt sich nun mit deren Optimierung. Da sind die Webentwickler, die unerbittlich daran arbeiten, dass sich das Web mehr wie eine Betriebssystem-native Software anfühlt. Oder das Beispiel Kernel-Entwickler: Wir haben schon ‚alles‘, und was nun noch passiert, sind nur Verfeinerungen und Raffinessen – aber es scheint, diese Art von Technik ist ‚fertig‘ erforscht bis an ihre Grenzen. Wir brauchen neue Perspektiven, ich brauche neue Perspektiven – denn ich bin noch jung und habe schon jetzt das Gefühl, diese Technik hält uns keine Neuheiten mehr parat – und persönlich möchte ich nicht einer sich so selbst verfestigenden Kultur angehören, die scheinbar ihr Strebeziel schon erreicht hat. Das, wo sich jetzt noch Innovation und Weiterentwicklung zeigt, ist auf einer so hochtechnologisch-abstrakten Ebene, dass ich es nicht mehr überblicken kann; dass ich als neugieriger Dilettant keinen Zugang mehr dazu habe. Alles wird noch schneller, noch effizienter, noch mobiler, noch komfortabler, noch vernetzter. Sicher, an der UI und UX wird sich noch viel tun, neue Geräteklassen werden enthoben. Aber es ist nichts, was wir uns nicht schon ausgedacht oder erträumt hätten. Wir *haben* Computer, wir sind da.

Das sage ich als ein junger Mensch, der die letzten zehn Jahre unermesslich viel Lebenszeit in das hauptsächlich aus Neugierde getriebene Erkunden der Digitalwelt gesteckt hat. Ich frage mich ganz persönlich, wie sinnvoll meine dauergetriebene Beschäftigung mit der IT noch ist. Ich bin Experte, keine Frage, aber was nützt das meinem Leben? Ich beabsichtige aus mehreren Gründen nicht, mit IT mal mein Geld zu verdienen (wenn es dann noch Geld gibt) und studiere auch konsequent Sozial- und Geisteswissenschaften. Gerne würde ich diese Fokus-Fixierung bei mir lösen, aber es scheint für mich nicht möglich zu sein, weil 2/3 meiner Weltentdeckung am Computer über das WWW und Filme geschehen. Wenn ich mir ein neues Thema abseits von IT aufmache, steht es gleich in Abhängigkeit zu meiner IT, was mich in einer Teufelsspirale wieder dazu veranlasst, diese zu optimieren. Ich bin an die Technik gefesselt.
Ich bin jung, ich suche mich selbst, und diese Selbsterfahrungen funktionieren schlechter über Technik. Tatsächlich wünsche ich mir für ganz persönliches Wachstum eine Welt ohne Computer. Ich wäre gerne unabhängig, nur von meinem Verstand gestützt. Einfach ich selber, nicht ‚ich und mein Computer‘. Dass das heute unpraktikabel ist, ist klar, als Gedanke ist es aber anziehend. Damit so ein Leben wieder möglich würde, bräuchte es den gesellschafts-politischen strukturellen Zusammenbruch, der mit dem, wahrscheinlich früher, als wir denken, eintretendem weltweiten Zusammenbruch der Idee von ‚Geld‘ einhergehen könnte und gute Nachwirkungen haben könnte, ohne uns dabei tatsächlich Technik zu nehmen, sondern nur deren Sinn im Leben neu zu verhandeln.

Individualität
Wir sind in einer Krise, wir haben in unseren Milieu das Bewusstsein darüber verloren, was wir eigentlich alles menschlich können. Wir suggerieren uns in unserer aufgebauten Kultur, in erster Linie Computer-Menschen zu sein. Es geht dadurch viel kreative Kapazität verloren. Wir machen einen Fehler, uns so festzulegen. Unser Selbstverständnis baut direkt darauf, IT den anderen Interessen überzuordnen.
Die Lösung sollte sein, wieder so etwas wie Nerds zu werden, ‚back to the roots‘; wieder auf eigenen Beinen zu stehen, sich zurückzubesinnen. – Etwas können, selbst etwas sein, auch ohne technische Geräte.

»Hipster sein wird Mainstream, aber Hipster sein bedeutet, nicht Mainstream zu sein, deshalb bedeutet Hipster zu sein, kein Hipster zu sein. Das ist das Hipster-Paradoxon.«Binärgewitter-Podcast, Folge 37

Peter Lustig auf unsere Fahne
Die Begeisterungsfähigkeit des Geeks liegt schon mit in seiner Definition. Wir sind nicht nur fasziniert, wir sind versessen in Themenfelder. Wäre es nicht von großem Nutzen für die Gesellschaft, wenn wir unser Interessensgebiet weiten würden? Eine ‚humanistische Allgemeinbildung‘ in der Tech-Szene ist jetzt schon Credo unter Geeks und macht uns Spaß. Wie lässt sich das Fenster eventuell mehr in die Weite öffnen? Entscheidendes Merkmal der Geek-Kultur ist die Mentalität des begeisterten Weitergebens: „Das kannst Du ausprobieren, da kannst Du Dich einarbeiten und damit experimentieren, das sieht cool aus.“ Die vorherrschende Mentalität in unserer Gesellschaft dagegen sind starre Konventionen und Regelwerke. Es scheint, die zwei seien unverbindbare Welten. Gibt es die Perspektive, die ganze Gesellschaft für uns interessanter zu machen? Die Piratenpartei lässt sich als laufendes Experiment dessen sehen. Wo können wir uns noch mit unserer Mentalität des vorbehaltlosen Teilens und transparentem Austauschs einbringen? Über manches müssten wir uns hinwegsetzen und gesellschafts-konventionelle Hemmungen abbauen. Aber wir sollten uns zu nichts zwingen, was uns keine Freude bereitet. Ein lebensbejahendes neues Massenbewusstsein darüber in der Geek-Gemeinschaft, dass es außerhalb der IT noch so viel Spannendes gibt, könnte Begeisterungswellen für neues Terrain erzeugen und – entscheidend – unsere Begeisterung dort sähen, wo bislang Bürokratie und Industrie herrscht.

Auf der Suche nach einer neuen Selbstidentifikation
Lasst uns zu Universalgenies werden, vielleicht mit weniger Genie als universal, aber lasst uns das doch zu unserem Ideal erklären. Eine institutionslose Kultur des Austauschs von Lebensproduktivitätsfaktoren gründen.

Lasst uns mehr sein als Geeks.

Absicht dieses Beitrages ist, zum Nachdenken über die eigene Lebensausrichtung anzuregen. – Wir sollten uns wieder als die Kreativen begreifen, als die Tüftler und Wissbegierigen, als die Vordenker und idealistischen Forscher. Unser Schlag Leute hat das noch in sich, wir haben es nur seit Jahrzehnten vergessen. Wir sind geblendet von der Geek-Kultur und haben den Gedanken an uns Individuen verloren. Wir sind die Extremen, aber lasst euch auf nichts festschreiben, lasst euch nicht einreden, wo euer Interessensgebiet zu liegen hat!

The Tüftler Rises!

Ein Gedanke zu „The Geekster Rises – Das Ende einer Tech Culture

  1. Nutzt Mozilla Firefox Mozilla Firefox 20.0 auf Mac OS X Mac OS X 10

    Mobile Konsum-Geräte sind keine vollwertigen und freien Computer – so weit, so bekannt.
    Doch wird die Entwicklung von PC-Software wirklich zugunsten von Mobilgeräten langsamer? Du schreibst gegen Ende selbst, dass viele Themen schon ausgereizt sind. Der Fortschritt ist dort, wo er gebraucht wird. Auf dem PC gibt es immer schon Lösungen, doch die neuen Ideen müssen von Außen kommen und dann übertragen werden. Ich sehe mobile Geräte als einen Teil der Horizonterweiterung, die du so vermisst.

    Gerade die UI ist vorne dabei: Während auf dem PC umständliche Menüs nur lästig sind, sind sie auf dem Handy schlicht nicht akzeptabel. Natürlich ist einfache Bedienung auch cool – lieber mit Handauflegen heilen oder Medizin studieren? Der entscheidene Unterschied zum Hipster ist doch, dass dem Technikversierten zusätzlich die verborgenen Mächte zur Verfügung stehen (passend zur Analogie möchte ich den Roman „Freedom“ von Daniel Suarez empfehlen). Einfache Anwendungen sind cool – derjenige, der sie nicht braucht aber auch!

    Das Gefühl, all dies sei nicht mehr nötig, habe ich aber nicht. Vielleicht sollte ich doch noch mal zu Linux wechseln, denn an meinem Mac-Setup hätte ich definitiv noch genug zu scripten. 😉

    Im nächsten Abschnitt fragst du, ob es okay ist, dass die Post-PC-Geräte mit ihrem Komfort die Unfreiheit überschatten. Für mich persönlich sieht die Antwort so aus: Wann immer ich mir einkaufe (Handy, ebook-Reader) entscheide ich mich für den Komfort, weil ich eh nicht auf diesen Geräten entwickeln will, weil ich eh nicht an Grenzen stoße, wenn ich bereit bin, kleine Geldbeträge auszugeben. Sicher habe ich danach ein schlechtes Gewissen, weil ich die falsche Seite unterstütze. Insgesamt habe ich diese Entscheidungen aber noch nicht bereut. Mir reicht es, wenn ich am Heimrechner alle Freiheit habe.

    Ich weiß auch, wofür ich die Freiheit einsetzen kann, es gibt gerade für uns noch offene Probleme; auch Probleme, die technisch nicht auf Spezialisten-Niveau liegen. Deine eigene Aussage legt es doch nahe: Unsere Power-Tools sind uralt und passen nicht zu den modernen Interfaces. Die Brücke ist noch kaum vorhanden. Mein Terminal gibt Text wesentlich langsamer aus als alles andere, was mir so begegnet, Zeichenencoding ist dort teilweise total zerschossen und das Projekt, ein HTML-Terminal zu bauen, sieht von außen gescheitert aus. Um Files mit einem Doppelklick in einem Vim zu starten, was in meinem Terminal läuft, habe ich ewig gebraucht – mit tmux oder drag&drop aufs terminal geht es immer noch nicht. Das sind nur Beispiele, du benutzt bestimmt ganz andere nicht massenkompatible Programme. Hier ist noch viel zu tun, denn ich möchte weder Power-Tools noch UI missen.

    Zum Schluss sprichst du über zu sehr fokussierte Identität, über den Wunsch, mehr ohne Computer zu sein und Universalgenie zu werden. Mir geht es dabei etwas anders: Wenn mich ein Thema interessiert, arbeite ich mich ein und es wird entweder Teil meiner Identität oder – wahrscheinlicher – es entsteht ein Grundwissen in dem Bereich. Allgemeinbildung ist nicht das Ziel, sondern gewissermaßen das Abfallprodukt aus verlorenem Interesse. Der Lehrmeister ist dabei das Internet, der Computer ist die Basis für den Kontakt zu Neuem und damit für Allgemeinbildung. Natürlich sollte man nicht alles der Technik unterordnen, aber sie ist zu Recht Teil unserer Identität!

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