Selbstfindung
Von der Einsamkeit
0Vor einem Jahr um diese Zeit habe ich gerade mein Abitur geschrieben gehabt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch keine Vorstellung über das Danach. Besser sollte es werden.
Mittlerweile habe ich das erste Semester an der Uni durchharrt und stehe auch noch einigermaßen hinter meiner Fachwahl. Der Kontakt zu meinen alten Mitschülern ist abgebrochen, was wenig überrascht, weil es ihn außerhalb der Schule quasi nicht gab. Mein einziges vertrautes Miteinander der letzten Jahre fand für mich vormittags mit meinen SchulkameradInnen statt. Das war nicht immer gut, aber ich habe viele ins Herz geschlossen, auch wenn ich es ihnen meistens nicht gesagt habe. Sie waren da. Verlässlich. Wir haben etwas miteinander erlebt, wir waren eine Gemeinschaft.
Nach einem Semester an der Uni konnte ich noch keinen Ersatz für solche Beziehungen finden und ich habe das Gefühl, ich werde das dort auch nie finden. Jeder geht ab jetzt seinen eigenen Weg. Ich wohne noch daheim in der nächstgelegenen Stadt, bekomme daher nichts vom studentischen Leben Tübingens mit und habe auch keinen Kontakt zu studentischen Verbindungen. Das waren jetzt sehr trostlose, sehr lange Semesterferien für mich.
Ich denke mir immer: So sollte es nicht sein. Ich sollte nicht so einsam sein. Ich hab keinen Grund dafür. Ich bin 21, weiß viel, bin kein Autist, habe keine Sozialphobie, bin universalinteressiert, reflektiere viel über mich nach, habe mein Ego unter Kontrolle. Nein, ich sollte nicht so einsam sein. Aber ich bin es. Ich kann mit niemandem darüber reden. Ich kann mit Menschen darüber schreiben und die sagen mir dann, ich solle rausgehen und Leute kennenlernen. Aber das ist nicht so einfach. Ich komme mir überall deplatziert vor. Peinlich. Wenn es mal vorkommt, und ich Leute ‘kennenlerne’, dann nur oberflächlich, und gleich sind sie wieder weg, weil ich nicht wusste, wie ich Kontaktmöglichkeiten in nicht aufdringlicher Weise einholen sollte.
Alle meine Freunde und Bekannte des RL habe ich durch Institutionen kennengelernt: Kindergarten, Schule, nichts. Weil, mehr hatte ich eigentlich nicht. Freunde durch Freunde kennenlernen, auf einer Party oder öffentlichen Veranstaltungen, das hatte ich nie. Ich komme mit der Aufgabe nicht klar. Sicherlich spielt eine Rolle, dass ich nie mit Freunden unterwegs bin, nie zu Partys eingeladen werde und keine öffentlichen Veranstaltungen besuche. Weil meine Freunde richtigerweise mit Anführungszeichen geschrieben werden müssten, mich niemand kennt, der Partys schmeißt (oder einlädt) und ich nicht weiß, was ich auf öffentlichen Veranstaltungen soll.
Ich sitze ganz schön in der Scheiße. Jemand könnte sagen, das sei doch bei mir genauso, wie wenn man in eine fremde Stadt zieht, da kennt man auch noch keinen, und bei mir sei doch noch überhaupt nichts verloren, sondern alles zum Besten, ich sei nur ein unbeschriebenes Blatt, und ich solle einfach jetzt damit beginnen, Kontakte aufzubauen. Aber ich habe nie die Kompetenzen dafür entwickeln können. Sorry, ich kann das nicht. Ich bin einsam und ich war mein Leben lang einsam. Ich wünsche mir einen Freund, der mich da bei der Hand nimmt, einen Freund, den ich nicht habe. Ich weiß nicht, was ich tun soll und es macht mich total fertig. Ja, ich bin eines dieser Kellerkinder, das nie raus kommt, nur ohne Keller, und im Sommer gehe ich sogar sehr gerne raus, zum Lesen. Weil, alles andere macht mir allein keine Freude mehr.
Die schönen Dinge, die man in seiner Jugend gewöhnlich so erlebt: Nicht erlebt, weil keine Gelegenheit dazu gehabt. Bei Schulkameraden beobachtet und eine Ahnung davon bekommen, wie das wohl wäre. Nur stets aus der Distanz eine Lebenswirklichkeit betrachtet, die nicht die meine war. Ich dachte immer, das ändert sich noch, und eine lange Zeit hat es mir auch nichts ausgemacht. Aber jetzt bin ich raus aus der Schule, ein echter Student, wenn auch noch daheim lebend, und es hat sich für mich nichts zum Besseren gewendet, es ist schlechter geworden. Zwar gibt es auf der Uni mehr Neukontakt, aber noch weniger Möglichkeiten, um Beziehungsnähe aufzubauen.
Die Situation ist für mich alarmierend. Ich seh für mich da keine Perspektive, bin aber auch kein Selbstmörder-Type. Ich hab im RL überhaupt keinen Anschluss an Gleichaltrige. Ich muss mein Leben irgendwie ändern, sonst werd ich damit nicht glücklich.
Die Menschen auf Twitter sind toll, ohne diesen gesellschaftlichen Austausch und die vielen netten Worte wäre ich heute ein Wrack. Oder hätte vielleicht gerade deswegen doch andere Wege finden müssen, minimalen Austausch haben zu können – mit der Zeit, die für Twitter draufgeht, die ich dann frei gehabt hätte, nicht unrealistisch. Aber Twitter ist auch nicht das RL, es ist eben nur Microblogging.
Ich studiere nichts Technisches. Da spricht man in den Pausen nicht über Betriebssysteme. Mein Wissensvorteil als Computer-Geek hilft mir da nicht bei der Bekanntmachung mit anderen. Fast alle meine Hobbys drehen sich in der einen oder anderen Weise um diesen Kasten, doch ich bin nicht monothematisch interessiert. Es sind sehr viele Dinge, die mich eben letztlich digital erreichen, und damit umzugehen, darin bin ich vielleicht besonders gut als Geek. Aber es muss für mich nicht technisch sein. Ich kann auch etwas zu Goethe, Anthroposophie, oder Feminismus sagen. Aber es kommt nie dazu.
Bei Arbeiten für die Uni weiß ich oft nicht, wie ich die Kraft dafür aufbringen soll. Ich bin unglücklich mit mir. Ein liebes Lächeln oder eine Umarmung wären viel. Niemand umarmt mich. Niemand ist da, der mich anlächeln könnte. Da ist bei mir so viel Einsamkeit, Bitterkeit und Verzweiflung. So sollte das nicht sein.
Können wir uns treffen, auch wenn ich ein seltsamer Junge bin?
4Ich weiß beim besten Willen nicht, was ich mit “normalen” Jungen, die keine Computer-Geeks sind, reden soll. Mit Mädchen/Maiden wüsste ich es. Da kann ich über ziemlich alles sprechen. Jungen wollen mit dir nicht über die wirklich wichtigen, emotionalen Dinge im Leben sprechen. Sie sprechen immer in einer technischen Form, und wenn du sie einmal da raus führst, werden sie gleich sehr unsicher und ihnen wird das Gespräch unbehaglich. Meine Erfahrung ist, dass mir Gespräche mit tollen Mädchen viel mehr nützen als mit Jungen, und dass ich mich dabei viel angenehmer fühle.
Mir geht’s nicht gut. Mir ging es die letzten vier Schuljahre nicht gut, sogar richtig schlecht.
Meine soziale Kompetenz ist nicht stark, ich habe es über die Kursstufe immerhin geschafft, keine groben Verhaltensprobleme mehr in Gruppen zu zeigen, irritiere aber immer noch mit ungewöhnlichen Formen von Unangepasstheit. Ich besitze in helleren Momenten eine heitere, spielerische Natur, aber zusammen immer noch mit einer bissigen Selbst-Hartnäckigkeit, einer Spielart des Perfektionismus, die für Beobachter sehr schwer einzuordnen ist. Ich bin in hellen Momenten skurril, bestenfalls amüsant. Aber nicht so amüsant, dass ich cool wäre und mensch direkt Kontakt mit mir außerhalb der Lehrveranstaltung wollte. Und das sind die hellen Momente.
Niemand kommt auf mich zu und fragt, wollen wir Freunde sein. Derartiges hab ich die letzten 10 Jahre nicht erlebt. Es war immer ich, der deutliches Kontaktinteresse verbalisieren musste.
Ich würde so gern einmal mit jemandem sprechen, der mich einfach mag, mich umarmt und Freund mit mir ist. Mit dem ich einfach ich selbst sein kann, mit dem ich mein Selbst durch seines entdecken kann, ohne eine Rolle erfüllen zu müssen. Ich schaffe es nicht, solche Beziehungen aufzubauen, nicht im RL. Ich weiß gar nicht, wie das geht. Wie mensch zueinander findet und Freude an sich haben kann. In mir fühle ich, dass es möglich sein muss. Aber ich war immer nur allein. Mein Beitrag “Ich wünsche mir einen Freund” von letzten Februar trifft das noch immer auf den Kopf. Ich bin sehr einsam und es zermürbt mich.
Zu den Mädchen: Mir geht es nicht gut und das nimmt mensch wahr, zumindest unbewusst. Darauf angesprochen haben mich in den letzten Jahren nur sehr wenige, meist durch mein desorientiertes Verhalten nachdenklich gemacht, und ich bin ausgewichen.
Wenn du seltsam drauf bist und sie dann fragst, wollen sie nichts mit dir machen. “Ich find Dich cool”, “Ich find Dich inspirierend”, “Es macht Spaß mit Dir”, “Ich fühl mich gut mit Dir” – das führt alles zu nichts. Nie Zeit, wochenlang, monatelang; viel zu tun; nein, ich mag nicht mit Dir.
Ich fand das schlimm. Es hat mich wirklich verletzt. Ich hab mir immer Mühe gegeben.
Es ist eigentlich sehr simpel: Wenn du Mädchen fragst, ob sie was mit dir machen wollen und nicht selbstbewusst rüberkommst, wird die Antwort in den meisten Fällen nein sein. Deine Intention ist dabei egal; ob du einfach nur Freunde suchst, ob du sie inspirierend findest, ob sie dir helfen, mit dir besser klar zu kommen. Ich habe auch wenig Erfahrung mit Jungen, aber ich weiß, dass sie da gnädiger sind, wohl auch, weil sie die Situation selber kennen.
Wenn du irgendwie komisch bist und ein Mädchen dann fragst, dann bittest du sie um ein Date. Eine Strategie, die Falle zu vermeiden, wäre sofort klar zu stellen, dass es aber kein Date sein soll. Absolut kein Interesse, keine Sorge. – Aber ich will das nicht ausschließen, hey, weil ich hetero bin. Ich habe wahrscheinlich sowieso keine Chancen, aber ich will es nicht ausschließen, verdammt!
Tut mir leid, ich bin nicht schwul, können wir trotzdem Freunde sein? NEIN!
Ich leide darunter. Ich weiß auch nicht richtig, was ich will – eigentlich beides (ich glaube, das spüren sie), aber dafür sollte ich mich nicht schlecht fühlen, das ist normal, das will doch jeder. Mir macht es ein schlechtes Gewissen. Ich kann damit nicht umgehen und niemand gibt mir die Chance, damit umgehen zu lernen.
Mir fehlt das soziale Sprungbrett, eine Plattform, auf der man sich schon außerhalb von jedem Unterricht kennenlernen und abschätzen kann. Ich hab nichts. Ich bin dieser Computer-Mensch mit seinem Linux und ungeheurer unbrauchbarem IT-Kulturwissen, daheim.
Jetzt auf der Uni scheint es so weiter zu gehen. Der quantitative Neukontakt ist erheblich mehr geworden, aber die qualitative Nähe noch geringer. Mich macht das sehr traurig. Ich will nicht so allein sein.
Ich wünsche mir einen Freund
2Ich wünsche mir einen Freund.
Einen Freund, mit dem ich auf einer Wiese zu den vorbeiziehenden Wolken schauen kann.
Den Wind auf der Haut spüren, die feinen Gerüche wahrnehmen.
Die Natur erleben. Der mit mir die Natureindrücke in seine Seele aufsaugen kann.
Wir die dezenten Farbnuancen des Himmels in uns aufnehmen.
Barfuß durch das Gras streichen, und der mit mir über feuchtes Moos tapst.
Wir über die Felder rennen und kichern. Kind sein. Frei sein. Ich sein. Ich sein reinstes Du erblicken.
Auf Wolken zeigen. Dasitzen und den Abendhimmel betrachten.
Und während wir dasitzen, mich verstehend anlächelt, und uns die Größe des anderen in einem tiefen Blick offenbart wird, und das große Glück, ein Selbst zu sein. Und miteinander entdecken, wie groß das eig’ne Selbst ist.
Und wenn wir uns verabschieden, uns ein goldenes Glühen der Begegnung in der Brust liegt.
Mit dem ich die Welt erleben kann, wie sie ist, und mich in einer reinen Form. Der mir hilft, die Form herauszuschälen. Momente teilen in einer aufmerksamen Stille.
Mit dem ich tuscheln kann, weil wir uns verstehen. Verschmitzt lächeln über Vorgänge der Außenwelt, deren Einfluss nicht bis über uns reicht.
Wir sprechen nicht über Technik oder Netzpolitik, sondern über Selbsterkenntnis.
Mit dem ich Disney-Zeichentrickfilme schauen kann, und der dabei so große Augen macht wie ich.
Der mich tröstet und aufmuntert. Sagt, es ist nicht so schlimm, und Du hast ja mich, ich bin für Dich da.
Je älter ich werde, umso größer wird die Sehnsucht danach. Es auch einmal spüren zu können.
Ich wünsche mir einen Freund, der mir auch mal sagt, es ist schön, dass es Dich gibt, ich mag Dich. Und wenn wir zusammen sind, ist mir das eine kostbare Zeit, weil Du mir wertvoll bist.
Weil, wenn ich Dich hätte, würde ich Dir das sagen.
Doch – ich weiß nicht wie.
Ich will nicht so allein sein.
Ich weiß nicht, wie das geht. Ein paar nette Worte, und dann ist die Person einfach weg. Für mich verloren. Die Gelegenheit verflogen. Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, wie das geht. Ich würde so gerne, aber weiß nicht, wie das geht. Trau mich nicht. Fühle mich so anders, unwürdig, Kontaktinteresse zu zeigen. Und Angst habe ich, dass ich es kaputt mache und Dich gleich verliere, noch bevor ich Dir näher gekommen bin. Also tu ich nichts, mache das, was ich am besten kann: Ich ignoriere Dich.
Ich wünsche mir so sehr, finde Du zu mir, denn ich bin gefangen in mir selbst. Doch ich weiß, dass Du mich nicht hörst. Vielleicht niemals, und falls doch, wirst Du verschreckt, weil ich so verzweifelt bin. Und ich weiß nicht, was ich tun soll.
Ich wünsche mir einen Freund.
Und wenn Du weiblich bist, wäre das noch umso schöner.
Thank you, Steve
2In memoriam des kreativsten und rücksichtslosesten Innovators des Jahrhunderts, und eines meiner größten Idole. Danke für Dein Wirken auf diesem Planeten. Du ermöglichtest mir ein digitales Leben von unermesslichen Möglichkeiten. Mach’s gut, Steve.
Mich verbindet mit Apple eine Hass-Liebe, einerseits die Geschäftspraktiken ablehnend, andererseits dem faszinierenden Reiz der Produkt-Philosophie erliegend. Seit ich das Geschehen in der IT verfolge, etwa ab 14, ist das Unternehmen bedeutsam für mich dafür, wie ich die digitale Welt erlebe.
Da die bekannten deutschen Geek-Podcast über Apple im Allgemeinen sehr vergnüglich zu hören waren und diesen Sog in ein ganz eigenes (Rückzugs-)Universum mit seinen eigenen Naturgesetzen aufbauten, es also immer etwas neues Spannendes zu entdecken gab – wenn man mit Offenheit daran geht und begeisterungsfähig für Computer ist – wurden die Podcasts zu meinem wöchentlichen Kulturprogramm. Was konnte ich darüber nicht alles miterleben. Was habe ich alles über die Wirtschaft gelernt. Themenfelder waren die Produkte, das Unternehmen, das erweiterte Ökosystem und immer irgendwie dabei und untrennbar die Person Steve Jobs.
Der Mann war Teil meines kulturellen Heranwachsens. Der Ganz-Kosmos seines Unternehmens das Substitut für die Erfahrung von Gruppenzugehörigkeit und -Dynamik in der Pubertät eines sozialverhinderten Geeks.
Wir haben es Jobs’ kompromisslosen Innovations-Geist zu verdanken, der die Branche vielfach, rücksichtslos auf eigene Altlasten, revolutionierte. Ohne seine anthropozentrische Vision der Datenverarbeitung für jedermann, seinen außergewöhnlich einmaligen Anspruch auf Perfektion und praktische Benutzbarkeit, wäre die gesamte digitale Revolution lange nicht dort, wo sie heute steht. Vielleicht hätte sich auch eine völlig andere Benutzbarkeits-Philosophie und ein anderer Anspruch durchgesetzt. Steve Jobs war ein rebellischer Visionär in einer Branche von Ingenieuren und Bilanzschubsern, dessen Ideale sich längst zum Kulturgut erhoben.
Ich danke Dir, Steve. Es ist schwer vorzustellen, dass wir von nun an nichts mehr von Dir hören werden. Dass es ohne Dich weitergehen soll.
Mach’s gut.
are the ones who do.
Kontemplation
0Es gibt Begegnungen, die uns verändern, uns einen Einschein geben in etwas Großes, etwas vorher Ungedachtes. Meist sind sie nicht von großer Dauer, und meist führt die Dauer unserer Erkenntnisbildung weit über die der Situation hinaus.
Eigenart dieser Begegnungen ist ihr seltenes Auftreten und anschließend die bedachtvolle Wehmut, die dankbar auf die Erfahrung blickt.
Es war Frühling, kurz vor Ostern, wohl 3. Klasse, Jahr 2001, ich war wohl 9. Schulschluss, Mittagszeit. Meine halbprivate Grundschule lag ein Stück weg, und so genoss ich den Fahrdienst meiner Mutter.
Nach Unterrichtsschluss packte ich in aller Gemüts Ruhe meinen Ranzen, denn ich hatte Zeit, machte mich auf den Weg, schlenderte durch das Gebäude, passierte die großen Glastüren, und zielte gen links den Elternparkplatz an, der hinter der Schule leicht versetzt auf einer Anhöhe begann. Der Weg hoch zum Parkplatz führte durch eine kleine Laternen- und Baumallee, machte einen Schlenker nach rechts, verlief entlang der Fahrradständer, die ich nie beachtete, und mündete auf dem Platz ein, abgeschlossen auf der linken Seite durch eine letzte Laterne und einen gepflasterten Gehweg.
Dort setzte ich meinen Ranzen ab, mich oft darauf, und wartete. Ich wartete dort oft lange. Ich war einer von denen, die eigentlich immer am längsten warteten. Seltsamerweise kann ich mich nicht erinnern, wo die anderen Schüler ihren Eltern harrten, aber die Wenigsten an meinem Platz.
Ich tat mich recht schwer in meiner Klasse, ich hatte den Dreh beim Umgang mit den Einheiten Freund und Mitschüler-aber-nicht-Freund noch nicht raus, hatte da eine sehr absolute Einstellung. Außerdem hatten wir im Herbst einen neuen Klassenlehrer bekommen, der meine engagierten Eltern und mich unbequem fand. Nach der Schule war ich oft deprimiert. Später sollte ich die Schule wechseln und aus diesem Grund die Klasse wiederholen.
Es war also schon einige Zeit nach Schulschluss vergangen, der Vorhof praktisch geleert. Und dann kam sie. Ich nehme heute an, sie war Parallelklässlerin. Sie kam hoch und stellte ihren Ranzen einen Meter rechts von meinem weiter oben auf den Weg, wo ich gut 3 m vor der Laterne gelangweilt dastand. Geschickt tänzelte sie locker etwas, machte ihren Rücken gerade, schaute kurz über den Parkplatz und sah sich bestätigt, dass für sie noch niemand da war.
Es wehte ein lauer Wind. Die Sonne schien hell, die Szene lag lichtvoll. Es war angenehm, aber nicht warm. Ich betrachtete sie. Ich kannte sie vom Sehen auf dem Schulhof. Sie hatte ein liebes, aufgewecktes Gesicht mit einem weiten Lächeln, das aus dem Schlüsselbein zu kommen schien. Ihre dunklen, schulterlangen Haare mit leichten Locken trug sie nach hinten fallend, sanft im Wind wiegend. Ihre Erscheinung war seltsam majestätisch erhaben, weise. Ganz und gar ein Naturkind.
Aufgeschlossen und kontaktfreudig begann sie ein Gespräch, ich war überrascht.
Sie lächelte ehrlich und entschlossen, unumhaubar. Wie ich damals perverserweise gerade drauf war, sah ich das als Provokation und wollte sie mit meinem gerade etwas verdrießlichen Gemüte konfrontieren und sagte irgendetwas Launisch-Negatives, zusammen mit einer depressiven Rückenhaltung. Ich wurde augenblicklich noch in dem Versuch von einer Gegenwelle positiver Energie umgeworfen, alleine durch ihre Präsenz, ihre Mimik, ihre Augensprache, die flux sagen wollten: »Meinst Du wirklich? Kann doch nich’ sein!« – So was hatte ich noch nicht erlebt! Wie eine magnetische Abstoßung. Ich machte einen Schritt zurück.
Sie sah mich mit wachen Augen an und strahlte unerschöpfliche Fröhlichkeit, Ausgeglichenheit und Alliebe aus.
Ehrfürchtig hielt ich mich darauf zurück; distanziert, schwieg. Sie war ein Sonnenschein, wie es heißt, dass ich einer gewesen sei, vor meinem Augenunfall; aber ihrer war viel stärker. Sie war eine Sonne.
Mit geschickten kompakten Handbewegungen erzählte sie mir eine Anekdote aus ihrem Tag. Meine Gedanken in dem Moment waren:
»Welch ein Engel.
Das habe ich nicht verdient, hier oben mit ihr zu sein, und das ganz alleine.
Ich Griesgram, ich. Mit Sorgen und negativen Gedanken.«
Und diese Gedanken sind original! Ich habe sie mir erhalten!! (Wenn auch nicht in Worten, aber exakt das waren meine emotionalen Eindrücke.)
Wenn ich heute an dieses Ereignis denke, kommen mir noch die Glückstränen.
Ich frage mich immer wieder, was war das nur, was ist damals geschehen, was hat sich damals ereignet?
Es wäre leicht, einfach den Schluss zu ziehen, dass hier die Chemie außerordentlich stimmte und ich mich einfach blitzartig verliebt hatte, aber ich sage euch, das war es nicht. Da war was anderes, irgendetwas ganz Besonderes hat mich dort berührt. Außerdem: Solch enorme Verliebtheitsmerkmale – spontan – mit 9? Unwahrscheinlich.
Seitdem habe ich etwas Vergleichbares mit dieser Intensität nicht mehr erlebt. Zugegeben, das was dem am nächsten kam, waren seitdem Gefühle von Verliebtheit, aber damals war ich noch ganz unbefangen solcherdinge (vergleiche ich es relativ mit meinem Ich von ab 15 Jahren) und auch hormonell noch gar nicht darauf eingestellt.
Und doch, so denk ich insgeheim, muss so die große Liebe sein. Aus dieser Vorstellung heraus war ich auch sprachlos, als sich dann auf dem Gymnasium in der Klasse die ersten “Versuchspärchen” bildeten; die Idee dem Kopf entsprungen; ich konnte das nicht verstehen.
(Ich habe übrigens später selber noch den Fehler gemacht, mit dem Verstand synthetisch fühlen zu *wollen*, als ich in einer besonderen Minderwertigkeitskomplexphase war, in der ich dann selbst glaubte, dies sei die richtige Art der Seeleneindrücke, weil sie ja anscheinend alle um mich praktizierten. Die Folge dieser Verwirrung der Seelenglieder war verheerend. Tatsächlich war es bei den anderen zu der jungen Zeit offenbar ein Erleben noch innerhalb der Empfindungsseele, das ich so nie teilte, und als Beobachter eingebettet in die logische Verstandesseele mit allerlei Widerspruch wahrnahm und falsch nachahmte. Altersdifferenz, Mangel an empirischer Realitätserfahrung, und grundverschiedene unmaterialistische Weltanschauung waren die Begünstiger. Aber das nur am Rande.)
Speziell psychologisch interessant ist es für mich heute, wie mein Selbstwert, besonders in Bezug auf Frauen, damals schon lag, siehe meine Originalgedanken. Ich bezweifle ehrlich gesagt, dass sich die wahren Auslöser dafür in diesem Leben ereigneten, und ich habe viel überlegt. Ich glaube, das ist ein Päckchen, das mir noch aus früheren Inkarnationen aufliegt. Damit stehe ich immer wieder im Konflikt.
Diese Maide hat meine Weltanschauung absolut nachhaltig geprägt, und rückblickend werte ich sie für mich schon fast als eine göttliche Offenbarung und Erscheinung.
Es war ein Schlüsselereignis, ich habe früh eine Kostprobe von etwas sehr Hohem erhalten. Eine Wahrheit wurde mir klar, oder sie verhalf mir vielleicht auch nur dabei, mich wieder daran zu erinnern. Von der Begegnung konnte ich auch in liebes-romantischer Sicht noch sehr lange zehren, ohne überhaupt den Wunsch nach etwas Greifbarem, Nichtgeistigem zu verspüren.
Wir sprachen noch ein wenig miteinander, ich balancierte vielleicht über einige Deko-Steinbrocken an der Seite, dann wurden wir abgeholt. Ich weiß nicht mehr, wessen Mutter zu erst ankam, und wie ich mich verabschiedete, glaube aber, es war ihre. Vielleicht sogar ihr Vater. Ich habe sie nie mehr gesehen. Hielt Ausschau nach ihr, sah sie aber nicht mehr. Glaubte einmal, ihr Gesicht in einer Menge zu sehen. Warum wurde sie an diesem Tag abgeholt und sonst nie mehr?
Es vergeht so viel Zeit. Du hast so viele Erlebnisse, aber nur so wenige Offenbarungen, die sich teilschließen zu etwas Großem, einer Wahrheit. Und Du fragst dich, ob diese Erkenntnisse nicht alle in einem Licht kombiniert sein könnten. Und ob Du diese Faser in dir spüren kannst. Ob Du sie festhalten kannst. Ob Du sie mit deinem Sein verflechten kannst.
Für dich, um all die Fehler nicht machen zu müssen, die Du machst. Für dich, um ein Leben mit dem Vermögen der Erfüllung zu führen. Für dich, als Teil der Wahrheit.
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Notizen für den Text Dezember 2009, weitere Details April 2010, ausgearbeitet und vollendet nun.
Als ich den Ort besuchte, um die Fotos zu machen, ward mir noch ganz schauer.
Mädchengespräche
5Seit der Pubertät hat sich der Kontakt mit Mädchen für mich auf das Nötigste in der Klasse reduziert, seit da, wo ich es am meisten hätte brauchen können. Ich glaube, das könnte mir wirklich gut tun und heilsame Impulse geben, aber es ist eben immer die heikle Geschlechterthematik dazwischen.
Gespräche mit Mädchen zu führen erfüllt und nützt mir mehr, weil sie realistischer (nüchterner), einfühlsamer, und weniger selbstdarstellerisch sind. Das Problem ist nur, dazu zu kommen: Ich habe stets die Befürchtung, es wirke wie eine blöde Anmache. Dabei will ich doch nur reden…
Da die Frauen durch den Geschlechtstrieb der Männer beständig Anfechtungen finden, ja schon von selbst diesen entgegensehen, sobald ein Mann ihnen nahe kommt, umgeben sie sich notwendigerweise mit einer Reihe schützender Vorurteile, die sie auf Distanz und unter Kontrolle wie Bestimmtheit halten, ganz zurecht.
Daraus folgt eine schnelle Abwehrhaltung in Kontaktversuchen, eine depressive Voreinstellung, die man als Mann erst einmal per Überzeugung bezwingen muss: In die Richtung, dass sie einen interessant oder attraktiv finden und gewähren lassen, oder dass sie einen nicht als Interessenten einschätzen und als keine Gefahr sehen, oder aber sie wehren einen ab.
Bei jeder Handlung frage ich mich: Darf ich das? Ist das zu viel? Was könnte sie da interpretieren?
Ab wann ist es eine Anmache, ab wann fühlt sie sich bedrängt und belästigt, ab wann wähnt sie Gefahr und zieht sich zurück?
Ich will keine belästigen, oder das Gefühl davon aufkommen lassen und ich will nicht, dass sie in den Gattungsinstinkt fallen und sich fürchten, nicht bei mir.
Ich habe mich dazu entschlossen, dieses “Klischee” (es ist ja keines) nicht bedienen zu wollen, und bin auch geflissentlich darum bemüht, unter keinen Umständen dafür gehalten zu werden, auch und besonders unbeabsichtigt.
Ich fühlte mich dabei gewöhnlich, selbstsüchtig, berechnend, unethisch, unaufrichtig, und selbst ertappt als Lüstling, der nur nach einem strebt – so will ich nicht sein!
Ich finde die von den Männern gepflegten weiblichen Umgangsarten in diesem Bereich falsch, ich verachte das und ich will nicht für einen von ihnen, mit diesen niederen Zielen gehalten werden, auf keinen Fall, und schon beim Für-Gehalten-Werden geht es um meine Selbstachtung (“Ich habe versagt und wenn ich so offensichtlich versagt habe, dann bin ich vielleicht wirklich so wie die Gattung, dann beseele ich meine Ethik nicht, dann mache ich mir nur in Idealismus selber etwas vor!”).
Das ist, wenn ich gerne einfach reden würde. Und dann gibt’s da ja noch das andere, dass auch ich hin und wieder Interesse hätte…
Was sich da jetzt in mir auftut, ist ziemlich schwierig für mich. Ich stehe im Konflikt mit meinen eigenen Interessen: Dem weiblichen Geschöpf den vollsten Respekt erweisen (was in seiner Extremausprägung bedeutet, gar keinen Kontaktversuch zu lancieren), oder meinem persönlichen Interesse nachzugehen (oder eben auch nur dem Gesprächswunsch). Und momentan stelle ich den Respekt noch an vorderste Stelle.
Es stellt sich mir auch die Frage, soll es offensichtlich sein, darf es offensichtlich sein, oder darf es das gar nicht, und was bedeutet das im Umkehrschluss für mein erwartetes Verhalten, wenn ich nur eine Gesprächspartnerin möchte? Wie signalisiere ich meine Intention ohne Missverständnisse, besonders dasjenige, das man mich in das Männer-Klischee abstempelt – davor habe ich viel Angst und das führte dazu, dass ich mich aus Unsicherheit die letzten Jahre eigentlich gar nicht mit Mädchen außerhalb meiner Klasse zu sprechen traute.
Wie unterscheiden sich Flirt und eine respektvolle selbstbezweckte Unterhaltung in der Umgangsform?
Und wenn ich Interesse habe, wie soll ich mich verhalten, um dennoch nicht pauschalisiert werden zu können? Wie?!
Ich verhalte mich oft vielleicht auch absichtlich etwas kindisch vor Mädchen, nicht mal, wenn ich einen Gesprächswunsch hätte, sondern schon ganz ohne, um es nicht so erscheinen zu lassen, dass ich mich um ein besonders gutes Bild von mir vor ihnen bemühe und ihnen sofort gefährlich werden könnte als charmanter, heimtückischer Aufreißer, einfach um ihnen die Angst zu nehmen. (Oh Gott, die Abstrußität und Selbstbenachteiligung wird mir erst gerade beim Formulieren klar!)
Die Befürchtung beim blosen Gesprächswunsch in mir ist auch, sie denken gegen Ende des Gesprächs, ich war auf einen Flirt oder ein “Näheranschauen” aus, aber sie hätten mir dann doch nicht gefallen und würden das als Verletzung erleben und mir in Folge entsprechend heimzahlen wollen…
Oder ich habe Angst, dass ich mich, trotz aller Vorsicht, bei Interesse oder Gesprächswunsch, falsch verhielte, so dass mein Kontaktversuch als offensichtlichste Anmache gesehen und (mitleidvoll) belacht wird, denn sie alle haben ja schon viel mehr Erfahrung mit so was…
Ich würde mich in der Schule wirklich gerne mal mit ein paar Mädchen unterhalten, die ich wirklich spannende Persönlichkeiten finde, aber es geht nicht.
Aus dem gleichen Grund habe ich Komplexe davor, mit jungen Unterstuflerinnen ganz harmlosen Austausch zu führen, aus der Sorge, ich würde argwöhnisch als notgeiler Anmacher an jüngeren, oder gar Pädophiler gesehen.
Intergeschlechtliche Kommunikation funktioniert für mich nur rudimentär mit den Mädchen aus meiner Klasse, weil da mittlerweile eine Art familiäres Verhältnis herrscht.
Aber wie soll Geschlechterkommunikation überhaupt mit dem Problem der Geschlechtlichkeit unter sonstigen Normalbedingungen in der Gesellschaft funktionieren? Ist die nicht verdammt in eine Schein-Einigkeit des Fortbestehens des Systems wegen und darunter feindsame Spaltung? Ich will gerne mit nein antworten, doch exakt so erlebe ich es.
Ein Problem scheint auch meine Herzlichkeit und Offenheit zu sein: Wenn ich mich ganz natürlich und offen wie ein Kindergartenkind vor Mädchen verhalte, dann werde ich verschreckt und beängstigt angesehen und mit Rückweichung bestraft. Durch diese (für einen Jungen) unübliche Art aktiviert sich also der weibliche Gefahrenschutz.
Wie kann ich also mit Mädchen als Leutschaft sprechen? Das *ist* meine “verhalte dich einfach ganz natürlich”-Art! Die hab ich mir über die Jahre als reinste Form behalten, alles darüber sind bei mir nur aufgesetzte Schutzhüllen! Und ich will doch in solchen (und Interesse-) Situationen dann aufrichtig und ehrlich “ganz ich selbst” sein!
Wie kann ich da nur zu einer Synthese finden, ohne mich zu verstellen? Brauche ich dafür noch mehr gereiften Charakter?
Dazu kommt noch, überhaupt: wie soll ich es nur schaffen, in einer gesteigerter Verliebtheit (nein, kommt nicht oft vor) vor Begeisterung nicht völlig entzückt und überdreht aufzutreten? Fällt mir sehr schwer.
Hier sollte es bewusst mal nur um meine Sorgen und Befürchtungen vor und bei Mädchengesprächen gehen, die anderen Dinge wie Schüchternheit und fatale Unfähigkeit zum verbalen Gespräch lasse ich bewusst hier raus.
Ich frage mich immer wieder, warum es so mit mir gekommen ist, was ist da nur falsch gelaufen…
Ich habe den leisen Verdacht und Angst vor meinen Untiefen, dass manches davon nur eine Sublimation meiner Sozialinkompetenz sein könnte…
Vielleicht sind meine Einstellungen zu dem Ganzen aber auch goldrichtig, was aber nichts daran ändert, dass ich zuschauen muss, und nur das kann, wie die anderen Jungen dennoch Kumpelinen und Freundinnen haben, halten und bekommen. So komme ich ins Zweifeln und das macht es doppelt schwierig. Sie kriegen es hin und ich nicht, das ist der Punkt.
Man merkt: Ich denke ziemlich viel, ziemlich unterbewusst. Ziemlich ungut oft für mich. Gerade hier.
Das ist wieder eines dieser Beispiele, wo ich denke, ich habe des einen zu viel, während (wahrscheinlich) noch der Reife zu wenig.
Warum schreibe ich das alles jetzt? Weil ich es jetzt kann, weil es mir bewusst wurde, und weil ich es klar für mich machen und für die Fragen endlich Lösungen finden will.
Reife + Gedanken
4Ich habe Angst. Ich nehme nicht am gemeinsamen Reifen meiner Gleichaltrigen teil, bin aber gleichzeitig so depressiv, dass ich mich auch nicht besonders mit anderen großen Themen beschäftige. Sehe ich so.
Weder lese ich dicke Romane, programmiere, bin ein Linux-Crack, designe, interessiere mich groß für Naturwissenschaften, spiele ein Instrument, spiele Theater, schreibe Gedichte, oder lerne Tolkien auswendig.
Ich sitze daheim, mache meine Hausaufgaben viel zu selten selbst, lese Twitter, vielleicht noch ein paar IT-Nachrichtenseiten, microblogge selbst, höre seltener Musik, sehe Filme, lese immer mal wieder Esoterik, Philosophie und etwas Weltliteratur, und reflektiere meine Gedanken.
Dieses Geständnis hier abzugeben, hätte ich mich vor einem Jahr und vor meinem Microbloggingbeginn noch nicht getraut.
Ich habe Angst um meine Reife. Große. Ich weiß nicht, wo das mit mir hinführt. Andere, die auch wenig für die Schule machen, und andere, die sich auch so selten in Gesellschaft wie ich befinden, beschäftigen sich zumindest, sind sie intelligent, noch mit gewissen Bereichen in extremer Form. Ich nicht. Ich kann mich mit nichts Erreichtem von mir identifizieren, kann auf fast nichts von mir stolz sein.
Es ist mir oft, als sei ich zu intelligent, wahrlich zu “reif”, um mich auf Dinge einzulassen, mich für sie voller Herzen zu begeistern, oder sie konsequent zu verfolgen.
So, als wüsste ich zu viel, als sähe ich, unbewusst und ohne Anstrengung, geradezu instinktiv, zu weit auf den kommenden Verlauf. Ganz komisch.1
Zu viel offenbar, um ein erfülltes Leben zu führen. Gleichzeitig fasse ich es dann nicht, wie dumm und einfältig ich bin, oder mich eben dadurch so verhalte. Es ist ein ambivalentes Gefühl, ich weiß nicht, was ich von mir denken soll, ist das nun extreme, katastrophal fehlgeleitete Intelligenz, oder große Torheit, und wo ist da noch der Unterschied?
Nicht mal im Microblogging, wovon ich sagen könnte, ich betreibe es exzessiv, bin ich wirklich gut. Meine überschaubare Follower-Anzahl macht mir dabei nicht so viel aus; ich bin mit meinem Stil unzufrieden. Es gibt viele, die nicht weniger sensibel als ich zu sein scheinen, und sich ebenfalls in ihrer aktuellen Lebenssituation unwohl fühlen, aber sie bringen trotzdem noch eine irre Sprachpoesie, Beobachtungsleistung und Realphilosophie auf die Reihe. Das ist dann wieder das, wo ich mir Vorwürfe mache.
Ich weiß, dass ich ziemlich intelligent bin, aber ich nutze die Gabe nicht, und was bringt mir ungeübte Intelligenz; sie muss geschliffen werden durch das Leben zu einem funkelnden Edelstein. Ehrlich, ich sehe das so, dass ich die letzten Jahre verschenkt habe, mich mental und emotional weit nicht so weit entwickelt habe, wie es in meinen Möglichkeiten gestanden wäre – ich muss auch so hart zu mir selbst sein und zugeben, dass ich nicht für alles meine unglückliche Schulsituation verantwortlich machen kann, die hängt dabei mit einer ganzen Menge zusammen, aber ich hätte viel früher aus der Lähmung erwachen können.
Wie ich in meinem Schulleidensbericht2 schon erzählte, habe ich die dritte Klasse wiederholt und bin seitdem mit einen Jahr Jüngeren zusammen. Das Prekäre liegt dabei darin, dass ich außerhalb der Schule nicht unter Menschen bin, die Schule also der einzige Ort ist, an dem ich in Sozialkompetenz und Charakter eine Lernmöglichkeit habe (ein sehr ungünstiger Ort; wie ich *dieses* Jahr langsam mitbekam, verhalten sich junge Leute außerhalb der Schule komplett anders).
Nun ist es so, dass ein Jahr einen großen Unterschied in Intellektsentwicklung ausmacht, ein Gebiet, auf dem ich sowieso weiter als so einige bin. Wir haben also keine gleiche Basis im Verstehen und Auffassen von Dingen, aber sie sind dafür weiter in allem Nachaußentragenden. Eine komische Situation, wenn man das so bedenkt. Es führt dazu, dass mir mein Verstand nicht möglich macht, quasi verbietet, ihren gewöhnlichen Weg des Aufbaus von Kompetenzen in den Gebieten nachzumachen (denn um Selbstbewusstsein, Charakter und stützendes Ego in jungen Jahren aufzubauen, braucht es immer eine bestimmte Verengung und Verkrümmung des Sichtfelds).
Da ich mich dort auch noch zusätzlich in meinen Schulleistungen als schlecht empfinde (→an diesem Ort also, an dem ich Sozialkompetenz und Charakter lernen könnte; erkennt ihr meine Verbindung?), kommt als psychisches Gesamtergebnis ein erwürgender Minderwertigkeitskomplex heraus. Hinein spielt, dass mir durch meine Reflexionsgabe allzeit klar ist, wie falsch ich mich verhalte, wie wenig ich weiß, und was von mir erwartet wird. Der Hauptgrund meiner Depression. Wäre das Bewusstsein darum nicht, ich könnte wenigstens als großes Arschloch noch glücklich leben.
Mein bester Schulfreund seit vier Jahren, der herausragend gut im Leben steht, und an sich markant clever ist, spielt hier auch eine Rolle. Er hat mir sehr oft, bewusst oder unbewusst, ehrlich und ohne Beschönigungen, ganz sachlich meine Unfähigkeiten aufgezeigt, wofür ich ihm dankbar bin, aber dann, das werfe ich ihm vor, mich meistens einfach auf den Erkenntnissen sitzen lassen, ohne mir psychisch zu helfen (wenn auch ich nicht wüsste, wie genau man das könnte, aber vielleicht einfach mit etwas mehr Sensibilität…).
Was er sagte, davon spürte ich, dass es stimmte.
So jemanden Speziellen dann in der eigenen Klasse zu haben, bei dem man die Reifeprozessprozedur in quasi Zeitraffer miterleben kann, zog mich runter und nahm mir Motivation (auch ganz sicher, weil ich gewisse Dinge eindrücklicher verstand als andere). Für meine so kleinen Schritte bekam ich dann, gerade von ihm, was mir wichtig gewesen wäre, weil ich so viel von ihm halte, auch äußerst wenig Lob, was mich weiter niedergeschlagen machte. Das ist schlicht eine ungünstige Zusammenstellung. Ich wage die Behauptung, dass es solche Höhenflieger-Ego-Reife-Typen lange nicht in jeder Klasse gibt, ich hatte hier einen echten “Nachteil”; natürlich ergeben zusammen mit meinen Minderwertigkeitskomplexveranlagungen.
Die Depression geht so weit, dass ich mir viele, viele Dinge da draußen nicht zutraue, dass ich mich für *unwürdig* für eine Menge Dinge halte, mich auf manches nicht konzentrieren kann, selbst wenn ich es will. Da wird das allgemeine Unterlegenheitsgefühl zur Depression.
Mein Gott, ich bin 18! Was gibt es nicht für weitentwickelte 18-Jährige da draußen; ich habe weder Selbstbewusstsein, noch wahren echten Charakter, noch ein (stärkendes und stützendes) Ego. Ich bin eine Null.
Ich habe mich die letzten sechs Jahre in die Parallelwelt der IT verkrochen, sie fast vollständig mein Leben ausfüllen lassen, habe mich tumb machen lassen, bin geflohen vor dem Leben und seinen Herausforderungen, nahm mich oft nicht wahr als freier Geist mit Selbstentscheidungsprivileg, ließ mich in nebliger Wonne apathisch treiben von meiner Tagesbeschäftigung, nicht handeln zu müssen, nicht an mich zu denken, nicht um mich, vergessen können, immer allein, daheim in meinem Zimmer, sechs Jahre, dabei immer mit der dumpfen Ahnung, ja schon in diesem zugeflüchtetem Asyl quälend störend, da ist noch mehr, da ist noch viel mehr in dir.
Was andere als ihre minderjährige Jugend erlebten, da las ich IT-Nachrichten, dokterte an meinen Betriebssystemen herum, und hatte Verständigungsprobleme in der Schule. Bis zur neunten Klasse lässt sich darauf mein Leben reduzieren. Dann mit dieser Klasse und meinem 16. Lebensjahr wurde es besser, ich erkannte zunehmend meine Möglichkeiten und begann, sie zaghaft auszutesten. Doch dann kam etwas, was mir über ein halbes Jahr lang alles düster vernebelte, die zehnte Klasse, in der es lag, war die schlimmste meiner bisherigen Schulzeit (ihr hab sicher schon eine Idee, was so was auslösen könnte). Als ich mich aus der geistigen Klammer entwand, begann ich immer mehr zu verstehen, aber Handeln vermochte ich noch nicht.
Das wird jetzt die Zeit werden, ich will es anpacken, ich will mein Leben ändern, ich will es glücklich machen, und jetzt bin ich fähig dazu.
Und das ist mir so viel Bewusstes, ich weiß gar nicht, wo anfangen.
Um wieder den Bogen zu schlagen zu der Angst um meine Reife und Entwicklung: Oft spüre ich Gedankenblitze aufkommen, die ich beachten, verarbeiten, bearbeiten und Resultate nutzen möchte, aber mir fehlen dazu Informationen, gesellschaftliche, verhaltensbezogene, soziale, mir fehlen sogar Wörter, und ich bleibe mit stotterndem Motor verloren und hilflos in dem Versuch zurück. Man kann das auch so formulieren, dass ich meine Eindrücke nicht in Ergebnisse oder Ausdrücke zu überführen vermag. Meine Intelligenz ist wesentlich höher als meine Reife, das spüre, und das belastet mich seit langem.3 Es macht mich tief unglücklich. So, jetzt ist das raus.
- Das macht es auch schwer, Wörter dafür zu finden – ich weiß es aus einem inneren Gefühl heraus, es ist erst mal keine Logik, die Logik darin muss ich erst selbst suchen und dann versuchen, allverständlich zu vermitteln. (Wobei hier nun gefragt werden darf, ob jene mit viel Anstrengung gefundene Logik alles ist, oder nur das Offensichtlichste, ob in manchem Gefühl nicht ein allumfassendes Verständnis liegt: das irritiert mich, denn wenn ich tiefer in diesen Eindrücken bohre, erkenne ich mehr Details, Beweggründe und Zusammenhänge der Menschen, wie aus einer ewigen Quelle, es gibt selten ein Stopp, es ist ein Denkmodell, das sich aus der Rationalität heraushebt - es ist, als lägen die Informationen in mir, nicht in den Dingen – die Diskussion, die sich nun hierüber wieder auftut, lasse ich mal aus.) [↩]
- Für die Stelle im Schulleidensbericht suchen nach “Was ich vor allem in der Schule bräuchte” [↩]
- Bitte bekommt das mit der Intelligenz nicht in den falschen Hals, ich will nicht angeben und habe auch durch meine objektiven Leistungen keinen Grund dafür, aber ich muss das hier in dieser deutlichen Form schreiben, weil es stets vernachlässigter Part des Problems ist. [↩]


