Kontemplation

Es gibt Begegnungen, die uns verändern, uns einen Einschein geben in etwas Großes, etwas vorher Ungedachtes. Meist sind sie nicht von großer Dauer, und meist führt die Dauer unserer Erkenntnisbildung weit über die der Situation hinaus.
Eigenart dieser Begegnungen ist ihr seltenes Auftreten und anschließend die bedachtvolle Wehmut, die dankbar auf die Erfahrung blickt.

Es war Frühling, kurz vor Ostern, wohl 3. Klasse, Jahr 2001, ich war wohl 9. Schulschluss, Mittagszeit. Meine halbprivate Grundschule lag ein Stück weg, und so genoss ich den Fahrdienst meiner Mutter.

Nach Unterrichtsschluss packte ich in aller Gemüts Ruhe meinen Ranzen, denn ich hatte Zeit, machte mich auf den Weg, schlenderte durch das Gebäude, passierte die großen Glastüren, und zielte gen links den Elternparkplatz an, der hinter der Schule leicht versetzt auf einer Anhöhe begann. Der Weg hoch zum Parkplatz führte durch eine kleine Laternen- und Baumallee, machte einen Schlenker nach rechts, verlief entlang der Fahrradständer, die ich nie beachtete, und mündete auf dem Platz ein, abgeschlossen auf der linken Seite durch eine letzte Laterne und einen gepflasterten Gehweg.
Dort setzte ich meinen Ranzen ab, mich oft darauf, und wartete. Ich wartete dort oft lange. Ich war einer von denen, die eigentlich immer am längsten warteten. Seltsamerweise kann ich mich nicht erinnern, wo die anderen Schüler ihren Eltern harrten, aber die Wenigsten an meinem Platz.

Ich tat mich recht schwer in meiner Klasse, ich hatte den Dreh beim Umgang mit den Einheiten Freund und Mitschüler-aber-nicht-Freund noch nicht raus, hatte da eine sehr absolute Einstellung. Außerdem hatten wir im Herbst einen neuen Klassenlehrer bekommen, der meine engagierten Eltern und mich unbequem fand. Nach der Schule war ich oft deprimiert. Später sollte ich die Schule wechseln und aus diesem Grund die Klasse wiederholen.

Es war also schon einige Zeit nach Schulschluss vergangen, der Vorhof praktisch geleert. Und dann kam sie. Ich nehme heute an, sie war Parallelklässlerin. Sie kam hoch und stellte ihren Ranzen einen Meter rechts von meinem weiter oben auf den Weg, wo ich gut 3 m vor der Laterne gelangweilt dastand. Geschickt tänzelte sie locker etwas, machte ihren Rücken gerade, schaute kurz über den Parkplatz und sah sich bestätigt, dass für sie noch niemand da war.

Es wehte ein lauer Wind. Die Sonne schien hell, die Szene lag lichtvoll. Es war angenehm, aber nicht warm. Ich betrachtete sie. Ich kannte sie vom Sehen auf dem Schulhof. Sie hatte ein liebes, aufgewecktes Gesicht mit einem weiten Lächeln, das aus dem Schlüsselbein zu kommen schien. Ihre dunklen, schulterlangen Haare mit leichten Locken trug sie nach hinten fallend, sanft im Wind wiegend. Ihre Erscheinung war seltsam majestätisch erhaben, weise. Ganz und gar ein Naturkind.
Aufgeschlossen und kontaktfreudig begann sie ein Gespräch, ich war überrascht.

Sie lächelte ehrlich und entschlossen, unumhaubar. Wie ich damals perverserweise gerade drauf war, sah ich das als Provokation und wollte sie mit meinem gerade etwas verdrießlichen Gemüte konfrontieren und sagte irgendetwas Launisch-Negatives, zusammen mit einer depressiven Rückenhaltung. Ich wurde augenblicklich noch in dem Versuch von einer Gegenwelle positiver Energie umgeworfen, alleine durch ihre Präsenz, ihre Mimik, ihre Augensprache, die flux sagen wollten: »Meinst Du wirklich? Kann doch nich‘ sein!« – So was hatte ich noch nicht erlebt! Wie eine magnetische Abstoßung. Ich machte einen Schritt zurück.
Sie sah mich mit wachen Augen an und strahlte unerschöpfliche Fröhlichkeit, Ausgeglichenheit und Alliebe aus.
Ehrfürchtig hielt ich mich darauf zurück; distanziert, schwieg. Sie war ein Sonnenschein, wie es heißt, dass ich einer gewesen sei, vor meinem Augenunfall; aber ihrer war viel stärker. Sie war eine Sonne.

Mit geschickten kompakten Handbewegungen erzählte sie mir eine Anekdote aus ihrem Tag. Meine Gedanken in dem Moment waren:
»Welch ein Engel.
Das habe ich nicht verdient, hier oben mit ihr zu sein, und das ganz alleine.
Ich Griesgram, ich. Mit Sorgen und negativen Gedanken.«
Und diese Gedanken sind original! Ich habe sie mir erhalten!! (Wenn auch nicht in Worten, aber exakt das waren meine emotionalen Eindrücke.)

Wenn ich heute an dieses Ereignis denke, kommen mir noch die Glückstränen.
Ich frage mich immer wieder, was war das nur, was ist damals geschehen, was hat sich damals ereignet?
Es wäre leicht, einfach den Schluss zu ziehen, dass hier die Chemie außerordentlich stimmte und ich mich einfach blitzartig verliebt hatte, aber ich sage euch, das war es nicht. Da war was anderes, irgendetwas ganz Besonderes hat mich dort berührt. Außerdem: Solch enorme Verliebtheitsmerkmale – spontan – mit 9? Unwahrscheinlich.
Seitdem habe ich etwas Vergleichbares mit dieser Intensität nicht mehr erlebt. Zugegeben, das was dem am nächsten kam, waren seitdem Gefühle von Verliebtheit, aber damals war ich noch ganz unbefangen solcherdinge (vergleiche ich es relativ mit meinem Ich von ab 15 Jahren) und auch hormonell noch gar nicht darauf eingestellt.
Und doch, so denk ich insgeheim, muss so die große Liebe sein. Aus dieser Vorstellung heraus war ich auch sprachlos, als sich dann auf dem Gymnasium in der Klasse die ersten „Versuchspärchen“ bildeten; die Idee dem Kopf entsprungen; ich konnte das nicht verstehen.
(Ich habe übrigens später selber noch den Fehler gemacht, mit dem Verstand synthetisch fühlen zu *wollen*, als ich in einer besonderen Minderwertigkeitskomplexphase war, in der ich dann selbst glaubte, dies sei die richtige Art der Seeleneindrücke, weil sie ja anscheinend alle um mich praktizierten. Die Folge dieser Verwirrung der Seelenglieder war verheerend. Tatsächlich war es bei den anderen zu der jungen Zeit offenbar ein Erleben noch innerhalb der Empfindungsseele, das ich so nie teilte, und als Beobachter eingebettet in die logische Verstandesseele mit allerlei Widerspruch wahrnahm und falsch nachahmte. Altersdifferenz, Mangel an empirischer Realitätserfahrung, und grundverschiedene unmaterialistische Weltanschauung waren die Begünstiger. Aber das nur am Rande.)

Speziell psychologisch interessant ist es für mich heute, wie mein Selbstwert, besonders in Bezug auf Frauen, damals schon lag, siehe meine Originalgedanken. Ich bezweifle ehrlich gesagt, dass sich die wahren Auslöser dafür in diesem Leben ereigneten, und ich habe viel überlegt. Ich glaube, das ist ein Päckchen, das mir noch aus früheren Inkarnationen aufliegt. Damit stehe ich immer wieder im Konflikt.

Diese Maide hat meine Weltanschauung absolut nachhaltig geprägt, und rückblickend werte ich sie für mich schon fast als eine göttliche Offenbarung und Erscheinung.
Es war ein Schlüsselereignis, ich habe früh eine Kostprobe von etwas sehr Hohem erhalten. Eine Wahrheit wurde mir klar, oder sie verhalf mir vielleicht auch nur dabei, mich wieder daran zu erinnern. Von der Begegnung konnte ich auch in liebes-romantischer Sicht noch sehr lange zehren, ohne überhaupt den Wunsch nach etwas Greifbarem, Nichtgeistigem zu verspüren.

Wir sprachen noch ein wenig miteinander, ich balancierte vielleicht über einige Deko-Steinbrocken an der Seite, dann wurden wir abgeholt. Ich weiß nicht mehr, wessen Mutter zu erst ankam, und wie ich mich verabschiedete, glaube aber, es war ihre. Vielleicht sogar ihr Vater. Ich habe sie nie mehr gesehen. Hielt Ausschau nach ihr, sah sie aber nicht mehr. Glaubte einmal, ihr Gesicht in einer Menge zu sehen. Warum wurde sie an diesem Tag abgeholt und sonst nie mehr?

Es vergeht so viel Zeit. Du hast so viele Erlebnisse, aber nur so wenige Offenbarungen, die sich teilschließen zu etwas Großem, einer Wahrheit. Und Du fragst dich, ob diese Erkenntnisse nicht alle in einem Licht kombiniert sein könnten. Und ob Du diese Faser in dir spüren kannst. Ob Du sie festhalten kannst. Ob Du sie mit deinem Sein verflechten kannst.
Für dich, um all die Fehler nicht machen zu müssen, die Du machst. Für dich, um ein Leben mit dem Vermögen der Erfüllung zu führen. Für dich, als Teil der Wahrheit.

 

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Notizen für den Text Dezember 2009, weitere Details April 2010, ausgearbeitet und vollendet nun.
Als ich den Ort besuchte, um die Fotos zu machen, ward mir noch ganz schauer.

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