Dichterwettstreit

Ich bin auf der Suche nach einem freien Platz. „Ist hier noch frei?“ „Nein, die Plätze sind alle besetzt.“ Mein Blick schweift über den Raum, im vorderen Teil, die Stufe hinab, ist alles belegt. Im hinteren Teil sind noch Stühle an Tischen frei, mehr oder weniger gute Sichtwinkel. Hinten sitzen die Erwachsenen, vorne die jungen Leute. Ich sage mir, vorne müsstest du doch sowieso so unbequem den Kopf zur Bühne heben, hinten hast du entspannte Sicht. OK, ich kam knapp zu dem Poetry Slam, wie eigentlich immer. Endlich finde ich einen Dreidamentisch, der mich aufnimmt. Als ein Exot unter ungleich Älteren sitze ich nun hinten und beobachte, wie die vorne noch neue Freunde begrüßen und ihnen die von ihnen für sie vorbelegten Plätze zeigen. Ich kam allein. Mir hat auch niemand reserviert; wer sollte. Ich komme hier immer allein her, suche einen Erwachsenentisch, der mich gnädig aufnimmt. Die kommen auch in Gruppen, wenigstens zu zweit, meistens.
Die ersten 20 min des Abends bin ich regelmäßig in mich nachdenkend versunken.
Es heißt, geh raus, geh zu Veranstaltungen, da lernst du nette neue Leute kennen. Ich sitze über den Infragekommenden. Selbst wenn ich es einmal durch verschätzte zeitliche Überpünktlichkeit oder glückliche Fügung der äußeren Ereignisse schaffte, mir im vorderen Teil einen Platz zu sichern, half mir das nicht. Traute mich nicht zu sprechen, aus mir raus zu gehen. Wie macht man das da? Ich weiß nicht.

Die Schule hat wieder begonnen, ich bin jetzt in der Kursstufe. Kaum noch vertraute Personen um mich, ein ganz neues soziales Umfeld – oder eher gesagt, so viele wie Kurse. Ich tu mir sehr schwer, Kontakte aufzubauen, weiß nicht, wie das gehen soll. Direkt ein bisschen geredet habe ich mit den Jungs mit den iPhones, das war kein Problem. Im Nachhinein dachte ich, wir haben ja *nur* darüber geredet, nichts Persönliches ausgetauscht. Wie Jungengespräche halt gewöhnlich laufen.

Vergangene Sommerferien war ich sage und schreibe einmal unter Gleichaltrigen, zwei alte Chatfreunde, die auf einen Tag zu Besuch kamen. Die restliche Zeit moderte ich daheim unter meinen Eltern herum – was wirklich auch nicht schlecht sein muss – oder lag alleine im Stadtpark, ein Buch lesend. Ehrlich, ich hab überhaupt keinen Bezug zu mir noch unbekannten Gleichaltrigen, ich kann mit ihrem Leben gar nichts anfangen, der Lebensweise von irgendwie so Normalen, Nicht-Geeks (aber das schrieb ich schon mal vor Jahren).

Vermutet, gefürchtet, gebangt, das hatte ich im Gedanken an die Auflösung unserer Klassengemeinschaft um einen Punkt. Nun, ich war zuletzt wirklich der aggressivste Kritiker unserer Klasse, vor allem störten mich die letzten zwei Jahre die zunehmenden starren Strukturen und die verlorene Denkfreiheit, im speziellen für mich durch ein paar Geschehenisse, aber jetzt fehlt sie mir.
Sie war immer etwas, in das man regelmäßig zurückfiel, das einen trug, auf das man als Ganzes noch irgendwie vertrauen konnte. Das ist jetzt weg, jeder ist auf sich allein gestellt.
Da ist eine enorme soziale Kälte in mir, die kristallisiert und schmerzt. So viele Mitschüler um mich, aber alle fremd, über die Hälfte irritierend jung, und keiner, wirklich keiner unter denen, mit dem ich mal ein paar Worte über eine Emotion, ein Gefühl austauschen kann und der oder die mich lächelnd und aufmunternd anschaut, mit einem Blick Mut macht. Das war in den Ferien ok, da war ich nicht unter Menschen, da haben sich viele inneren Vorgänge auch nicht ergeben, aber jetzt ist Schule, ist Stress, und ich bin ja unter Mitmenschen, aber jetzt ist keiner für mich da. Wenn man das nicht ausgleichen kann, wo irgendwo anders, ist es furchtbar. Ich habe sehr, sehr große Angst, jetzt keine Freunde zu finden.1

Ich weiß jetzt, dass die mit den iPhones ganz nett sind, das funktioniert, man hat ein gemeinsames Thema, fachsimpelt sich gegenseitig an und dann… Dann lauf ich aus dem Ruder, dann weiß ich nicht, wie ich weitermachen soll und ob, und weiß auch ehrlich nicht, ob mich das Mehr vom Gegenüber jetzt noch interessiert. Es ist ganz eigenartig…
Zusätzlich dumm ist der Aspekt der Altersunterschiede der G8er zu uns G9ern im Doppeljahrgang (plus mein Wiederholen der 3. Klasse); wenn ich wen bisschen Interessantes gefunden habe, glaube ich meist eher nicht, mit ihm wegen des Alters außerhalb der Schule oder gar außerhalb des Themas etwas machen zu wollen, aber das ist noch mal eine andere Sache.

Grüppchen von Maiden tuscheln dort unten. Die wenigsten sind begleitungslos da, um die kleinen Rundtische drängen sich Freundeskreisverbindungen, oft mit Partner. Gut 2/3 der Unterparkettler dürfte weiblich sein, das andere Drittel setzt sich zusammen aus den angereisten männlichen Poesie-Vortragenden und den Partnern der 2/3. Glaube nicht, dass viele von denen gekommen wären, wenn sie von ihren Freundinnen nicht mitgenommen worden wären. Insgesamt sieht die ansehnliche weibliche Belegschaft dort unten über den Finger geschätzt sehr vergeben aus.
Gefühle des Alters formen aus einem Nebel eine Manifestation die ich nicht fühlen mag; Unabänderlichkeit, zu spät sein. Langsam komm ich damit klar. Langsam akzeptiere ich, dass ich es nicht schaffe, dass ich es nicht kann, weil ich total sozialinkompetent und introvertiert und schüchtern bin. Langsam kann ich sie anschauen ohne in Verliebtheitsfantasien, Möglichkeiten abzudriften, bleibe ganz sachlich. Ob das gut ist, ist sicher fraglich, aber es macht mir weniger Stress und erzeugt weniger Selbstwertstiche. Es ist irgendwo konsequent.

Aber dass ich auch komplett abgeschottet von (wirklich) gleichaltrigen Jungen in der Nicht-Netz-Realität bin, das setzt mir zu, macht mich krank. Ich hätte so gerne Kontakt und weiß nicht wie. Eine Träne rinnt.
Wenn ich sie beobachte, dann ist mir überdeutlich, wie viel reifer sie im Gruppenumgang sind, selbstbewusster Meinungen vertreten, deutlichere Charakter ausgebildet haben, und was weiß ich noch alles… Irgendwie erwachsener eben. Tatsächlich halte ich mich auch dazu fähig, ich kann das auch, oder könnte es, irgendwie… Aber nicht so, nicht wenn ich nie unter solchen Menschen bin! Ich sehe nicht so aus, aber ich bin potenziell mindestens so weit wie sie – bildlich gesprochen fühle ich in meinem Kopf ausgegraute neue Bereiche, die früher noch nicht da waren, in die ich hinein könnte, und es so gerne wollte, wenn ich nur wüsste wie… Nicht benutzte, nicht geschulte Kapazitäten, oder auch nur anschauliche Fähigkeiten, die aus Gefühl das Potenzial der Entfaltung und Verwurzelung dieser Kenntnisse bieten…
Wahrscheinlich kann man sagen, ich bin sozial entwicklungsgehemmt, wobei es das nicht ganz trifft. Jedenfalls bin ich wirklich tief unglücklich darüber, und nicht erst seit vorletzter Woche.

Durch meinen frühen Geburtstag im September war ich bei Einschulung schon der Zweitälteste in der Klasse, damals noch stolz darauf, nachdem ich die dritte Klasse freiwillig wegen eines besonderen Schulwechsels wiederholte dann endgültig, und die Altersdifferenz von im Schnitt anderthalb Jahren war meine bisherige Gymnasialzeit schon Grund von vielem Klagen und Ursache von kleineren Störungen.
Und jetzt nicht noch mal eine Verbreiterung des Grabens! Das ist der Hauptgrund, warum ich über den G9/G8-Doppeljahrgang jammere; weil ich befürchte, noch weniger Gelegenheit zu bekommen, mich in altersentsprechendem (und besserem!) Umfeld zu entwickeln. Ich hab schon mehrfach schlecht deswegen geträumt. Entwicklungsstop, fast schon Rückwurf. Aber ja, daran ist nicht die Schule schuld, sondern ich.

Klar gehe ich nicht aus Gesellschaftsgründen auf den Poetry Slam, sondern um die Poeten zu hören. Aber es ist so ein Wunsch von mir, wenn ich rausgehe, einmal Kontakte knüpfen zu können. Vielleicht ist die Erwartung zu groß, auch weil ich außer dem Dichterwettstreit alle paar Wochen abends nicht das Haus verlasse, und weil ich auch sonst immer noch keine Tagesaktivitäten außer der Schule habe, bei denen ich unter Menschen käme. Speziell unter eine Vielzahl neuer Gesichter, Abwechslung, Dynamik und so weiter. Irgendwas.

Also, Lösungen aus der Misere. Ich roll mir das Thema noch mal auf. Ich habe kein Interesse an Alkohol und Getränken, finde dieses „Was trinken“ ehrlich gesagt auch lächerlich. Bin zu introvertiert zum Tanzen – wollte es mal, aber kriege es nicht über mich. Freimaurer? In unserer Loge sind nur reife Erwachsene, nützt mir nichts. Pfadfinder? Für meinen Geschmack zu aktivitätsfreudig. Was gäb’s noch? Keine Ahnung.
Und ich habe keinen, der mich in irgendwelche speziellen Kreise einführen könnte, WEIL ICH KEINEN KENN. Der Verdienst aus 10 Jahren Geek-Sein! Zehn Jahre vergeistigte Tätigkeiten, lieber als Gesellschaft. Oder andersherum, weil ich von Kindergarten an nie bereichernde Weggefährten fand, völliger Rückzug ins Alleinsein; wofür ich aber zusätzlich eine Veranlagung besitzen müsste, denn dem Durchschnitt passiert das nicht, und das hieße, ich hatte im Psychischen selbst Schuld von Anfang an; und — oww…

  1. Mir ist bewusst, dass es so auch während des Studiums sein wird, doch der nun stattfindende Umstellungsprozess macht sich eben eben für mich äußerst schmerzlich bemerkbar.
    Der Text ist schon ein paar Wochen alt, ich wollte ihn bei meinem damaligen Gefühlsstand zu genau dem Zeitpunkt belassen. Zwischenzeitlich entwickelten sich leichte Besserungen: Mit einigen Maiden in meinen Kursen kann ich Gedanken austauschen, mit den Jungen dagegen fange ich allgemein kaum etwas an, sie bleiben mir verschlossen. []

2 Gedanken zu „Dichterwettstreit

  1. Nutzt Mozilla Firefox Mozilla Firefox 3.6.13 auf Windows Windows XP

    es. ist. nicht. Deine. schuld!

    … und jemanden IRL kennen lernen dauert leider länger als man manchmal möchte.

    wenn Du menschen kennenlernen möchtest – wie wäre es mit schachclubs, debattierclubs, spieletreffs? [tanzkurse brauch ich nicht vorzuschlagen, oder?] so etwas müsste es doch bei Dir in der nähe geben?

    wie wäre es selbst mal ein paar gedichte zu schreiben und sie auf dem wettstreit vorzutragen? Du sähest die unterparkettler von einer ganz anderen seite 😉

    werde den eindruck nicht los, dass Du bei solchen stammtischen auf gleichgesinnte treffen könntest: 16.12. stammtisch in sindelfingen, 18.12. stammtisch in tübingen. die veranstalter können Dir sicher auch kontakte in der nähe nennen.

    Du bist nicht allein.

  2. Nutzt Mozilla Firefox Mozilla Firefox 3.6.13 auf Ubuntu Linux Ubuntu Linux

    Du hast Recht, ich sollte hingehen. Vielleicht in den Ferien, jetzt war gerade noch viel Stress. Vielleicht aber auch nicht, denn ich trau mich noch immer nicht. Sind wohl auch nur Erwachsene.

    Und doch: Es ist mein Versagen, um „Schuld“ zu entkräften, nenne es Merkmal, ein psychisches, vielleicht mentales Merkmal von Anfang an. Ich gehe davon aus, dass es ein Zustand ist, den ich mir schon vor diesem Leben geschaffen habe; ein Unvermögen, eine ausbleibende Aufgabe, und dafür mache ich mich verantwortlich, da trage ich die „Schuld“ für meine Situation.

    Was es hier so gibt, weiß ich nicht, es ist mir gerade auch egal, ich will nur noch Ferien, nur noch weg von meinem Schulumfeld, nur noch Zeit für mich, Zeit für innere Einkehr. Ich will mich nur noch in einer dunklen Ecke verkriechen können. Nur noch vergessen. Ich will nur noch dass es aufhört.
    Bis es wieder anfängt, bis es sich erneuert, bis es sich steigert, denn es wird immer schlimmer.
    Was will ich? Was kann ich? Woher nehme ich die Kraft dafür?

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