Tagesblog
Das Jahr und ich
6Ein ziemlich unkontrollierter Monolog über das Jahr und was mich gerade beschäftigte. Ich spreche sonst nicht viel, darum ist das formulierungstechnisch nicht ganz so top und das bitte ich euch, mir zu verzeihen.
Warum man sich das ansehen sollte kann ich auch nicht sagen, ihr habt ja aber immer einen Grund.
Gesamtlänge: 24 min (Die Videos sind mittlerweile nicht mehr öffentlich zugänglich)
Ein Produktionseinblick für euch – Entstehung von “Schule.”
1Es kam der Wunsch auf, mal Einblick zu gewähren, wie ich diese Texte schreibe. Die Schultexte waren seit Dezember 2008 die aufwändigste und die mir nahegehendste Ausarbeitung, und so liegt es doch nahe, es an ihr jetzt mal zu betrachten.
Ja, und ich nutz das auch gleich, um mich hier ein bisschen selbst zu loben, bevor ich den ganzen Aufwand, der das war, wieder vergesse.
Die Texte waren von der ersten Idee an, wahrscheinlich Mai, als Großprojekt geplant. Ich wollte mir alle Systemwut, allen Schmerz, allen Kummer von der Seele schreiben, wollte es endlich für mich mal exakt in Worte giesen.
Mitte Mai, glaube ich, fing ich an, mir erste Notizen zu machen. Notizen mit Gedankenfetzen, Ideen, Dinge, die mir in den Sinn kamen. So mach ich das bei diesen Großprojekten: Ich schreib mir alles auf, was mir einfällt, alles, später erst wird dann geordnet, verwertet und nichtverwertet.
Dann lies ich wegen zu viel emotionalen Schulstress (insbesondere Zentrale Klassenarbeiten) die Weiterarbeit an den Schultexten ruhen, raffte mich mit Müh und Not aber zum Ende des Schuljahres noch mal dazu auf, weil mir das Thema so wichtig war, und dann sammelte ich gute 5 Schulwochen Gedanken, während der Schule und vor allem Nachts im Bett.
Bin ich von so einem Projekt überzeugt, geht das Stoffsammeln von ganz alleine, leider eher in den unlieberen Momenten wie im Bett und (diesmal) in einigen Fächern, während ich nur schwierig etwas fachfremdes notieren kann (hauptsächlich wegen dem Tempo des Faches). Da wurden Mathe- und Bio-Heftränder vollgekritzelt, und auch die letzten drei Seiten meines Schulblocks setzte ich dafür ein.
Ich habe es mir seitdem zur Angewohnheit gemacht, überall hin ein quadratisches Notizzettelchen und meinen Lieblingskugelschreiber mitzunehmen, im Bett habe ich schon seit über einem Jahr einen Notizzettel an meiner Seite.
Meine letzten Blogprojekte brauchten länger für die Stoffsammlung, als man sich vielleicht denkt; aber ich weiß ja nicht, was man sich denkt, wenn man das so sieht…
Die meisten letzten Beiträge waren von so persönlicher Gefühlstiefe, dass ich sie nicht mal eben runterrazzen konnte. Die Herausforderung, die eigentliche Arbeit, ist die Stoffsammlung, das Zusammensetzen ist nur Knobelei, auf vollkommen anderem Niveau.
Ich habe so einen bunten Gefühlstrahl in mir, wenn ich an bestimmte Themen denke. Nacheinander, durch Zufall, fasse ich Gegenstände daraus in Begriffe. Ich fühle, ob da noch etwas ist, was ich nicht erfasst habe, und so lange bin ich nicht zufrieden. Ich beginne erst mit der “Postproduktion”, wenn ich das Gefühl habe, meine Gedanken zu einem Thema komplett erfasst zu haben.
Dazu eine kleine “Anekdote”: Ich bin da recht zwanghaft, Ende Mai, in den Pfingstferien, hatte ich die Idee zum Nationalstolz-Artikel. Ich fand das ein sehr interessantes, wichtiges und aktuelles Thema und sammelte ein wenig. Aber bald wurde es mir richtig stark zu wider, ich weiß nicht, warum. Ich habe es fast gehasst.
Aber ich hatte mir vorgenommen, als nächsten Artikel den Nationalstolzartikel zu veröffentlichen, das musste einfach so sein, ich musste das hinbekommen, weil es wichtig, gut war, verdammt! Aber ich hing fest! Ich konnte nicht weiterschreiben, es widerstrebte mir so sehr!
Konsequenz: Ganze zwei Monate kein neuer Blogartikel.
Dazu kam die Vornahme mit der Schulauseinandersetzung: Ich nahm mir streng vor, zu erst den Nationalstolz-Artikel und dann den Schultext zu veröffentlichen.
Mitte der Sommerferien (!!) (etwa Mitte August) spornte mich diese zwanghafte Selbstvornahme und Selbstdisziplin an, mich, sehr widerwillig, wieder dem Nationalstolz-Artikel zu widmen. Die Botschaft, die ich mit ihm rüberbrachte, ist übrigens schließlich auch eine ganz andere geworden, als die, die ich ursprünglich hatte.
Um noch ein Element einzubringen: In den letzten Schulwochen bekam ich das Bedürfnis, noch ein weiteres Thema auszuführen, das, was heute noch als Artikel veröffentlicht wird. Schon zu Beginn der Ferien machte ich mir dazu einige Notizen und das sah bald schon recht vielversprechend aus, was mich dann zusätzlich etwas anspornte, diesen verhassten Nationalstolz-Artikel zu einem Ende zu bringen. Die beiden bearbeitete ich dann parallel (was einfach bedeutet, dass mir zu beiden durcheinander Ideen, Begriffe einfielen) und schließlich hätte ich den heute noch veröffentlichenden Artikel noch vor dem Nationalstolz-Artikel online stellen können (er war schon ziemlich gut, aber durch die lange Wartezeit konnte er dann noch mal an einigen Stellen stark reifen). Da dieser jedoch die “neueste Idee” war, stellte ich ihn hinten an. So wurde dann am 29.08. Nationalstolz reloaded, am 07.09. Schule. und am 09.09. Schule. Ein Leidensbericht. veröffentlicht. Den Text, den ihr hier gerade lest, ist übrigens eine Spontanidee und anders als diese sonstigen Artikel relativ geradlinig, wie man sich das so vorstellt, runtergeschrieben. Dass er noch vor dem nächsten heute zu veröffentlichen und direkt nach den Schulausarbeitungen kommt, liegt daran, dass er eben das “Making Of” dieser Ausarbeitungen darstellt und dazugehört.
Zurück also zu den Schulausarbeitungen.
Ich nahm mir noch zur Schulzeit vor, sie zwei Wochen vor den Sommerferien fertig werden zu lassen. Ich hab dann aber auch gemerkt, dass ich das unmöglich leisten kann, eben weil ich noch bei weitem nicht die Farbpalette meines Kopfes dazu begrifflich gemacht habe.
In den Ferien schob ich die Arbeit auch schier endlos lange vor mir her, ich meinte wohl, das sei nicht mehr viel Aufwand und auch wollte ich mich jetzt nicht mit der Schule beschäftigen. Als ich mich dann dazu zwang, nach Veröffentlichen des Nationalstolz-Artikels, wurde mir doch sehr schnell klar, dass das eine noch nie dagewesene Stoffmenge, Vielschichtigkeit, teilweise Paradoxie und Komplexität war und verlangte.
Die für mich neue Herausforderung war es bei dieser irrsinnig langen Sammlung von Gedanken, sie auf ein Mal zu einem Text zu verarbeiten. Bisher entwickelte ich längere Texte anders: Es gab Immer einen Faden, immer die aktuelle Baustelle und was mir sonst noch einfiel, kam in die Gedankensammlung, die später verarbeitet wurde, aber ich habe sonst immer progressiv geschrieben. (Wer die Megabildversion zum Entziffernversuchen will: Klick)
Elf Seiten Gedankenteile zusammenzuführen ist äußerst schwierig, man braucht einen Überblick darüber, muss wissen, was man hat. Ich musste, wenn man so will, die elf Seiten in meinen Arbeitsspeicher laden, um sie zu indizieren. Das geht nicht mit schnell darüberlesen, sondern ist ein langwieriger Prozess, praktisch ein Auswendiglernen, bei dem ich immer wieder mal Abschnitte las, sie im Kopf frisch machte, weiterlas und nach und nach assoziieren konnte. Selbst, wo das ja alles von mir selbst geschrieben wurde, ist das in dieser Menge ein ungeheures Stück Arbeit.
Zum ersten Mal musste ich mir ein Arbeitssystem ausdenken; das war der Wechsel von der chaotischen in die systematische Arbeit.
Bald sah ich, dass ich bei dieser Länge unbedingt Kategorien mit Überschriften benötigte. Bisher hatte ich nur selten Kategorien benutzt, diesmal ging ich sogar noch weiter und erstellte Unterkategorien. Um auf die nötigen Kategorien zu kommen, brauchte ich eine halbe Stunde. Das war dann auch der Punkt, an dem ich mir überlegte, es in einen objektiven, schulsystemkritischen, und einen subjektiven, gefühlsbetonten Teil aufzuteilen. Das Prinzip hat zusätzlich noch den Vorteil, dass ich, sollte ich einmal Probleme damit bekommen, den Leidensbericht einfach passwortschützen, und somit vom Netz nehmen kann, ohne die mir ebenfalls sehr wichtige allgemeine Schulkritik den interessierten Besuchern zu verwehren.
Dann brauchte ich über fünf Stunden, um die Gedanken in die Kategorien zu ordnen und in die zwei Teile zu trennen. Um selber nicht den Überblick zu verlieren, benötigte ich ein eigenes Inhaltsverzeichnis. Es waren zeitweise mehr als drei Textfenster gleichzeitig offen.
Der erste objektive Teil war schwerer als der zweite persönliche.
Den zweiten arbeitete ich im Wesentlichen von unten nach oben aus, das erschien mir leichter. Ab dem Ordnen brauchten beide Ausarbeitungen zusammen noch etwa zehn Stunden Zeit.
Es war ein tolles Glücksgefühl, als ich endlich zufrieden mit mir und der Ausarbeitung war.
Ein paar Zahlen:
Meine Stoffsammlung hatte elf Seiten (in OO.o kopiert) komprimierte Gedanken. Führt euch das vor Augen: Elf Seiten Stoffsammlung! Das meiste waren Mini-Absätze von zwei Sätzen, dazwischen aber auch schon größere, die ich dann fast ohne Änderungen gleich übernehmen konnte. Jedenfalls war es gigantisch.
Der fertige erste Schulteil zählte (kopiert) fünf Seiten, der zweite stolze neun. Da WordPress aber nicht mehr als eine Leerzeile zwischen zwei Absätzen erlaubt, sind es ohne diese zusätzlichen – noch mal zum Erfassen und zur Ästhetik eigentlich sehr dienlichen – Zeilenabstande im ersten Teil vier und im zweiten acht Seiten. Wie man’s auch anschauen will, das ist eine ganze Menge.
Übrigens schreibe ich diese Bettzettel, selbst wenn ein Projekt nicht “akut” ist, fast täglich ab. Das “täglich” ist dabei einfach wichtig, weil meine Schrift auch für mich in dieser Rumfizzellei zu 30% unleserlich ist und ich die Zettel eigentlich nur dadurch abschreiben kann, indem ich mich beim Sehen der Schnörkel erinnere, was ich dabei empfunden habe und so wieder auf die Sätze komme, oft.
Für alle meine Projekte nutze ich das geniale Desktop-Wiki Tomboy. Es ist äußerst angenehm, auf den Notizzettel im oberen Gnome-Panel zu klicken oder Alt+F12 zu machen, eine Liste mit den aktuellen Notizzetteln zu bekommen, durch einen Klick und ohne weitere Ladezeit einen zu öffnen, einen simplizistischen Texteditor zu haben, der ein paar Formatierungsoptionen kennt und alle Notizzettel als Wiki untereinander verlinkbar und durchsuchbar macht, und der automatisch speichert. Das ist echt cool. Gibt es mittlerweile übrigens auch für Mac OS X und Windows. Kann auch auf WebDav synchronisieren und bald kommt auch ein selbsthostbarer Webdienst dafür.
Ja, das sollte ein kleiner Einblick in die Produktion so einer Ausarbeitung geworden sein. Ich hoffe (für mich), dass ich es in nächster Zeit nicht mehr für nötig erachte, so viel Aufwand aufzubringen und mir selbst oft so blöde Selbstversprechensvorwürfe zu machen. Das war diesmal wirklich nicht schön. Zum Ende habe ich es aber doch geschafft, und das sogar noch in den Sommerferien.
Nationalstolz reloaded
1Wir Deutschen geben klar zu, dass es mit unseren Nationalstolz nicht sehr weit her ist. Wir haben ihn verloren mit Ende des Krieges und der Aufarbeitung unserer Taten darin.
Italien und Russland haben ihre Kriege weit nicht so aufgearbeitet wie wir. Sie haben keinen Selbstwertschaden erlitten. Wir dagegen forschten unnachgiebig nach, so weit, dass wir uns seitdem für unsere Nationalität schämen, und wenn nicht, zumindest viel Kraft aufbringen müssen, um uns nicht von der Scham überzeugen zu lassen (»Ich hatte damit nichts zu tun«).
Das Schlechte siegt über das Gute? Oder ist der Nationalstolz schon das Schlechte, das durch noch mehr Schlechtes offenbart wird?
Ginge es nur um Gründe, stolz auf Deutschland zu sein, dann fielen mir da einige Dinge ein, die es hervortun und mir gefallen:
Deutschland ist einer der Hauptfinanziers Europas. Eine Frau ist unsere Bundeskanzlerin.
Wir haben eine gute Regierung. Sie hat Konzepte entwickelt, der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken und wir haben ein momentan konfuses und ungerechtes, aber zumindest garantiert funktionierendes Sozial- und Gesundheitssystem.
Wir bekommen Netzsperren für Seiten mit Kinderpornografie (kleiner Scherz).
Wir nörgeln und regen uns über die Politik auf, das zeigt, wir Bürger haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben; und wir sind interessiert an der Politik.
Die deutsche Sprache ist eine äußerst „begriffliche Sprache“, exakt und präzise. Sie unterstützt Wortzusammensetzungen (›Donaudampfschiffskapitänsmütze‹). Vertritt man die Sapir-Whorf-Hypothese, nach der der Wortschatz und die Grammatik einer Sprache einen kausal zwingenden Einfluss auf das Denken nehmen, so kann man annehmen, dass das auf uns gewisse Auswirkungen hat.
Wir haben ein Land mit nur wenig Rohstoffvorkommen, sind aber dennoch Exportweltmeister. Um das zu erreichen liegt es ganz klar: Unser eigentliches Gut ist unser Können.
Wir sind das Land der Dichter und Denker, „geborene Metaphysiker“ wie Verne in „Von der Erde zum Mond“ schreibt. Damit kann ich mich identifizieren.
Das weltberühmte „Made in Germany“ ist ein Prädikat für hohe Qualität, Durchdachtheit und Robustheit.
Unsere Fernsehsender, staatliche wie private, haben ein Designniveau, wie ich es noch nirgends anders gesehen habe. Ich möchte meinen, unsere Fernsehanimationen und -Grafiken, das Corporate Design der Sender, sind Weltspitze. Was sie produzieren, sieht wirklich ästhetisch, frisch, angenehm, modern aus und nervt nicht (!!). Die Intros zu etlichen Shows und Sendungen sind künstlerische Meisterwerke, die man erst schätzen lernt, wenn man mal das Ausland erlebt. Bei unseren Nachbarländern ringsherum kommt mir der deutsche Entwicklungsvorsprung mitunter wie mehrere Jahrzehnte vor; und vom graulichem effekthaschendem und hektischen amerikanischen Fernsehen braucht man gar erst anfangen.
Auch in der Technik, und was mir hier noch besonders am Herzen liegt, in der IT mischt Deutschland ganz weit vorne mit.
Das Frauenhofer und das Max Planck-Institut zählen zu den mir am geläufigsten Einrichtungen, aus denen kontinuierlich Innovationen und wegbereitende Forschungsergebnisse hervorgebracht werden. So sind der mp3- und AAC-Codecs zu einem großen Teil deutsche Entwicklungen!
Wir haben SAP, neben IBM und Oracle der größte Firmenintegrationssoftwareentwickler weltweit.
Eine ganz erstaunliche Anzahl der Drittanbietersoftwareentwickler für den Mac sind Deutsche – und dann, was ich damals irre fand: Als Mitte 2006 die Public Beta von Windows Vista freigegeben wurde, gab es sie in Englisch, Chinesisch und Deutsch! Weltweit, für das Austesten und Fehlerfinden eines neuen Betriebssystems bedachte Microsoft als dritten von drei die deutschsprachigen Länder! Wenn das mal nichts über unsere Signifikanz in der IT aussagt!
Übrigens war der Zuse Z3 1941 der erste funktionsfähige (und programmierbare!) Digitalrechner – der erste Computer!
In der privaten Internetanbindmöglichkeit ist Deutschland unter den besten Ländern Europas, wir bekommen hier in Städten mit DSL 16.000 und VDSL 50.000 schon vergleichsweise sehr schnelle Leitungen (in den USA ist man da, so weit meine Kenntnis, im Allgemeinen und Schnitt eher auf DSL 2.000-Niveau unterwegs).
Wir haben hier eine gigantische Anzahl an Geeks – auf unsere Landesgröße relativiert – und eine im sonstigen nicht-englischen Raum unvergleichbare Anzahl an IT-Nachrichtenseiten, Foren, Wikis und computerbezogenen Blogs. Man stößt zu IT-Themen in keiner anderen Sprache nach Englisch mehr so oft so viel auf lesenswerte Seiten aller Art (Problemlösungen, Forendiskussionen, Artikel, Blogs, Podcasts) als im Deutschen – in manchen Extrembereichen ist es für den „Rest“ Gang und Gebe, sich deutsche Seiten maschinell übersetzen zu lassen, um an die benötigten Informationen zu gelangen.
Wir haben die zweitgrößte Wikipedia geschaffen, ist das nicht krass? Und die *beste*, denn die deutschen Nutzer erstellen Artikel mit Verstand und Ordnung. In Chaosradio Express hieß es einmal (aus dem Kopf, unkontrolliert), dass „die deutsche Wikipedia die heimliche wahre Wikipedia ist“. Wir haben selbst solche hohen Ansprüche an uns, unsere Gründlichkeit und unseren Stil, dass so ein bombastisches Werk dabei herauskommen kann. Vergleicht doch mal zum Spaß die deutschen Artikel mit den französischen, spanischen, italienischen, oder englischen. Ernüchterung werdet ihr erleben! Was die englische Wikipedia als theoretischen Vorteil hat, dass Englisch die erklärte Weltsprache ist, hat sie auch zum Nachteil, denn viele Artikel sind zwar planlos vollplakatiert mit unbelegten Informationen, aber dabei lässt das allgemeine Stilniveau sehr zu wünschen übrig, eben weil ein Großteil der Autoren die Sprache nicht als Muttersprache beherrscht. Es gibt dort keine allgemeinen Konventionen im Artikelaufbau, viele Texte sind einfach Matsch, unvollständig, begonnen aber gleich wieder abgebrochen. Ulkigerweise trifft man die selben Mängel bei den genannten anderen Sprachen auch in fraglichen Dosen an; hier ist die deutsche Wikipedia ganz klar Top.
Nicht zu vergessen sind auch unsere deutschen Tugenden: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß, Strebsamkeit, Ausdauer, Disziplin, Treue, Ordentlichkeit, Genauigkeit, Gründlichkeit, Protokollismus, Bescheidenheit, Aufrichtigkeit. Zuletzt als nützlich erwiesen haben sie sich beim Wiederaufbau, bei dem in letzter Instanz dann auch die militärisch angelegten preußischen Tugenden ein Stück weit geächtet wurden.
Übrigens habe ich irgendwie das Gefühl, diese positiven und einst weit hochgehaltenen Tugenden heute noch am präsentesten bei uns Württembergern vorzufinden, um hier mal etwas zu feixen. 
Doch Nietzsche sagt ja »Gebet zu Menschen: “Vergib uns unsere Tugenden”«.
Es ist unvermeidlich: Etwas zum zweiten Weltkrieg.
Das ist natürlich ein heikles Thema, aber in dieser Zeit haben wir eindrucksvoll gezeigt, was wir können.
<beliebig lange Distanzierungserklärung von den Nazis>
Wir waren enthusiastisiert, propagandiert und ideologisiert, aber diese Zeit ließ erkennen, was in uns steckt, welches Potenzial wir haben. Die ganze deutsche Tugendpalette kam zum Einsatz. Und bei allem Respekt, was wir damals geleistet haben *war* beeindruckend.
Ich bin überzeugt, dieses Potenzial lässt sich auch für Gutes nutzen.
Da waren Entscheider, Machthaber, Propagandaführer, Ökonomen, das waren ohne Frage intelligente Leute, die leider furchtbar fehlgeleitet waren und wurden. Einmal aus der kalten Sicht des Rationalismus betrachtet, haben diese Menschen Beachtliches geleistet.
Ich bin wirklich der Meinung, der zweite Weltkrieg zeigte auf bedrückendste Weise unser Potential.
Nach Kriegsende schauten alle Länder mit Argwohn und Suspekt auf uns, wie schnell wir wieder emporschossen, uns rehabilitierten. „Wirtschaftswunder“ wurde das genannt, die wirkenden Kräfte in der Bevölkerung waren für Außenstehende geradezu unheimlich.
Unser Protokollismus während des Krieges machte eine bis dahin nicht gekannte Kriegsaufarbeitung möglich. Wir haben ihn aufgearbeitet und verarbeitet, uns in allen Details mit ihm auseinandergesetzt, uns unserer Vergangenheit gestellt. Dabei half uns auch unsere Wahrheitsliebe und Ausdauer. Und da entwickelten wir Scham um unsere Nationalität.
Da wir wissen, dass die anderen Länder nicht wissen, wie sehr wir uns mit dem Krieg beschäftigt haben und Asche über unser Haupt streuen, trauen wir uns keine nationalen Gebärden aller Art, um nicht das »Aha, die Deutschen wieder!« zu provozieren.
Ich bezweifle, dass die Deutschen in den nächsten 100 Jahren wieder zu Nationalstolz finden.
Hinsichtlich der EU möchte man meinen, Nationalstolz wäre dem Projekt nicht förderlich, “Arroganz” könnte keine Länder vereinen. So ist es auch. Doch wir übersehen: Wir Deutschen haben ihn nicht mal in gesunden vernünftigen Maßen. Wir haben ihn gar nicht. Und damit haben wir einen Nachteil bei der Integration, so paradox es klingt. (Für ein besseres Europa bin ich, aber nicht für den vorliegenden Lissabon-Vertrag oder gar eine NWO, erzeugt durch Ängste.)
Mein Vorschlag: Den Begriff nicht in strikter geografischer Nationalität sehen, sondern gelang einer Kulturnation einen neuen finden.
Bei “national” schwingt immer “Regierung” mit, man denkt an Kaiserzeiten und Sprüche wie: »Wo hat Er gedient?«, – und natürlich leitet jeder unserer schüchternen Gedanken an die Politik früher oder später unwillkürlich auf den Nationalsozialismus über.
Was aus dieser Betrachtung folgt, ist dass wir, wenn wir sagen, wir sind Deutsche, nicht an unsere Politik und an unsere Grenzen denken sollten, sondern an das, was unsere Gesellschaft ausmacht und was unsere Denker bisher schon vollbracht haben. Damit verabschieden wir uns von der Nationalität und sehen auf unsere Kultur. Wie wäre es mit, ein Proof of Concept, »Volksstolz«? »Volksvermächtnis«, »Kulturerleben«, »Kulturempfinden«? Mit jedem dieser Wörter lenken wir den Blick auf die Kultur. Denken wir an eine Kulturnation, nicht an eine regierte Nation!
Dort wo unsere Kultur mit ihren urgründlichsten Werten und Kräften erkennbar ist, da lebt das geistige Prinzip der Deutschen. In der Sapir-Whorf-Hypothese steckt sicher ein Kern Wahrheit, wenn ich aber daraus auch nicht folgern will, dass alle deutschsprachig denkenden “Deutsche” in ihrer eigenen Gesinnung sind. Es ist aber einfach dieses Gebiet, diese Zone in Europa, nicht ein spezifisches, mit harter politischer Grenze abgestecktes Land, das „deutsch“ ist.
Aber kommen wir wieder auf die Frage zurück, wie man Nationalstolz als solchen bewerten soll.
Schopenhauer schreibt über Nationalstolz (Aphorismen zur Lebensweisheit; Parerga und Paralipomena – Teil 1):
»Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.«
Ich kann nicht ehrlich stolz sein auf die großen deutschen Wissenschaftler, Schriftstellern, Philosophen, Luther, exzellente Politiker und Künstler. Ich kann nicht auf die Leistungen anderer stolz sein, als wären es meine. Ich kann deren Ideen und Begriffe in mir spüren und sie verbreiten, mich für sie einsetzen und sie unterstützen. Das kann ich, denn ich identifiziere mich persönlich mit vielen deren Ansichten, weiß innerlich, dass sie richtig sind. Ebenso ist mein Verhältnis zu vielen unserer Tugenden, aus irgendeinem Grund liegen sie mir im Gemüte und habe herzliche Freude an ihnen.
Ich beschäftige mich aber auch damit, was bedauernswerterweise ja die überwiegende Anzahl der Bürger nicht tut. Ich habe eine persönliche Beziehung zu den guten Ideen geschaffen und lasse sie durch mich leben und wirken, dadurch fühle ich mich als tief verwurzelte Pflanze, die ebenso neue Blüten hervorbringt; dadurch erst entsteht meine überzeugte Nationalität; als Deutscher. Und so kann ich auch aufrichtig sagen: Ich bin stolz, Deutscher zu sein.
Ist denn das nicht die einzige vernünftige, verständige, vermittelnde und hilfreiche Art, sich national zu fühlen? Wenn man es denn kann, wenn man die Ideen in sich findet, wenn man sich mit ihnen identifizieren kann.
Wie steht ihr zu der Thematik?
Mein erster Disco-Besuch
41Im Vorfeierlaune auf ihr abgeschlossenes Abitur im nächsten Jahr, luden die Abi-2010er in unserer Schule vergangene Woche für eine Diskothekenveranstaltung in eine diesbezüglich bekannte Einrichtung in Reutlingen ein.
Noch nie hat es mich zu Veranstaltungen mit vielen Menschen hingezogen, erst recht nicht dorthin, wo laute Musik spielt, und dann noch Musik, mit der ich nichts anfangen kann. Wie ich es aber schon letztes Jahr anfingt, wollte ich mich selbst in eine solche Situation bringen; selbst die Erfahrung machen. Ohne Selbsterfahrung darf ich weder darüber im Negativen, noch im Positiven sprechen, und gewiss fehlt mir so lange die Qualia und somit das Verständnis um die Motivation der anderen, zu solchen Veranstaltungen zu gehen.
Es war kurz vor 22:00 Freitagabend. Vor dem Eingang der Einrichtung, die ich im Folgenden mit F4 abkürzen werde (um nicht den vollen Namen zu schreiben und dann durch Suchmaschinen nach diesem gefunden zu werden), drängelte sich eine Schlange von Jugendlichen in den Pavillon vor den Eingang, um nicht vom Nieselregen erwischt zu werden. Lange stand ich unter dieser keine zehn Meter langen Überdachung, wartend, von einem der ›Pförtner‹ meinen Personalausweis kontrollieren zu lassen – das erste Mal überhaupt mit meinen 17 ½ Jahren, dass ich ihn brauchte. Dann ging es durch einen Treppengang, der auf mich wie der auf abenteuerlich metallplattierte Wartebereich zu einer Achterbahn wirkte, um darauf hin den Wegzoll in Höhe von 3,50€ zu begleichen. Der Herr vor mir behauptete, 18 zu sein und auf Aufforderung, seinen Ausweis zu zeigen, ließ er diesen in seinem Geldbeutel-Karten-Netz. Als er dann unter größter Anstrengung der Kassiererin trotzdem als unter 18 erkannt wurde, musste ich staunen, welche Moral hier herrschte. Denn selbst wenn er sich hätte reinmogeln können, wenn etwas passieren würde, bekäme F4 die Schwierigkeiten…
Ich bekam einen Stempel auf meine untere Handsehne und bog um eine Ecke. Mit meinem Blick nach rechts sprangen aus einer abgegrenzten Zone zwei Mädchen aus meiner Klasse auf, begrüßten mich überrascht, und fragten, was ich denn hier machte. Da wurden meine Jackentaschen grob von einem Wächter aufgerissen, ich: »Schauen Sie, das sind ist nur mein Brillen-Etui und in der anderen ein zusammengestopfter Schal.« Nett hier, haha… Ich fragte eine der Klassenkameradinnen, ob es nicht eine Garderobe gäbe, um meine Jacke aufzuhängen, und ich wurde auf eine lange Schlange um eine Steinmauer herum verwiesen. Dort stand ich dann gute 10 min an, musste einen weiteren Euro zahlen und bekam das Nummernetikett meines Kleiderbügels, der vom Personal mit meiner Jacke in den langen Stangenreihen versenkt wurde.
Kaum auf dem Weg ins Geschehen, wurde ich schon von von ein paar weiteren netten Bekannten überrascht begrüßt. Danach erforschte mein Blick zum ersten Mal die Präsenz dieser Lokalität. Gerade vor mir eine Tanzfläche, weiter davor auf einer Anhöhe ein Pult mit dem DJ, rechte Seite entlang der Tanzfläche eine Bar, linke Seite und in einer Herumführung einer Begrenzung zum Eingang hin eine niedrige Plattform mit Bänken. Beidseitig neben dem DJ-Pult standen je drei übereinandergestellte Bildschirme, die Silhouetten mit wechselfarbigen Hintergrund von sich lüstern räkelnden, scheint’s kaum bekleideten, jungen Frauen zeigten, ohne dabei die Visualisierung an die Stimmung der Musik anzupassen. Über mir verstreut an der Decke des Raumes Disco-Kugeln, an den Seitenlängen feste Lichterinstallationen.
Sollte mir dieses Ambiente dank filmischer Bildung nicht neu sein (bis auf die Damen), war es noch mal etwas völlig anderes, tatsächlich selbst darin zu stehen. Zaghaft infusionierente ich mich entlang der rechten Seite ins Geschehen. OK… Also, die tanzten hier, anscheinend in Stilfreiheit, jeder für sich. Mein Blick klebte auf den DJ, wie auf einen Gruppen-Yoga-Trainer. Rhahr… Ich riss mich los und versuchte mich zur Musik zu bewegen. Die ersten zehn Minuten starrte ich immer gebannt auf den DJ, das muss sehr außergewöhnlich ausgesehen haben, wie sich da einer irgendwie anstellt zu tanzen und unentwegt gebannt seinen Blick und Kopf auf den Musik-Mischer richtet… Diese Unsinnigkeit begriff ich zwar recht schnell, aber brauchte doch über zehn Minuten, mich von der Gestalt dort oben zu verabschieden und zu probieren, Menschen ins Gesicht zu sehen.
Das klappte erst mal auch nicht so recht, ich war so befangen fasziniert von der grellen Lichterinstallation. Einfarbige helle Scheinwerfer an der Decke, eine sture Abfolge hintereinander durchgehend und dann die Intermezzos mit Farbenspielen von irgendwoher; ich versuchte eine Logik darin zu erkennen, aber fand keine.
Nach einer Verschnaufpause am Rand und einem zweiten Start wagte ich mich noch einmal in das Getümmel und bekam die Anteilnahme nun bewusster hin. In den Bewegungen der anderen konnte ich keine Schwärme und Laufwege erkennen. Es schien, jeder entschied aufgrund eigener, mir unbekannten Motive, einen bestimmten Punkt aufzusuchen.
Mir kam auch ein hilfreicher Gedanke, der mir über die mir eigene Zurückhaltung hier ein Stück weit hinweg half: Ich dachte mir, es ist Fasching, es macht nichts aus, wenn Du da jetzt mitmachst. Außerdem fällt es geradezu auf, sich nicht so leidenschaftlich wie die anderen zu verhalten.
Zur Musik: Gespielt wurden schlecht-gecoverte Versionen von Stücken auf gefährlich großen Lautsprechern mit äußerst schlechten Tonhöhen.
Wenn der Mann schon nicht selber singt, könnte er dann nicht wenigstens die Originale spielen? Sind die Lizenzkostendifferenzen da so ausschlaggebend?
Ansonsten liefen, ja, ich kenne mich da nicht aus, ich denke Techno- und House-Titel. Nichts besonderes, keines davon markant melodisch, alles nebliges Gesabbel, um den Tieftöner ins Schwingen zu bringen.
Auf der Tanzfläche lagen Flaschen. Ist denn das erlaubt, Getränke da mit rauf zu nehmen? Jedenfalls sammelte ich ein paar auf und brachte sie zur Theke; ich fühlte mich dafür verantwortlich, dass niemand zu Schaden kommt, gerade wenn ich so etwas mitbekomme. Je später es wurde, umso enger und dichter ward die Gesellschaft auf der Fläche. Gerempelt und weggedrückt zu werden, wurde legitim, auch wenn es meinem Gefühl nach jeder versuchte, bei anderen zu vermeiden. Ach übrigens, das Alter hab ich noch ganz vergessen: Die Palette fing bei 16-Jährigen an (wenngleich ich mich wunderte, wie viele Menschen schon 16 sein mögen und nicht danach aussehen – bislang dachte ich immer, nur ich sähe nicht altersgemäß aus…), erreichte ihre Dichte bei 17- und 18-Jährigen und ging entfernt in weit geringerem Ausmaße hoch bis noch vielleicht 22.
Im Suchen in der Menge konnte ich nur äußerst wenige Brillen ausmachen. Ein Zeichen…?
Auf dem Ausklang der linken Seite bemerkte ich bald ein paar Jungen aus einer Parallelklasse und wurde hergewunken. Interessant zu sehen, wie die ›abgingen‹, wohl unter Alkoholeinfluss.
Muss ich noch erwähnen, dass ich keinen Alkohol trank? Ich trank sogar gar nichts von den dort feilgebotenen Getränken; das Billigste fing bei 1,80€ an.
So verwendete ich beherzt auf dem Klo-Waschbecken meine Hände als Trinkschale… (Meine Eltern erzählten mir übrigens, »zu ihrer Zeit« wäre im Eintrittspreis einer Diskothek immer schon ein Getränk inbegriffen gewesen…)
Mich kannten erstaunlich viele Leute und ich haderte immer mit meinem schlechten Namensgedächtnis, das mich aber meistens dann doch im Stich ließ. Öfters wurde ich in begeisterten Ton auf bestimmte Mädchen meiner Klasse angesprochen… (»Hey, Du bist doch bei DER in der Klasse?…«)
Damit eröffne ich ein neues Thema. Ein Vorfall, der mich beschäftigt hat:
Ein Mädchen, das in einer Dreiergruppe mit Freundinnen dastand, sprach mich gegen die Musik kämpfend an: »Hi! Woher kommst Du?« »Hm, was sagt man da gewöhnlich?«, fragte ich verdutzt und lächele verschreckt. »Aus welcher Stadt? Reutlingen oder so?« »Ja, Reutlingen.« »Cool.« – Sie drehte sich kurz um, und hat wahrscheinlich darauf gewartet, dass ich sie gleich wieder anspreche. Habe ich aber nicht.
Jaaa, ich weiß, was ich falsch gemacht habe und wie ich es hätte richtig tun können. Aber ich weiß, was mir in dem Moment durch den Kopf ging.
Das hätte genauso gut ein Junge sein können (wie es mir dann im Laufe des Abends noch ein paar mal ähnlich passierte) – ich kann keinen Smalltalk führen. In drei Wörtern und ihrer ganz eigenen Aussprache liegen für mich auch schon zig abstrakte Möglichkeitswelten einer Deutung und ich versuche instinktive Rückschlüsse auf den Gedankengang des Gegenübers zu ziehen. In solch einer Situation mit Fremden bin ich nicht selten partout überlastet; ich bekomme zu viel Input rein und eröffne zu viele Bearbeitungsschritte, bis ich dann eigentlich zur Beurteilung kommen sollte, aber mich mein Denken lähmt. Ich weiß nicht mehr, wie viele Selbsterinnerungen und Geschichten mir in dieser einer Sekunde in das Bewusstsein kamen, die in sich dann auch teils wieder emotionale Reaktionen auslösten.
Und überhaupt zu erst einmal war ich verdammt verschreckt, von einem Mädchen angesprochen zu werden.
Was ich nach außen von meinem Ich zeige, ist meinem Eindruck nach nur ein schwacher Abdruck meines wahren Selbst. Darum sehe ich andere, die sich für diesen Maxi interessieren, den sie erleben, nie wirklich für mich interessieren, sondern für dieses unfertige, makelhafte, kommunikations- und gemeinschaftsunfähige Ich, und das bin nicht ich, das ist das, was ich gerade so von mir zeigen kann. Dass es mir so ergeht, ist eine Folge von dem, dass ich eben seit Jahren nur daheim sitze, auf hohem Niveau mit hellen Köpfen chatte und meine eigentliche Entwicklung in dem Bereich dort stattfand – gerade umgekehrt zu der des ›Normalen‹. (Das wird natürlich von niemandem so anerkannt…) Da gewinnt die Beschreibung ›Kopfmensch‹ eine ganz neue Größe.
Ganz sachte erhebt sich in mir langsam die Idee, dass ich vielleicht doch nicht so schlecht nach außen bin wie ich denke… Jedoch werde ich Annäherungsversuche von Jungen wie auch von Mädchen wohl erst in mir auf der entscheidenden Ebene für relevant und ›echt‹ halten können, wenn mir mein Selbstwertgefühl für mein äußeres Ich andere Dinge reflektiert.
Beim Tanzen spielte mich mancher einer Mädchengruppe zu oder ich bekam Avancen – hui… *fröstel* – Intuitiv, und das ist traurig, das Wort in dem Kontext verwenden zu müssen, wand ich mich ab oder wich aus. Der Grund… Ich glaube, ich will fair sein, fair und ehrlich. Wegen meiner speziellen Sicht auf mein inneres und äußeres Ich möchte ich niemanden mit dem ›falschen‹ beschäftigen oder konfrontieren. Und ein Bisschen bin ich auch entsetzt über das Gegenüber, dass es sich für so einen interessiert – und gebe ihm damit einen Stempel »Irrer«. Oh ja, das ist nicht gut… Es erstaunt mich zwar, dass diese Erkenntnis bei so etwas wie einer Disco kommt (das hatte wahrscheinlich irgendeinen Grund in der neuen Situation und anderen angeregten Hirnarealen), aber hier ist es mir nur bewusst geworden; die wahren Erlebnisse, die dieses Phänomen bei mir aufzeigen, erlebte ich schon lange Zeit im Alltag.
Wenn ich in anscheinender Irrationalität (die in ihrer Absurdheit Sinn eröffnet) Witze und Bemerkungen mache, werde ich in meinem Umgang in der Schule meistens nicht verstanden und für einen Außenseiter erklärt (dabei sind meine Bemerkungen doch oft eigentlich so clever…).
Hier drehte sich das um: Waren bisher die anderen die rein Rationalen und für mich Verständnislosen, ließen diese nun jede tiefere Logik fallen und verhielten sich so irrational, wie ich selten Jugendliche erlebe.
Doch es war kein Chaos, keine Anarchie der Bestrebungen; diese ihre neue Art hatte einen ganz eigenen Taktgeber, etwas, was ich nicht verstehe. In sich Freude und Lust am gegenwärtigen Sein, in dem Moment lebend, anscheinend verbindend in der Menge und dann doch egoistisch.
Diesen Bewusstseinszustand kenne ich von mir nicht, ich kann ihn so nicht erleben. Ich bin ständig am allumfassenden Analysieren, Abwägen, Beurteilen, Mustererkennen und prognostizieren. Und natürlich möchte ich alles wahrnehmen und mitbekommen, was sich in meiner Umgebung abspielt. Die Konsequenzen daraus würden manche eine Konzentrationsstörung nennen, aber das ist es nicht, es ist der Wille nach Wissen, nach Macht, nach einer Waffe gegen andere, in dem ich besser und weiter bin als sie; ich bin mir dessen bewusst, dass sie nur in meinem Kopf sein kann.
Ist diese meine Hochanalyse-Praxis doch auf die Menge einer Schulklasse eingespielt, bekomme ich bei so viel Input wie auf einer Disco damit den totalen Overhead. Es stresste mich ungeheuer, diese vielen Informationen wahrzunehmen, zu verarbeiten, zu bewerten und abzulegen, diese vielen feinen Informationen, von denen ich sicher bin, dass andere sie nicht wahrnehmen. Das ist eine verflixte Begabung, mehr Details wahrzunehmen, aber sie dann auch verarbeiten zu müssen. Und andere können ihre Mitmenschen ganz ausblenden und nur für sich leben, das kann ich nicht. Ich habe nicht Furcht vor Bloßstellung, ich habe eine zu starke ›Menschenliebe‹, das Bedürfnis, Hilfe zu geben, wo es nur in meinen Möglichkeiten liegt. Und so selbstverständlich das für mich ist, so stark vermisse ich es ungläubig überrascht an anderen.
Nun, das forderte also für mich eine sehr hohe Konzentration. Dazu kam meine Unerfahrenheit beim Tanzen, so dass ich mich umschaute und eine Geste nach der anderen versuchte zu lernen. In der Hauptzeit dann war das immer noch eine hohe Konzentrationsaufgabe: Ich konnte das alles nicht intuitiv, wie offenbar die Menge hier, ich war im Kopf hellwach und wirklich angespannt im absoluten Stress, wie ich mich hier positioniere, möglichst ohne lächerlich zu wirken und zu stark aufzufallen.
Hätte ich mittendrin die Wahl bekommen, eine Französisch-Arbeit zu schreiben, oder in dieser ›Matrix‹ weiterzumachen, hätte ich gerne die Arbeit gewählt, ehrlich (wenn es aber auch nur ein wirklicher Matrix-Wechsel gewesen wäre, sprich, die Welt dort ohne mich nicht mehr weitergelaufen wäre, denn das hielt mich auch dort und ließ mich nicht nach Hause wandern, neben meinem Ehrgeiz für meine Selbsterfahrung).
Gespräche mit intellektuellem Charakter waren bei dem ›Lärm‹ unmöglich. Das gehört aber wahrscheinlich zum Konzept einer Disco; sich nicht mehr durch bloße Kopf- und sprachliche Ausdrucksstärke etablieren zu können und somit alle in begrenztem Maße gleichzumachen.
Kurze Zeit bevor der DJ die anwesenden Unter-18-jährigen aufrief, sich langsam auf die Heimreise zu machen, erschienen noch ein paar weitere Klassenkameradinnen von mir, die mich auch überrascht begrüßten. Ich nehme an, die ließen sich einen ›Muttizettel‹ ausfüllen, um länger bleiben zu dürfen. Ich verabschiedete mich von ein paar Bekannten, die ich noch sah.
An der Garderobe stand ich erst über 10 min falsch an (war aber damit nicht alleine!) und wurde, als ich einen Warteplatz am Tresen einforderte, der mir nach dieser Zeit schon lange zustand, von einem betrunkenen Proleten, der gerade erst in die Schlange kam und auch etwa mein Alter hatte (wenn dabei auch immens bespeckter gebaut) mit beiden Händen nach hinten geworfen. Brüll, Quak, Plutsch… »Gaaanz ruhig.«, ich beschwichtigte mit einer Handgeste. »Gaaanz ruhig. Ich tu dir nichts, ich will keinen Streit. Ich war trotzdem vor dir, und das weißt Du.« »Jetzt bin ich aber vorne!!« – Ich dachte mir nur, das ist Karma, ich brauch ihm nichts zurückzuzahlen, das kommt auf ihn ohne mein Zutun zurück. Und genau da wurden unsere Traube auf die eigentliche Schlange von einem dieser Wächter aufmerksam gemacht.
Raus ging es wieder durch den Eingang, wie einfallslos.
Den gleichen Abenteuerattraktionen-Gang zurück, hinaus in den Regen, der mittlerweile stärker geworden war. Ich lief den Weg zu Fuß nach Hause, bald rannte ich, und nahm die Brille ab, denn ohne sie sah ich mittlerweile besser als mit ihr. Ich kam, am Oberkörper glücklicherweise wenig benässt, um kurz vor ein Uhr Nachts daheim an.
Mein Fazit:
Gerade diese Erkenntnis, dass mein äußeres Selbstbewusstsein tief im Keller ist, hat den Besuch gelohnt. Das Bewusstsein darum habe ich aus dem Sinn verloren, ich hatte das schon mal. Diese Erkenntnis ist der erste Schritt hin zu einer Konsolidierung und schließlich einem heilenden Lösungsprozess.
Die zwei Stunden, die ich dort war, konnte ich mich wahrlich nicht amüsieren. Zu intensiv die Eindrücke, zu groß der Stress, zu viel Kopfarbeit. Zu viele Dinge, die ich nicht kenne und nicht kann. Ich fühlte mich in jedem Moment als Fremdkörper. Einer, der die Regeln nicht kennt, der nicht weiß wie gespielt wird, und der nicht den Bewusstseinszustand dieser Mengengruppe teilt.
Ich möchte noch anmerken, dass die meisten meiner hier beschriebenen Gedanken mir nicht erst bei der Arbeit an diesem Artikel kamen, sondern unmittelbar während meinem Aufenthalt in der Disco. Die haben mich natürlich dann auch noch mal bekümmert und resigniert.
Kann mir bitte irgendjemand bestätigen, dass das nicht normal ist? Danke.
Märchenlesung mit Sauerstoffmangel
3Den vergangenen Spätabend war ich mit meiner Mutter in einer Lesung Christian Brückners des kalten Herzens von Wilhelm Hauff im Kubus in Nagold als ein noch ausstehendes Geburtstagsgeschenk. Es war davor nicht geplant, hier darüber zu berichten, heute wollte ich eigentlich über den ersten Tag meines Berufspraktikums bei 21TORR schreiben, aber das da erscheint mir als ebenso berichtenswert.
Wie ich von der Agentur nach hause kam, hatten wir nicht mehr viel Zeit, zu essen, meine Mutter ist auch gerade erst gekommen und so reichte es nur noch für Toastbrote mit Streichkäse (keine Ahnung, wie sie auf diese schräge Kombination kommt). Mir war ziemlich klar, dass mir das nicht reichen wird und ich ernsten Hunger mitbringe, sagte das auch mehrfach im Auto, aber die Zeit bis zu Beginn der Veranstaltung reichte einfach nicht mehr. In Nagold angekommen, fragten wir uns mühsam durch das Städtchen bis zum Kubus durch, fanden ihn, betraten ihn, und sahen nur noch alte Leute. Die Zeit hätte dann noch locker gereicht, nach der Platzbelegung noch einmal aufzustehen und uns/mir draußen etwas zu essen zu suchen, denn die Theke des Veranstaltungshauses schankt nur Getränke aus, nicht einmal Brezeln hatten sie, aber das wurde mir ausgeredet, an die genaue Argumentationskette kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich sagte meiner Mutter eindringlich, nachdem ich versucht hatte, das Programmheft zu lesen und zu verstehen: “Ich bin hungrig und ich habe Durst. Ich kann mich so nicht konzentrieren. Und wenn ich nur etwas trinke, bekomme ich wohl noch mehr Hunger und muss womöglich noch auf’s Klo.” Subber war dann so richtig, dass die Senioren um uns sich nicht nur fesch rausgeputzt hatten, sondern auch hingebungsvoll parfümiert. Vor mir saß ein Mann mit Glatze, der roch (oder stank) so nach dem Zeug, dass es eine echte Zumutung war. Dann war auch die gesamte Hallenluft nicht der letzte Schrei, wäre das viele Parfüm nicht gewesen, hätte ich mir zugefächert.
Die Lesung begann. Herr Brückner hat zweifelsohne eine beeindruckende Stimme und man kann ihn dabei auch noch gut anschauen, seine Haltung kommt sehr anmutig herüber. Die Ankündigung, das Stück ginge 90 Min, geteilt in zwei Parts à 45 Min mit 15 Min Pause, rief ich mir immer und immer wieder ins Gedächtnis – “Es gibt Hoffnung!”. Ich spürte auf dem Stuhl, wie ich sehr schlapp wurde, immer öfter die Augen schloss (denn es gab ja auch im Grunde nichts zu sehen) und nach geschätzten 15 Min schlief ich ein. Einen eigen-relativen Augenaufschlag später reckte ich schon wieder den Kopf, aber gleich musste ich feststellen, dass ich einen Zeitsprung in der Lesung gemacht haben musste, da sprachen Personen, die noch gar nicht eingeführt worden waren und es ging um Problemlösungen, deren Auslös-Zwänge mir komplett fremd waren. Ich nahm es zur Kenntnis und versuchte, den Faden wieder zu finden. Mein erster Gedanke war zwar echt der traurige “Das ist jetzt aber nicht wie in der Schule hier?! Das kann doch nicht sein?! Ich war doch aufmerksam!”, doch das erschien mir dann auch, meinem strahlenden Selbstbewusstsein sei Dank, zu unrealistisch. In der Pause fragte ich sofort meine Mutter, ob ich geschlafen hätte, und sie bejahte das auf “geschätzte 20 Min” und dass sie mich nicht habe wecken wollen, weil ich so unauffällig schlief und sie befürchtete, dass ich laut würde, wenn sie mich weckte.
Ich war weder vor der Lesung recht müde, noch danach, was war da nur los? Wie schon gesagt war die Hallenluft schrecklich vorverdaut und das radikale Parfümzeug lag darin. Ich schätze mal ganz stark, dass ich eingeschlafen bin, weil ich zu wenig Sauerstoff abbekam. Eine gewagte These, aber dahinter stehe ich. Wie das der Rest der Mannschaft ohne Ohnmachtseintritte verkraftete, ist mir zwar ein Rätsel (wie war das mit, das Gehirn verbrauche ~20% des ins Blut geleiteten Sauerstoffs…? Ist meins so exzentrisch im Einsatz gewesen, dass man Teile hat stilllegen müssen, um den Körper nicht zu schädigen? *höhö*), aber die saßen auch nicht alle hinter diesem Wahnsinnigen, der vielleicht nicht nur den Sauerstoff verscheuchte, sondern auch Giftgase injizierte.
Begleitend, oder “unterbrechend” zur Lesung spielten zwei Saxophonisten, ein Fagottist und ein besonderer Schlagzeugkünstler mit einer Glasorgel und diversen Holzkästchen, der exzellent war. Bei diesen drei Blasinstrumenten habe ich immer das Gefühl, ich höre eine Audiodatei mit zu geringer Bitrate, das Vibran scheppert so derb mit. Und was die spielten, meine Güte… Als Kenner von Filmmusik fühlte ich mich andauernd in der falschen Oper, wenn die Musik wieder mal so gar nicht passend zur Lesung war, z.B., wenn man es gerade von einem Raum voller pochender Herzen hat: “Dudeldidudeldidumdumdidudel…” Das mag ja “anspruchvollste klassische Musik” sein, wie der Bürgermeister (?) zu Beginn betonte, aber mich hat sie mehr aus der Geschichte herausgerissen, als sie intensiviert. Das Werk soll es im Frühling 2009 auch auf CD geben, von, und ich schreibe es rückwärts, weil mir bewusst ist, welche Zerstörgewalt Blogs haben, noitide legi-ees. Die Aufführung war ihre Premiere eines Stückes für Erwachsene und die (einzige?) Live-Premiere dessen vor Publikum.
In der Pause war dann meine Mutter unwillig und zu unflexibel, schnell etwas zu essen mit mir zu suchen (boah!). Könnte ich auch theoretisch alleine, aber dann hätte ich keine Uhr, erst mal kein Geld und ich taumelte nach dieser Luftinhalation eh erst mal nur umher. In der zweiten Hälfte nach der Pause suchte ich mir einen Platz in der Empore über den unteren Stuhlreichen und dort war glücklicherweise auch direkt ein Belüftungsloch in der Decke, es ließ sich also aushalten.
Nach der Lesung sah ich außer mir nur noch zwei Mädchen, die wohl nicht so alt waren, wie sie aussahen, der Rest war sicher 40+.
Dieser Vorfall hat mich sehr mitgenommen, wenn man mich chemisch an meinem Körper angreift, ist absolut Schluss. Ich bin es gewohnt, dass ich außernormale mentale Kontrolle über meinen Körper habe, mit so was wird sie mir genommen. Soll mir das irgendwelche Grenzen aufzeigen…?
Für die Zukunft kann mich das lehren, dass wenn ich gleich schon spüre, dass ich mich in einem Raum nicht wohl fühle, ich sofort eine Lösung für mich suchen sollte.
Kinoeindrücke zu WALL·E
3Vorgestern zog es mich, nachdem der Film jetzt doch schon seit Ende September läuft, ins Kino in Pixars achten Animationsfilm WALL·E. Prinzipiell widerstrebt es mir, in einen Film zu gehen, der so viel Fernseh- und Plakatwerbung bekam, die, so witzig sie ist, doch mit der Zeit auch ziemlich genervt hat. Mit Werbung will ich weitermachen: Es war ein sehr großer Fehler von mir, alle veröffentlichten Trailer schon lange vor dem Kinogang gesehen zu haben. Die Charaktere und ihre Bewegungsweisen überraschten mich keinen Deut mehr, das wurde mir deutlich, als die “Mitinsassen” der Vorstellung zu Momenten ge-oht und ge-wowt haben, die mir nur noch den Kopf schräg legten und in meinem Gesicht ein erwartendes Lächeln hervorriefen.
Das Kino: Seit dem in tiefem Christentum braven Prinz Kaspian hatte ich mir vorgenommen, nicht mehr in das Reutlinger Cineplex zu gehen. Das Bild war grauenhaft verzerrt, hatte viele Fehler und der Ton war viel zu leise. Halten konnte ich mir den Vorsatz nur bis über Batman – The Dark Knight, für den ich mit meiner Mutter nach Stuttgart ins Cinemaxx fuhr – ein komplett anderes Kinoerlebnis, wenn es jetzt noch digital wäre, könnte man das die Perfektion nennen. Für WALL·E war mir dann doch der Weg alleine nach Stuttgart zu umständlich und ich hätte dabei die irre Bahn bemühen müssen (Gott bewahre) und so reservierte ich mir online eine Karte für 18:30, sprintete um 18:34 von daheim los, kam um wohl 18:40 am Kino an und hatte noch Zeit, auf’s Klo zu gehen, ehe der Vorfilm, Presto (den ich Schelm natürlich auch schon kannte) begann. Also, fände ich mich um mein Zeitmanagement nicht cool, wäre ich der Werbung wegen dem Kino ja sauer… Die Tüte billiges Supermarkt-Popcorn unter der Jacke wurde ebenso wenig ausgemacht, wie der HD-Camcorder; ne, das war jetzt Spaß.
(Ja, das war Spaß! Ehrlich!)
In dem Saal war zwar das Bild erträglich, aber mal so was von klein (geschätzte 12m-Leinwand waagrecht) und der Ton wieder erstaunlich leise und absolut unspektakulär, dass ich mich frage, wohin diese Kino-Kette ihr Geld aus den Wucher-7€-Karten und Wucher-Fressalien pumpt.
Zur Handlung an sich will ich nicht viele Worte verlieren, da gibt es die zugemüllte Erde und die Menschen, die vor 700 Jahren in einem Luxus-Freizeit-Raumschiff das Weite gesucht haben (unter ihnen sind übrigens nur Weiße und Schwarze, aber keine Mischungen und keine Gelbhäuter) und die Erde einer Schar “Waste Allocation Load Lifter”, kurz WALL·E, zum Aufräumen überlassen haben. Nach dieser Zeit ist der einzige übriggebliebene dieser Roboter so weit, dass er ein eigenes Bewusstsein entwickelt hat, und sich die Abende über Filme auf einem iPod Video (5G?) ansieht. Anscheinend reicht ihm seine Kakerlake als Kumpane nicht und so hält er seine eigenen Hände bei “Hello, Dolly!” – bis ein Erkundungsschiff mit der anfangs noch recht aggressiven Roboterdame EVE (Extraterrestrial Vegetation Evaluator) die Erde besucht – und er sich spontan in sie verliebt. Dann wird sie natürlich wieder abgeholt, nachdem sie etwas auf der Erde gefunden hat, und WALL·E klemmt sich mit an den Transporter, bis er schließlich auf den Spaceliner zu einer Horde anderer Roboter kommt und er diverse kleine irrwitzige “Abenteuer” mit EVE gegen das Zentralorgan des Schiffes, die HAL 9000-Humage “OTTO”, der die Menschen nicht zurück zur Erde lassen will, besteht, als dann der von Übereifer gepackte Kapitän es gegen OTTO aufnimmt und die Menschheit irgendwie gerettet ist – denn sie kann jetzt zurück zur Erde…
Die Handlung spielt bei WALL·E eindeutig eine untergeordnete Rolle und kommt narratorisch lange nicht an einen Ratatouille oder Nemo heran. Die ersten dreißig Minuten kommt der Film ganz ohne Worte aus, eine beeindruckende Leistung für einen Animationsfilm. Die künstlerische Perfektion der Landschaften, Roboter und des Alls so wie der Mimik der Roboter – was sich alleine schon unglaubwürdig und fast unmöglich anhört – sind die Ausmachungen des Films. Action gibt es verhältnismäßig wenig, dafür eine Menge Slapstickeinlagen und, in einem für Pixar bis dato ganz neuem Verhältnismaß, bezaubernd viel Liebe. Die Liebe ist hier Handlungsmotor, wie ich es zuletzt bei einem Disney-Film wie Die Schöne und das Biest (1991) erlebt hatte. Vielleicht gerade darum, sollten sich Eltern auf den ein oder anderen Gähner ihrer Kinder während denn tiefen LCD<->Fernglas-Blicken gefasst machen, grundsätzlich sollte man schon etwas mit dem Thema Liebe anfangen können.
Interessant für Geeks: Jonathan Ive von Apple (Pixar gehört ja quasi Steve Jobs) durfte an EVE mitbasteln, macht man sich das bewusst, sieht das spitze, weiße, eigerförmige Wesen aus wie ein (retro-)futuristischer iPod. Auch bei jedem “Neustart” von WALL·E und dem dann ertönenden Mac-Startsound musste ich wiehern und erbrachte mir so unverständnisvolle Blicke meiner Nebensitzer ein. Den in einem Pixar-Film obligatorischen Pizza-Planet-Truck konnte ich diesmal nirgends sichten, vielleicht irgendwo in all den Schrottbergen auf der Erde?
Ein Logikfehler, der mich nicht loslässt: Warum bitte entschied die Firma “Buy’n Large”, die das Luxus-Raumschiff gebaut hat und der offenbar auf der Erde alles gehörte (Resident Evils Umbrella Corp. lässt grüßen), schon vor 700 Jahren, dass die Menschheit nie auf die Erde zurückkehren dürfe? Wurde da etwa geschnitten? Ich verstehe es nicht, das ist sinnlos. Ich hatte eine KI-Verschwörung größten Ausmaßes in Erinnerung an “I, Robot”s V.I.K.I. erwartet, aber hier sind die Roboter nur die Sklaven-Diener der verfetteten und durch die schwache Gravitation unbeweglich gewordenen Menschen ohne echten eigenen Standpunkt. Das mag auf Kinder vielleicht weniger komplex und verstörend wirken (immerhin bedeutete ein eigener Standpunkt der Roboter schlussfolgerichtig, dass sie sich gegen die Menschen richten könnten und das hat Angst-Potenzial) aber für mich fehlt so der Ausmacher des Roboter-Genres und einmal mehr begriff ich den Film als für Kinder gemacht. Ja, wäre da nicht das Ding mit der Liebe, paradox, nicht wahr? Das Thema der Umweltverschmutzung wird eher komödiantisch vorgesetzt, als für Ratatouilles Gourmet “Ego” raffiniert zubereitet. Da hätte ich doch wirklich mehr erwartet, es hätte die Geschichte exzellent hergegeben. Etwas verwirrt bin ich über das Ende, als die inzwischen lebensfernen Menschen auf die immer noch vermüllte Erde (OK, SPOILER-ALARM! Aber gebt’s zu, Leute, darauf wärt ihr auch selber gekommen) zurückkehren und das als glückliches, erstrebenswertes Ziel sehen – für mich ist das ihr sicherer Tod, aber na gut. Die Wikipedia “schreibt”, im Abspann sähe man, wie sich die Körper der fettleibigen Monster zurückentwickelten und wie die Erde wieder ein Paradies würde; ich blieb bis nach dem Abspann im Kino, nach der diesmal sehr übersichtlichen Aufzählung der deutschen Synchronstimmen ging direkt das Projektorlicht aus und der Vorhang fiel.
Unter’m Strich bleibt ein fantastischer Familienfilm mit Stoff für alle Altersgruppen, der Erwachsene über die zahlreichen Anspielungen auf Klassiker der Science-Fiction zum Schmunzeln bringt und Kinder über WALL·Es tollpatschig-süßes Verhalten zum Lachen. Ansonsten bietet “WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf” eine, wie von Pixar gewohnt, erneut maßstabheraufsetzende Optik und erstmals eine Spur Dystropie.
Für Interessierte empfehle ich noch drei Blog-Artikel, die ich sehr erhellend fand und aus denen ich ganz frech ein paar Ideen für mich klaute:
- Filmkritik: “Wall·E” auf Miss Sophies Blog
- “Wall-E” auf The KingOli Blog
- Filmkritik: “Wall-E” auf Das Blog-Ha.us
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