Berichte und Artikel
Zeiten des Aufruhrs: Die Desktop-Frage 2011 – Eine Analyse
11. Nov 2011
»I don’t want you to think of this as just a film – some process of converting electrons and magnetic impulses into shapes and figures and sounds – no. Listen to me. We’re here to make a dent in the universe. Otherwise, why even be here? We’re creating a completely new consciousness, like an artist or a poet. That’s how you have to think of this. We’re rewriting the history of human thought with what we’re doing.« —Steve Jobs im Spielfilm “Pirates of Silicon Valley”, 1999
Ein Zitat, das mir vermittelnd-bezeichnend zu sein scheint für den Geist des Umbruchs, den wir gerade erleben. Denn es passieren Dinge auf der Welt, die unsere Gedankenwelt verändern, weil wir spüren, dass es Zeit dafür ist.
Doch hier soll es um Linux gehen, und auch dort lässt sich das Zitat einsetzen. Kein anderes Thema war in diesem Jahr im Linux-Umfeld so aufregend wie der Kurs des Linux-Desktops. Es fanden bedeutende Entscheidungen und Veröffentlichungen statt, die mit dem alten Paradigma der Benutzeroberfläche brachen, einfach, weil man fand, es sei an der Zeit.
Ich möchte den Versuch wagen, ein wenig die Zusammenhänge und Ideen zu beleuchten, die die Projekte ausmachen, die mich dieses Jahr so umtrieben. Es ist offensichtlich: Die Reise geht hin zu Touch-optimierten Oberflächen und einer radikalen Zuwendung zu Applikationsorientierung und Semantik, weg von der makrokosmisch offenbarten strukturellen Technik. Oftmals fragt man sich: Gibt es abseits dessen eine Langzeitvision, ist da was? Meine Betrachtung ist offen subjektiv und ich lade zur Diskussion ein.
Es wurde so viel geschrieben. Die Arbeit, die neuen Desktop-Umgebungen bis ins Detail vorzustellen, haben andere gemacht und an Ende dieses Beitrags habe ich einige Links gesetzt.
Kapitel:
1 – Revolution statt Evolution
2 – Unity — die UI-Konzept-Katastrophe
3 – Compiz als Grundlage
4 – Canonical, der Schurke
5 – Flucht!
6 – KDE
7 – Der Wert einer schönen Software-Architektur
8 – Von Integriertheit und Harmonie
9 – Plattform vs. Ökosystem
10 – Feature Regressions
11 – Philosophische Ergüsse
12 – Wo es denn nun hingeht
13 – Neue Geräteklassen und die Konvergenz
14 – Finale
15 – Auswahl weiterführender Artikel
1 – Revolution statt Evolution
Mit Version 3 wurde GNOME seinem seit der Veröffentlichung von Version 2 geführten Entwicklungsmodell untreu, das viele kleine stetige Verbesserungen statt die Konzentration auf große Neuerungen bedeutete. Ergebnis dieser Anstrengungen von 2002 bis 2009 war ein Desktop Environment, ziemlich nah an der Marke, die man Perfektion nennen könnte: Hohe Produktivität, kurze Mauswege, reich an Individualisierungsmöglichkeiten.
Doch die Entwicklung stagnierte, man hatte sich im konzeptionellen Design verfahren. Viele neue Ideen, die die Nutzer wünschten, erschienen ungeeignet für die Art, wie man GNOME mit seinen Panels, Applets und Systray bediente. Der ganze Desktop war Datei-orientiert aufgebaut: Dateien im Dateisystem, nicht Informationen des Nutzers. Für Forderungen wie Benachrichtigungsblasen konnte man im GNOME-Projekt keine Umsetzungsmöglichkeit finden. Es gab eine Menge Ideen die man hätte integrieren können, die Umsetzung aber wäre nicht ganzheitlich gewesen, weil sie das bisherige konsistente UI-Konzept unterlaufen hätte, mit bestehenden runden Paradigmen gebrochen hätte.
Auftritt Canonical 2008: Der vom GNOME-Projekt viel geliebte Ubuntu-Distributor emanzipiert sich. „Sie liefern die beste GNOME-Distribution, sie liefern GNOME so aus, wie es wirklich ist!“, war der Chorus bisher. Canonicals Ayatona-Projekt leuchtet skizzenhaft immer mal wieder auf. Der Ubuntu-Entwickler tritt unberührt der Interface-Mimosen des GNOME-Projektes an die Verwirklichung von unverwirklichten Ideen. Zu aller erst wird ein neues Abmeldemenü rechts im oberen Panel, dann ein Benachrichtigungssystem und dann eine neue Art von interaktivem Panel-Element, Indikatoren, angegangen. Während die Ubuntu-Community den kühnen Vorstoß jubelnd Willkommen heißt, werden GNOME-Entwickler und etablierte Standardisierungsgremien bei den Canonical-Entwürfen großteils übergangen. Die zu keinem Ergebnis führenden, da kontroversen Diskussionen mit GNOME-Leuten werden von Canonical-Entwicklern vermieden, die nötigen Patches mehr oder weniger letztlich selber mit heißer Nadel in die Distributionspakete eingepflegt, ohne dass sie Upstream gehen.
Wer aufmerksam war, konnte in der Ferne bereits den sich abzeichneten unvermeidlichen Bruch von Ubuntu mit GNOME erahnen.
Dann begann die Diskussion zu GNOME Version 3, aus der sich Canonical raushielt, prinzipiell mit dem Verweis auf die geleisteten Eigenentwicklungen zum Wohle des ganzen Desktops, diese möge man doch integrieren.
Der weitere Entwicklungsverlauf von GNOME 3 sei hier ausgespart, ich will mich gleich mit dem Ergebnis beschäftigen:
GNOME 3 hat die Gemüter von vielen langjährigen Nutzern auf Kesseltemperatur gebracht: Es sei zu bevormundend, zu restriktiv; das neue Aktivitäten-Paradigma, nun ganz inhaltzentrisch und Anwendung-orientiert, inkompatibel zum Power-Nutzer; es ließe sich nichts mehr einstellen. (“GNOME 3 ist restriktiver als Apple erlaubt.”) Vieles der Kritik lässt sich mit den von den Entwicklern unterschätzter notwendige Umsetzungszeit erklären, es ist einfach noch nicht fertig; anderes sind grundlegende Design-Entscheidungen, die getroffen wurden, und manchem nicht schmecken.
DIe bei Planung angedachten eigentlich zentralen Elemente ›Zeitgeist‹ und sein Front-End ›Activity Journal‹ zur Aufzeichnung von verschiedenen Nutzer-Aktivitäten in eine systemweite intelligent kombinierende Datenbank mit APIs für alle Anwendungen haben noch immer nicht Einzug in die GNOME-Kompilation gehalten, das betrachte ich als den Startfehler von GNOME 3 überhaupt. Ohne diese Komponenten ist das forcierte neue Bedienparadigma unstimmig, da inkonsequent und unvollendet. Ich hoffe sehr, dass sich da sehr bald etwas tut.
Um es kurz zu machen: Ich bin kein Fan der neuen Aktivitäten-Oberfläche, vor allem, weil sie mir Kontrolle nimmt, die ich vorher hatte – das aber auch hauptsächlich durch Fremdsoftware wie Compiz, das wegen der engen Verzahnung von Aktivitäten-Overlay und Fenstermanager nun nicht mehr direkt einsetzbar ist. Besonders gut gefällt mir das neue Panel-Paradigma mit konsistent integrierten Benachrichtigungen und dynamisch einblendenden Systray-Bereich. Die neue Richtung einer voll Touch-ausgerichteten Oberfläche halte ich für weitsichtig und angebracht. Generell spricht mich GNOME 3 Shell mehr an als das gleich zu behandelnde Unity, vor allem, weil ich eine Vision erkenne, die es dem Nutzer ganz von Herzen einfacher machen möchte. Viele der anfänglichen Kritikpunkte wurden mit GNOME 3.2 entschärft, oder durch die exzellente Scriptbarkeit des neuen Desktops mit externen Erweiterungen behoben. GNOME 3 Shell hat Potential, es ist durchdachte Technik mit einer großen Weitsichtigkeit im UI-Design, die uns noch überraschen wird, aber es braucht mehr Zeit. Für eine neue Generation von Nutzern, die mit Inhalten umgehen möchten und nicht mit Containern, halte ich GNOME 3 Shell (einmal mit Zeitgeist und Activity Journal) für die ideale Oberfläche über Geräteklassen hinweg, und wollte es selber nutzen, wenn ich nicht so ein alter Hase wäre und mehr (nicht erst noch zu erschaffende!) Möglichkeiten gewohnt. Zum Thema der Feature Regressions führe ich weiter unten noch meine Gedanken aus.
2 – Unity — die UI-Konzept-Katastrophe
Canonicals Antwort auf GNOME 3 Shell ist Unity. Hervorgegangen aus einem ursprünglich für Netbooks entwickelten Minimal-Hack auf Compiz zur Bildschirmplatzersparnis entschied sich der Distributor als es ernst mit GNOME 3 Shell wurde, eigene Wege zu gehen, um ›am Markt herausstechen zu können‹. Sonderbares Vorgehen bei einer Linux-Distribution, aber gut, es ist Freie Software. Die Ähnlichkeit der GNOME 3 Shell-Aktivitäten und einiger Elemente von Unity ist nicht zufällig, schließlich waren die Designstudien zu GNOME 3 längst entwickelt. Wie bei GNOME 3 Shell bekommt es der Nutzer bei Unity mit einem revolutionären statt evolutionären Bruch in der Oberfläche zu tun, wenn sich Unitys Bruch auch mehr auf Äußerlichkeiten als das tatsächliche Bedienparadigma bezieht, wie man es bei GNOME 3 Shell versucht. Aber der Reihe nach: Was sie zu dieser UI geritten hat, ich weiß es nicht. Canonical ist eigentlich dafür bekannt, professionelle Benutzbarkeitsstudien durchzuführen – ich habe selber auch damals das Verschieben der Fensterknöpfe nach links begrüßt. Unity betrachte ich als Fehldesign durch und durch.
In meinem Verständnis liegt dieses große Fehldesign konkret bei: Es kann nicht sein, dass man für die Programmsuche die Index-Suche durch Eintippen des Programmamens verwenden muss, weil die alten Menükategorien absichtlich verschwert zugänglich gemacht wurden. Das Konzept funktioniert nicht, wenn ich ein Einsteiger bin und überhaupt nicht weiß, wie die Programme heißen, sondern nur beispielsweise nach einem Schreibprogramm schauen möchte. Oder mir die Programmnamen nicht merken kann (weil sie mir scheißegal sind, zu Recht), oder ich eben *nicht an einem Laptop arbeite* und meine Zwei-Hände-Wege von Maus zu Tastatur nervend lang ausfallen – und nein, das Anpinnen im Dock von jeder kleinen Anwendung, die ich über die Woche brauche, ist keine ernsthafte Alternative dazu (Übrigens: Ich hasse Docks!!).
Zum Vergleich in GNOME 2: Ich fahre an die obere linke Bildschirmecke, klicke und fahre nach unten, hinein in die entsprechende Kategorie, zeige auf die Anwendung, und lasse die Maustaste los. Meistens selbst in meinen vollen Menüs keine zwei Sekunden. Und die Kategorien sind übrigens das, was Einsteiger oft am meisten unter Linux liebten: Weil es das unter Windows nicht gibt! Und was machen GNOME 3 und Unity nun? Sie verleugnen – das kann man so sagen – ja, verleugnen die sinnvollen Anwendungskategorien und möchten das Arsenal am Liebsten als großen Haufen mit Symbolen in Übergröße anzeigen. Und warum? Weil sie Apples iOS kopieren! Sinnverloren! Unity noch mehr als GNOME 3, da sind die Anwendungskategorien wenigstens noch dominant sichtbar, aber auch erst mit ZWEI Klicks zu erreichen, wo bei GNOME 2 einer reichte, um das Menü und später die Anwendung zu öffnen. Im Übrigen halte ich auch das Global Menue von Unity für schwachsinnigen Apple-Kopiertrieb. War bei denen sinnvoll, als man noch niedrigere Auflösungen hatte, und ist es heute auf der hoffentlich bald vollends verreckenden Gerätegattung der Netbooks, aber ich will meinen Bildschirmplatz auch ausnutzen, und auch nicht erst Fenster fokussieren müssen, um über einen Mausumweg in ihr Menü zu gelangen, dessen Sektionen dann außerdem erst beim Maus-Überfahren überhaupt angezeigt werden! – Dass man das Global Menue deinstallieren kann, spielt nichts zur Sache! Fehldesign!
Auch kann es doch nicht sein, dass eine grafische Benutzeroberfläche erst ›wirklich produktiv‹ wird (so schreiben Ubuntu-Fanblogs!), wenn man eine längere Liste Tastenkommandos gelernt hat. – Hallo — eine grafische Benutzeroberfläche sollte es gerade unnötig machen, dass man mit der Tastatur arbeiten *muss*!
Puh, erst mal beruhigen. Man sieht, Oberflächenänderungen verursachen immer hochemotionale Regungen in der Community. Aber Unity ist auch wirklich richtig schlecht. ![]()
In der Anwendungssuche werden zur Installation angebotene Anwendungen prominent angezeigt, während die Liste mit den zu einem Stichwort gesuchten installierten zusammengeklappt wird. Auch irgendeine Strategie, ein Konzept wie man die Verwaltung dieser Such-›Linsen‹ plant, kann ich nicht erkennen. Ich könnte jedes zweite Design-Element von Unity auseinandernehmen; ich sehe darin einfach keine klare Linie und Vision; Stückwerk; der Desktop geht am Nutzer vorbei, zuallererst an mir.
3 – Compiz als Grundlage
Ich bin Compiz-Enthusiast seit 2006. Ich liebe Compiz. Ich weiß, das klingt seltsam. Ich liebe meinen Firefox mit seinen drölfzig Add-Ons und ich liebe mein bis ins letzte Detail konfiguriertes Compiz. Ich liebe es. (Das Wort verwende ich nur mit dem allergrößten Bedacht, doch hier zögere ich keinen Moment, es zu benutzen.) Ohne die Grundparadigmen seiner Bedienung will ich nicht mehr am PC arbeiten.
Ich bin es gewohnt, mit einem Mausschwenk oder Tastendruck das Schicksal von dutzenden Fenstern zu kontrollieren, in einer Geschwindigkeit und Direktheit, die Mac-Nutzer ins Staunen versetzt. Ich liebe die wabbelnden Fenster und die sich aufspannenden Kontextmenüs. Den Würfel – bei mir ein Zylinder – mit den virtuellen Arbeitsoberflächen und 3D-Fenstertiefe. Ich bin verrückt nach allem, was mehr organisches Element, Physik, Plastizität, Realismus in meinen Computer-Alltag bringt.
(Klassiker-Video von 2007)
Canonical baut Unity seit Ubuntu 11.04 auf Grundlage des Compositing-Fenstermanagers Compiz auf. Darin eingegossen lassen sie noch ihr eigenes OpenGL-Toolkit Nux laufen, aber das Zentralmanagement über die Komponenten hat der Fenstermanager. Das Unternehmen befindet sich in einer verzwickten Lage: Ihre Spezial-Patches für GNOME 2 Shell gingen nicht Upstream – wie schon erwähnt durch eine Mischung aus Absonderungswillen und Arroganz – aber jetzt ist GNOME 3 Shell fertig und macht ihre Anpassungen inkompatibel. Nicht einfach inkompatibel, sondern unumsetzbar mit den neuen Gegebenheiten. Man könnte fast meinen, die Erkenntnis traf die Truppe ein bisschen überraschend. Man hat also viel Forschung und Integration über Jahre voran getrieben, und steht plötzlich ohne passendes Fundament da. GNOME 2-Komponenten werden veralten, einen Fork zu machen ein irrwitziges Unterfangen, alles aufgeben will man aber auch nicht, nicht zuletzt, weil es zum Bild der Distribution geworden ist und Nutzer sich daran gewöhnt haben. Was also tun? Canonicals Antwort: Wir nehmen das aktuelle GNOME 3 als Grundlage, ersetzen aber die für unsere Vorhaben unanpassbare Shell durch eine eigene. Ein schöner Kompromiss, will man meinen.
Ich sage: Compiz ist nicht die Lösung. Compiz ist ein außerordentliches Projekt, getrieben vom Experimentiergeist – und das ist auch gut so. Canonical denkt, es sei ihre Lösung und begeht damit einen Fehler: Ist es nicht, denn es ist nicht in das Desktop Environment als ganzes integriert. Hier kommen wir wieder bei den Bedienparadigmen an.
Was sie also tun, ist den Unity-Desktop IN Compiz hineinzubauen, was reichlich absurd ist. Für Compiz sprach wahrscheinlich die extreme Plugin-Architektur; die Situation, das man schon bisher für Desktop-Effekte darauf gesetzt hatte und keine Feature Regessions bei den Nutzern wollte, und ihr offizielles Statement, dass man sich mit Compiz besser auskenne als mit Mutter (der neue GNOME 3 Shell-Fenstermanager mit Compositing-Fähigkeiten). Überhaupt, die neue Unity-Oberfläche sollte 3D sein und Fenster verwalten, da ist es doch am einfachsten, man erweitert einen (unsichtbaren) Fenstermanager um eine (sichtbare) eigene Bedienoberfläche und vereinheitlicht mit einer eigenen Konfiguration. Das haben sie getan, und jetzt haben sie das Problem, dass die GNOME 3-Plattform sich mit jedem Major-Release in sich konsistenter macht in ihrem Ziel, ihr neues Bedienparadigma ganzheitlich umzusetzen. Jede Komponente bei GNOME 3 ist darauf ausgelegt und strebt das Projektziel an, das sich in ganz grundsätzlichen Fragen, eben Bedienparadigmen, von dem doch eher klassischen Ansatz Unitys unterscheidet. Also in Zukunft wieder viele GNOME-Komponenten patchen?
»Hier entsteht dann etwas der Eindruck, dass man bei Canonical nicht so recht weiß, wie man die zunehmend divergierenden Ansätze von GNOME und Ubuntu zusammenbringen kann, um ein rundes Ganzes zu erzeugen.« —derStandard.at-Test von Ubuntu 11.10 (S. 14)
Wenn man sich diese Tragödie anschaut, sieht man wieder ganz deutlich, warum ein offenes Entwicklungsmodell und Kollaboration und gemeinsames verständiges Entwickeln in der Welt von kleinen Unternehmen und offenen Systemen ein MUSS ist.
Trotzdem glaube ich, hat Canonical in Anbetracht ihrer Situation das Richtige getan – zum Einen, weil ihre Patches für neue Konzepte wie Indikatoren nicht Upstream gingen, und das ist de facto ein Problem für sie, zum anderen, weil ihre Ideen teilweise doch wirklich etwas taugen. Sie müssen natürlich noch (sehr viel^^) geschliffen werden, aber sind auf dem besten Wege zu einem tollen Nutzungserlebnis für den nicht professionellen Heimanwender – für die Massen. Maximierte Anwendungen sind z.B. sehr nett umgesetzt. Das Potential ist da. Canonical wird die Verzahnung von Compiz und Desktop irgendwie hinbekommen, aber es wird keine Integration sein und es wird sie noch sehr viel Ressourcen kosten. Ihr Problem ist heute ihr historisches Setzen auf GNOME und dessen Ökosystem (was damals jedoch zweifelsfrei die vernünftigere Wahl war), wenn man den Alleinstellungsdrang sowieso nicht als Problem betrachten will.
4 – Canonical, der Schurke
Ich muss an dieser Stelle meiner Enttäuschung über Ubuntu in den letzten Versionen Luft machen. Ich war Nutzer seit 5.04 Hoary Hedgehog, davor Fedora, Debian und SuSE. Bei Ubuntu habe ich meine Heimat gefunden, eine Distribution, die sich von Release zu Release für mich als Nutzer verbesserte, einfach *funktionierte*, schön schlank kam, auf dass ich meine persönlichen Anpassungen auf sie schmeißen konnte, und mit einfachen Systemtools punktete.
Mit 11.04 Natty Narwhal änderte sich das. Der neue Standarddesktop wurde Unity, und ich hätte in 11.04 noch GNOME 2 Shell trotzdem als meinen Desktop starten können, wäre das vollkommen verhunzte System nicht gewesen. Angefangen von GRUB, der falsch installierte und nun auch keine Installationsoption mehr bot, über den Kernel, der ohne ACPI-Deaktivierung nicht mehr bootete, was in einem permanenten Stromverbrauch des Hexacore-Rechners von über 150 W und hochlaufendem Lüfter resultierte, bis zu widerspenstigen Compiz-Paketen und einer Reihe von Anwendungen, die plötzlich sehr seltsames Verhalten zeigten. Und Ubuntu 11.10 soll ja noch viel kaputter geworden sein.
Der Selbstgeltungszwang und die entschiedene Abgrenzung mit der Marke ›Ubuntu‹ vom restlichen Linux-Distributionsgeschenen von Canonical wird immer schlimmer, und es immer schwerer, die Sonderwege, die Ubuntu geht, in einer Installation loszuwerden.
Die Anstrengungen in das ›Software-Center‹, die angestrebte ›Appifizierung‹ (wie ich ›App‹ für Desktop-Anwendung hasse!) und die enge ›heile Welt‹, in die einen Canonical mit seinem Ökosystem-Korsett zu führen versucht, machen nur umso deutlicher, was schon lange offensichtlich durch das selbstherrliche Auftreten des Unternehmens ist: Sie möchten das ›Apple der Linux-Welt‹ sein. Nebenbei wird Basis-Software wie GIMP und Synaptic aus der Distribution entfernt, ich meine, SYNAPTIC!! Eine Distribution, die den grafischen hochfunktionalen und essentiellen Paketmanager aus der Standardinstallation mit einem App Store ersetzt, ist nicht mehr die meine!
Das Übrige tun die von Canonical gewünschten Copyright Assignment zu Kernprojekten wie dem Sotware-Center (Code-Einreicher geben Canonical unbegrenztes Lizenzierungsrecht über ihren eingereichten Code, dieses kann ihn dann später auch proprietär machen; laut Mark Shuttleworth, um dadurch den ›Wettbewerb‹ mit anderen Projekten zu erhöhen und besseren Code abzuliefern, so argumentiert er, ernsthaft!). Das Unternehmen wird mir unsympathisch bis ins Mark (höhö!). Es lohnt sich, in die Chroniken eines GNOME-Entwicklers über die Zusammenarbeit mit Canonical hineinzulesen.
Das alles war für mich Grund, meine Langzeitbeziehung zu Ubuntu zu beenden und auf Linux Mint Debian Edition/Debian Testing zu wechseln, und langfristig auf KDE 4. Ubuntu 11.04+ bringt mich in die Situation, Linux-Einstiegswilligen keine Empfehlung mehr reinen Herzens für eine Distribution aussprechen zu können. Ubuntu hat meistens funktioniert. Mandriva und Mageia, die vielleicht am ehesten vergleichbaren Distributionen, sind mir zu exotisch, beziehungsweise unpopulär, openSUSE ist leider für den Einsteiger wie den willigen Amateur nach meiner Meinung eine Konfigurations-Katastrophe.
5 – Flucht!
Wie bereits ausgeführt, bin ich ehrlich angetan von GNOMEs neuem Nutzungsparadigma, aber es ist nichts für mich, weil ich mit etwas mehr technischem Verständnis als der Normalnutzer weiß, wie ich schneller ans Ziel komme als über die neuen chicen Nutzungswege, die GNOME 3 einführt. Sie vereinfachen vieles bisher Versteckte und Komplizierte und machen es einfacher zu lernen, aber ich bin nun mal versierter und schon ganz andere (multiple) Möglichkeiten gewohnt als die, die das neue GNOME mir nun noch anbietet. Es ist tatsächlich intuitiver; uns fällt das wahrscheinlich nicht auf, weil wir schon so ›versaut‹ von der Technik-abstammenden Bedienung sind. Ich werde damit langsamer, aber ich bin mir sicher, ein Großteil der Nutzer wird damit schneller.
Als GNOME 3-Abtrünniger hat man überschaubare Optionen, sofern man bei einer großen integrierten Desktop-Umgebung bleiben möchte, weil man den gebotenen Komfort schätzt: Festhalten an GNOME 2 beziehungsweise dem Fork ›MATE‹, Wechsel auf Xfce, oder Migration auf KDE SC 4. Ich sage bewusst Migration, weil KDE eine ›andere Welt‹ ist mit seinen Qt-Anwendungen und eigenem Bibliotheken-Fundus als GNOME und Xfce mit GTK+.
Ja, die Arbeit der Xfce-Entwickler wird in der Presse nicht gewürdigt. Die Desktop-Umgebung liefert ein schön integriertes Anwendungsarsenal und bietet fortgeschrittene Features, die sich teils mehr als mit GNOME messen lassen können (teil aber auch gar nicht). Insgesamt steht Xfce für Reduktion von UI-Firlefanz und Addition von Pro-User-wesentlicher Funktionalität. Der gewisse ›Firlefanz‹ hat mir in Xfce immer gefehlt, aber es ist eine sehr solide Oberfläche.
Nicht wenige wählten die Alternative nach ihrer Enttäuschung über Unity oder persönlichen Inkompatibilität mit GNOME 3 als ihr Refugium. Das ist keinesfalls verwerflich, doch jeder sollte sich klar machen: Xfce steht für die Stagnation von UI-Evolution. Klassisch und konservativ. Wer sich dafür entscheidet, steigt mit gewisser Endgültigkeit aus der *sinnvollen* Diskussion sowie Fortevolution der Desktop-Metaphern aus.
Das Selbe ist übrigens der Fall bei allen, die den GNOME 2-Fork MATE aufgesprungen sind. Bei diesem ist obendrein höchst ungewiss, wie lange das Projekt überhaupt mit dem Mega-Unterfangen durchhält. Ähnliches Problem wie beim KDE 3-Fork Trinity.
Immer ernsthafter in Erwägung sollte auch das Bleiben bei GNOME mit GNOME 3 gezogen werden, das durch das von Woche zu Woche breiter werdende Angebot an GNOME 3-Anpassungsscripten zusehends attraktiver wird. Die Ubuntu zur Basis nehmende Distribution (also Achtung!) Linux Mint 12 will z.B. mit Mint GNOME Shell Extensions ›MGSE‹ (siehe Bild) das Nutzungsparadigma von GNOME 2 mit seiner klassischen Datei-orientierten Fensterliste und Anwendungsmenüs für GNOME 3-Anwender retten – und dennoch GNOME 3 Shell laufen lassen. Ein Ansatz, den ich für am vielversprechendsten halte.
6 – KDE
Ich habe vor, noch 2011 endgültig auf KDE 4 Plasma zu wechseln, weil die eingeschlagene Richtung der GNOME 3 Shell mich zu sehr in meiner Arbeitsweise einschränkt und ich mit KDE Plasma schon länger liebäugele. Diesen Juli veröffentlichte das KDE-Projekt Version 4.7 von KDE Software Compilation (SC) und ich habe dem Termin ziemlich entgegengefiebert.
Ich möchte jeden ermutigen, die Desktop-Umgebung auszuprobieren, es macht wirklich sehr viel Spaß. Wie ich schon Dezember 2008 auf Twitter schrieb, kombiniert KDE 4 die grafische Eleganz von Apples Aqua mit der Konfigurierbarkeit und dem Funktionsreichtum von KDE 3 – eine mächtige Mischung, deren gesundes Verhältnis zu erforschen eben auch nicht ohne Experimente gelingen kann. Wer bisher nur KDE 3 kennt, wird sehr überrascht sein, wie das Projekt das Benutzerparadigma weiterentwickelt hat.
Hochinteressant ist das Streben nach der der Nutzbarmachung von sogenannten ›Aktivitäten‹, eine logische Weiterentwickelung von mehreren virtuellen Arbeitsoberflächen. Die Oberfläche soll sich kontextorientiert an die Aufgabe anpassen, also entsprechende Widgets anzeigen, Programmgruppen starten, oder in angepassten Programmen nur bestimmte Funktionen oder Inhalte anbieten. Das hört sich äußerst abstrakt an, man kann sich aber einen Nutzen ganz leicht schon vorstellen, wenn man nur einmal an die unterschiedlichen Nutzungsszenarien von Arbeit/Freizeit denkt. Aktivitäten-Fähigkeiten halten in immer mehr Komponenten des Desktops Einzug und der zukünftige Nutzen für mobile und Ultramobil-Geräte wie Tablets und Smartphones lässt sich schon erahnen.
Von dem persönlichen Umstiegs-Schritt hält mich bisher noch KWins Trägheit auf meiner Hardware und mangelnde Eleganz in Details als alter Compiz-Poweruser, und Dolphins oftmals etwas unlogisches Verhalten ab (abgesehen von dem weiterhin Vermissen von aktuellen Paketen für Debian Unstable *seufz*). Überhaupt sind die meisten KDE-Programme eigentlich extrem cool, doch an der Alltagsbenutzbarkeit scheitert es zu oft an kleinen nervigen Details. Aber das wird; hoffe ich zumindest. Wenn man keinen Code einreicht, ist es immer schwierig mit den Feature Requests bei diesen Bug-geplagten Großprojekten. Die Arbeiten an KDE SC 4.8 sehen auch schon sehr vielversprechend aus.
Beispiel Dateimanager Dolphin 2.0 im kommenden KDE SC 4.8: Sehr verheißungsvoll, sehr lecker.
7 – Der Wert einer schönen Software-Architektur
KDE 4.0 Developer Preview war die Grundsteinlegung für eine gänzlich neu gedachte Anwendungsplattform. Ich halte das KDE-Prinzip für die durchdachtere Lösung, für langfristig besser angelegt, und es wird sich mit der Zeit sicher noch auszahlen. Ein Wort: Frameworks. Alles wurde abstrahiert, alles wurde dynamisch austauschbar und portierbar gemacht. Eine ausgezeichnete Einführung in die Software-Architektur von KDE SC 4 bekommt man in der Release Event Keynote von 4.0 bei Google.
Zwei der ganz großen Frameworks sind Phonon und Solid. Phonon als Multimedia-API, Solid als Schnittstelle für die Erkennung von Hardwarekomponenten. Beispielsweise hat es zwar *hust* Jahre gedauert, bis nun auch in KDE GStreamer als Backend für Phonon richtig eingezogen ist (wie bei GNOME, das früh komplett und exklusiv ohne Abstraktion darauf setzte), aber das Meta-Modell – an dieser Stelle mit Phonon und den austauschbaren Sound-Backends – bot per Design größtmögliche Wahl, Freiheit und Potentialentwicklingschancen; hätte über die Jahre auch verhältnismäßig leicht auf neue Entwicklungen reagieren können. Dass vieles bei KDE SC so lange brauchte, ist wahrscheinlich der Zahl der Entwickler und der ›selbstverschuldeten‹ zu erst notwendigen Schaffung und Stabilisierung von Meta-Frameworks geschuldet.
Jetzt, da KDE mit Plasma Active auf Tablets und Smartphones expandieren will, zahlt sich die Entwicklungsarbeit in Solid aus, da nun Dinge wie Multicore-Erkennung nicht für eine andere ganz eigen-spezifische Hardware-Plattform in dutzende Anwendungen händisch eingepflegt werden muss, sondern ein zentrales Framework die Informationen aggregiert und verteilt. Gerade bei Plasma Active wird deutlich, wie massiv skalierbar KDE 4 angelegt ist: Die verschiedenen Plasma Workspaces als dezidierte Oberflächen für verschiedene Geräte-Klassen basieren alle auf dem selben Widget-, bzw. ›Plasmoid‹-Arsenal und den selben Technologien, die hochabstrahiert neuangeordnet und neuintegriert neue Einsatzzwecke ermöglichen. Die Plattform war per Design darauf ausgelegt, über Geräte-Klassen hinweg eingesetzt werden zu können.
Damit ist man dann vielleicht auch bei dem Kritikpunkt an KDE, der vor allem von GNOME-Anwendern vorgebracht wird: Es wird eine eindeutige Vision für ein Oberflächenmodell vermisst. Alles ist Baustein, doch der Kathedralen-Architekt ist nicht so richtig anwesend. Wo die Visionäre des GNOME-Lagers Human Interface Guidelines schreiben und UI-Skizzen auf dem Flip-Chart Board machen, sind die Visionäre im KDE-Projekt passionierte Technik-Designer. Sie würden sich eigentlich bestens ergänzen. (Wer den Hinweis mit der Kathedrale verstanden hat, ist gut; es ist richtig: Wir wollen doch mit freier Software eine Kathedrale bauen, die in ihrer Größe den Vergleich nicht mit den proprietären Domen zu scheuen braucht; der Basar braucht einen Baumeister!)
Leider begeisterte auch mich in der Vergangenheit das Entwicklungsmodell der KDE-Plattform mehr, als das wirkliche Nutzen. Plasmoid-Zeug, das alles irgendwie spinnt, instabil ist, plötzliches Verschwinden von Kontrollleisten und fitzelige Details in Plasmoid-Oberflächen und systemauslastende Hintergrunddienste sind nur einige der nicht richtig schönen Eigenarten des Desktops, an denen ich aneckte. Doch es wird besser, rapide.
8 – Von Integriertheit und Harmonie
Compiz war damals revolutionär, und der erste wirkliche Effekte-WM (obwohl schon KDE 3 anno dazumal (2004?) einige hochexperimentelle Compositing-Effekte bot) und sollte – wie seine Entwickler selber betonten – die Spielwiese für neue Konzepte sein, die dann in die nativen Fenstermanager der Desktops integriert werden sollten. Alleine das ist sinnvoll für den Standardnutzer. Compiz ist einfach ein Monster für sich und so hübsch es auch ist, gehört dieses Experimentierolymp in keine Normalnutzer-Standardinstallation.
GNOME 3 hat mit dem Fenstermanager ›Mutter‹ die Chance vertan, ein ordentliches Animations- und Erweiterungsframework zu schaffen – das Ding ist statisch wie der Microsoft Windows Desktop Window Manager. (Ja, es geht offenbar irgendwie, die Fokus-Effekt-Erweiterung sieht für mich aber wie eine ›Injection‹ oder Hack aus, nicht wie der Gebrauch einer dafür ausgelegten Schnittstelle.) Immerhin sind Pläne im Gespräch, das Animationsframework Clutter direkt in Mutter und GTK+ zu integrieren, und nicht nur als Abhängigkeit einzubinden. Dies würde eine völlig neue Art von GNOME-Anwendungen ermöglichen, die starken Gebrauch von Mac-artigen Effekten machen, und diese mit Wissen über die Desktop-Geometrie verknüpfen (ähnliches ist bei KWin auch im Gange).
KDE SC macht es dagegen richtig: Perfektes Zusammenspiel von Desktop Plasma und Fenstermanager KWin – von Beginn an so konzipiert, natürlich modular. Man spürt, wie alles schön durchdacht ist und ineinander übergreift, wie Plasmoid-Anwendungswidgets Gebrauch von KWin machen; die KWin-Einstellungen im KDE SC-Kontrollzentrum sitzen und perfekt mit der Konfiguration und dem Verhalten der Arbeitsoberfläche zusammenspielen; es fühlt sich alles wie aus einem Guss an. Das mag ich, und KDE – darum teilweise auch meine Euphorie – überträgt Systemparadigmen von Mac OS X hierbei auf den freien Linux-Desktop, wie man es in dieser Integriertheit und Innen-System-Harmonie dort bisher noch nicht sah.
Die Arbeit ist großartig! Die besprochene Integriertheit zieht sich bei KDE SC durch alle Bereiche: Die Benachrichtigungen können im Kontrollzentrum feingranular für jede Anwendung und Funktion aktiviert oder deaktiviert werden, gleich verfährt man mit einem zentralen Kontrollpult bei der Einrichtung von Tastenkombinationen für alle KDE-Anwendungen – es ist ein Traum!
GNOME 3 versucht mit seinem neuen Systemeinstellungen mit KDE SC 4 gleichzuziehen, hat aber noch verdammt viel nachzuholen. Traditionell wurde bei GNOME alles auf seiner Insel entwickelt, und später Upstream gebracht. Bei GNOME 3 hatten die Entwickler sich die Herausforderung gestellt, verschiedene Systemtools unter einer wirklich-wirklich konsistenten Konfigurationsoberfläche zu vereinen.
9 – Plattform vs. Ökosystem
Mit GNOME 3 ist ein verstärkter Trend vom Insel-Upstream-Zusammenarbeiten hin zum Komponentenmodell erkennbar. Die nun tiefer verzahnten Systemelemente formen gemeinsam den Desktop. Tatsächlich aber verhält es sich so, dass GNOME, ähnlich Apple im Vorgehen, ein eigenes Ökosystem schafft, während KDE SC eine Plattform darstellt, in die man Komponenten hineinstecken kann, und welche diese dann in einem dynamischen Prozess integriert.
Das habe ich schon an KDEs Herangehensweise an das Thema Multimedia-Backends illustriert: Man erstellt ein Meta-Framework, in die sich diese, oder eine jene andere Entwicklung backend-en lässt. Man ist hochflexibel, man ist auf der Geschwindigkeit der Strömung der Linux-Technologie, zumindest in der Theorie — und man ermöglicht mehr evolutionäre Auslese und den Nutzern mehr Freiheit.
Unterstrichen werden kann meine Meinung mit GNOMEs öffentlichen Überlegungen, zukünftig GTK+ und GNOME nur mehr für Linux und keine anderen UNIXoide – und Windows, man denke an die Auswirkung auf GIMP – zu entwickeln. Das ist eindeutig Ökosystem-Strategie.
Dass Canonicals Unity-Prozess eine langausgelegte Ökosystemstrategie zur Marktdifferenzierung ist, brauche ich eigentlich gar nicht erst zu erwähnen. Interessanterweise scheinen sie mit all ihrer Absonderungsarbeit tatsächlich eine eigene Plattform zum Ziel zu haben – aber ganz im autoritären Stile Apples.
Ulkigerweise scheint dem Unternehmen selbst noch nicht klar ist, wie diese aussehen soll – zu beobachten an dem ständigen Wechsel von Toolkits; der Bestrebung für eine eigene Entwicklungsumgebung, aber jetzt schon mit veralteten Technologien usw. usf..
Das sind meine Beobachtungen. Hieraus ergibt sich für mich die Erkenntnis, dass die KDE SC-Plattform eher das darstellt, was ich unter Linux und freier Software verstehe. Und nutzen möchte.
10 – Feature Regressions
“Never touch a running system”? Doch! Warum? Weil wir Fortschritt wollen und Fortschritt bedeutet auch Bruch mit Altem. Man muss aber fairerweise unterscheiden: Zum einen die evolutionäre und revolutionäre Weiterentwicklung von Software, die Brüche in Paradigmen, Funktionalität, Kompatibilität nötig macht, will sie Fortschritt erreichen, und will sie sich sanieren. Zum anderen ›das Recht des Nutzers‹ auf allgemeine Funktionsfähigkeit. Sind Entscheidungen von Großprojekten mit großer Nutzerbasis, ›alles neu zu schreiben‹, tragbar? Ist es richtig, den Nutzer, selbst wenn nur vorrübergehend, mit starken Feature Regressions zu konfrontieren, sogar mit völlig neuen UI-Ansätzen, hat er sich doch über die Jahre an die Software gewöhnt und erwartet, dass sie nicht bricht? Es ist fast schon eine ethische Fragestellung, und sie ist bewusst provokant formuliert. Aus technischer und projektzentrierter Sicht fällt die Antwort nicht schwer: Das Übel nimmt man in Kauf für die Zukunft des Projektes, sei es eine Plattformaktualisierung, ein Schwenk auf eine elegantere Programmiersprache, die für das Projekt besser geeignet ist, oder die Neuorientierung für neue Interaktionsmodelle, oder alles zusammen. Das Problem wirkt sich insbesondere bei Projekten negativ aus, die sehr viel mehr technikbegeisterte Entwickler mit To-Boldly-Go-Innovationstrieb als Nutzbarkeitsinteressierte haben: Die Nutzer fühlen sich dann unverstanden. (Hier ein schieler Blick auf KDE SC 4.) Was dagegen getan werden kann: Kommunikation der Absichten. Kommunikation ist das Wichtigste.
11 – Philosophische Ergüsse
Das Wesen eines Linux-Geeks kennzeichnet sich mit dadurch, dass er hofft, dass alles besser *wird*. Wir sind ausdauernde Idealisten. (Ein Grund übrigens, weshalb ich an eine Piratenpartei mit einer Großzahl IT-Verständigen glaube.) Wir sind zäh und wir nehmen mitunter unsagbare Verluste in Bedienung und Funktionsumfang in Kauf, weil wir überzeugt auf ein großes Ziel hinleben, sei es ideologisch im Sinne der Freiheit, sei es durch den Gedanken an die neuen Horizonte, die sich durch Architekturumbauten werden anschiffen lassen. Weil wir daran glauben. Weil wir immer ein perfekteres Softwaredesign als Selbstzweck anstreben. Wir kämpfen nicht für uns, sondern dafür, dass das Ding besser wird. Das macht uns zu den Guten. Und das gibt uns die moralische Legitimation dafür, Dinge zu brechen.
So weit, so schön. Doch die Sache geht über ihren Selbstzweck hinaus in die größere Einheit ›Ziel‹. Denn IT-Projekte wären als reiner Selbstzweck – „Weil wir es können!“ – sinnlos. Ihr Selbstzweck liegt in ihrer Schönheit und fortwährender Evolution des Dinges. Und euch ist schon meine Verwendung des Begriffes ›Ding‹ aufgefallen: Genau das sind diese Projekte nämlich nur – sachliche Dinge. Nichts tut man sachlich ohne menschlichen Nutzen
– und dieser sind die Nutzer, aber natürlich auch der persönlich-menschliche Spieltrieb der Entwickler, welche diese ›Dinge‹ erst beleben. Kommen wir nun auf die Kommunikation zurück, die als Element zwischen Entwickler und Nutzer wichtig ist. Ein Ausloten zwischen Nutzerinteressen und denen des Dinges ist notwendig, und hier vertrete ich die Meinung, dass das Dinginteresse höher gestellt werden sollte: Darauf baut alles auf, was das Projekt als Ganzes ist. Die Nutzer können sich vor Brüchen sträuben, wie sie wollen – Blockierung der Umsetzung des Idealismus der Entwickler führt zum langsamen Tod des Projektes, nämlich metaphorisch gesprochen zur Hemmung der Fortevolution und damit zum Aussterben. Nur kann es sein, dass die Entwickler den rechten Evolutionspfad noch nicht kennen – unwahrscheinlich, aber möglich – und da liegen die Nutzer in der Verantwortung. In Verantwortung für das, was die reine, bessere Architektur des Dinges ist, nicht in Verantwortung dafür, sie an sich anzupassen.
C.L.U. 2 aus Tron: Legacy: Ein Programm, das in Idealismus geschrieben wurde, die Welt zu verbessern, dies aber zum Selbstzweck macht und nach vernichtender Perfektion strebt. Was ihm fehlt: Das Ziel für die Gemeinschaft.
12 – Wo es denn nun hingeht
Ich konnte hierfür Leszek, der mit seinem Podcast und vormals PDF-Magazin Techview seit Jahren eines meiner inspirierenden Vorbilder in Sachen Linux- und IT-News-Geek ist, zu einem Kommentar überreden =) :
»Ich glaube, eine große Vision gibt es in den Desktops nicht mehr. Alle scheinen sich in die Entwicklung Touch zu bewegen und gleichzeitig neue Infrastrukturen in Form von Bibliotheken bzw. API-Anbindungen für die Integration von Webapplikationen zu bieten. KDE beispielsweise setzt neben Solid jetzt auch richtig auf den E-Mail-/Kontakte-/Kalender-Austauschdienst Akonadi. GNOME 3 integriert ebenfalls mit ›Kontakte‹ und ›Dokumente‹ das Web in die Desktopoberfläche. Windows 8 soll ebenfalls eine Integration von verschiedenen Diensten bieten, dass sogar soweit geht, dass im Öffnen-/Speichern-Dialog Webressourcen wie GMail, Flickr usw. angezeigt werden. Ich denke, im Nachfolger von OS X Lion wird es ähnlich werden.
Augenscheinlich ist aber, dass Microsoft und die Linux-Desktops ihr Aussehen und ihr Bedienkonzept teilweise komplett ändern. Bei Mac OS X fehlt das noch. Ich könnte mir vorstellen, dass Launchpad (der ›iOS-Launcher‹ für den Desktop) bei der nächsten Version noch weiter ausgebaut werden wird und dann eventuell als Desktopersatz zum Standard erklärt wird.« Danke! (Einen Blick wert sind übrigens auch seine Linux-Distributionen ZevenOS und ZevenOS-Neptune!)
Faszinierend zu beobachten ist im Moment, dass sich drei der größten Arbeitsoberflächen in sehr ähnliche Richtungen entwickeln: GNOME 3, Canonicals Unity, Apples Mac OS X Aqua. Ein interessanter weiterführender Denkanstoß dazu bietet der Artikel Mac OS X Lion Features are Ubuntu Rip-Off.
Da kann ich gleich einhaken: Es gibt gute Gründe, warum ich nicht OS X als Haupt-OS nutze, obwohl ich einen Hackintosh besitze: Ich will die Oberfläche nicht auf Dauer nutzen müssen. Sie schränkt mich ein, sie ist hinderlich, verumständlicht Abläufe. Aqua ist ein zwar perfekt designtes, aber fitzeliges UI, das mich in seine akkuraten Bahnen zwingt. Die Linux-Desktops waren bisher selbst mit dem behütenden GNOME Gegenentwürfe zu dieser Mentalität, doch GNOME 3 und Unity reißen das Ruder ganz klar in Richtung Apple-Kopie. Ich habe Bedenken bei dieser Entwicklung. Mittlerweile kann ich es jedoch, so es um GNOME 3 geht, für mich relativieren, da immer mehr vorhandene Userscripte ein umfangreicheres Personalisieren ermöglichen.
Die Strömungen, die ich so erkenne, sind generell der Wunsch, Dateien zu Informationen zu machen und als Information behandelnd zu kategorisieren. GNOME 3 und indirekt Unity haben mit Zeitgeist und dem Activity Journal aufregende Forschungsfelder aufgetan und dabei Pionierarbeit geleistet. Was habe ich gestern für Dokumente bearbeitet, welche Videos habe ich gesehen, was ist meine meistgespielte Musik des Monats? Welche Programme habe ich wofür wann verwendet, wo habe ich gespeichert? Solche Fragen können die GNOME-Unterprojekte beantworten und stellen dabei Schnittstellen für alle Destop-Anwendungen zur Verfügung, womit diese Zugriff auf Datenbanken mit großen Wissen über die Nutzergewohnheiten erlangen, was zu einer noch nie gekannten ›Service-Intelligenz‹ der Computeroberfläche führen kann. Bild: Activity-Journal-Prototyp. Soll letztlich direkt in die ›Aktivitäten‹-Shell-Oberfläche mit reicher Such-Grammatik integriert werden.
Erfreulich hier, dass auch KDE an der Integration von Zeitgeist arbeitet. Umso erfreulicher, dass KDE im Rahmen seines Nepomuk-Projekts, das sogar von der EU mit Millionen Euro mitfinanziert wurde, an einem – Framework – wie sollte es anders sein – zur Sammlung und Vernetzung von verschiedendsten Metadaten über Dateien arbeitet. Das Ergebnis eines so von den Anwendungen automatisch getätigten Durchbeschriften mit Schlagwörtern und technischen Informationen und der vom Anwender selbst mitgeteilten persönlichen Bedeutung für ihn im Sinne einer Qualität, bahnt ebenfalls die Straße zu einer neuen Generation von Anwendungen: Die, welche von einer zentralen Datenbank gefüttert, Ontologie-basiert, erstmals wissen, *was auf dem Computer IST*, und welche Beziehung es zum Nutzer hat. Klassische Index-Suchen werden nebenbei auch immer besser, und sind wie bei KDE SC 4 schon tief in der Standardkompilation integriert. Es wäre jedoch wünschenswert, dass die KDE-Entwickler es cooler finden würden, mehr Frontend-Bewegung erkennen zu lassen, als über die ungeahnten Möglichkeiten ihrer Technologie zu philosophieren, sonst bleibt der semantische Desktop auf KDE leider weiterhin ein Buzzword.
Wie schon herausgekommen sein müsste, habe ich ein Faible für Schönheit in Konzept-Architektur. So bin ich auch ein großer Fan von BeOS und Haiku, die ihrerseits durch ein extrem modulares, dynamisches Konzept bestechen. Das 2000 wegen Microsoft’schen Kartellverstößen aufgegebene Betriebssystem BeOS (und dessen Open Source-Nachbildung Haiku) führte das Be File System BFS ein, das noch nach heutigen Maßstäben eine Revolution darstellt: Metadaten und Programm-Assoziationen zu Dateien werden in eine im Dateisystem integrierte Datenbank geschrieben. Dies hat weitreichende Konsequenzen für alle Anwendungen auf dem System, die sich viel Code sparen, und obendrein untereinander interoperabler werden. Auch die Dateisuche findet direkt über die Dateisystem-Datenbank ohne zusätzlichen Indizierungsdienst statt, ist also ressourcensparend und extrem flink.
Das habe ich an den neuen Ideen des Linux-Desktops zu kritisieren: Sie können schnell in ›Bloatware‹ ausarten. Zeitgeist, Nepomuk, Strigi, Tracker, Akonadi und wie sie alle heißen, sind zusätzliche Dienste, die eine weitere Abstraktionsschicht auf das Dateisystem legen. Microsoft hatte Großes bei Windows Codename: Longhorn vor mit WinFS, das in eine ähnliche Richtung ging, ist aber bei der Entwicklung wegen der hoffnungslosen Aufblähung und Verkomplexierung gescheitert. Warum setzen sich die Desktop-Entwickler nicht mal mit den Kernel-Entwicklern zusammen, und sprechen über Metadaten auf Dateisystemebene? Warum lässt man die Chance bei dem gerade heranreifenden Next-Gen-Dateisystem Btrfs verstreichen, wirkliche tiefgreifende Innovation für den Desktop zu ermöglichen?
13 – Neue Geräteklassen und die Konvergenz
Einer der sich für nächstes Jahr abzeichnenden Computing-Trends sind Ultrabooks. Ultrabook – Intels Spezifikation für extrem flache Notebooks im Stile des MacBook Air. Der Chip-Hersteller hat für dieses neue Segment sein umfassendstes Kommunikationsprogramm seit Jahren angekündigt, da wird bald richtig was geh’n. Ultrabooks sind dünn, und sie sind aus ganzen Blöcken gefräst: Neben Aluminium soll zur Produktionsteigerung auch Glasfaser als Gehäuse verwendet werden. Und sie sind dünn. Klingelt da etwas? Die nächste Tablet-Generation wird auch dünn, mit 8 mm und fallend sind Geräte angekündigt. Es ist jetzt möglich, leistungsfähige Hardware ungeahnt kompakt zu packen, sogar mit starkem Akku, ordentlichen Lautsprechern, FullHD-Kamera und natürlich mit Multitouchscreen. Ich sehe die Entwicklung klar dahin gehen, dass Tablets mit Docking-Stationen zu ultramobilen Laptops werden – eine Konvergenz der Geräteklassen. Intel setzt Energie in einen vollen Android-Port für x86, auf der anderen Seite wird Windows 8 auch für die ARM-Architektur erscheinen. Ich stelle mir Geräte vor, die Tablet sind, die aber durch Einstecken in ein Tastatur-Dock mehr Anschlüsse bereitstellen, mehr Speicher, vielleicht mehr Rechenleistung. Mir kommt der Sabber bei dieser Vorstellung. Das ist die Art von mobilem Gerät, die ich möchte, endlich!
ASUS Eee Pad Transformer Prime: Nvidia Tegra 3-Tablet mit Android 4 und Tastatur-Dock mit Zusatzakku, siehe Spezifikationen
Stellt sich die Frage nach der konkreten Benutzeroberfläche solcher Geräte. Habe ich ein Tablet in der Hand, will ich mit geschwinden Touch-Gesten meinen Startbildschirm bedienen und Apps – wirklich Apps, vereinfachte und Touch-optimierte Varianten von Desktop-Anwendungen nutzen, um rasch an (meinst konsumierbare) Ergebnisse zu kommen. Sitze ich vor einem Notebook, möchte ich mein System bequem per Tastatur und Trackpad steuern, nicht unbedingt meine Arme heben, und auch eher nicht meinen Bildschirm verschmieren. Zudem ist meine Notebook-Steuermöglichkeit viel exakter als die per Touch und ich habe den Anspruch, mit Dateien und Werkzeugleisten umzugehen; meine Eingabekompetenz ist ›fitzelig-tauglich‹. Wie bringt man die zwei Welten zusammen?
Spannend, was sich mal wieder bei Apple tut: Im diesem Sommer erschienen Mac OS X 10.7 Lion hielten bereits eine Reihe feiner iOS-Essenzen ihren Einzug. Auffälligste das ›natürliche Scrollen‹ – Scrollen vom Inhalt, nicht Bewegen einer Scrolleiste mit dem Mausrad oder dem Trackpad. Dazu das von Leszek angesprochene Launchpad als iOS-artiger Anwendungsstarter, sowie systemweite Multitouch-Gesten auf dem Trackpad. Dass Apple in der Zukunft recompilierte iOS-Apps aus seinem unermesslichen Fundus an iPad-Software für Macs mit Multitouch-Screen und vielleicht entkoppelbarer Tastatur anbieten wird, liegt nahe wie noch was.
Microsofts Hoffnungsträger Windows 8 bezaubert den Nutzer auf allen PCs ab nächsten Sommer mit der neuen kubistischen Tablet-Oberfläche Metro als Standarddesktop, der nur mit dem klassischen Fenster-Desktop gewechselt werden soll, wenn es eine ›Legacy‹-Anwendung nötig macht – schließlich ist in Zukunft ja alles ganz toll Touch-optimiert und in HTML5 und JavaScript geschrieben. Also, alles, ja. [...] Den alten Desktop wird es dabei nur noch auf x86(_64) geben, reine Windows-Tablets mit ARM-Prozessor werden nur mit Metro kommen. Microsoft bleibt uns noch einen Entwicklerfaden für ernsthafte Anwendungen in ›Metro-style‹, wie sie es so gerne nennen, schuldig. Nichtsdestotrotz lässt sich die selbe Absicht in der Verschmelzung wie bei Mac OS X erkennen, wenn auch aus der entgegengesetzten Position, dass Microsoft noch keinen App-Fundus hat, sondern sie erst mit Windows etablieren will.
Um endlich auf Linux zu kommen: GNOME 3 ist durch und durch geschaffen für Geräte, die beides sein möchten, GNOME 3 IST die Konvergenz, ist die Synthese! Es mag den Desktop-Nutzer gerade an manchen Stellen schmerzen, aber das ist die Richtung, und GNOME 3 und die GNOME 3 Shell tritt bestens aufgestellt in in diese neue Gerätewelt, von der ich glaube, dass sie die generelle Zukunft von Mobilcomputern ist.
KDE hat Plasma Active als neue Voll-Touch-Umgebung, zwischen der und dem Standard-Plasma man während der Sitzung wird wechseln können, ohne die laufenden Anwendungen zu beenden, sie sogar wird mitnehmen. Der verheißungsvolle Wechsel auf Qt QML macht wie bei Android verschiedene Nutzeroberflächen eines Programms für verschiedene Auflösungen, oder auch Umgebungs-Anforderungen möglich. Der E-Mail-Client wird also auf Plasma Active ein anderes Layout zeigen als auf Plasma, und doch ist es die selbe Anwendung. Auch eine kluge Herangehensweise mit dem Vorteil, den Power-Nutzer nicht einzuschränken. – Und es wird an der Umsetzung dieser Vision gearbeitet, viele KDE-Entwickler beschäftigen sich bereits mit dem Freundlichmachen ihrer Anwendungen für Touch-Geräte.
Meinen vollen Enthusiasmus in Sachen Linux auf ›Tabbooks‹/›Lapdocks‹/›WebTops‹ schmälert zur Zeit noch, dass X.org noch immer eine Multitouch-API fehlt; sie wird von Version zu Version aufgeschoben. Das könnte noch ein düsteres Erwachen geben. Multitouch ist zwar möglich, man muss bisher aber die Eingabegeräte direkt am Treiber ansprechen und dafür erst kennen, um sie dann in ein von X separates Framework zu mappen, welches überhaupt erst allgemeine Muster und damit Gesten erkennt. Canonical tätigte zumindest dabei einen löblichen Vorstoß mit uTouch, das seit Ubuntu 10.10 mitinstalliert wird, leider aber auch auf anderen Distributionen erst einen speziell ›Hack‹-gepatchten X.org erfordert.
Ja, danach sieht’s aus.
14 – Finale
Der Paradigmenumbruch findet statt. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Die traditionelle Desktop-Metapher weicht nach Jahren etwas Neuem; was es ist, wird immer greifbarer. Es ist sehr erfreulich, dass man den Umbruch in der Industrie weitsichtig vorausgespürt hat und jetzt besser aufgestellt ist als die proprietäre Konkurrenz.
Ich rate zum Experimentieren. Dabei auf die Nachhaltigkeit der eigenen Plattform-Entscheidung zu achten.
Das Schöne ist: Wir haben die Wahl auf Linux.
Es sind aufregende Zeiten.
15 – Auswahl weiterführender Artikel
Im Folgenden noch eine Auswahl einiger lesenswerter Artikel der letzten Monate, die es ermöglichen, sich selbst ein breites Urteil zu bilden. Damit schneller ersichtlich ist, wohin eine Empfehlung führt, habe ich die Links sichtbar geschrieben.
Unity
- Unity – Der Anfang vom Ende für Ubuntu?
http://kofler.info/blog/154/1/Unity—-Der-Anfang-vom-Ende-fuer-Ubuntu/ - What’s really going on with Ubuntu Unity (2010)
http://blogs.computerworld.com/17234/whats_really_going_on_with_ubuntu_unity - Ubuntu 11.10 ohne Unity3D? — Unity 2D in Qt
http://www.glasen-hardt.de/?p=1225 - Schwingende Fenster: Neue Optik für Linux & Co. (2005, historisch!)
http://www.golem.de/0504/37579-2.html - Compiz is getting rapidly sick of Gnome – erkennbare Vorüberlegungen zu Unity, wenn auch nicht von Canonical (2009)
http://www.stefanoforenza.com/compiz-is-getting-rapidly-sick-of-gnome/ - Warum Unity gut für den freien Desktop ist
http://fernmannblog.wordpress.com/2011/04/28/warum-unity-gut-fur-den-freien-desktop-ist/ - Mac OS X Lion Features Are Ubuntu Rip-Off
http://www.muktware.com/blog/45/290/23/2010/396?page=0,0 - Distrowatch: Ubuntu erstmals mit deutlichem Popularitätsverlust
http://derstandard.at/1308679567656/Distrowatch-Ubuntu-erstmals-mit-deutlichem-Popularitaetsverlust - »finde konsole nicht ubuntu 11.04«
http://kenntwas.de/2011/linux/ubuntu/finde-konsole-nicht-ubuntu-11-04/ - Hälfte der Menschheit bald zu blöd für Ubuntu (April 2011)
http://www.naturalnik.de/wordpress/2011/04/halfte-der-menschheit-bald-zu-blod-fur-ubuntu/
Besonders schön: »8 Tester haben es nicht geschafft, ein Icon zum Launcher hinzuzufügen. Warum weiß keiner so genau, das Ding hat sich halt gewehrt. 9 von 11 Testern haben es geschafft, ein Fenster zu schließen. Das klingt jetzt toll, aber die anderen 9 haben sich nur von plötzlich auftauchenden Bugs oder verschwindenden Buttons nicht so sehr ablenken lassen wie die restlichen zwei.« - User Testing of Unity Reveals Surprising Results
http://www.omgubuntu.co.uk/2011/11/user-testing-of-unity-reveals-some-surprising-results/
»Interestingly, the number of users who could tell how many apps were running was higher in 2010.« – Vollkommen unbedenkliche Entwicklung, nicht wahr? - Ubuntu 11.10 veröffentlicht – und gleich im Test
http://derstandard.at/1317019445461/Oneiric-Ocelot-Ubuntu-1110-veroeffentlicht—und-gleich-im-Test
»Hier entsteht dann etwas der Eindruck, dass man bei Canonical nicht so recht weiß, wie man die zunehmend divergierenden Ansätze von GNOME und Ubuntu zusammenbringen kann, um ein rundes Ganzes zu erzeugen.« (S. 14) - Jobs der Zweite? (2010)
http://be-jo.net/2010/03/jobs-der-zweite/ - Ubuntu should zig to Apple’s zag
http://bytebaker.com/2011/10/19/ubuntu-should-zig-to-apples-zag/
»The longer I see Ubuntu’s development the more it seems that they are shunning the Unix philosophy in the name of “user friendliness” and “zero configuration”. And they’re doing it wrong. I think that’s absolutely the wrong way to go.«
Canonicals Copyright Assignments
- Harmony Agreements
http://blog.tenstral.net/2011/06/harmony-agreements.html - Shuttleworth: Firmen und freie Software
http://blog.tenstral.net/2011/05/shuttleworth-firmen-und-freie-software.html - Warum Copyright-Assignments schlecht sind… oder: Der Fall Canonical und die Community.
http://blog.tenstral.net/2011/05/warum-copyright-assignments-schlecht.html - Why I would not sign a Harmony Agreement
http://blog.martin-graesslin.com/blog/2011/07/why-i-would-not-sign-a-harmony-agreement/ - DS2011 – Panel on Copyright Assignment
http://blog.tenstral.net/2011/08/ds2011-panel-on-copyright-assignment.html - Open-Source-Kontroverse: Mark Shuttleworth hofft auf ›Großzügigkeit‹ der EntwicklerInnen
http://derstandard.at/1311802889905/Open-Source-Kontroverse-Mark-Shuttleworth-hofft-auf-Grosszuegigkeit-der-EntwicklerInnen - Wie es besser geht: Contributor License Agreements mit Offenheitsverpflichtung
http://www.golem.de/1109/86416.html
GNOME 3
- Eine Woche Gnome 3: Der uniformierte Desktop
http://www.knetfeder.de/linux/index.php?id=86 - Warum… Unity, Gnome und der Schlag ins Gesicht
http://oyox.de/archives/141-Warum…-Unity,-Gnome-und-der-Schlag-ins-Gesicht.html - Wird GNOME wieder zum Zwerg? – eine Generalkritik zur neuen Shell
http://www.knetfeder.de/linux/index.php?id=79 - Adieu, Desktop. Der langsame Abschied von der Arbeitsoberfläche?
http://www.knetfeder.de/linux/index.php?id=84 - Taskleiste, Panel, Dock & Co. oder: Der Vorteil der vergessenen Fensterlisten
http://www.knetfeder.de/linux/index.php?id=91 - Überlegungen zu GNOME 2 (Essay, 2002)
http://ometer.com/free-software-ui.html - On the relationship between Canonical and GNOME
http://bethesignal.org/blog/2011/03/12/relationship-between-canonical-gnome/ - Timeline: It’s 2009… and they have a plan
http://bethesignal.org/blog/2011/03/18/timeline-gnome-canonical-2009/ - Linus Torvalds nennt GNOME 3 ein ›großes Durcheinander‹
http://www.golem.de/1108/85472.html - A Fork Of GNOME 2: The Mate Desktop (August 2011)
http://www.phoronix.com/scan.php?page=news_item&px=OTgxMA - Auf dem Desktop zieht “Revolution statt Evolution” nicht – auch nicht bei Apple
http://campino2k.de/2011/08/18/auf-dem-desktop-zieht-revolution-statt-evolution-nicht-auch-nicht-bei-apple/
Mit höchst amüsantem Video eines genervten Lion-Nutzers! - GNOME-Designer Jon McCann about the future of GNOME3
http://derstandard.at/1313024283546/Interview-GNOME-Designer-Jon-McCann-about-the-future-of-GNOME3
GNOME-Entwickler ein bisschen größenwahnsinnig? Wollen spezielle Audio-, Foto-, Dokumente-, Video- und Mail-Anwendungen für GNOME 3 schreiben?!
»People will go off and do different things – and they certainly do have that right. But I still think if we value GNOME and we believe in GNOME we need to do the right thing by our own vision.«
»I’m not saying that all this people will be completely convinced and that’s unfortunate but I think over time people will realize what we are doing has been at least thought through.«
»I don’t think we are all that different in the end. There are a lot of things we have in common. Who doesn’t like to listen to music? Who doesn’t need to check email, who doesn’t need to chat with friends? Or lookup a map to know how to get to dinner, or even use the web, where most of the daily usage is nowadays. There is so much commonality. We do end up focusing on the differences more than we should.
You do see a lot of hackers using Mac OS X these days and I think that’s a little bit unfortunate and probably there are many reasons why they do that, but that’s not immediately what you might think of as a super hacker-focused OS.«
»Unfortunately on the internet – and in free software in particular – we have a lot of people whose voices aren’t heard very loudly, and we have to take their needs into accounts as well as those who are vocal.«
»As how we react to those latest criticisms: It’s very difficult cause not all of those necessarily agree with one another. In some sense people who are against something think they have something in common, but when you look at it in more detail – which of course we try to do – very few actually agree on much of anything other than that’s not what they are used to.« - “Anwender reagieren positiv auf GNOME 3″
http://www.golem.de/1105/83493.html - Linux Mint 12 Preview
http://blog.linuxmint.com/?p=1851
»We’ve been using application menus, window lists and other traditional desktop features for as far as I can remember. It looked different in KDE, Xfce, or even Windows and Mac OS, but it was similar. GNOME 3 is changing all that and is developing a better way for us to interact with our computer. From our point of view here at Linux Mint, we’re not sure they’re right, and we’re not sure they’re wrong either. What we’re sure of, is that if people aren’t given the choice they will be frustrated and our vision of an Operating System is that your computer should work for you and make you feel comfortable.« - Nachrichten aus dem Land der GNOME-Shell (Juli 2011, reich bebilderter Ausblick auf GNOME 3.2)
http://linuxundich.de/de/ubuntu/nachrichten-aus-dem-land-der-gnome-shell/ - GNOME 3.2 ist da: Ein saftiger Nachschlag für den Linux-Desktop
http://derstandard.at/1314652803662/WebStandard-Test-GNOME-32-ist-da-Ein-saftiger-Nachschlag-fuer-den-Linux-Desktop - GNOME Shell läuft künftig auch ohne Hardware-3D-Support
http://derstandard.at/1319181969534/Funktionstuechtig-GNOME-Shell-laeuft-kuenftig-auch-ohne-Hardware-3D-Support - GNOME 3 Shells Fenstermanager ›Mutter‹ ist offenbar doch erweiterbar – hoffen wir auf die wabbelnden Fenster!
http://www.webupd8.org/2011/10/gnome-shell-focus-effects-extension.html - GNOME3: Neue Designs zeigen weitere Zukunft des Desktop
http://derstandard.at/1319182584290/Ausblick-GNOME3-Neue-Designs-zeigen-weitere-Zukunft-des-Desktop
Original Blog: GNOME Design Update https://afaikblog.wordpress.com/2011/11/10/gnome-design-update/
KDE
- KDE 4.0 Release Event Keynote (2008)
https://www.youtube.com/watch?v=UneGtZlehTU - Video: Aaron Seigo von KDE – Desktop Summit 2011 – Kleiner Beinahe-Versprecher des Oberflächenchefs, ist aber auch kompliziert mit den ganzen Plasma-Komponenten

http://video.golem.de/oss/5475/aaron-seigo-von-kde-desktop-summit-2011.html - Chani’s KDE Screencasts: Activities in Action
https://blip.tv/chanis-kde-screencasts/activities-in-action-4629891 - Plasma Active will mit iOS und Android gleichziehen
http://www.golem.de/1108/85534.html - Zeitgeist coming to KDE
http://www.omgubuntu.co.uk/2010/11/zeitgeist-coming-to-kde/
und Golem: Zeitgeist-Integration in KDE http://www.golem.de/1106/84033.html - Interview: KDE-Initiator Matthias Ettrich, Nokia (2009)
http://www.linux-magazin.de/Online-Artikel/LIP-Lounge-KDE-Initiator-Matthias-Ettrich-Nokia
Hochinteressantes, aufschlussreiches Interview mit Matthias Ettrich, dem Gründer von KDE; über Featuritis sagt er:
»Die ersten KDE-Entwickler hatten einen klaren Fokus auf Endanwender. Dieser wurde später von der Entwicklergemeinschaft und den frühen Anwendern in Richtung Linuxexperten verschoben – erst langsam und schrittweise, dann immer schneller, und schließlich wurde es Teil des Projektes. Denn oft gilt, ›wer macht hat Recht.‹ Ziel war es jedoch nie, den Linux-Anwendern einen ultra-konfigurierbaren Desktop mit Tausenden von Optionen zu geben, um damit jeden noch so verquasteten Workflow zu unterstützen. Ziel war es vielmehr, Linux neue Anwenderschichten aus der Mitte der Gesellschaft zu erschließen. Im Grunde ist der Mac mit Mac OS X das geworden, was Linux mit KDE hätte sein können: Das bessere System.« - Trinity – Desktop ohne Zukunft
http://www.freiesmagazin.de/mobil/freiesMagazin-2011-09-bilder.html#11_09_trinity
Gemischtes
- Video: Why Linux Sucks Talk 2011 (“less than before”)
http://rockiger.com/de/blog/view/why-linux-sucks-talk-2011 - »Von den 2 Milliarden Windows-Nutzern sind vielleicht 200 Mio. Poweruser, die mehr machen, der Rest braucht eine einfache Oberfläche. Betonung liegt hier auf EINE Oberfläche.«
http://forum.golem.de/kommentare/applikationen/steven-sinofsky-windows-8-bekommt-einen-app-store/byebye-windows/54661,2773858,2773858,read.html#msg-2773858 - »I’ve solved the GNOME suspend/poweroff controversy:«
http://pic.twitter.com/gZqTEim - Uncyclopedia: GNOME
http://uncyclopedia.wikia.com/wiki/GNOME
Ein bisschen Humor
»Whereas KDE policy is „If you disKover some empty spaKe, add an useless feature or somethinK very very irritatinK. The iKon must be shiny, rotatinK, and Kontain at least one K.“, the GNOME policy is the opposite: „If you find a feature, it might confuse a user, so remove it.“«
Bildrechte:
GNOME Foundation, derStandard.at (Kätzchen), Canonical (Unity), be-jo.net (Apluntu), Xfce, KDE, Disney, ASUS
Kontemplation
29. Apr 2011
Es gibt Begegnungen, die uns verändern, uns einen Einschein geben in etwas Großes, etwas vorher Ungedachtes. Meist sind sie nicht von großer Dauer, und meist führt die Dauer unserer Erkenntnisbildung weit über die der Situation hinaus.
Eigenart dieser Begegnungen ist ihr seltenes Auftreten und anschließend die bedachtvolle Wehmut, die dankbar auf die Erfahrung blickt.
Es war Frühling, kurz vor Ostern, wohl 3. Klasse, Jahr 2001, ich war wohl 9. Schulschluss, Mittagszeit. Meine halbprivate Grundschule lag ein Stück weg, und so genoss ich den Fahrdienst meiner Mutter.
Nach Unterrichtsschluss packte ich in aller Gemüts Ruhe meinen Ranzen, denn ich hatte Zeit, machte mich auf den Weg, schlenderte durch das Gebäude, passierte die großen Glastüren, und zielte gen links den Elternparkplatz an, der hinter der Schule leicht versetzt auf einer Anhöhe begann. Der Weg hoch zum Parkplatz führte durch eine kleine Laternen- und Baumallee, machte einen Schlenker nach rechts, verlief entlang der Fahrradständer, die ich nie beachtete, und mündete auf dem Platz ein, abgeschlossen auf der linken Seite durch eine letzte Laterne und einen gepflasterten Gehweg.
Dort setzte ich meinen Ranzen ab, mich oft darauf, und wartete. Ich wartete dort oft lange. Ich war einer von denen, die eigentlich immer am längsten warteten. Seltsamerweise kann ich mich nicht erinnern, wo die anderen Schüler ihren Eltern harrten, aber die Wenigsten an meinem Platz.
Ich tat mich recht schwer in meiner Klasse, ich hatte den Dreh beim Umgang mit den Einheiten Freund und Mitschüler-aber-nicht-Freund noch nicht raus, hatte da eine sehr absolute Einstellung. Außerdem hatten wir im Herbst einen neuen Klassenlehrer bekommen, der meine engagierten Eltern und mich unbequem fand. Nach der Schule war ich oft deprimiert. Später sollte ich die Schule wechseln und aus diesem Grund die Klasse wiederholen.
Es war also schon einige Zeit nach Schulschluss vergangen, der Vorhof praktisch geleert. Und dann kam sie. Ich nehme heute an, sie war Parallelklässlerin. Sie kam hoch und stellte ihren Ranzen einen Meter rechts von meinem weiter oben auf den Weg, wo ich gut 3 m vor der Laterne gelangweilt dastand. Geschickt tänzelte sie locker etwas, machte ihren Rücken gerade, schaute kurz über den Parkplatz und sah sich bestätigt, dass für sie noch niemand da war.
Es wehte ein lauer Wind. Die Sonne schien hell, die Szene lag lichtvoll. Es war angenehm, aber nicht warm. Ich betrachtete sie. Ich kannte sie vom Sehen auf dem Schulhof. Sie hatte ein liebes, aufgewecktes Gesicht mit einem weiten Lächeln, das aus dem Schlüsselbein zu kommen schien. Ihre dunklen, schulterlangen Haare mit leichten Locken trug sie nach hinten fallend, sanft im Wind wiegend. Ihre Erscheinung war seltsam majestätisch erhaben, weise. Ganz und gar ein Naturkind.
Aufgeschlossen und kontaktfreudig begann sie ein Gespräch, ich war überrascht.
Sie lächelte ehrlich und entschlossen, unumhaubar. Wie ich damals perverserweise gerade drauf war, sah ich das als Provokation und wollte sie mit meinem gerade etwas verdrießlichen Gemüte konfrontieren und sagte irgendetwas Launisch-Negatives, zusammen mit einer depressiven Rückenhaltung. Ich wurde augenblicklich noch in dem Versuch von einer Gegenwelle positiver Energie umgeworfen, alleine durch ihre Präsenz, ihre Mimik, ihre Augensprache, die flux sagen wollten: »Meinst Du wirklich? Kann doch nich’ sein!« – So was hatte ich noch nicht erlebt! Wie eine magnetische Abstoßung. Ich machte einen Schritt zurück.
Sie sah mich mit wachen Augen an und strahlte unerschöpfliche Fröhlichkeit, Ausgeglichenheit und Alliebe aus.
Ehrfürchtig hielt ich mich darauf zurück; distanziert, schwieg. Sie war ein Sonnenschein, wie es heißt, dass ich einer gewesen sei, vor meinem Augenunfall; aber ihrer war viel stärker. Sie war eine Sonne.
Mit geschickten kompakten Handbewegungen erzählte sie mir eine Anekdote aus ihrem Tag. Meine Gedanken in dem Moment waren:
»Welch ein Engel.
Das habe ich nicht verdient, hier oben mit ihr zu sein, und das ganz alleine.
Ich Griesgram, ich. Mit Sorgen und negativen Gedanken.«
Und diese Gedanken sind original! Ich habe sie mir erhalten!! (Wenn auch nicht in Worten, aber exakt das waren meine emotionalen Eindrücke.)
Wenn ich heute an dieses Ereignis denke, kommen mir noch die Glückstränen.
Ich frage mich immer wieder, was war das nur, was ist damals geschehen, was hat sich damals ereignet?
Es wäre leicht, einfach den Schluss zu ziehen, dass hier die Chemie außerordentlich stimmte und ich mich einfach blitzartig verliebt hatte, aber ich sage euch, das war es nicht. Da war was anderes, irgendetwas ganz Besonderes hat mich dort berührt. Außerdem: Solch enorme Verliebtheitsmerkmale – spontan – mit 9? Unwahrscheinlich.
Seitdem habe ich etwas Vergleichbares mit dieser Intensität nicht mehr erlebt. Zugegeben, das was dem am nächsten kam, waren seitdem Gefühle von Verliebtheit, aber damals war ich noch ganz unbefangen solcherdinge (vergleiche ich es relativ mit meinem Ich von ab 15 Jahren) und auch hormonell noch gar nicht darauf eingestellt.
Und doch, so denk ich insgeheim, muss so die große Liebe sein. Aus dieser Vorstellung heraus war ich auch sprachlos, als sich dann auf dem Gymnasium in der Klasse die ersten “Versuchspärchen” bildeten; die Idee dem Kopf entsprungen; ich konnte das nicht verstehen.
(Ich habe übrigens später selber noch den Fehler gemacht, mit dem Verstand synthetisch fühlen zu *wollen*, als ich in einer besonderen Minderwertigkeitskomplexphase war, in der ich dann selbst glaubte, dies sei die richtige Art der Seeleneindrücke, weil sie ja anscheinend alle um mich praktizierten. Die Folge dieser Verwirrung der Seelenglieder war verheerend. Tatsächlich war es bei den anderen zu der jungen Zeit offenbar ein Erleben noch innerhalb der Empfindungsseele, das ich so nie teilte, und als Beobachter eingebettet in die logische Verstandesseele mit allerlei Widerspruch wahrnahm und falsch nachahmte. Altersdifferenz, Mangel an empirischer Realitätserfahrung, und grundverschiedene unmaterialistische Weltanschauung waren die Begünstiger. Aber das nur am Rande.)
Speziell psychologisch interessant ist es für mich heute, wie mein Selbstwert, besonders in Bezug auf Frauen, damals schon lag, siehe meine Originalgedanken. Ich bezweifle ehrlich gesagt, dass sich die wahren Auslöser dafür in diesem Leben ereigneten, und ich habe viel überlegt. Ich glaube, das ist ein Päckchen, das mir noch aus früheren Inkarnationen aufliegt. Damit stehe ich immer wieder im Konflikt.
Diese Maide hat meine Weltanschauung absolut nachhaltig geprägt, und rückblickend werte ich sie für mich schon fast als eine göttliche Offenbarung und Erscheinung.
Es war ein Schlüsselereignis, ich habe früh eine Kostprobe von etwas sehr Hohem erhalten. Eine Wahrheit wurde mir klar, oder sie verhalf mir vielleicht auch nur dabei, mich wieder daran zu erinnern. Von der Begegnung konnte ich auch in liebes-romantischer Sicht noch sehr lange zehren, ohne überhaupt den Wunsch nach etwas Greifbarem, Nichtgeistigem zu verspüren.
Wir sprachen noch ein wenig miteinander, ich balancierte vielleicht über einige Deko-Steinbrocken an der Seite, dann wurden wir abgeholt. Ich weiß nicht mehr, wessen Mutter zu erst ankam, und wie ich mich verabschiedete, glaube aber, es war ihre. Vielleicht sogar ihr Vater. Ich habe sie nie mehr gesehen. Hielt Ausschau nach ihr, sah sie aber nicht mehr. Glaubte einmal, ihr Gesicht in einer Menge zu sehen. Warum wurde sie an diesem Tag abgeholt und sonst nie mehr?
Es vergeht so viel Zeit. Du hast so viele Erlebnisse, aber nur so wenige Offenbarungen, die sich teilschließen zu etwas Großem, einer Wahrheit. Und Du fragst dich, ob diese Erkenntnisse nicht alle in einem Licht kombiniert sein könnten. Und ob Du diese Faser in dir spüren kannst. Ob Du sie festhalten kannst. Ob Du sie mit deinem Sein verflechten kannst.
Für dich, um all die Fehler nicht machen zu müssen, die Du machst. Für dich, um ein Leben mit dem Vermögen der Erfüllung zu führen. Für dich, als Teil der Wahrheit.
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Notizen für den Text Dezember 2009, weitere Details April 2010, ausgearbeitet und vollendet nun.
Als ich den Ort besuchte, um die Fotos zu machen, ward mir noch ganz schauer.
Großartigkeit
26. Apr 2011
Man stilisiert sich den Wechsel aus, glaubt, irgendetwas und alles wird sich komplett und radikal ändern. Und dann startet man sein Linux und landet auf seinem Desktop von vorhin, ohne Murren, ohne Peng-Peng, einzig muss zuvor unter Umständen der alte Grafiktreiber deinstalliert werden.
Dann klickt man ein bisschen rum und nach einigen Sekunden hat man vergessen, dass man nun auf einem System mit einer Hochpotenz der Leistung des alten Systems arbeitet, alles ist wie gehabt, nur ein klein wenig flutschiger.
Ohne dass es dir besonders bewusst wäre, erhöhst du mit der Zeit deine Standards, nimmst nun doch einen verlustfreien Codec für dies und jenes und encodierst deine Videos bald ganz selbstverständlich in Studioqualität. Der Übergang durch die neue Grenzbestimmung ist fließend und mit dem Luxus an höhere Standards, die heute, ja heute noch, deinen Premium-Anspruch par excellence befriedigen, wird dein Rechner schrittweise auf das Durchsatzniveau bei Standardaufgaben deines Altrechners angeglichen. Und es wird sich immer wiederholen, das ist das Schöne an PCs, und zugleich das Tragische. Dazwischen ist eine Phase, in der du das Gefühl hast, dass irgendwas an deinem System fehlt und du weiß Gott nichts mit seiner Leistung anzufangen weißt. Aber die Zeit, die ändert das, die Zeit ist der wahre Fortschrittsmotor dieser Branche, des Einsiedler-Biotops der Geeks.

Konkret geplant war der Rechner seit Sommer 2010, das nötige Kapital wurde mir Mitte Januar 2011 bewilligt.
Die Recherche nach den besten Komponenten dauerte wie gewöhnlich bei meinen größeren Anschaffungen mehrere Wochen.
Meine Maxime diesmal: Das Beste. Keine Kompro-misse mehr. Du bereust sie *immer*.
Und alles perfekt aufeinander abgestimmt.
Zusammenbau alte HW: Juni 2007
CPU: AMD Athlon64 X2 5200+ EE (2,6 GHz)
RAM: letztlich 4 GB DDR2-800 A-Data/V-Data
MB: Abit NF-M2-Nview
GC: GeForce 7600 GS/später 8600 GS
PS: be quiet! Straight Power 450W
F: Arctic Cooling Freezer 64 Pro + Arctic Cooling Arctic Fan 8 PWM + Noiseblocker BlackSilent 80 mm
WLP: Coollaboratory Liquid Metal Pad
HDDs: 3 HDDs, letztlich 5 TB
optische LWs: LG DVD-Brenner + LG Blu-Ray/HD DVD-Leselaufwerk
Gehäuse: noname Mac Pro-Nachbildung, relativ wertig, schwarz
Zusammenbau neue HW: Januar 2011
CPU: AMD Phenom II 1100T (3,2 GHz – OC @ 3,85 GHz stabil mit AMD C&Q) (bis dato AMDs schnellster Desktop-Prozessor, und das macht mich sehr glücklich)
RAM: 4 GB DDR3-2000 (OCZ3P2000C8LV4GK) (OC @1920 MHz stabil)
MB: ASUS M4A89GTD PRO/USB3
GC: SAPPHIRE AMD Radeon HD 6850
PS: ENERMAX Modu87+ 500W
F: Noctua NH-D14 + Noctua NF-S12B
WLP: Coollaboratory Liquid Metal Pad
HDDs: erhalten + ein silentmaxx HD-silencer-Festplattendämmer (das Lauteste in jeder Hinsicht an dem Rechner sind die mechanischen Laufwerke)
optische LWs: erhalten
Soundkarte: ASUS Xonar DX PCIe (native Linux-Treiber!)
Gehäuse: Xigmatek Midgard
Monitor: Dell/Samsung 23″ Full HD seit Anfang 2009
Soundsystem: Edifier S530D 2.1 Rev. 2 seit August 2010
geplante Anschaffung: System-SSD mit 400 MB/s+
Bei einigen der Bilder wäre mir vor wenigen Monaten noch der Sabber gekommen. Wie euch in diesem Moment. Hrrr.
Damit: Allen verspätet einen schönen Start in 2011 und wieder auf diesem Blog!
Seid nicht zu sehr angeberisch und materialistisch! ;D
Dichterwettstreit
16. Okt 2010
Ich bin auf der Suche nach einem freien Platz. “Ist hier noch frei?” “Nein, die Plätze sind alle besetzt.” Mein Blick schweift über den Raum, im vorderen Teil, die Stufe hinab, ist alles belegt. Im hinteren Teil sind noch Stühle an Tischen frei, mehr oder weniger gute Sichtwinkel. Hinten sitzen die Erwachsenen, vorne die jungen Leute. Ich sage mir, vorne müsstest du doch sowieso so unbequem den Kopf zur Bühne heben, hinten hast du entspannte Sicht. OK, ich kam knapp zu dem Poetry Slam, wie eigentlich immer. Endlich finde ich einen Dreidamentisch, der mich aufnimmt. Als ein Exot unter ungleich älteren sitze ich nun hinten und beobachte, wie die vorne noch neue Freunde begrüßen und ihnen die von ihnen für sie vorbelegten Plätze zeigen. Ich kam allein. Mir hat auch niemand reserviert; wer sollte. Ich komme hier immer allein her, suche einen Erwachsenentisch, der mich gnädig aufnimmt. Die kommen auch in Gruppen, wenigstens zu zweit, meistens.
Die ersten 20 min des Abends bin ich regelmäßig in mich nachdenkend versunken.
Es heißt, geh raus, geh zu Veranstaltungen, da lernst du nette neue Leute kennen. Ich sitze über den Infragekommenden. Selbst wenn ich es einmal durch verschätzte zeitliche Überpünktlichkeit oder glückliche Fügung der äußeren Ereignisse schaffte, mir im vorderen Teil einen Platz zu sichern, half mir das nicht. Traute mich nicht zu sprechen, aus mir raus zu gehen. Wie macht man das da? Ich weiß nicht.
Die Schule hat wieder begonnen, ich bin jetzt in der Kursstufe. Kaum noch vertraute Personen um mich, ein ganz neues soziales Umfeld – oder eher gesagt, so viele wie Kurse. Ich tu mir sehr schwer, Kontakte aufzubauen, weiß nicht, wie das gehen soll. Direkt ein bisschen geredet habe ich mit den Jungs mit den iPhones, das war kein Problem. Im Nachhinein dachte ich, wir haben ja *nur* darüber geredet, nichts Persönliches ausgetauscht. Wie Jungengespräche halt gewöhnlich laufen.
Vergangene Sommerferien war ich sage und schreibe einmal unter Gleichaltrigen, zwei alte Chatfreunde, die auf einen Tag zu Besuch kamen. Die restliche Zeit moderte ich daheim unter meinen Eltern herum – was wirklich auch nicht schlecht sein muss – oder lag alleine im Stadtpark, ein Buch lesend. Ehrlich, ich hab überhaupt keinen Bezug zu mir noch unbekannten Gleichaltrigen, ich kann mit ihrem Leben gar nichts anfangen, der Lebensweise von irgendwie so Normalen, Nicht-Geeks (aber das schrieb ich schon mal vor Jahren).
Vermutet, gefürchtet, gebangt, das hatte ich im Gedanken an die Auflösung unserer Klassengemeinschaft um einen Punkt. Nun, ich war zuletzt wirklich der aggressivste Kritiker unserer Klasse, vor allem störten mich die letzten zwei Jahre die zunehmenden starren Strukturen und die verlorene Denkfreiheit, im speziellen für mich durch ein paar Geschehenisse, aber jetzt fehlt sie mir.
Sie war immer etwas, in das man regelmäßig zurückfiel, das einen trug, auf das man als Ganzes noch irgendwie vertrauen konnte. Das ist jetzt weg, jeder ist auf sich allein gestellt.
Da ist eine enorme soziale Kälte in mir, die kristallisiert und schmerzt. So viele Mitschüler um mich, aber alle fremd, über die Hälfte irritierend jung, und keiner, wirklich keiner unter denen, mit dem ich mal ein paar Worte über eine Emotion, ein Gefühl austauschen kann und der oder die mich lächelnd und aufmunternd anschaut, mit einem Blick Mut macht. Das war in den Ferien ok, da war ich nicht unter Menschen, da haben sich viele inneren Vorgänge auch nicht ergeben, aber jetzt ist Schule, ist Stress, und ich bin ja unter Mitmenschen, aber jetzt ist keiner für mich da. Wenn man das nicht ausgleichen kann, wo irgendwo anders, ist es furchtbar. Ich habe sehr, sehr große Angst, jetzt keine Freunde zu finden.1
Ich weiß jetzt, dass die mit den iPhones ganz nett sind, das funktioniert, man hat ein gemeinsames Thema, fachsimpelt sich gegenseitig an und dann… Dann lauf ich aus dem Ruder, dann weiß ich nicht, wie ich weitermachen soll und ob, und weiß auch ehrlich nicht, ob mich das Mehr vom Gegenüber jetzt noch interessiert. Es ist ganz eigenartig…
Zusätzlich dumm ist der Aspekt der Altersunterschiede der G8er zu uns G9ern im Doppeljahrgang (plus mein Wiederholen der 3. Klasse); wenn ich wen bisschen Interessantes gefunden habe, glaube ich meist eher nicht, mit ihm wegen des Alters außerhalb der Schule oder gar außerhalb des Themas etwas machen zu wollen, aber das ist noch mal eine andere Sache.
Grüppchen von Maiden tuscheln dort unten. Die wenigsten sind begleitungslos da, um die kleinen Rundtische drängen sich Freundeskreisverbindungen, oft mit Partner. Gut 2/3 der Unterparkettler dürfte weiblich sein, das andere Drittel setzt sich zusammen aus den angereisten männlichen Poesie-Vortragenden und den Partnern der 2/3. Glaube nicht, dass viele von denen gekommen wären, wenn sie von ihren Freundinnen nicht mitgenommen worden wären. Insgesamt sieht die ansehnliche weibliche Belegschaft dort unten über den Finger geschätzt sehr vergeben aus.
Gefühle des Alters formen aus einem Nebel eine Manifestation die ich nicht fühlen mag; Unabänderlichkeit, zu spät sein. Langsam komm ich damit klar. Langsam akzeptiere ich, dass ich es nicht schaffe, dass ich es nicht kann, weil ich total sozialinkompetent und introvertiert und schüchtern bin. Langsam kann ich sie anschauen ohne in Verliebtheitsfantasien, Möglichkeiten abzudriften, bleibe ganz sachlich. Ob das gut ist, ist sicher fraglich, aber es macht mir weniger Stress und erzeugt weniger Selbstwertstiche. Es ist irgendwo konsequent.
Aber dass ich auch komplett abgeschottet von (wirklich) gleichaltrigen Jungen in der Nicht-Netz-Realität bin, das setzt mir zu, macht mich krank. Ich hätte so gerne Kontakt und weiß nicht wie. Eine Träne rinnt.
Wenn ich sie beobachte, dann ist mir überdeutlich, wie viel reifer sie im Gruppenumgang sind, selbstbewusster Meinungen vertreten, deutlichere Charakter ausgebildet haben, und was weiß ich noch alles… Irgendwie erwachsener eben. Tatsächlich halte ich mich auch dazu fähig, ich kann das auch, oder könnte es, irgendwie… Aber nicht so, nicht wenn ich nie unter solchen Menschen bin! Ich sehe nicht so aus, aber ich bin potenziell mindestens so weit wie sie – bildlich gesprochen fühle ich in meinem Kopf ausgegraute neue Bereiche, die früher noch nicht da waren, in die ich hinein könnte, und es so gerne wollte, wenn ich nur wüsste wie… Nicht benutzte, nicht geschulte Kapazitäten, oder auch nur anschauliche Fähigkeiten, die aus Gefühl das Potenzial der Entfaltung und Verwurzelung dieser Kenntnisse bieten…
Wahrscheinlich kann man sagen, ich bin sozial entwicklungsgehemmt, wobei es das nicht ganz trifft. Jedenfalls bin ich wirklich tief unglücklich darüber, und nicht erst seit vorletzter Woche.
Durch meinen frühen Geburtstag im September war ich bei Einschulung schon der Zweitälteste in der Klasse, damals noch stolz darauf, nachdem ich die dritte Klasse freiwillig wegen eines besonderen Schulwechsels wiederholte dann endgültig, und die Altersdifferenz von im Schnitt anderthalb Jahren war meine bisherige Gymnasialzeit schon Grund von vielem Klagen und Ursache von kleineren Störungen.
Und jetzt nicht noch mal eine Verbreiterung des Grabens! Das ist der Hauptgrund, warum ich über den G9/G8-Doppeljahrgang jammere; weil ich befürchte, noch weniger Gelegenheit zu bekommen, mich in altersentsprechendem (und besserem!) Umfeld zu entwickeln. Ich hab schon mehrfach schlecht deswegen geträumt. Entwicklungsstop, fast schon Rückwurf. Aber ja, daran ist nicht die Schule schuld, sondern ich.
Klar gehe ich nicht aus Gesellschaftsgründen auf den Poetry Slam, sondern um die Poeten zu hören. Aber es ist so ein Wunsch von mir, wenn ich rausgehe, einmal Kontakte knüpfen zu können. Vielleicht ist die Erwartung zu groß, auch weil ich außer dem Dichterwettstreit alle paar Wochen abends nicht das Haus verlasse, und weil ich auch sonst immer noch keine Tagesaktivitäten außer der Schule habe, bei denen ich unter Menschen käme. Speziell unter eine Vielzahl neuer Gesichter, Abwechslung, Dynamik und so weiter. Irgendwas.
Also, Lösungen aus der Misere. Ich roll mir das Thema noch mal auf. Ich habe kein Interesse an Alkohol und Getränken, finde dieses “Was trinken” ehrlich gesagt auch lächerlich. Bin zu introvertiert zum Tanzen – wollte es mal, aber kriege es nicht über mich. Freimaurer? In unserer Loge sind nur reife Erwachsene, nützt mir nichts. Pfadfinder? Für meinen Geschmack zu aktivitätsfreudig. Was gäb’s noch? Keine Ahnung.
Und ich habe keinen, der mich in irgendwelche speziellen Kreise einführen könnte, WEIL ICH KEINEN KENN. Der Verdienst aus 10 Jahren Geek-Sein! Zehn Jahre vergeistigte Tätigkeiten, lieber als Gesellschaft. Oder andersherum, weil ich von Kindergarten an nie bereichernde Weggefährten fand, völliger Rückzug ins Alleinsein; wofür ich aber zusätzlich eine Veranlagung besitzen müsste, denn dem Durchschnitt passiert das nicht, und das hieße, ich hatte im Psychischen selbst Schuld von Anfang an; und — oww…
- Mir ist bewusst, dass es so auch während des Studiums sein wird, doch der nun stattfindende Umstellungsprozess macht sich eben eben für mich äußerst schmerzlich bemerkbar.
Der Text ist schon ein paar Wochen alt, ich wollte ihn bei meinem damaligen Gefühlsstand zu genau dem Zeitpunkt belassen. Zwischenzeitlich entwickelten sich leichte Besserungen: Mit einigen Maiden in meinen Kursen kann ich Gedanken austauschen, mit den Jungen dagegen fange ich allgemein kaum etwas an, sie bleiben mir verschlossen. [↩]
Das Mädchen, das kleine Ding
25. Sep 2010
Ist euch schon mal das angefügte “-chen” an dem Wort aufgefallen? “Mädchen” ist sexistisch, es ist eine Verniedlichung. Das könnte egal sein, hieße es dagegen nicht ungerechterweise “der Junge”. – Aber halt, da gibt es doch das Bübchen.
Aha, auf der Suche nach einer sprachlichen Gleichwertigkeit zu Mädchen kommen wir auf das Bübchen; spätestens jetzt sollte jedem die antiquierte und unzeitgemäße Sprachfestlegung ins Gesicht springen.
Herkunft des Wortes ist das Diminutiv (Verniedlichungsform) von Magd → die Magd → das Mägdchen → das Mädchen.
Diminutive bekommen einen sachlichen Artikel, da sie als Neutrum behandelt werden. Ein Hauptziel feministischer Sprachpolitik ist die Herstellung von sprachlicher Symmetrie. Wir könnten also einfach das -chen streichen und bekämen eine Mäd – nicht sehr tauglich. Fügten wir analog zu Junge noch ein -e daran, hätten wir eine Mäde. Noch immer wäre damit aber keine Symmetrie hergestellt, besitzt doch die weibliche Form einen Umlaut, – also Made? Nein, doch es ließe sich auch ein -a anhängen, was uns eine Mada einbrächte, nur ist diese Form im Deutschen eher unüblich.
Glücklicherweise hält unsere Sprache noch ein ein Synonym zu Magd parat: Die Maid. Hört sich Magd heute nach bäuerlichem oder Hausangestellten-Kontext und unter Vormundschaft an, hat sich die Maid ihre Reinheit bewahrt, konnte vielleicht sogar noch etwas Prestige als Anrede hoher Frauen (meist mittelalterliche Geschichten mit dem Bezug zur Unvergebenheit) gewinnen.
Graben wir dieses relativ unvorbelastete ursprungsdeutsche Wort hervor, ergibt sich: Die Maid, der Junge, die Maiden, die Jungen – vollständige Symmetrie hergestellt!
Und huch: Jetzt heißt es auch nicht mehr: “Oh, DAS kleine, süße, Mädchen [/Entchen/...]” Das Femininum zieht ein.
Es macht mich wütend, dass ich selbst in wissenschaftlichen Bereichen ausnahmslos Mädchen lesen muss und finde es traurig, dass so viele junge Frauen die sprachlich-patriarchale Verniedlichung mit sich machen lassen. Das Wort hat seine Berechtigung bei Kindern, aber ab dem Alter, in dem man zu ihnen nicht mehr Bübchen sagen könnte, ohne eine gewischt zu kriegen, sollte auch dieses Wort einem angemessenerem weichen.
Meine Bitte ist, euch Gedanken darüber zu machen und euch um das Wort bewusst zu werden. Als ich vor mehreren Monaten darauf kam, beschloss ich, zuerst mich selbst zu ändern. Seitdem gewöhne ich mir an, Maid und Maiden anstatt Mädchen zu sagen und nach einem verwirrten Blick und meiner Begründung kommen meine meist verständnisvollen Zuhörer damit zurecht.
Auch interessant: Mädchen und Bübchen, fembio.org
Nachtrag vom 12. Oktober 2010:
Die letzten Wochen beschäftigte mich hartnäckig die Frage, ob ich nun im Singular Maid oder Maide sagen sollte. Maid ist im Deutschen und Englischen die offizielle Form, das zu seinem Plus. Möchte man aber absolute Symmetrie herstellen, müsste man in der Konsequenz entweder das -e an Junge streichen, oder ein -e an Maid anhängen. Da das eine sprachlich nicht umsetzbar ist, bleibt nur die Änderung zu Maide als Lösung und als Nächstes stellt sich einem dann die Frage ob der akzeptablen Ästhetik und dem Lautbild. Diese möchte ich bejahen und als vorteilhaft bezeichnen: Als Vereinfachung muss beim Plural wie bei Junge nur noch ein -n angehängt werden, das “gehauchte” Maid bekommt mehr Stimme und kann mit geringerer Anstrengung laut betont werden, und letztlich bietet das -e die Chance, die Neubezeichnung als starkes neues Wort zu etablieren, vielmehr noch als mit den leisen Reminiszenzen an Burgfräuleins. Darum lautet meine neue Empfehlung: Die Maide, die Maiden.
Bestürzende moderne weibliche körperliche Gesellschaftszwänge
10. Sep 2009
Mir fiel die letzten Jahre immer deutlicher an den Mädchen meiner Klassenstufe auf, dass, je älter sie werden, dass da etwas mit ihren Beinen nicht stimmen kann. Sie wirken aus einem inneren Gefühl heraus irgendwie befremdlich unnatürlich. Dahinter stand kein größeres Lösungsinteresse und überhaupt waren die Beobachtungen eher unbewusst.
Nun, durch einen Zufall erlebte ich vor kurzem eine Szene, in der von Freundinnen über andere Mädchen und eines im Speziellen gelästert wurde, das sich die Beinhaare nicht rasiert: »Wuääh! Wie unmöglich!« – Beinhaare rasieren?!
Das war es also, was nicht stimmte. Ich hatte es doch schon gefühlt…
Das hat mich enorm schockiert. Diese Mädchen diskriminierten sich also untereinander bei nichtrasierten Beinen. Ich hab mit offenem Mund gestaunt.
Ich war entsetzt, als mir aufging, wie lange meine Mitschülerinnen das schon tun mussten: Schon Jahre bevor ich anfing, mir regelmäßig meinen Bart zu rasieren.
Ich dachte immer, das wüchse so, beziehungsweise “in dem Alter” NOCH NICHT. Ich hatte eine obskure Vorstellung davon, dass die Beinhaare erst ab Anfang 30 bei Frauen beginnen zu wachsen, wie gesagt, ich hatte mir darüber noch nie bewusst Gedanken gemacht.
Auf Nachfrage, wie sie das über das Jahr über hielten, erklärte man mir in Eile, dass das “darauf ankommt, ob man ‘nen Freund hat”. Aber in wiefern, in welche Richtung? Erwarten das etwa sogar die Jungen in einer (körperlichen?) Liebesbeziehung, und gilt es ganz abstrakt als wichtiger Attraktivitätspunkt? Oder aber braucht man gerodete Beinhaare nur, solange man noch keinen Freund hat, weil dieser dann vollstes Verständnis zeigt?
Damit warf sich in mir die Frage auf, ob eine Beinglattrasur gar schon persönliches Schönheitsideal für die Frauen geworden ist und nicht nur Konvention.
Das ist doch nur ein leichter Flaum, nicht so was wie bei Männern!
— Dabei fällt mir auf, dass ich eigentlich gar keine Vorstellung davon habe, wie junge Frauenbeine unrasiert aussehen. Nur aus Einschätzung und Gefühl heraus glaube ich aber, es sind nicht so viel, es sind weniger und zartere Haare, und farbloser.
Was hier natürlich aufkommen könnte und das ich vorsorglich klären möchte: Ich bin nicht vom anderen Ufer. Ich hab keine Schwester, ich hab keine Freundinnen (hier), ich hab keine Freunde in der Gegend, mit denen ich besonders viel gemein hätte. Über solche, ich sage mal, weltlichen Dinge, kommt kaum einer (meiner Freunde) auf die Idee zu chatten, man spricht doch über diesen Themenkomplex eher, wenn man real zusammensitzt. Meine Gespräche sind in der Regel bestimmt von Abstrakta und Theorie, nicht vom Auspacken von seltsamen Geschichten und Beobachtungen am anderen Geschlecht. Diese Sachverhalte nicht zu kennen und auch größtenteils nicht die gegenwärtige “Kultur- und Schönheitsempfindung” zu teilen, erklären sich somit durch meine vorwiegende Kommunikationsart und meinen Freundeskreis.
Bald kam ich, logisch erweiternd, auch noch auf ein ganz anderes Gebiet: Die Achseln. Mir schauderte es, als ich begriff, dass wie die Beinhaare wohl auch Frauen Achselhaare wachsen müssen und – der Grund des Schauderns – allerorts absolut unbeanstandbare glatte Achselhöhlen zeigen, was bedeuten muss, dass sie sie penibelst und akribisch in sehr häufigen Abständen rasieren und überprüfen müssen, wovon ich aber noch nie sprechen gehört habe. Man schweigt darüber. DAS ist das Unheimliche!
Seit wann ist das schon so, seit wann ist das Pflicht, Mode, Norm? Ich erinnere mich noch düster: Mitte der 90er konnte man noch viel öfter Achselhaare bei Frauen sehen (erinnere mich nur allgemein, nicht, bei welcher Altersgruppe). Ich war zwar noch sehr jung, aber sagt mir, ist das Einbildung?
Männer können mit Achselhaaren herumlaufen, ein bisschen sollen sie sogar, glaube ich, haben. Auch das scheint Frauen verboten zu sein, aber das ist noch ein bisschen nachvollziehbarer als das mit den Beinhaaren. (Schweiß durch Arbeit → männlich; keine Schweißabfänger → “weiblicher”)
Dadurch separiert ihr euch noch mehr von den Männern und steckt euch damit SELBER in ein konservatives Frauenbild hinein! Es ist antifeministisch!
Da man (- ich) nur perfekt rasierte Frauenachseln sieht, und da ich einschätzen kann, wie schnell dort die Haare nachwachsen, muss ich doch annehmen, dass ihr sie täglich genötigt seid zu rasieren. Hammer.
Bei manchen ist das äußerst sexy, an vielen sieht es einfach nicht gut aus, haarlose Beine passen an ihnen nicht zum Körper (was überhaupt nichts mit Burschikosität zu tun hat). Das sind die, an denen es dann auch besonders unnatürlich, befremdlich, falsch wirkt und an denen der gesellschaftliche Zwang am deutlichsten wird, durch den sie es dennoch tun.
Wenn ich die 90er nicht miterlebt hätte, und daheim nicht meine Mutter sehen würde, die aus der Mitläuferzeit heraus ist, läge das Denken nur allzu nahe, Frauen hätten keine Achselhaare! Eine perfekte Illusion da draußen, und ihr alle spielt mit!!
Dass ich dachte, Frauenbeinhaare wüchsen auch erst mit Anfang 30, ist genau das Selbe! Ich seh einfach keine unter diesem Alter mit Beinhaaren!
Täglich die Achselhaare rasieren, das muss für euch zum Tag gehören wie Zähneputzen. Reizt das die Haut nicht irrsinnig? Nicht selten, wenn ich das mach, schneid ich mich dabei. Ich weiß nicht, ob ich’s wirklich wissen will, welche Tricks und Apparaturen ihr dafür bemüht, damit das immer so aalglatt aussieht… Vielleicht habt ihr da ja ganz andere Haut, oder ihr seid auch gar nicht so perfekt und immer gründlich, aber habt dann “draußen” große Hemmungen, euch natürlich zu bewegen, weil andere die Wündchen oder nichtrasierte (!!!) Stellen sehen könnten, zieht euch dann auch für diese Tage was Geschlosseneres an…
Je länger ich über dieses und ähnliche Themen nachdenke, desto mehr Leid tut ihr mir.
Damit komm ich zur Frage: Macht ihr das auch so verbindlich wie Zähneputzen, oder seht ihr das an Wochenenden, in Ferien und Co. nicht doch etwas legerer? Geht es euch darum, in einer fest definierten Gruppe euren Status zu wahren (“Schulklasse”), oder wollt ihr auch “für” Fremde auf der Straße (in den Ferien z.B.) unbehaarte Achselhöhlen und Beine haben? Wenn ja, wofür? Warum meinen denn so viele von euch, immer sexuell attraktiv sein zu müssen (nach den Konventionen) und nicht nur einfach hübsch? Wo ist der Sinn dabei? Und hey, ihr seid Mädchen, das Hübschsein wird euch von der Natur schon viel leichter gemacht als uns; oder meint ihr nicht? Warum braucht’s da noch mehr?
Damit erreicht ihr höchstens eine Penetration, nicht aber euren Traummanntyp, den ihr erhofft. Was also soll das? Es kommt mir vor, als wär die ganze Konvention von lüsternen Männern erdacht, und euch durch Gehirnwäsche aufgezwungen!
Wie haltet ihr es, wenn ihr mehrere Tage das Haus nicht verlasst (Ferien; dabei schließ ich zwar von mir auf andere, aber mal angenommen)?
Und überhaupt: Wie haltet ihr das im Winter, in der Jahreszeit, in der ihr überhaupt niemandem eure Beine und Achseln zeigen, geschweige denn Rechenschaft darüber ablegen müsst?
Eure Antworten auf diese Fragen, gerne differenziert, beantworten euch, ob ihr nur gezwungenermaßen den aktuellen Schönheitskonventionen folgt, um nicht ausgeschlossen zu werden, oder ob ihr sie als natürlich empfindet. Ob ihr euch schämt, wenn ihr nicht rasiert seid.
Ich spreche bei den Achselhaaren nicht von drei Zentimetern, ich spreche von noch ästhetischen Längen.
Bei beidem nehme ich euch nicht ab, dass “die Männer das einfach so wollen”. Ihr könnt euch sehr wohl gegen solchergestalten Ansprüche wehren und sie ausschlagen. Natürlich war das zu erst Hollywood, die Idee wurde bekannt, der Wunsch geäußert, dann habt ihr euch alle angepasst und seid pariert.
Welcher Trend soll als nächstes folgen? In welche bedingungslose Verzichtabhängigkeit und falsche Tugend – denn nichts anderes ist das – soll euch das noch führen?
Nietzsche: »Nutzen der großen Entsagung: Das Nützlichste an der großen Entsagung ist, dass sie uns jenen Tugendstolz mitteilt, vermöge dessen wir von da an leicht viele kleine Entsagungen von uns erlangen.«
Wir erschaffen eine neo-viktorianische Gesellschaft, aber diesmal gibt es keiner zu!
Ich empfinde es hier als angebracht, die Funktionen der Haare ins Gedächtnis zu rufen: Arm- und Beinhaare zum Kälteschutz, populärste Überreste des Ganzkörperfells. Achsel- und Schamhaare: Schweißabnehmer – das sind beides Extremitätenendzonen, in denen viel Muskelarbeit und Reibung stattfindet.
Öhm, ok. Weiter ausführen, dass letztgenannte Regionen ohne wenigstens leichte Behaarung schnell sehr schweißig werden, brauche ich wohl nicht. Und das der Schweiß runterrillt und dann ernsthaft riecht, großflächig über den Körper verteil. Oder doch…?
Die Haare haben einen Sinn. Auch heute. Welche falsche Scham aus diesem durchdachten Prinzip baut ihr also daraus?
Wollt ihr wissen, wie ich meinen Körper zurückweise? Ihr wollt es nicht, aber ich sag es euch trotzdem: Alle drei Monate lasse ich mir die Kopfhaare schneiden, etwa alle drei Wochen rasier ich mir die Schamhaare, alle zwei Wochen schneid ich mir die Nägel, ebenso etwa alle zwei Wochen die Achselhaare, und auch etwa alle zwei Wochen die Brusthaare, wenn ich die Brust gerade lieber glatt habe; alle zwei bis drei Werktage rasiere ich meinen Bartwuchs, jeden Tag putz ich mir die Zähne. Punkt. Eventuell nicht repräsentativ für einen Jungen, aber so sieht’s aus. Versteht aus diesem Standpunkt meinen Schock über euren einvernehmlich selbstaufgestachelten Körperkult. [Anmerkung Juli 2011: Die Intervalle sind noch sehr viel großzügiger geworden. Abgesehen vom Zähneputzen und den Nägeln, natürlich.]
Ich hab schon oft versucht, einen tieferen Sinn in eurer emsiger Beschäftigung und Auseinandersetzung mit eurem Körper (in allen Bereichen) zu finden, diese große Körperlichkeit und Körperkonzentriertheit, aber ich komme einfach auf keinen. Verzeiht, aber so müsste ich eigentlich denken, ihr seid so nieder materialistisch und objektizistisch und dabei paranoid untereinander. Und doch schwingt dabei etwas mit: Unterdrückung durch den Mann und der Wille nach Freiheit, aber sogleich mit ihm, als sei es eine Miterscheinung, das Schaffen von Strukturen zum eigenen Ausgrenzen und Erschweren in seltsam diametraler Richtung gegen die Annäherung der eigenen Rechte hinauf zu jenen des Mannes.
Das ist kein Emanzipationsproblem mehr, sondern ein ganz neuer Streit darum, was es heißt, eine Frau zu sein, aus euren Reihen. Vielleicht aus reaktionärer Angst, vielleicht während der zunehmenden Emanzipation eine Suche nach wahrer Weiblichkeit, verleitet gestrandet im Materiellen, vielleicht sind auch gewisse Elemente so konstelliert, dass sie eine eigene Wettbewerbsordnung erschaffen, dass sie ein eigenes Funktionssystem aus sich heraus entwerfen möchten – aber schließlich ist es eine Identitätskrise.
Auf mich wirkt euer Beinhaarumgang widernatürlich und befremdlich. Ich finde ihn übertrieben und neurotisch.
Euren Achselhaarumgang finde ich schlicht schockierend. Zwar gebe ich zu, dass haarlose Achseln sexyer sind, ich kenne es aber auch nicht mehr anders. Macht es wieder sexy, seid sexy mit eurem Kopf, macht leichte Achselbehaarung wieder salonfähig, indem ihr sie im Kollektiv langsam wieder einführt und sanft erhöht – dann wird sie auch akzeptiert. Ein Tabubruch muss erfolgen! Behindert euer Positionsfortschreiten nicht selber, tretet ein für eine zwangsfreie, freie Lebensgestaltung! Es ist höchste Zeit!
Nachwort (26. September 2009)
Es wurde von einigen gefragt, was mich das Thema denn anginge, »schließlich ist er kein Mädchen«, das könne mir doch vollkommen egal sein.
Ihr tut mir einfach furchtbar Leid.
Wenn es mich doch nicht direkt selbst betrifft, so möchte ich zumindest, dass meine noch ungeborenen Töchter einmal nicht in einer Welt unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen und Zwängen werden leben müssen.
Das Plädoyer ist sogar sehr eigennützig: Wenn ich als Mann dauerhaft neue Rechte erhalten möchte, die bisher den Frauen vorenthalten waren, muss es ein gerechtes Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern geben, sonst wird meine “Nahme von Rechten” immer argwöhnisch beäugt werden; und *körperliche* Zwänge sind dabei absolutes No-Go und unzuwirklich dem Ziel, so was darf es nicht geben.
Der Körper ist das Niederste, und Gedanken sind seinen Ideen, seinen Vorstellungen in gewisser Weise bedingt und unterworfen.
Die Enthaarungspraxis und der gesellschaftliche körperliche Zwang dahinter dient nur der Unterdrückung und Unterwerfung; von den Männern mehr oder weniger bewusst lanciert und in eure Köpfe verpflanzt, um euch unfrei, “bewusstlos”, zu halten, ihnen “ungefährlich”.
Ihr müsst doch das erkennen, was hier mir euch gemacht wird! Ihr seid Sklaven der Vorstellungen der Männer, geschickt von ihnen in eure eigenen Ideale geschrieben!
Wenn ihr gar nicht das Bedürfnis habt, dagegen zu rebellieren, – das versteh ich voll! Aber denkt doch mal über dieses System auf einer höheren Ebene nach, ihr werdet erkennen, wie es funktioniert; dass die “natürliche Notwendigkeit” durch die Medien – und letztendlich dahinter den lüsternen Männerköpfen als Entscheidern, die eben genau so etwas sehen wollen – seit Jahren propagiert wird, bis ihr es tatsächlich als Eigenschaft von “Weiblichkeit” annahmt; das ist fatal!!
Wenn ich hypothetisch mit einem Mädchen den Körper tauschen würde, ich würde mich aktuell sehr bedrängt, unter Zwängen und Erwartungen und Idealen fühlen, nicht gleichberechtigt und von anderen bestimmt, befohlen und eingeschränkt; das empfände ich als höchst unangenehm.
Das stelle ich mir schrecklich vor, ich empfinde ja schon alleine die geistige Unfreiheit, die natürlich auch ich habe, als große Behinderung in meiner persönlichen Auslebung und Entfaltung, dazu noch mehr körperliche Zwänge, oh Gott! So wollte ich nicht leben! Das ist keine Freiheit!
Macht euch dessen bewusst, was mit euch *getan wird*, macht euch dessen bewusst, *was ihr nicht dürft*, was euch *verhindert wird*, was euch an Freiheit *entgeht*. Die Freiheit gehört euch durch die Natur, sie wird euch genommen; ihr seid nicht Frauen, ihr seid *Menschen* und sie steht euch zu!
Dagegen müsst ihr was tun, echt. Mir ist völlig klar, dass ihr euch nicht trauen werdet, in Trotz auf einmal mit Bein- und Achselbehaarung herumzulaufen, würde ich mich an eurer Stelle auch nicht.
Das Thema muss diskutiert werden, es muss öffentlich gemacht werden und es muss zum öffentlichen Interesse werden – was es natürlich unter jeder von euch schon sein sollte.
Sprecht mit Männern darüber, nicht nur Partnern, sondern allgemein mit Freunden. Macht ihnen klar, wie ihr den Zwängen unterworfen seid, und glaubt mir, die werden nachsichtiger damit werden und sein, als ihr selbst untereinander, die möchten euch helfen.
Sprecht überhaupt mit so vielen Freundinnen und Freunden wie möglich darüber, wenn ihr einen Blog habt, bloggt darüber, stellt eure Situation dar. Das ist der Schritt hin zu ungehemmter Empörung, Mut und schließlich einer Änderung, die gesellschaftlich akzeptiert wird.
Schule. Ein Leidensbericht.
9. Sep 2009
Ich habe mich entschlossen, meine Gefühle und Verfassung zur Schule in einen zweiten Beitrag zu veröffentlichen, weil sie sonst dem objektiv angelegten ersten Teil seine Glaubhaftigkeit, Stärke und Signifikanz nähmen und, wie ich finde, auch nicht dazugehören.
Warum ich das hier veröffentliche, weiß ich nicht genau. Ich wollte es in erster Linie in Selbsttherapie für mich herausarbeiten und wenn ich auf kein Ziel wie eine Blogveröffentlichung hinarbeite, würde das nie fertig und niemals so ausformuliert, wie es jetzt geworden ist.
Die Schule ist für mich ein einziges Drama.
Was nun kommt, ist ein Streifzug durch die Fächer, die mir am meisten Kummer bereiten. Doch wenn nicht explizit anders erwähnt, bedeutet ein hier aufgeführtes Fach nicht, dass ich darin deshalb notisch schlecht wäre.
Inhalt: Mathe, Englisch und Gemeinschaftskunde, Gemeinschaftskunde, Sport, Biologie, Bildende Kunst, Mein Biorhythmus, Teile meiner Hochsensibilität, Stresskonsequenzen, Freunde, Selbstbewusstsein, Psyche, Das nächste Schuljahr, Schlussgedanken.
Mathe
Ich weiß, viele Leute, die mich kennen, erwarten das nicht von mir: Ich bin sauschlecht in Mathe.
Das Maximum, was ich während der Stunde noch hinkriege, ist Äquivalenzumformung – und auch das nicht, wenn ich unverhofft aufgerufen werde.
Ich habe während den Stunden regelrechte Angstzustände.
Was ich gerne hätte, wäre ein psychologisch beglaubigter Attest für Mathe.
Mein Denken ist eingefroren, mein ganzes Denken ist blockiert.
Ich bin so kaputt, dass sogar meine Rechtschreibung katastrophal wird.
Über Mathe bin ich unter allen Fächern am unglücklichsten, hier ist der Leidensdruck am stärksten.
Während des Tafelabschreibens kann ich nichts lernen. Ich habe ja schon die größte Not, diese Zahlen und Wörter in Häppchen zu erfassen, zu behalten und zu kopieren. Und dann wird ja meistens auch nebenher noch weitererklärt!
Das Fach ist hektisch. Ich bin nur angespannt.
Mir drängt sich Stunde um Stunde das Gefühl (oder: die Illusion) auf, ich wäre hier in der Intelligenz sämtlichen Mitschülern unterlegen. Dadurch ziehe ich mich erst recht in eine vermeintliche Schutzposition zurück, mache mich ganz klein. Dazu kommen weiter unten noch beschriebene Überreizungen der Umgebung.
Außerdem möchte ich immer originelle und kreative Lösungen präsentieren und das kann ich in Mathe nicht – weil ich nichts gelernt habe, weil ich darin nicht lernen *kann*. Aber ich MÖCHTE doch so gerne etwas darin lernen!
Sag ich was Falsches, deprimiert mich das die ganze Stunde (oder werde ich eben überraschend aufgerufen; ich schäme mich dann vor der ganzen Klasse).
Mathe ist für mich reine Berieselung und Hoffen, nicht aufgerufen zu werden.
Fast nie kann ich während Arbeitsphasen etwas mit den Aufgaben anfangen.
Schon immer musste ich den in der Schule eigentlich vermittelten Stoff in den naturwissenschaftlichen und sprachlichen Fächern zu Hause nachholen, weil ich es in der Schule nicht auf die Reihe bekomme. Das ist schrecklich. Ich sitze ganze Stunden da, möchte etwas von dem dargereichten Stoff verstehen und behalten, aber kann es nicht.
Ich mache eigentlich nur kleine Fehler, aber die sind “mit großer Wirkung” und es gibt in den seltensten Fällen jemanden, der bereit ist, mir kurz zu helfen, weil jeder so auf sich konzentriert ist, weil alles so schnell geht. – Den Lehrer zu fragen, natürlich, traue ich mich nicht.
Die “großen” Fehler sind bei mir eher die Ausnahme, viel mehr mache ich kleine, aus Unverständnis mit anderen Stoffbereichen zusammenhängend, die ich einfach nicht (mehr) beherrsche.
Übrigens – das will ich noch klarstellen – streckenweise, vor mancher Arbeit, habe ich echten Spaß an dieser Essenz der Rationalität. Streckenweise meine ich auch, ich würde Dinge schneller verstehen als meine Mitschüler.
Aber, die Einschränkung die kommen muss, ich bin de facto in Mathematik so eine verlorene Seele, dass ich die Hoffnung aufgegeben habe, jemals gleich wie die anderen dem aufeinanderfolgenden Stoff verstehen zu können. Mir fehlen viele Grundlagen, Dinge, vor denen ich mich damals gesperrt habe aus Uneinsicht, bei denen ich heute sagen muss, hättest du doch wenigstens diese Dinge damals richtig gelernt, dann wäre dein Problem mit dem Fach heute ein partiell anderes. Selbst wenn ich diese Grundlagen nachlerne, fühle ich mich nicht sicher, fühle ich mich gegenüber den anderen minderwertig, glaube, dass die doch noch so viel mehr im Zusammenhang damit verstehen müssten, dass ich so weit abgeschlagen bin, dass es sinnlos ist, dass ich nur verlieren kann.
Mein Problem mit Mathe ist ein psychologisches.
Mathelehrer glauben ja immer ganz selbstverständlich, etwa in Elterngesprächen, man müsse ja nur üben, um den Zustand zu ändern, und wäre eben faul.
Ich habe schon gemerkt, dass ich nicht der Schlechteste bin. Den “anderen Schlechten” scheint ihre Lage aber nicht aufzufallen, sie nicht zu stören, sie machen sogar oft vergnügt am Unterricht mit. Sie scheinen nicht zu bemerken, wie viele Zusammenhänge sie nicht erfasst haben, sie scheinen es nicht weiter mit sich in Verbindung zu setzen, nicht persönlich zu nehmen.
Ich schäme mich dafür, das selbe übrigens in Französisch.
Ich bin keineswegs von der Mathematik überfordert, mich überfordert die Klasse.
Englisch und Gemeinschaftskunde
Ich denke viel zu kompliziert und abstrakt und finde keine Worte dafür. Ich kann selten direkte, klare Gedankenwege kreieren.
Bei vielen Fragen nehme ich dagegen die erwartete Lösung schon als selbstverständlich an und suche auf dieser aufbauend krampfhaft mit meiner ganzen Kreativität nach etwas “Mystischem”, was ich ebenso als selbstverständlich halte. So übersehe ich tonnenweise einfache, simple Antworten und ärgere mich griesgrämig beständig über mich selbst.
Und das, weil ich nicht in mir ruhe, weil ich mich unfrei fühle, bedrängt, bedroht.
Gemeinschaftskunde („Politik“)
Wäre es nur der Stoff, wär ich besser. Es gibt jede Stunde dumme Witze, “soziale Verhältnisse” in einer Art, der ich abgeneigt gegenüberstehe, durch die ich genervt bin, sie gefallen mir nicht, ich fühle mich unwohl, nicht dazugehörend und ich blocke ab; versuche zwar, den Stoff trotzdem noch an mich ranzulassen, aber das ist verdammt schwer; es wird sehr viel geschrien, es gibt sehr viel Lärm.
Ich bin außerordentlich interessiert an dem Stoff, aber hier wird es mir wirklich richtig, richtig schwer gemacht, auch nur zu Konzentration zu finden und nicht gleich für mich das gesamte Fach hinzuschmeißen.
Sport
Ich bin die gegenseitigen Anschuldigungen der Jungen der Homosexualität Leid. So was von.
Mir tut nach jeder Stunde Irgendetwas weh, nicht, weil ich unbedingt etwas falsch gemacht hätte, sondern weil ich (meistens) bösartig mit Bällen beworfen werde, oder sonstige Späße ertragen muss. Sport haben wir zusammen mit einer Parallelklasse und summa summarum kommt da ein ordentlicher Haufen Proleten zusammen, die sich in einem Fach über körperliche Kondition sehr wohl fühlen.
In den Kabinen herrscht eine unzumutbare Luft, verpestet durch unzählige Deos und “Belüftungsaktionen” mit dem Wandföhn (!!). Auch in der Turnhalle west schreckliche Luft dahin; dazu der eklige schmutzige Boden (Popels?).
Ich bin durch einen Spielunfall als Kleinkind auf dem rechten Auge blind und habe somit kein direktes optisches 3D-Sehen, ich muss alles schätzen aus Erfahrung.
Darum brauche ich länger; ich hasse Bälle, ich hasse Ballspiele, ich hasse Aufgaben mit Anlaufen, ich hasse sie alle.
Biologie
Ich denke mit Absicht an das Schwierigste, ich möchte dem Lehrer nicht zuspielen und irgendwie versuche ich immer den schwierigsten Weg, um mir selbst etwas zu beweisen. Es ist sehr lange her, als ich das letzte Mal in Biologie eine geniale Assoziationskette hatte, dabei ist das ja eigentlich das, mit dem ich mir gefalle und was ich von mir erwarte.
Ich kann nicht frei denken, bin nicht kreativ.
Analog zu Englisch und Gemeinschaftskunde fehlen mir, zumindest, wenn ich etwas vor der Klasse sag, auf einmal alle Fachausdrücke.
Bildende Kunst
Seit Jahren habe ich darin nichts mehr geschaffen, worauf ich stolz gewesen wäre. In keinem anderen Fach schäme ich mich so wie in BK (gerechtfertigt zu dem, was die besten anderen kreieren). Und denke, ich kann das doch viel, viel besser. Meine zu Hause zweifelsohne in Übermaßen vorhandene Kreativität ist in der Schule geradezu eingefroren, chronisch in BK.
——
Mein Biorhythmus
Mein Biorhythmus ist eine Ausnahme – ich erreiche meine höchste Leistungstärke von 21:00 Uhr bis 03:00 Uhr. Um die Uhrzeit 02-03 Uhr +-1 h bin ich auf meinem kognitiven Höhepunkt. Es ist einfach so. Ich spüre das immer wieder an Wochenenden und in Ferien.
Morgens ist überhaupt nicht meine Zeit. Selbst wenn ich mal ausgeschlafen bin. Ich kann mit den Vormittagen kognitiv nicht so viel anfangen.
Da ich durch meinen Biorhythmus sehr schlecht nachts einschlafe – ich schlafe verständlicherweise äußerst widerwillig zu der Zeit ein, zu der ich mich am leistungsfähigsten fühle – bin ich meistens in der Schule recht müde.
Dazu kommt noch eine, gerade durch den Schlafmangel begünstigte, schwache Blase. Es ist grauenhaft.
Teile meiner Hochsensibilität
Ich bin hochsensibel, und in der Schule wird meine Reizgrenze überschritten. Es ist äußerst unangenehm.
Es geht dort hektisch zu, ich bin unter vielen Schülern mit unterschiedlichsten Emotionen, die ich allesamt unbewusst beobachte und analysiere, dann der Zeitdruck aus dem Unterricht…
Ich habe jeden Tag Angst vor der Schule.
Die Schule schüchtert mich ein, durch verlangte und im von den meisten erbrachte “Disziplin des Funktionierens”, durch ein Können, das ich nicht habe.
Ich kann effektiv und gründlich lernen, aber beim Stress, der von außen, nicht von mir, kommt, bin ich blockiert. Ich lerne gerne etwas für die Schule, kann es aber nicht unter diesem Stress. Ich leide sehr darunter.
Im ersten Schuljahreshalbjahr von September bis Februar ist das immer am schlimmsten, danach wird alles etwas lockerer.
Ich brauche Besinnlichkeit, ich brauche Ruhe, ich brauche Zeit für mich. Ich scheine vollkommen inkompatibel zu diesem Modell von Schule zu sein.
Wie meine Deutschlehrerin in der 9. Klasse vor der Tafel erklärte: In subtilen Anspielungen bin ich der absolute Meister, da kommt keiner an mich ran.
Das bedeutet auch, dass jedes Wort, jede Formulierung in mich mit einer viel enormeren Gewalt einschlägt, mehr Nerven berührt, mehr wehtut oder mehr erheitert (ich lache oft über “ganz banale” Formulierungen). Das ist Teil der Hochsensibilität.
In einem Satz, den ich in der Schule sage, zerreißt es mich innerlich schier an der Entscheidungsfindung, wie er zu formulieren wäre, um entweder ganz spezielle subtile Anspielungen hervorzurufen oder bei allen, bei denen es mir darauf ankommt – und das ist so irre schwer – keine aufkommen zu lassen. Dabei kann ich noch nicht mal wirklich gut verbal sprechen und formulieren, ich konnte das nie lernen.
Wenn wir etwas lesen oder besprechen, kommen mir, habe ich den Eindruck, viel mehr Gedanken aus den skurrilsten Herleitungen, als anderen. Vor allem Bilder kommen mir in den Sinn und übergeordnete Zusammenhänge versuche ich durch händisches Aufeinanderzubewegen der verschiedenen Fakten und Drehen der Ansichtsweisen zu entdecken.
Andere können sich einfach auf die Fakten, so wie sie sind, konzentrieren, sie hinnehmen, lernen – und anwenden. Ich nicht.
Und ist eine Frage offiziell aufgelöst, hängt in mir immer noch ein Nachbild meiner Konstruktion meiner Gedanken zu der Frage auf den Liedern, und ich habe die größte Mühe, meine eigenen Gedanken als offenbar ›falsch‹, unpassend und unwesentlich zu akzeptieren und zu verwerfen. Spricht der Lehrer weiter, möchte ich am Liebsten weiter auf meinen eigenen Gedanken aufbauen – was mich nach kürzester Zeit wieder aus dem Verständnis wirft.
Stresskonsequenzen
Ich fühle mich wirklich richtig unwohl.
Unter den Schulbedingungen kann ich mich nicht vernünftig konzentrieren.
Ich kann einen Lehrer nicht etwas fragen, nicht mal in den mir angenehmeren Fächern, und mich naher noch genau an seine Antwort erinnern. Es geht nicht.
Ich weiß, dass ihr jetzt denkt: »Haha, es sind natürlich immer die Anderen!«, doch ich bin mir meiner Situation absolut bewusst und ja, es sind die anderen. Doch nicht so, dass sie einfach schlimm wären. Es bin ich in Beziehung zu diesen anderen.
Ich werde erdrückt von Gedankengängen, die ich zu berücksichtigen habe, ich weiß zu viel über die anderen, habe sie schon zu tief analysiert, und will (muss) immer fortsetzen darin.
Ich habe mit ein paar wenigen tiefeinschneidende Erlebnisse und ein Traum gehabt (ja, das Wort ist mit Bedacht gewählt). Das sind momentan gewaltige (und bitte nicht zu unterschätzende) Energien in mir, die in die Bewältigung hineinfließen, in die Umschiffung von Problemhafen, in skurrile Fantasien, es wieder umzuschlagen; und daneben Scham, große Scham.
All das bildet ein Konglomerat aus entgegengesetzten Gefühlen, das ich selber nicht ergründen kann. Es stellt auf jeden Fall eine schwere Last auf mir dar, immer wenn ich in dieser Klasse bin.
So viel Pein, so viel zu berücksichtigen, so eine Belastung! Das macht mich kaputt! Nach der Schule bin ich immer emotional total fertig und habe so viele Eindrücke gesammelt, dass ich Stunden brauche, um wieder zu mir zu kommen. Ich habe den Eindruck, ein Schultag stresst mich so sehr wie andere ein hohes Pensumlimit in einem Beruf. Ich bin danach deutlich kaputter, als wenn ich daheim lange lerne oder Nachrichten lese.
Ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie es ist, den Kopf ganz frei zu haben und sich vollkommen auf den Stoff und sich konzentrieren zu können. Es muss wunderbar sein. Es muss eine Wonne sein. Das reine, pure Verständnis muss zu Erkenntnissen führen.
Das drückt ein Bild davon aus, was ich unter Schule und Lernen begreife (bis auf die Wonne) – und wovon ich so weit in meinem Empfinden und Kummer entfernt bin.
Freunde
Seit jetzt zwei Jahren, als mein damals bester Freund von der Schule ging und seit nun einem Jahr, seit ich ein anderes beschämendes und angstmachendes Problem mit wem in der Klasse habe, fühle ich mich ganz allein. Niemand, den ich interessant finde, interessiert sich seitdem noch von sich aus für mich, ich kann die größten Störungen und Unwohlheiten zeigen, niemand spricht mich darauf an.
Ich möchte am liebsten da nicht mehr hin!
Dieses Jahr verlassen insbesondere zwei Mitschüler die Klasse, die sehr gestört haben, ja, aber die in ihren Gebieten auch tolle Kameraden waren. Ohne sie werde ich mich wieder ein Stück einsamer fühlen.
In den großen Pausen streife ich ziellos durchs Erdgeschoss und den Schulhof. Mir ist langweilig, wenn nicht gerade schönes Wetter ist, wünsche ich mir so schnell wie möglich ein Ende der Pause herbei. An den oberflächlichen, egofröhnenden Gesprächen, die meine Klassenkameraden in der Zeit untereinander führen, kann ich nichts finden.
Auch in den Pausen fühl ich mich schlecht, bedrückt. Würde ich als externer Beobachter mal meinen unglücklichen Pausengang beobachten, ich würde wahrscheinlich über meine Einsamkeit weinen.
Selbstbewusstsein
Selbstbewusst _ sein heißt, sich trauen, selbst zu denken. Das tue ich in einigen Fächern nicht.
Ich kann mich nicht nur auf mich konzentrieren, nicht einfach sein.
Ich denke bei und während allem, was ich für die Schule tu, in erster Linie an die anderen. Es als alleiniges Vergleichen zu erklären, würde dem nicht gerecht werden. Ich habe viel Angst und verstehe die anderen nicht. Verstehe ihr Bewusstsein nicht, das sich offenbar so stark von meinem unterscheidet.
Die anderen scheinen fast ausschließlich in sich zu ruhen, anstatt über alles um sie herum nachzudenken, ihrem Ego zu frönen (das ich praktisch “nicht habe”). Das Schockierende ist, dass sie trotzdem weiterkommen. Sie machen viel falsch, aber durch eine spezielle gesellschaftliche Dynamik, die zuversichtlich ist, dass dazugelernt wird, werden sie in ihren Gruppen sogar noch unterstützt, wird ihnen verziehen, wird ihrem Ego gehuldigt (!!).
Ich glaube in dieser Klasse immer, mich verteidigen oder rechtfertigen zu müssen.
Ich bin in der Schule zu 80% eingeschüchtert.
Die einzige Zeit des Jahres, in der ich in meinem reinen Bewusstsein sein kann, wirklich zu mir selbst finden kann, sind die Sommerferien, kleinere Ferien reichen nicht aus, nur die Sommerferien, weil das so viel Zeit ist, dass ich wirklich vergesse und durch die anderen nicht verunsichert werde, nicht bedrückt bin, alleine in mich schauen kann.
Dabei werde ich klarer und meine Intelligenz legt sich frei, die sich zur Schulzeit unter Zwängen und starren Anforderungen verkriecht.
Ich schreie dagegen an: Ich möchte meine Intelligenz nutzen können!!
Das ist, warum ich die Schule hasse, oder genauer: Ich habe Furcht vor ihr!
Mir wird eingeschlossen damit das Assoziieren erschwert – das bedrückende Unterlegenheitsgefühl und der ständige Pessimismus weitet sich auch auf meinen außerschulischen Privatbereich aus.
Wenn ich mich eh schon eingeschüchtert fühle, tu ich mir noch schwerer, mit dem Eindrückebeschränken → bin unsicher, schwach, verletzbar von außen, “ablenkbar”.
Ich seh nicht, was ich kann, ich seh nur, was ich nicht kann und wie schlecht ich in der Schule bin. Ich könnte auch niemals auf einem Schulfest feiern, ich habe nichts zu feiern, das ist mir jede Minute in der Institution im Bewusstsein. Ich bin so viel schlechter, als ich sein könnte.
Ich erinnere mich an viele angesammelte peinliche, schamvolle Momente der Vergangenheit. Ich kann kaum über sie hinwegsehen, sie setzen mich in meinem Selbstwert noch immer herab.
Auffällig ist auch, dass die anderen schneller von der Tafel abschreiben. Ich schreibe nicht langsamer als sie, und so führe ich das darauf zurück, dass sie sich mehr Wörter oder Elemente am Stück beim Hinschauen auf die Tafel merken als ich. In Fächern, in denen ich mich wohl fühle, bin ich nicht unter den Langsamsten. Also hat auch das etwas mit dem Selbstbewusstsein und Wohlbehagen zu tun.
Ich bin eh schon deprimiert über meine Leistungen und das geht mir an den Selbstwert, soweit, dass ich mir in bestimmten Fächern nur Minimales im Kurzzeit- wie im Langzeitgedächtnis behalten kann.
Ich bin in mir unwohlen Fächern in einem neuen Thema ab dem Punkt schlecht, an dem vorhin erwähntes Wissen ganz exakt und vom Lehrer als natürlich vorhanden-vorausgesetzt angenommen wird. Ich weiß, dass da noch etwas war, aber kann mich nicht mehr genau entsinnen. Ich schaue scheu und bestürzt um mich herum – dabei wird die Klassen-Kamera zur Hauptkamera und ich halte die Lehrerkamera kaum noch aus. Ich bin so deprimiert über mich, dass ich in mir zusammensacke, mir Vorwürfe mache, tief traurig bin und dem Lehrer nur noch ein »Ja, red Du nur, ich komme ja eh nicht mit!« zudenken kann.
Da dies Erfahrung ist, verkrüppelte das mein Selbstbewusstsein so sehr, dass ich es kaum noch wage zu versuchen, mitzukommen. Alleine der Versuch ist ein Kampf gegen meine Erfahrung und mein kaputtes Selbstbewusstsein, bei dem ich, wenn ich einmal Oberhand gewinne, immer noch die Stimme höre: »Es bringt nichts, Du weißt es, gleich hast du wieder versagt.« – Womit ich früher oder später dann auch wieder den Anschluss verliere.
Psyche
Wenn ich nur an die Schule denk, werd ich schon nervös und mein Denken entgleitet mir.
Alleine die Vorstellung, mit meinen Mitschülern zusammen sein zu müssen, löst das schon aus. Wie beim Schreiben dieses Textes: Ich denke nur an die Schule und beginne zu Schwitzen und meine Gedankengänge werden durcheinander und hektisch.
Äußerst perplex bin ich über die jahrelang gemachte Beobachtung, dass ein Großteil meiner Klasse keine Moral besitzt; ich denke mir, wie kann man nur so sein. Sie kennen keine Grenzen, keine Werte, sind egoistisch, kennen keinen Anstand. Und doch funktioniert das Klassengefüge unter ihnen irgendwie. Aber ich kann doch nicht mit solchen unzuverlässigen Menschen (Morallosigkeit: Nichteinhalten von menschnatürlichen Werten) glücklich (theoretisch) in einer Klasse sein, ich hab immer Furcht vor ihren nächsten unberechenbaren Aktionen. “Perplex” trifft das wirklich am besten, ich kann ihre Art auf keiner Ebene verstehen und bin immer wieder überrascht, wie rücksichtslos sie sich verhalten. Verstehe auch nicht, warum das so gut bei dem Rest ankommt. Ich halte es für gesellschaftsschändigend falsch.
Was ich vor allem in der Schule bräuchte, wäre wieder unter Gleichaltrigen zu sein, was leider unmöglich ist. Ich fühle mich immer an einer losen Leine außerhalb der Klasse, die an gespannter Leine kollektiv nach vorne zieht. Ich habe keine Führung. In sehr vielen bin ich denen voraus, in anderen anscheinend Jahre hinterher, es ist unvereinbar (im Denkhorizont, in der Gefühls- und Emotionswelt weeeit voraus, in allem Nachaußentragendem hinterher).
Das ist gerade so wichtig, weil ich eigentlich nur während der Schule im realen Kontakt mit Menschen bin. Ich bin total unsicher, weil ich mich nur dort unter welchen erlebe, und dabei so schlecht in allem Nachaußentragendem.
Im Gefühlsbereich können die anderen mir nichts Neues mehr beibringen, und so fehlt mir eine Orientierung nach vorne. Ich weiß nicht mehr, wie es ist, emotional gefordert zu sein. Ich bin nie real unter Gleichaltrigen. Das heißt für mich, ich muss mir selber Ideale suchen – Ideale, nicht Idole. Und das heißt, ich verhalte mich etwas “weltfremd”. Und das heißt auch, dass ich dann erst recht unsicher werde, weil ich nie sagen kann, wie sich Gleichaltrige verhalten würden, was sie denken würden, wie sie abstrakte Visionen umsetzen würden; ich fühle mich ausgeschlossen, separiert und ungleich.
Ich schäme mich dafür, mit 18 in die 11. Klasse zu kommen und mit so jungen Mitschülern zusammen zu sein. Die 3. Klasse freiwillig zu wiederholen, weil ich auf eine andere Schule gewechselt bin, war einer der größten Fehler meines Lebens.
Ich denke dauernd, ich habe den Gleichaltrigen so viel hinterher, sie haben schon so viel mehr Stoff als ich gelernt, haben schon viel mehr erlebt, sind ein Jahr eher mit der Schule fertig, ich denke immer daran, wenn ich welche sehe und wenn ich mit welchen kommuniziere.
Ich seh meine Gleichaltrigen vor mir schon ein Jahr weiter in der Schule, schon viel weiter im Stoff, schon viel mehr hinter sich gebracht, Dinge, die ich noch nicht verstehe, mit denen ich mich noch abquälen werde, sie sind viel weiter. Das macht mich fertig und bringt mich bis zum Weinen.
Es gibt in meiner Klasse Leute, die mir in logischen Gedankengängen recht ähnlich sind, zwar in ihrer Leistungsfähigkeit arg unterlegen, aber sie sind bedeutend besser auf den Gebieten Verbalformulierung, Selbstbewusstsein, Sozzeln [= soziale Geschicklichkeit, Sympathie bei anderen erweckend]; davon gibt es in meiner Klasse einige. Alles in allem führt das dazu, dass ich mich minderwertig fühle, ich mit meinem Nachaußentragenden nicht gegen diese anderen ankomme, dann auch natürlich im Denken schlechter und schließlich depressiv werde.
Aus Enttäuschung über etwa meine Formulierfähigkeiten, kann ich mich immer öfter beobachten, wie ich mich einfach wie die anderen ohne Bedacht im Sprechen gehen lasse. Dafür verachte ich mich dann so richtig.
Ich bin lernwillig, aber ich kann in der Schule nichts lernen. (Viele sind ja nicht lernwillig. Ich dagegen bin im Grunde sehr motiviert.)
Ich störe nie den Unterricht, weil ich etwas ›langweilig‹ oder ›unverständlich‹ fände, eher noch habe ich dann meist Respekt vor einem Thema, halte mich zurück, beobachte, und bin nur noch über mich selbst deprimiert.
Ich habe einen sehr hohen Selbstanspruch. Mir reicht es nicht, “gut” zu sein, ich will immer “außergewöhnlich” sein. Ich will nicht besser sein als die anderen, sondern ich sehe es irgendwie als ganz “natürlich”, als meine “Bestimmung”, an der Spitze zu sein. Das ist vielleicht sehr arrogant formuliert, ich meine es aber nicht arrogant. Ich will perfekt sein, es ist triebhaft, zwanghaft. Ich fühle mich immer ungenügend, wenn ich nicht perfekt bin, jeder Fehler setzt mir zu, mehr als anderen. Dazu kommt Angst vor Blosstellung.
Wenn ich in der Schule von so vielen Eindrücken und analytischen Gedanken abgelenkt und beschäftigt werde, dann kann ich das unmöglich halten – ich konnte es nie halten – und verfalle in Depression und gestehe mir kaum noch Selbstwert zu – der Rest schafft es ja!
Wenn ich die Hausaufgaben nicht gewissenhaft erledige, hängt das während des Unterrichts oftmals tonnenschwer an meinem Selbstbewusstsein und ich fühle mich gar nicht mehr würdig, das Wissen während der Stunde aufzunehmen.
Wenn ein Lehrer spricht, von mir sehr sympathischen Lehrern und mich persönlich brennend interessierenden Themen abgesehen, bebt in mir der Widerstand gegen diese Einrichtung, gegen das System, gegen den verlogenen Zwang.
Ich bin vielleicht so ein radikaler Schulkritiker einer speziellen Art, dass ich sie nicht bewusst verweigere, sondern mir selbst die Teilnahme “verbiete”, wer weiß.
Ich könnte mir gut vorstellen, mir allen Stoff selbst, daheim, beizubringen; ohne Privatlehrer, vielleicht mit Ansprechlehrer. Aber leider ist das “Unschooling” in Deutschland, anders als in vielen Nachbarländern, nur in absoluten gesundheitlichen Ausnahmefällen möglich.
Das mag ein kolossal subjektiv falsches Fehlgefühl sein, aber ich habe den Eindruck, dass ich in ein, zwei Parallelklassen sehr viel besser hineinpassen würde, als in meine momentane. Dass ich mich dort beträchtlich wohler fühlen würde. Dass die Leute dort mich besser verstehen könnten, und seien es auch nur die Mädchen.
Unsere Klasse wurde nicht geteilt. Ich Idiot musste in der 5. unbedingt die Klasse nehmen, die als erste Fremdsprache mit Französisch begann (darum kann ich auch nicht einfach die Klasse wechseln). Jetzt sind wir sechs Jahre zusammen. Und egal, was man mir weismachen möchte: Diese Klasse ist kaputt, es gibt keinerlei Dynamik mehr. Jeder hat seine Rolle. Wenn man Grundlegendes an sich ändern möchte, dann bleibt man auf seiner alten Position gefesselt.
Das nächste Schuljahr
Es ist für mich der absolute Albtraum, wenn nicht Horror, noch ein Jahr in dieser Klasse sein zu müssen.
Ich kann mich nicht an viele schöne Momente mit meinen Mitschülern erinnern, in denen ich mich so ganz gut wohl gefühlt hätte. Nein, ich habe keine positiven Erinnerungen an dieses Schuljahr. Vielleicht einige Momente, die ich meiner Geschichtslehrerin zu verdanken habe.
Sonst, wenn ich an Schönes in der Schule denken möchte, lande ich gedanklich immer in der 9. Klasse.
Eine aus meiner Klasse hat es zum Jahresende Klasse 10 richtig gemacht: Sie wechselt das Gymnasium. Eine schlicht geniale Lösung. Meinen tiefsten Respekt für diese Entscheidung. Ich hab mir in den Ferien überlegt, es ihr gleichzutun, selbst wenn ich dann in eine Klasse käme, die mit Englisch und nicht Französisch als erste Fremdsprache angefangen hat. Aber dafür war es da schon zu spät.
Ich will aus der Klasse raus, ich will so gerne einen Neuanfang.
Nach einigen Beobachtungen, scheinen viele ihre Arbeitshaltung zur Schule mit dem Beginn der Oberstufe zu ändern. Jene, die davor die Schule noch nicht ernst genommen haben, legen in der Oberstufe richtig los und glauben die Einbläuungen, die Schule sei das Wichtigste, der Sinn, das Ziel. Ihr ganzes Denken transformiert sich ins radikal schul-logische, sie werden rationalistisch, werden angepasst, sie ergeben sich vollkommen dem System.
Wer das nicht tut oder kann, der scheint keine Chance zu haben, “gut zu sein”. Man muss funktionieren. Man muss angepasst sein.
Die Oberstufler stellen das nicht infrage, sie nehmen es an; sie können sich überhaupt nicht leisten, es infrage zu stellen.
Davor habe ich Angst: Erstens sehe ich die Wichtigkeit unserer Schule so nicht ein und dann bin ich eben einfach hochsensibel und werde das so niemals umsetzen können und an dem eventuellen Versuch sicherlich zerbrechen. Und ich will mich nicht so anpassen. Das geht gegen meine philosophische Auffassung.
Im Film Logan’s Run (deutscher Titel: Flucht ins 23. Jahrhundert) leben die letzten Menschen vollkontrolliert unter einer riesigen Stadtkuppel, und es besteht ein Alterslimit der Bürger von 30 Jahren, zu dem sie “erneuert”, aber tatsächlich getötet werden, um die Population niedrig zu halten. Die Menschen in der Kuppel glauben, die Welt außerhalb wäre lebensfeindlich und sehen das Erneuerungskarussell als selbstverständlich.
Genau das vergleiche ich mit der Schule, damit, wie Gehirnwäsche betrieben wird, wie manipuliert wird, für einen eigennützigen Zweck, für die vermeintliche “Wirtschaft”.
Ich habe Angst vor nächstem Schuljahr. Angst, meinen Charakter durch die Schule zu “bilden”, Angst davor, so zu sein und werden zu müssen, wie ich es nicht für gut halte. Oder mich am Widerstand aufzuspießen.
Schlussgedanken
Ich kann lernen. Ich halte mich für recht intelligent. Aber ich kann es nicht in der Schule, nicht in dieser Art Schule. “Wenn ich nicht so mit mir selbst beschäftigt wäre”, und wenn ich das System bespringen würde, wie manch anderer, wäre ich ein exzellenter Schüler, da bin ich mir sicher. So bin ich ein durchschnittlicher, auch wenn ich mir selbst viel, viel schlechter vorkomme. So jemanden nennt man Underachiever.
Doch mein Leidensdruck ist hoch, ich halte das so nicht mehr lange durch.
Schule.
7. Sep 2009
Ich möchte, für alle lesbar, meine Unzufriedenheit mit dem deutschen Gymnasium (und in meinem Fall speziell dem Baden-Württembergischen) zu einen kleinen Essay fassen.
Das mag den Eindruck einer harten Abrechnung erwecken, aber das ist es nicht, schon gar nicht eine mit meinen Lehrern. Dahinter steht kein böser Wille, sondern sachliche Systemwut.
Sollte dies einer meiner Lehrer lesen: Ich will Ihnen nichts Böses. Ich kritisiere hier nicht Sie, sondern dieses System von Schule.
Ich spreche nur einige wenige Fächer an, bei den anderen mir bekannten hielt ich den Unterrichtszustand nicht in diesen Maßen für kritisierbar.
Mathe
Wir bekommen in diesem Fach so unglaublich viel unnützes Wissen eingetrichtert, und leider traut sich keiner mal die tatsächliche Sinnhaftigkeit der Themen objektiv zu betrachten, weil es ja so stark legitimiert ist als “Denksport” und Disziplin der Intelligenten; weil man ja insgeheim diese Präzision ehrfürchtig anstrebt und sieht, dass die, die auch in vielen anderen Feldern auffallend intelligent sind, Spaß daran haben, also muss es gut sein.
Ich sage: Wir müssen das nicht alle können!
Ganz klar gehört Logik geschult, die Schule ist der richtige Ort dafür. Logik! Logik kann man auch anders lernen!
Das Fach Mathematik ist an den deutschen Gymnasien ab der Mittelstufe Geldverschwendung des Staates. Von 30 Schülern braucht voraussichtlich nicht einmal immer einer das Schul-Mathematikwissen ab der Oberstufe im späteren Beruf. Das bedeutet, 29 Schüler einer Klasse von 30 Schülern werden ~vier Jahre in der Schule mit dem Lernen von absoluten Fachwissen gepeinigt, das sie nie gebrauchen können.
Ich schreie innerlich vor vergeudeter Lebenszeit! Mir scheint, als lernte ich es nur zum Selbstzweck! Das ist Wissen, das ich nie brauchen kann und selbst wenn ich es in ein paar Jahren brauchen könnte, *habe ich es sowieso schon wieder vergessen*.
Was im Fach Mathematik gelehrt werden sollte, ist praktisch umsetzbares Wissen für den Alltag; da mögen auch mal diese oder jene Spezialgebiete auf dem Plan stehen, um ein ehrlich brauchbares Bild der Fähigkeiten zu ergeben. Aber der Fokus sollte stets auf der Praxis liegen.
Jeder, der darüber hinaus ganz spezielle mathematische Fähigkeiten für ein Studium und so auch einen Beruf benötigt, dem sollen gerne kostenlose Förderkurse angeboten werden; dort sind dann wenigstens die Leute zusammen, die auch wirklich am Erlangen des Wissens ein persönliches Interesse haben.
Das Fach Mathematik, so wie es heute besteht, gehört revolutioniert, und jeder, der sich objektiv mit den Fakten beschäftigt, wird auf den gleichen Standpunkt kommen.
Ich frage mich angesichts dessen sogar, warum Mathematik auf dem Gymnasium ab der Mittelstufe noch als Hauptfach gelehrt werden muss. (Seine Berechtigung hat es darunter eindeutig, schon als Gedächtnisübung.)
Und wäre es nicht auch naheliegend, es abwählen zu können, wenn man nichts damit anzufangen weiß? Was spricht dagegen?
Es heißt bei Mathe lakonisch »Du musst«.
Ich “muss”, weil das vor Jahrzehnten Entscheider festgelegt haben, ich “muss” es nur weil es in der Schule *Pflicht* ist, Pflicht in einem abgesteckten System, ich möchte sagen, in einem ganz eigenen Öko-System (streicht das Öko, aber damit drücke ich die Separation aus), das an dieser Stelle heute völlig entartet ist zu dem, was seine Wurzel, der Auftrag, ist: Die Schüler auf das Leben und Berufkompetenzen vorzubereiten! Es geht heute nicht um Bildung, es geht um Abschlüsse! Ich “muss” nur, um mein Abi zu schaffen! Was ist das für ein Müssen! Das ist doch absurd! Und niemandem scheint das aufzufallen und zu stören!
Trotz alledem, mein Standpunkt zu Mathe ist: Ich äußere diese Kritik, aber ich setze Energien dahinein, trotzdem den Stoff zu lernen, weil ich es eben “muss”. Das sehe ich ein.
Musik
»Wenn man es nicht braucht, muss man auch keine Partituren lesen können (seh ich jedenfalls so), deshalb find ich den erzwungenen Musikunterricht in der Schule stellenweise (okay, mehr als stellenweise…
) auch ziemlich schwachsinnig.« —Charysmile
Wenn man als einzige Voraussetzung für eine 1 im Referat im Schulorchester sein muss, ist für mich die nötige Objektivität für ein Schulfach nicht gegeben.
Auch was man so in Musik macht ist ja selten dämlich: Ein gutes Viertel der Zeit verbrachten wir dieses Schuljahr mit Singen (danke Himmel, dass es nicht benotet wird…), wer eh im Chor ist, dem macht das Spaß, wer ein komplizierteres Instrument spielt, ist ein Ass in sämtlichen Notenfragen.
Klassische Musikgeschichte seh ich als wesentliches Kultur- und Allgemeinwissen, der Rest interessiert mich nicht, brauch ich nicht.
Bis darauf ist das Fach einfach unnötig. Der Stoff gehört nicht in eine allgemeinbildende Schule.
Chemie
Grundlagen sind OK, aber ich werde nie, nie, niemals in meinem späteren Leben irgendeine dieser Reaktionen durchzuführen gezwungen sein. Man sollte sich mehr auf allgemeine Kenntnisse, ein breites Basiswissen konzentrieren, als die spitze Entkonglomeratisierung unserer Materie. Auch mehr Geschichte in das Fach hereinzubringen wäre ein Gewinn; eine gewagte Forderung die Zusammenlegung mit Erdkunde.
Physik
Physik hat schon eher erkannt, dass es den Schülern nicht alles zu vermitteln braucht, was zu vermittelbar ist. Anerkennenswert. Aber auch hier ist der Lehrplan noch voller Details und Episoden, die keinerlei Nachwirkeffekt, bis auf die Noten haben. Da ist so viel, was man einfach wieder vergisst nach der Arbeit, und was einem im Leben nicht mal als kluge Hintergrundserklärung noch dienlich wäre. Für Physik wie Chemie gilt: Interessiert mich ein exakter Prozess persönlich, kann ich mir das Wissen am effektivsten selbst aneignen.
Sport
Den Sinn des Faches Sport habe ich bis heute nicht verstanden. “Körperliche Ertüchtigung” würde ja noch einleuchten, aber ich spür keine Ertüchtigung. Weder stärken die 2h wöchentlich meine Muskeln, noch nehme ich aus den Stunden auch nur *irgendetwas* mit nach Hause.
Sport ist das ungerechteste Fach, das es gibt, mit diesen pauschalen Leistungsanforderungen ohne Rücksicht auf die individuelle Konstitution und die unterschiedlichen Körper; und ein Überbleibsel der spartanischen körperlichen Leistungskultur, das abgeschafft gehört.
Religion
Warum gibt es dort keine krassen theologischen Eröffnungen und Diskussionen? Warum muss ich mir 2h in Religion Filme über Recycling-Vorgänge ansehen?! (Ohne Witz!)
Unser Lehrer ist ja ein sehr netter Mensch, doch er scheint jede Stunde zu grübeln, mit was er die Zeit nur totschlagen soll. So meine ich, 1h wöchentlich reicht locker, um das Jahrespensum unterzubringen. Oder: Die Zeit, in der man “Nichts” tut, ließe sich sinnvoller mit Philosophie verbringen, nur müssten die Religionslehrer das auch mit sich vereinbaren können…
Geschichte
Mehr Zeit dafür. Geschichte ist wichtig, man kann aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen. Das Fach wird wirklich viel zu sehr vernachlässigt.
Es geht mir nicht unbedingt um ein breiteres Stoffspektrum, sondern um Zeit für liebevolle Details.
Durch dieses Fach kann man zu höheren Erkenntnissen gelangen, vor allem durch den Inhalt der ersten drei Lehrjahre. Diese riesige Chance für die Schüler wird bislang weitgehend sträflich vernachlässigt. (Ich hatte Glück durch eine geniale Lehrerin, die wir zwei Jahre in Deutsch und Geschichte hatten und sich so die Stunden selbst sehr frei einteilen konnte.)
Gemeinschaftskunde („Politik“)
Mehr Geschichte, alte Geschichten aus der Antike, diese mit neueren vergleichen; das ist spannend.
Die Schüler sollen – und müssen – ein Gefühl für Politik entwickeln.
Auch nirgends sonst unten den weltlichen Fächern ist es wichtiger für den Staat, die Schüler zu Erkenntnis zu führen, als in Politik.
Gerade mit diesem “Gefühl entwickeln” komme ich über das Beispiel Politik auf eins meiner zentralen Anliegen: Das Notensystem herunterfahren und mehr auf Erkenntnis setzen.
Ideen
Aus der Schule kommen auf den Materialismus und Kapitalismus getrimmte Leute heraus. Die Schule gibt den Schülern nur Fakten, die Schule lässt sie nicht sich selbst finden. Sie bietet keinen Platz und keine Zeit dafür.
Darum plädiere ich für das neue Fach Geistesschulung. Darin könnte man Ideen und Übungen Rudolf Steiners in einfühlsamer Art anstoßen (auch ohne sich mit der von vielen als zu obskur befundenen “Esoterik” zu beschäftigen, der “Geheimwissenschaftsteil” ließe sich gut auskoppeln).
Bringt die Methoden der Anthroposophie in die staatliche Schule, die Schüler werden es euch danken!
Sprachlich neben Englisch sollte unbedingt Esperanto unterrichtet werden. Ich höre die Rufe: »Das spricht doch keiner!« – genau deswegen. Diese Plansprache, die das beste aus Europas Sprachrepertoire vereint, ist in jeder Hinsicht kinderleicht zu lernen und irgendwer muss ja mal anfangen, sie staatlich zu unterrichten. Esperanto ist eine Lösung für Europa, sein Sprachproblem geregelt zu kriegen: Es ist einfacher als Englisch zu erlernen, viel, viel einfacher, dennoch ungeheuer präzise und kein Land hat es als Muttersprache, so wären in der Kommunikation alle gleichgestellt. Englisch ist aus diesem Grund nicht für ein Europa der Bürger geeignet. Da Esperanto so wirklich phänomenal einfach ist, würde vorerst auch nur eine Stunde wöchentlich ein halbes Jahr genügen, um stabile Grundlagen zu vermitteln. Ich halte es für wichtiger, Esperanto zu unterrichten, als irgendeine andere zweite Fremdsprache außer Englisch – diese wäre für ein Land, Esperanto ist für Europa und den Rest der Welt.
An unseren Gymnasien gibt es heute zwei “Profile”: Das naturwissenschaftliche und das sprachliche.
Habt ihr nicht auch das wage Gefühl, da fehlt etwas?
Weder “Naturwissenschaft” noch Fremdsprachen sind mein Ding, mein “Hobby”. Was ich gerne hätte, was mir vorschwebt, ist ein neues humanistisches Profil, verstärkt mit Fächern wie Deutsch, Geschichte, Politik, Rhetorik, Psychologie, Philosophie, Geistesschulung.
Das soll schon nicht zum Drückebergerprofil werden, Ansprüche dürfen gerne gestellt werden.
Ich meine, das ist wirklich einen Gedanken wert. Klar, Englisch ist wichtig, und noch ein bisschen Esperanto und Französisch oder etwas in der Richtung, warum nicht. Auch die “Naturwissenschaften” sehe ich als wichtig, aber für mich eben nur die Basis. Ich muss die ganzen Zusammenhänge nicht auf Arbeiten gepaukt haben. Mir reicht eine gesunde Basis, wenn ich mich für etwas näher interessiere, kann ich es mir ja selbst beibringen. Ich habe nicht vor, ein Studium, respektive einen Beruf anzufangen, bei dem ich mehr als gesundes Allgemeinwissen in diesen Bereichen brauche.
Reformen
Eine weitere Idee, die das Profilproblem sogar aus der Welt schafft: Nach meinen Vorschlägen über das Neuauffassen und gegebenenfalls Kürzen einiger Fächer könnte man zu dem Schluss kommen, das Abitur ließe sich noch weiter früher herabsetzen, was ich aber trotz der Zeitersparnisse für bedenklich hielte. Meine Vorstellung wäre eher die, das Kurs-Prinzip schon mit der Mittelstufe einzuführen, nach Ende der Mittelstufe eine neue Prüfung, ähnlich dem heutigen Abitur anzusetzen, und die Oberstufe freier zu machen: Die Oberstufler sich verstärkt mit dem beschäftigen zu lassen, was ihnen liegt, indem sie sich ganz frei in die Details deren Fächer vertiefen, für die sie zuvor neugierig wurden. Am Ende der Oberstufe eine neue letzte Prüfung oder Begutachtungen der Ausarbeitungen, die, ganz individuell, ihre Lernerfolge bewertet.
Dabei sollte kein Zwang bestehen bei der Menge der zu absolvierenden Fächer oder Themen. Jedoch ergibt der Eindruck dieser Leistungen zusammen mit den Werten der Prüfung nach der Mittelstufe das “Abitur”.
Das heutige Kurse-Prinzip sollte weitergedacht werden: Jede Themeneinheit gehört als eigener Kurs abgesplittet, und über das Jahr hin wiederholen sich bei verschiedenen Lehrern die Unterkurse. So ist man absolut frei im Wählen dessen, was man für wichtig hält. Die Zeit der Oberstufe soll nicht mehr in Schuljahren betrachtet werden, sondern an sich als eines, was erlaubt, sich beliebigen Stoff zu beliebigen Zeit vorzunehmen. Wer möchte, kann sich prüfen lassen und bekommt – optionale – Noten. Für Prüfungen können ein besuchter Unterkurs oder mehrere Voraussetzung sein; – ihr seht, in welche Richtung und zu welchen Möglichkeiten das führt!
So fordert man wahren Freigeist, Individualität und Bildung!
An dieser Stelle möchte ich auf den exzellenten Artikel “Die Schule der Zukunft (v2.0)” verweisen, der da noch sehr viel weiter geht und insbesondere die Auswirkungen eines Bedingungslosen Grundeinkommens auf das Schulwesen entwickelt und beleuchtet. Ebenfalls zu empfehlen ist Klaus Sinderns Sachbuch “Tamagotchi Schule“, in dem der festgefahrene Selbstzweck unserer Schule allzu deutlich wird.
Was können wir tun?
Als erster Schritt muss überhaupt erst mal wieder eine Diskussion über die Schule legitimiert werden, muss ein Bewusstsein über das, was uns in der Schule vorgesetzt wird, auf breiter Ebene hergestellt und erlaubt werden. Nicht nur bei Eltern und Pädagogen, sondern vor allem in den Köpfen der Schüler. Es kann nicht angehen, dass man dieses aktuelle System einfach hinnimmt, ohne sich zu beschweren. Macht euch Gedanken darüber, bloggt darüber, diskutiert mit Freunden, sagt eure Meinung wohl dosiert den Lehrern. Es wird einfach Zeit, dieses archaische Schulsystem zu einem Bildungssystem zu machen! Was dafür zu erst geschehen muss, ist die Aufrüttlung, ist dass sich mehr Schüler überhaupt einmal trauen, über die heutige Schulmaschinerie nachzudenken, anstatt sie als gottgegeben zu nehmen und sich fügsam in ihren Schlund zu werfen!
Nationalstolz reloaded
29. Aug 2009
Wir Deutschen geben klar zu, dass es mit unseren Nationalstolz nicht sehr weit her ist. Wir haben ihn verloren mit Ende des Krieges und der Aufarbeitung unserer Taten darin.
Italien und Russland haben ihre Kriege weit nicht so aufgearbeitet wie wir. Sie haben keinen Selbstwertschaden erlitten. Wir dagegen forschten unnachgiebig nach, so weit, dass wir uns seitdem für unsere Nationalität schämen, und wenn nicht, zumindest viel Kraft aufbringen müssen, um uns nicht von der Scham überzeugen zu lassen (»Ich hatte damit nichts zu tun«).
Das Schlechte siegt über das Gute? Oder ist der Nationalstolz schon das Schlechte, das durch noch mehr Schlechtes offenbart wird?
Ginge es nur um Gründe, stolz auf Deutschland zu sein, dann fielen mir da einige Dinge ein, die es hervortun und mir gefallen:
Deutschland ist einer der Hauptfinanziers Europas. Eine Frau ist unsere Bundeskanzlerin.
Wir haben eine gute Regierung. Sie hat Konzepte entwickelt, der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken und wir haben ein momentan konfuses und ungerechtes, aber zumindest garantiert funktionierendes Sozial- und Gesundheitssystem.
Wir bekommen Netzsperren für Seiten mit Kinderpornografie (kleiner Scherz).
Wir nörgeln und regen uns über die Politik auf, das zeigt, wir Bürger haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben; und wir sind interessiert an der Politik.
Die deutsche Sprache ist eine äußerst „begriffliche Sprache“, exakt und präzise. Sie unterstützt Wortzusammensetzungen (›Donaudampfschiffskapitänsmütze‹). Vertritt man die Sapir-Whorf-Hypothese, nach der der Wortschatz und die Grammatik einer Sprache einen kausal zwingenden Einfluss auf das Denken nehmen, so kann man annehmen, dass das auf uns gewisse Auswirkungen hat.
Wir haben ein Land mit nur wenig Rohstoffvorkommen, sind aber dennoch Exportweltmeister. Um das zu erreichen liegt es ganz klar: Unser eigentliches Gut ist unser Können.
Wir sind das Land der Dichter und Denker, „geborene Metaphysiker“ wie Verne in „Von der Erde zum Mond“ schreibt. Damit kann ich mich identifizieren.
Das weltberühmte „Made in Germany“ ist ein Prädikat für hohe Qualität, Durchdachtheit und Robustheit.
Unsere Fernsehsender, staatliche wie private, haben ein Designniveau, wie ich es noch nirgends anders gesehen habe. Ich möchte meinen, unsere Fernsehanimationen und -Grafiken, das Corporate Design der Sender, sind Weltspitze. Was sie produzieren, sieht wirklich ästhetisch, frisch, angenehm, modern aus und nervt nicht (!!). Die Intros zu etlichen Shows und Sendungen sind künstlerische Meisterwerke, die man erst schätzen lernt, wenn man mal das Ausland erlebt. Bei unseren Nachbarländern ringsherum kommt mir der deutsche Entwicklungsvorsprung mitunter wie mehrere Jahrzehnte vor; und vom graulichem effekthaschendem und hektischen amerikanischen Fernsehen braucht man gar erst anfangen.
Auch in der Technik, und was mir hier noch besonders am Herzen liegt, in der IT mischt Deutschland ganz weit vorne mit.
Das Frauenhofer und das Max Planck-Institut zählen zu den mir am geläufigsten Einrichtungen, aus denen kontinuierlich Innovationen und wegbereitende Forschungsergebnisse hervorgebracht werden. So sind der mp3- und AAC-Codecs zu einem großen Teil deutsche Entwicklungen!
Wir haben SAP, neben IBM und Oracle der größte Firmenintegrationssoftwareentwickler weltweit.
Eine ganz erstaunliche Anzahl der Drittanbietersoftwareentwickler für den Mac sind Deutsche – und dann, was ich damals irre fand: Als Mitte 2006 die Public Beta von Windows Vista freigegeben wurde, gab es sie in Englisch, Chinesisch und Deutsch! Weltweit, für das Austesten und Fehlerfinden eines neuen Betriebssystems bedachte Microsoft als dritten von drei die deutschsprachigen Länder! Wenn das mal nichts über unsere Signifikanz in der IT aussagt!
Übrigens war der Zuse Z3 1941 der erste funktionsfähige (und programmierbare!) Digitalrechner – der erste Computer!
In der privaten Internetanbindmöglichkeit ist Deutschland unter den besten Ländern Europas, wir bekommen hier in Städten mit DSL 16.000 und VDSL 50.000 schon vergleichsweise sehr schnelle Leitungen (in den USA ist man da, so weit meine Kenntnis, im Allgemeinen und Schnitt eher auf DSL 2.000-Niveau unterwegs).
Wir haben hier eine gigantische Anzahl an Geeks – auf unsere Landesgröße relativiert – und eine im sonstigen nicht-englischen Raum unvergleichbare Anzahl an IT-Nachrichtenseiten, Foren, Wikis und computerbezogenen Blogs. Man stößt zu IT-Themen in keiner anderen Sprache nach Englisch mehr so oft so viel auf lesenswerte Seiten aller Art (Problemlösungen, Forendiskussionen, Artikel, Blogs, Podcasts) als im Deutschen – in manchen Extrembereichen ist es für den „Rest“ Gang und Gebe, sich deutsche Seiten maschinell übersetzen zu lassen, um an die benötigten Informationen zu gelangen.
Wir haben die zweitgrößte Wikipedia geschaffen, ist das nicht krass? Und die *beste*, denn die deutschen Nutzer erstellen Artikel mit Verstand und Ordnung. In Chaosradio Express hieß es einmal (aus dem Kopf, unkontrolliert), dass „die deutsche Wikipedia die heimliche wahre Wikipedia ist“. Wir haben selbst solche hohen Ansprüche an uns, unsere Gründlichkeit und unseren Stil, dass so ein bombastisches Werk dabei herauskommen kann. Vergleicht doch mal zum Spaß die deutschen Artikel mit den französischen, spanischen, italienischen, oder englischen. Ernüchterung werdet ihr erleben! Was die englische Wikipedia als theoretischen Vorteil hat, dass Englisch die erklärte Weltsprache ist, hat sie auch zum Nachteil, denn viele Artikel sind zwar planlos vollplakatiert mit unbelegten Informationen, aber dabei lässt das allgemeine Stilniveau sehr zu wünschen übrig, eben weil ein Großteil der Autoren die Sprache nicht als Muttersprache beherrscht. Es gibt dort keine allgemeinen Konventionen im Artikelaufbau, viele Texte sind einfach Matsch, unvollständig, begonnen aber gleich wieder abgebrochen. Ulkigerweise trifft man die selben Mängel bei den genannten anderen Sprachen auch in fraglichen Dosen an; hier ist die deutsche Wikipedia ganz klar Top.
Nicht zu vergessen sind auch unsere deutschen Tugenden: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß, Strebsamkeit, Ausdauer, Disziplin, Treue, Ordentlichkeit, Genauigkeit, Gründlichkeit, Protokollismus, Bescheidenheit, Aufrichtigkeit. Zuletzt als nützlich erwiesen haben sie sich beim Wiederaufbau, bei dem in letzter Instanz dann auch die militärisch angelegten preußischen Tugenden ein Stück weit geächtet wurden.
Übrigens habe ich irgendwie das Gefühl, diese positiven und einst weit hochgehaltenen Tugenden heute noch am präsentesten bei uns Württembergern vorzufinden, um hier mal etwas zu feixen. ![]()
Doch Nietzsche sagt ja »Gebet zu Menschen: “Vergib uns unsere Tugenden”«.
Es ist unvermeidlich: Etwas zum zweiten Weltkrieg.
Das ist natürlich ein heikles Thema, aber in dieser Zeit haben wir eindrucksvoll gezeigt, was wir können.
<beliebig lange Distanzierungserklärung von den Nazis>
Wir waren enthusiastisiert, propagandiert und ideologisiert, aber diese Zeit ließ erkennen, was in uns steckt, welches Potenzial wir haben. Die ganze deutsche Tugendpalette kam zum Einsatz. Und bei allem Respekt, was wir damals geleistet haben *war* beeindruckend.
Ich bin überzeugt, dieses Potenzial lässt sich auch für Gutes nutzen.
Da waren Entscheider, Machthaber, Propagandaführer, Ökonomen, das waren ohne Frage intelligente Leute, die leider furchtbar fehlgeleitet waren und wurden. Einmal aus der kalten Sicht des Rationalismus betrachtet, haben diese Menschen Beachtliches geleistet.
Ich bin wirklich der Meinung, der zweite Weltkrieg zeigte auf bedrückendste Weise unser Potential.
Nach Kriegsende schauten alle Länder mit Argwohn und Suspekt auf uns, wie schnell wir wieder emporschossen, uns rehabilitierten. „Wirtschaftswunder“ wurde das genannt, die wirkenden Kräfte in der Bevölkerung waren für Außenstehende geradezu unheimlich.
Unser Protokollismus während des Krieges machte eine bis dahin nicht gekannte Kriegsaufarbeitung möglich. Wir haben ihn aufgearbeitet und verarbeitet, uns in allen Details mit ihm auseinandergesetzt, uns unserer Vergangenheit gestellt. Dabei half uns auch unsere Wahrheitsliebe und Ausdauer. Und da entwickelten wir Scham um unsere Nationalität.
Da wir wissen, dass die anderen Länder nicht wissen, wie sehr wir uns mit dem Krieg beschäftigt haben und Asche über unser Haupt streuen, trauen wir uns keine nationalen Gebärden aller Art, um nicht das »Aha, die Deutschen wieder!« zu provozieren.
Ich bezweifle, dass die Deutschen in den nächsten 100 Jahren wieder zu Nationalstolz finden.
Hinsichtlich der EU möchte man meinen, Nationalstolz wäre dem Projekt nicht förderlich, “Arroganz” könnte keine Länder vereinen. So ist es auch. Doch wir übersehen: Wir Deutschen haben ihn nicht mal in gesunden vernünftigen Maßen. Wir haben ihn gar nicht. Und damit haben wir einen Nachteil bei der Integration, so paradox es klingt. (Für ein besseres Europa bin ich, aber nicht für den vorliegenden Lissabon-Vertrag oder gar eine NWO, erzeugt durch Ängste.)
Mein Vorschlag: Den Begriff nicht in strikter geografischer Nationalität sehen, sondern gelang einer Kulturnation einen neuen finden.
Bei “national” schwingt immer “Regierung” mit, man denkt an Kaiserzeiten und Sprüche wie: »Wo hat Er gedient?«, – und natürlich leitet jeder unserer schüchternen Gedanken an die Politik früher oder später unwillkürlich auf den Nationalsozialismus über.
Was aus dieser Betrachtung folgt, ist dass wir, wenn wir sagen, wir sind Deutsche, nicht an unsere Politik und an unsere Grenzen denken sollten, sondern an das, was unsere Gesellschaft ausmacht und was unsere Denker bisher schon vollbracht haben. Damit verabschieden wir uns von der Nationalität und sehen auf unsere Kultur. Wie wäre es mit, ein Proof of Concept, »Volksstolz«? »Volksvermächtnis«, »Kulturerleben«, »Kulturempfinden«? Mit jedem dieser Wörter lenken wir den Blick auf die Kultur. Denken wir an eine Kulturnation, nicht an eine regierte Nation!
Dort wo unsere Kultur mit ihren urgründlichsten Werten und Kräften erkennbar ist, da lebt das geistige Prinzip der Deutschen. In der Sapir-Whorf-Hypothese steckt sicher ein Kern Wahrheit, wenn ich aber daraus auch nicht folgern will, dass alle deutschsprachig denkenden “Deutsche” in ihrer eigenen Gesinnung sind. Es ist aber einfach dieses Gebiet, diese Zone in Europa, nicht ein spezifisches, mit harter politischer Grenze abgestecktes Land, das „deutsch“ ist.
Aber kommen wir wieder auf die Frage zurück, wie man Nationalstolz als solchen bewerten soll.
Schopenhauer schreibt über Nationalstolz (Aphorismen zur Lebensweisheit; Parerga und Paralipomena – Teil 1):
»Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.«
Ich kann nicht ehrlich stolz sein auf die großen deutschen Wissenschaftler, Schriftstellern, Philosophen, Luther, exzellente Politiker und Künstler. Ich kann nicht auf die Leistungen anderer stolz sein, als wären es meine. Ich kann deren Ideen und Begriffe in mir spüren und sie verbreiten, mich für sie einsetzen und sie unterstützen. Das kann ich, denn ich identifiziere mich persönlich mit vielen deren Ansichten, weiß innerlich, dass sie richtig sind. Ebenso ist mein Verhältnis zu vielen unserer Tugenden, aus irgendeinem Grund liegen sie mir im Gemüte und habe herzliche Freude an ihnen.
Ich beschäftige mich aber auch damit, was bedauernswerterweise ja die überwiegende Anzahl der Bürger nicht tut. Ich habe eine persönliche Beziehung zu den guten Ideen geschaffen und lasse sie durch mich leben und wirken, dadurch fühle ich mich als tief verwurzelte Pflanze, die ebenso neue Blüten hervorbringt; dadurch erst entsteht meine überzeugte Nationalität; als Deutscher. Und so kann ich auch aufrichtig sagen: Ich bin stolz, Deutscher zu sein.
Ist denn das nicht die einzige vernünftige, verständige, vermittelnde und hilfreiche Art, sich national zu fühlen? Wenn man es denn kann, wenn man die Ideen in sich findet, wenn man sich mit ihnen identifizieren kann.
Wie steht ihr zu der Thematik?
Eine Ubuntu-Neuinstallation als Upgrade, richtig gemacht
27. Mai 2009
Es gibt viele Nicht-Geeks, die sich in den letzten Jahren für Linux auf dem Desktop entschieden haben, und es ist toll, dass es sie gibt! Das zeigt, wie weit wir in Benutzerfreundlichkeit sind.
Der Ubuntu-Installationsassistent trifft, etwa bei der Partitionierung, also der Aufteilung der Festplatte, sehr undifferenzierte, pauschale Entscheidungen, wenn man ihn auf den Mach-alles-für-mich-Werten belässt, was die meisten Nutzer ja tun, weil sie sich nicht trauen, selbst über das System zu bestimmen, sondern das System bestimmen lassen.
Für wen ist diese Anleitung? Ich weiß es selber nicht so genau. Sie ist ein seltsamer Mischling zwischen persönlichem Blog-Eintrag und einer Tipp-Sammlung. Sie richtet sich sicher nicht an Ubuntu-Einsteiger, sondern eher an die, die schon mehrmals ein Ubuntu installiert haben, die sich aber immer den Vorentscheidungen des Installationsassistenten gebeugt haben und nun mal von Grund auf alles richtig machen wollen. Ich will damit keine schrittweise Anleitung, sondern Anregungen und Ideen geben und auf Möglichkeiten der Konfiguration aufmerksam machen. Der rote Faden ist ein ›Upgrade‹ auf das neue Ubuntu 9.04, das Ende April herauskam.
Meine Haltung zu Upgrades
Upgrades sind Aktualisierungen von Systemen oder Programmen auf die nächste ›große‹ Version mit größeren Änderungen. Man kann Windows, Mac OS X und Linux-Distributionen auf die nächste große Veröffentlichungsversion upgraden, ohne seine Systemeinstellungen, Programme und Dateien zu verlieren, theoretisch. Praktisch ist das unter Windows so, dass ein Upgrade ein meistens sowieso schon altes/benutztes/mit Software bespieltes und von Fehlern duchlöchertes Windows-System noch mal zerkratzt, so dass man zwar in den meisten Fällen ein benutzbares System erhält, es aber einfach nicht rund läuft.
In der Theorie ist das Upgrade eines Linux- oder sonst wie unixiiden Systems das sauberste, das man durchführen kann, weil die Systembestandteile sehr klar deklariert sind, jede Datei versioniert, die Programme dabei eher evolutionäre als revolutionäre Änderungen erfahren und außer dem Systemkern auch noch die allermeisten darauf laufenden Applikationen, da sie aus dem Paketserver-Pool der Linux-Distribution stammen, mitaktualisiert werden.
Wann sollte man also dennoch eine Neuinstallation als Upgrade in Betracht ziehen? Vier mögliche Gründe:
- Das System läuft irgendwie nicht mehr zuverlässig, oder so, wie es sollte
- Man hat das System ›verkonfiguriert‹
- Man hat im Laufe der Zeit so viele zusätzliche Programmtitel zum Testen installiert, dass die Menüs prallvoll sind und man hat keine Lust, von Hand auszumisten (wobei dann auch nur die Programme selber und nicht ihre mitgezogenen Abhängigkeiten mitentfernt würden)
- Man möchte auf eine intelligentere Partitionierung umstellen
Seht ihr eurer System in einem der Punkte beschrieben, dann rate ich euch wirklich: Macht eine Neuinstallation statt eines Upgrades. Das fühlt sich auch allein ideologisch schon besser an.
Zur Konfiguration
Ein grundlegender Unterschied zum Microsoft-System: Mit Windows hat man immer Arbeit, ein Linux dagegen läuft in der Regel, nachdem man einmal eine hohe Konfigurationshürde erreicht hat, sehr lange ziemlich gut.
Ich selbst schiebe die Installation einer neuen Version immer einige Zeit vor mir her, weil es halt wirklich Arbeit ist. Dann nehme ich mir mehrere Tage einige Stunden das System vor, für Ubuntu 9.04 habe ich geschätzte 16h gebraucht, bis alles so lief, wie auf meiner vorigen Installation. Diese Zahl ist ungeschönt, aber ich will bemerken, dass ich ein Perfektionist bin, dann der Entwickler von Fertibunti (was auch Zeit kostete), wirklich viel individuell haben möchte, und dass gerade mein Rechner (gemäß meinem Fachwissen, es darf ja nicht einfach funktionieren… Ich staune, wie toll sich die Computer meiner Freunde, die nicht so versiert sind, einer Ubuntu-Installation fügen…) mir gerne dazwischenfunkt.
Das, was wohl auf einem Windows-System am meisten Zeit verschlingt, ist die Installation von Software. Die Installation. Die Setups sind unglaublich lahm und umständlich. Die Einrichtung des Systems macht man bei Windows mehr oder weniger nebenher.
Durch die geniale Paketverwaltung von Linux-Distributionen nimmt dort die Nachinstallation zusätzlicher Programme den kleinsten Teil der Nacharbeit ein. Benutzt ihr mein Fertibunti, das automatisch alles Notwendige und noch ein bisschen mehr nachinstalliert und einrichtet, kommt ihr zeitlich wirklich gut damit weg. Auf einem halbwegs aktuellen Rechner sollte das mit DSL 16.000 nicht über eine Stunde dauern. Umgerechnet auf die Zeit, die diese Programmfülle durch den typischen Windows-Installationsweg vernichten würde, wären das sicher über sechs Stunden Arbeit, und dabei macht Fertibunti alles automatisch.
Wir sichern…
Bevor wir neuinstallieren, sollten wir natürlich die wesentlichen Dinge unseres noch laufenden Systems sichern, ein paar, die mir wichtig erscheinen:
- /etc/fstab
- /etc/X11/xorg.conf
- /etc/apt/
- /boot/grub/menu.lst
Überhaupt wäre eine Komplettsicherung des Systems auf eine andere Festplatte/Partition ratsam. Ich empfehle dafür sbackup.
Hat man /home noch nicht auf einer separaten Partition (dazu später mehr), so muss man natürlich auch alle seine sichtbaren und versteckten Dateien in seinem ›Heim-Ordner‹ sichern. Dabei kann es vorkommen, dass einige Dateien sich nicht kopieren lassen, weil etwa die persönlichen Rechte nicht dazu ausreichen. Es kann gesagt werden, dass die alle nichts Wichtiges sind, fast immer auch nur sehr klein. Einfach überspringen, das macht später nichts aus.
Woran dann fast niemand mehr denkt, sind ›Sicherungen‹ von allgemeinen Systemzuständen. Ich rate, Bildschirmfotos zu machen:
- Vom Desktop mit offenem Nautilus-Fenster (so hat man die laufenden Panel-Applets und die Nautilus-Lesezeichen festgehalten)
- Falls man ein alternatives Anmeldefenster installiert hat, den Anmeldefenstermanager öffnen und sich den Namen des Themas rausschreiben, damit man es später wieder auf Gnome-Look.org findet
- Eventuell schauen, wie man den Drucker konfiguriert hat
- Von Synaptic (-Paketverwaltung) → Ursprung → Lokal/* (unter den Subkategorien von Lokal werden alle installierten Pakete gelistet, die nicht über die System-Quellen von Apt installiert wurden)
- Von GParded mit den Partitionen (Mountpunkte) (Wenn noch nicht installiert: Paket gparted installieren und dann über System → Systemverwaltung → Partition Editor starten)
Die Bildschirmfotos von GParded und eine Kopie der Datei /etc/fstab legt ihr nun auf einen USB-Stick, bereit für die Installation.
64-Bit?
Das ist eine Frage, die sehr oft in Linux-Foren gestellt wird: Soll ich die 32-Bit-, oder die 64-Bit-Version installieren?
In den Foren melden sich dann oft die, die sagen, dass es sich nicht lohnt, weil man den Unterschied fast nicht spürt, oder nur in pompösen Datenbankanwendungen.
Ob man die 64-Bit-Version installieren sollte, wenn der Prozessor 64-Bit unterstützt? Ich beantworte das mit einem klaren Ja, warum nicht!, mit einer Einschränkung: Hat man unter 1 GB RAM, könnte es besser sein, noch ein 32-Bit-System zu installieren.
64-Bit bringt keine Nachteile mehr. Flash läuft gut, Java gibt es, Multimediacodecs machen seit Jahren keine Probleme mehr. Warum also sollte man auf ein bisschen Mehrleistung verzichten, wenn es die Hardware hergibt?
Auch bei der Softwareauswahl muss man keine Abstriche machen, praktisch 1:1 hat man die gleiche Fülle wie ein 32-Bit-Nutzer in den Quellen zur Verfügung.
Linux war der erste Kernel für die AMD64-Plattform (die auch heute Intel-Prozessoren implementieren, wenn sie 64-Bit-Code ausführen) und damit zum ersten Mal in seiner Geschichte die Präferenz- und Standardplattform für eine neue Rechnerarchitektur. Es läuft toll darauf.
Anders als die 64-Bit-Versionen von Windows und Mac OS X kommt eine 64-Bit-Linux-Distribution ausschließlich mit 64-Bit-Software daher und jedes Programm, das man über die Paketverwaltung nachinstalliert, ist auch für 64-Bit gebaut, abgesehen von einigen proprietären Dingen wie Flash, Adobe Air oder Zattoo, die immer noch eine Kompatibilitätsschicht benötigen, was aber auch wenig Probleme macht. Bis auf die codegeschlossenen Applikationen hat man dann tatsächlich ein massiv 64-bittiges System, ist das nicht cool? Vergleicht das mit Windows, wo noch nicht mal Microsoft seine Produktpalette wenigstens zu einem nennenswerten Teil in 64-Bit anbietet, von den Drittanbietern ganz zu schweigen!
/boot und /home als separate Partitionen
In einer Standardinstallation sind /boot und /home Unterverzeichnisse der „/“-Partition. Im Prinzip kann man jedes Verzeichnis einer Linux-Distribution aber auf eine separate Partition auslagern. Das bringt für mich vor allem Systemsicherheit mit sich: Ich weiß genau, dass der Kernel und die GRUB-Konfiguration auf dieser ersten kleinen Partition liegen, außerdem erlaubt es mir so, der übersichtlichen Konsequenz wegen, nur /boot als primäre Partition anzulegen und alle weiteren Partitionen als logische in einem erweiterten Container zu erstellen.
/home als separate Partition sollte Pflicht sein: Ist das System beschädigt und startet nicht mehr, kann man ›einfach‹ Linux noch einmal installieren und wieder die entsprechende Partition als /home einhängen und man hat sofort seine individuelle Desktop-Konfiguration und sein Heimatverzeichnis. Theoretisch ist es auch möglich, für mehrere Linux-Distributionen wie Ubuntu, Fedora und SUSE die gleiche Home-Partition anzugeben (was aber an der unterschiedlichen installierten Software dann in Menüs nicht gut aussieht). Und sowieso, weil ich so oft neuinstalliere, wäre es furchtbar umständlich, jedes mal /home zu sichern und später zurückzuspielen.
Option 1: Eine frische Installation mit ganz neuer Partitionierung
Ich will hier nicht auf die einzelnen Schritte eingehen, weil ich einfach davon ausgehe, dass ihr ein ›Upgrade‹ machen wollt und schon mit früheren Installationen Erfahrungen sammeln konntet. Nicht schaden kann es, wenn ihr euch den Wikipedia-Artikel zu Partitionen durchlest, besonders die Sache mit primären, erweiterten und logischen Partitionen solltet ihr später können.
Zunächst ein ›Insider‹: Den Computer ausschalten und ein paar Minuten vor Beginn der Installation abkühlen lassen. Das ist wahrscheinlich vollkommen sinnlos, aber es gibt einem ein gutes Gefühl; wie »Jetzt ruhst Du dich noch einmal aus und dann geht es konzentriert los.«
Auch das Zimmer mal gut durchlüften, damit man selbst genug Frischluft hat, um kühl denken zu können. Vernachlässigt das nicht, es ist ungeheuer wichtig, bei der Partitionierung keine Fehler zu machen.
Startet von der CD, wählt ›Ubuntu ausprobieren (Rechner bleibt unverändert)‹ aus dem Bootmenü und wartet, bis die Oberfläche geladen ist.
Bei einer vollkommenen Neuinstallation (oder eben wenn man die Festplatte komplett neu einteilen möchte) mit dem Partitionseditor (unter System → Systemverwaltung) Platz für /boot, /, /home und swap schaffen.
Legt dann 4 neue Partitionen für Ubuntu an (Dateisystem alle Ext4 bis auf Swap, da wählt ihr ›Linux-Auslagerungsspeicher‹)
- /boot : 200 MB
- / : 10-20 GB
- swap : Mindestens so groß wie der verbaute Arbeitsspeicher, aber nicht mehr als doppelt so viel
- /home : mindestens 10 GB
Zu /home : Kommt darauf an, wie ihr vor habt, eure Nutzerdateien zu verwalten. Man kann entweder wirklich /home nutzen, um dort seine Bilder, Videos und die Musiksammlung unterzubringen, spricht nichts dagegen. Ich habe, um flexibler zu sein mit anderen Distributionen, auf /home nur das Nötigste, also Konfigurationsdateien und meinen Podcasts-Ordner liegen und nutze die Partition mehr oder weniger als temporäres Abstelllager von Arbeitsdateien und speichere meine ›Eigenen Dateien‹ auf einer anderen Partition. Aber spricht wie gesagt nichts dagegen, /home für alles zu nutzen.
Bleibt zu sagen, dass ihr die Partitionierung mit GParted durchführen solltet, bevor ihr das Setup mit dem Icon auf dem Desktop startet.
Folgt dem Assistenten wie gewohnt, bis ihr gefragt werdet, wie ihr die »Festplatte vorbereiten« möchtet. Dort wählt ihr »Partitionen manuell festlegen (fortgeschritten). Darauf seht ihr eure vorhin angelegte Partitionierung und könnt den Partitionen Einhängepunkte (auch ›Mountpoints‹) und Dateisysteme zuweisen (sollte natürlich wieder alles Ext4 sein, bis auf die Swap).
Option 2: Neuinstallation über Vorgängerversion von Ubuntu
Nach dem Starten von CD (analog zur vorherigen Option, mit ›Ubuntu ausprobieren (Rechner bleibt unverändert)‹ ) den vorbereiteten USB-Stick mit den Bildschirmfotos und der fstab einstecken, dann den Installationsassistenten starten. Der USB-Stick sollte automatisch eingehängt und geöffnet werden. Der Installationsassistent wird uns gleich anbieten, den USB-Stick wieder auszuhängen, was wir aber dankend verneinen.
Fall 1: Ihr habt im vorherigen Ubuntu noch keine separate /boot- und /home-Partition gehabt. Vor der Neuinstallation sichertet ihr also euer ganzes Benutzerverzeichnis unter /home inklusive aller versteckter Ordner auf DVD oder eine andere Partition oder Festplatte. Jetzt wollt ihr diese Partitionen anlegen, das geht am besten mit dem Partitionseditor (unter System → Systemverwaltung). Der sollte noch vor dem Installationsassistenten gestartet werden.
Verschiebt, ändert Größen und löscht nach euren Wünschen vorhandene Partitionen, um, falls ihr das braucht und in der alten Installation gemerkt habt, dass ihr mehr Platz für z.B. /home benötigt, als zuvor die Partition hergegeben hat.
Fall 2: Ihr habt schon eine /boot- und eine /home-Partition und seid damit zufrieden. Bestens.
Im Installationsassistenten dann zunächst /boot, /, /home und swp (wieder) besetzen. Zum Formatieren davon nur die /boot- und /-Partition vormerken (bei Fall 2)! Dateisystem der Wahl für /boot, / und /home (nur bei Fall 1 natürlich auch /home formatieren) ist das neue schnelle Ext4.
Jetzt kommen unsere Bildschirmfotos von GParted vom Vorsystem ins Spiel. Öffnet sie vom USB-Stick und richtet die Mountpunkte der anderen Partitionen getreu diesen Bildern ein. Dabei immer als Dateisystem das wählen, was schon im Hauptfenster in der Spalte “Verwendung” steht. Der Mountpunkt muss mit der Tastatur eingegeben werden (etwa /media/sdb8) – eben so, wie er früher schon war, gemäß dem Bildschirmfoto.

Übrigens: Hat man in der vorherigen Installation einigen Partitionen noch gar keine fixen Mountpunkte verpasst, bietet sich nun die Gelegenheit dazu. Heißt die Partition etwa /dev/sda10, so kann man sie als /media/sda10 einhängen lassen. (Bitte nicht beachten, dass ich in nebenstehendem Bild in den Mountpunkten immer sdb statt sda, wie das /dev-Gerät heißt, eingebe. Das hat esoterisch-unerklärliche technische Gründe, irgendwie zusammenhängend mit meinem BIOS. Einfach nicht beachten. Auch bitte im Bild nicht darum kümmern, dass zwei Partitionen im Fensterfoto des Partitionseditors vom alten Ubuntu als “unbekannt” markiert sind; ich hatte diese schon als Ext4 benutzt, aber die dort eingesetzte Version des grafischen Partitionsmanagers unterstützte zu dem Zeitpunkt noch kein Ext4.)
Versucht nicht, meine Partitionierung zu verstehen. Macht euch nur klar, wie ihr die alten Belegungen der Mountpunkte übernehmt. Dieser Dialog ist der fordernste und gefährlichste am ganzen Betriebssystem.
Die Partitionierung, egal wie frustierend sich das Werkzeug gebärdet, unbedingt gewissenhaft und mit größter Konzentration durchführen, dabei mehrmals die Angaben auf Mountpunkte und Formatierungen überprüfen, gegebenenfalls hier sogar eine kleine Pause einlegen, wieder an den PC gehen und noch einmal alles überprüfen und überdenken; vielleicht will man ja etwas doch anders machen. Nehmt euch die Zeit, es lohnt sich, eine intelligente und maßgeschneiderte Festplattenaufteilung zu haben.
Sodann das erledigt ist, werdet ihr nach euren Anmelde- und Benutzerdaten gefragt. Führt ihr ein “Upgrade” durch, dann müsst ihr natürlich euren Benutzer wieder so nennen, wie er schon zuvor hieß. Hattet ihr mehrere Konten, dann erstellt jetzt einfach eines der Konten, später im installierten System lassen sich dann noch weitere Benutzer hinzufügen (es geht dabei nur um die Registrierung beim System an sich, eure Benutzerdaten sind ja auf der separaten Home-Partition (Fall 2) oder spielt ihr später von der Sicherung zurück (Fall 1)).
Nachdem euch der Assistent noch gefragt hat, ob ihr von einem installierten Windows-System Benutzerdaten importieren wollt (tut’s nicht!), seht ihr auf einer Übersichtsseite noch einmal alle auszuführenden Aktionen und Einstellungen. Vergewissert euch dort erneut von der Richtigkeit der Formatierungsaufgaben. Dann sollte die CD werkeln und Ubuntu 9.04 auf eure Festplatte schaufeln.
Erste Aufgaben nach dem „Upgrade“
Fall 1: Ihr habt eine Standardinstallation vor euch, nichts ist eingerichtet.
Spielt von eurem Backup, seien es DVDs oder eine Backup-Partition, wieder eure ganzen versteckten und nicht versteckten Dateien eures alten /home/$BENUTZERNAME$ zurück, wenn ihr gefragt werdet, wie ihr mit schon vorhandenen Dateien verfahren wollt, sagt, er soll sie überschreiben.
Am Kritischten dabei sind die Benutzerrechte, dass die stimmen. Bekommt ihr Probleme dabei, fragt mich hier in den Kommentaren oder im Ubuntuusers.de-Forum.
Fall 2: Da ihr euer /home behalten habt, sollte euer gewohnter Desktop wieder vor euch erscheinen:

Fall 1+2 anschließend:
Ihr seht, dass die Panels sehr leer aussehen, oben links sind Platzhalter für einige Starter und oben rechts ist die Begrenzung der Benachrichtigungsfeld-Symbole viel zu weit links. Das kommt schlicht daher, dass noch nicht alle Programme installiert sind, die ihr/ich in eurer vorherigen Installation hattet, die liefen, und von denen ihr Starter angelegt habt.
Jetzt geht es also an das Installieren dieser zusätzlichen Pakete.
Dafür, und um überhaupt mal eine ansehnliche Auswahl von – aus meiner Sicht – unentbehrlichen Anwendungen zu bekommen, lege ich euch mein Fertibunti-Script ans Herz. Es erweitert selbständig die Paketquellen um z.B. Medibuntu, Wine und VirtualBox und installiert alle nötigen Mediacodecs, „echte“ Multimediasoftware, Internetprogramme wie Skype, Filezilla, Firefox 3.5 und Midori und eben viele Systemerweiterungen und -Programme wie VirtualBox, Compiz Fusion-Plugins, volle PulseAudio-Kontrollapplets, Envy, Gnome Do und so weiter. In meinem Freundeskreis ist das sehr beliebt und es funktioniert auch wirklich.
Außerdem konfiguriert Fertibunti ganz zart den Desktop, stellt auf das chice Gnome-Thema „Neue Welle“ um und installiert einen hübscheren Anmeldebildschirm.
Man könnte es als die eierlegende Wollmilchsau für die Neuinstallation eines Ubuntu-Systems bezeichnen.
Einrichtungstipps
Nach Fertibunti geht es dann an die Einrichtung der Hardware (DAS ist es, was bei mir immer so viel Zeit kostet). Normal sollte alles Wichtige schon laufen, Drucker lassen sich grafisch einrichten etc.. Wenn ihr eine ATI- oder Nvidia-Grafikkarte habt, empfehle ich, zur Installation des Treibers EnvyNG zu nutzen (Anwendungen → Systemwerkzeuge → EnvyNG) , und nicht den von Ubuntu selbst vorgeschlagenen Treiber (weil EnvyNG einen neueren kennt).
Weiter geht es mit den Applikationen, die nicht in den Quellen sind, und von deren Liste ihr euch vor der Neuinstallation in Synaptic ein Foto gemacht habt (das war das unter Ursprung → Lokal/*).
Wollt ihr den Bootmanager anpassen, eignet sich der (von Fertibunti installierte) StartUp-Manager (System → Systemverwaltung → StartUp-Manager). Damit lassen sich unzählige Einstellungen komfortabel ändern, z.B. das als Standard zu startende Betriebssystem, die Wartezeit und die Bildschirmauflösung des Bootbildes. Ganz nett finde ich auch, über das Deaktivieren des Häkchens bei ›Zeige Bootmenü‹ überhaupt erst mal kein Bootmenü anzuzeigen, sondern es erst durch Drücken von Esc einzublenden, was den Systemstartprozess konsistenter erscheinen lässt.
Um nicht unnötig auf / Platz zu verschwenden, ist es klug, in Synaptic unter Einstellungen → Dateien → Temporäre Dateien → ›Heruntergeladene Paketquelldateien nach der Installation löschen‹ zu aktivieren (und einmal den Knopf ›Alle Paketdateien im Zwischenspeicher löschen‹ zu betätigen).
Wer sich noch nicht intensiver damit beschäftigt hat, sollte auch unbedingt einmal die Auswahl an Panel-Applets durchwühlen. Einfach einen Rechtsklick auf eines der Panels und ›Zum Panel hinzufügen …‹ wählen. Was ich absolut empfehlen kann:
- Tomboy – Eine intelligente Notizenverwaltung, die für mich eines der Highlights von Gnome darstellt – ist mir absolut unbegreiflich, warum Canonical das nicht in der Standardinstallation gleich im Panel aktiviert
- Systemmonitor – Eine Live-Systemlastenanzeige über CPU und bei Interesse auch Speicher, Netzwerk, Swap, Last und Festplattenaktivität. Wie kann man ohne eine Lastenanzeige arbeiten?!
- Überwachen der Prozessortaktstufen – manuelle Regelung der Prozessortaktstufen. Das kann für Notebook-Besitzer zum Stromsparen interessant sein, und ist es umgekehrt, wenn der Kernel bei HD-Videos einfach nicht richtig hochtakten will, wie er es sollte (hier ein Foreneintrag zu dem Problem)
- Netzkerküberwachung – Ein Applet, das hauptsächlich blinkt, wenn Daten übertragen werden, oder das ein durchgestrichenes Symbol zeigt, wenn man keine Verbindung hat (ich nutze an meinem Desktop-PC das, weil ich auf den großen Netzwerkmanager verzichte)
- Medien-Applet – Superpraktisches Pulldown-Menü mit einer Liste aller verfügbaren Partitionen, und mit Aushängeknopf
- Deskbar – Universalsuche mit individuell zuschaltbaren Plugins. Sucht nach Anwendungen, Kontakten, Dateien (über Tracker), kann auf Twitter und identi.ca veröffentlichen, kann im Web suchen und so weiter. Kann man sich vorstellen wie der Spotlight-Knopf in Mac OS X. Eine ideale Ergänzung zu Gnome Do (manches geht mit Gnome Do schneller, manches mit der Deskbar)
- Fisch – Klickt man darauf, öffnet sich ein „Glückskeks“ mit Sinnsprüchen, Witzen oder Wissenswertem, dank Fertibunti sogar auf Deutsch. Man sollte aber unbedingt in den Einstellungen die Pause nach jedem Einzelbild der Schwimmanimation auf 10 Sekunden hochsetzen, denn sein Gezappel hält sonst keiner aus
- Temperaturindikator – ist in der Uhr schon integriert. Klickt auf die Uhrzeit und expandiert unten ›Orte‹. Über ›Bearbeiten‹ lässt sich dann der Wohnort (oder eine Stadt nahe des Wohnorts) bestimmen
- Zeiterfassung – Eine Art Stoppuhr mit genauer Protokollierung der Art der Arbeit. Ist leider sehr manuell und bringt nur etwas, wenn man sich auch streng an sein eingegebenes Thema hält, ohne abzuschweifen. Dann bietet es aber eine grafisch nette Analyse der Tätigkeiten und Zeiten.
Ich hoffe nun, euch einige interessante Anregungen für zukünftige Installationen gegeben zu haben. Eine Neuinstallation lohnt sich wirklich bei vielen Nutzern statt eines Upgrades, vor allem, da die Systeme oft schon einige holprige Upgrades hinter sich haben. Wenn es Probleme gibt, dann… ähm, nun ja, das ist so eine Sache.
Fragt besser nicht mich, sondern im Ubuntuusers.de-Forum, da bekommt ihr schnell kompetente, nette Hilfe.
Twitter für eine lakonische freie Welt
24. Mrz 2009
Lange Zeit hielt ich mich vom Thema Microblogging zurück. Mir war ziemlich klar, dass wenn ich damit jetzt auch noch anfinge, ich mir eine weitere ›Web-Sucht‹ schaffen würde.
Auf die Idee des Microbloggings kam 2006 Twitter.com, ein Startup von unter anderem Evan Williams, ein Mitbegründer von Blogger.com. Die Idee ist so simpel wie komplex zu erklären: Ein Nutzer schreibt ›was er gerade tut‹ in ein Eingabefeld, hat dafür 140 Zeichen, und ›Freunde‹, die ihn auf Twitter abonniert haben, bekommen diese Zeile auf ihrer persönlichen Twitter-Seite angezeigt. Die Wenigsten schreiben wirklich davon, was sie gerade tun, sondern es sind eher ›in den Raum gepustete Bemerkungen‹, Kommentare und kleine Konversationen. Im Video Twitter in Plain English ist das auch noch mal sehr schön erklärt.
Weil das so alleine langweilig wäre, gibt es auch viele Desktop- und Mobilanwendungen, um auf die Twitter-API zuzugreifen und ›Tweets‹ zu lesen und zu verfassen. Will man auf einem Kommentar antworten, schreibt man den Nutzer mit @Name an, will man nichtöffentliche Direktbotschaften verschicken, schreibt man ein d Name und dahinter jeweils den Inhaltstext.
Wie es sich für ein Web 2.0-Angebot gehört, gibt es kurioserweise noch kein Geschäftsmodell. Twitter sagt zwar, sie hätten eines, das auf zusätzlichen Leistungen basiert, die bald eingeführt werden sollen, sagen aber noch nichts Konkretes.
Twitter ist also eine Mischung aus Chat und Gästebuch, Blog und SMS.
Auch wenn sich das so profan als unglaublich belanglos und öde anhört, ist man doch sehr schnell von der neuen Kommunikationsplattform fasziniert und kommt nicht mehr von ihr los. Beim Nutzen von Twitter bekommt man Einblick in die Privatsphäre und den Alltagsablauf von anderen Menschen und entwickelt dafür eine spezielle Form der Sozialkompetenz, beständiges Interesse für andere, kann sie in ihren Kompetenzfeldern um Hilfe zu bitten, entwickelt Einfühlungsvermögen, Respekt, ›Ambient Awareness‹ und fühlt sich allgemein weniger alleine.
Nun, Twitter hat aber einen ganz großen Nachteil an sich: Es ist ein proprietäres, unfreies, in sich geschlossenes System. Heute spielt sich erneut ab, was vor ± 15 Jahren mit E-Mails war: Nutzer von AOL und CompuServe konnten nur Nutzern ihres eigenen Dienstes E-Mails schreiben, erst später wurde die Einschränkung aufgehoben.
Man macht sich also voll von Twitter, der Twitter-Software, der Twitter-API und von überhaupt den Servern des Unternehmens abhängig. Auch falls der, man ist geneigt, ihn Monopolist zu nennen, seine AGBs ändert und Dinge einbaut, wie beispielsweise von ICQ und Facebook vorgemacht, die dem Anbieter das Copyright (!!) an allen über das System versandten Botschaften einräumen, und er sich natürlich Zensurmöglichkeiten offenhält, ist man weiterhin an Twitter wegen all seinen Kontakten dort gebunden. Haargenau gleich übrigens bei ICQ, Skype und allen sozialen Netzwerken (kommt natürlich darauf an, bei welchem Anbieter das mit nationalen Recht vereinbar ist, in Deutschland etwa sind die Urheberrechte unübertragbar). Denkt auch an die ganz handgreiflichen Nachteile eines zentralisierten Systems: ›Vorprogrammierte‹ Server-Überlastungen, bei Twitter kommt das mehrmals täglich vor.
Das alles birgt eine große Gefahr in sich und widerstrebt mir persönlich als Open Source-Verfechter absolut.
Im Mai 2008 startete ich meinen Tumblelog wegen exakt dem Punkt, dass ich das zentralisierte Twitter nicht nutzen möchte.
An meinem Geburtstag im September schließlich gab ich mir selbst nach und verfiel den Freuden des Systems.
Keine drei Monate später, im frühen Januar 2009, stieß ich auf das Laconica-Projekt. Laconica scheint die Lösung für alle Zentralisierungs-, Vertrauens- und Kompatibilitätsprobleme zu sein, die mit Twitter bestehen. Zwar gibt es eine Reihe weiterer Twitter-Nachahmer, doch diese haben Laconica alle mindestens eines hinterher: Sie sind wieder geschlossene Systeme.
Das unter AGPL stehende freie Laconica wurde 2008 vom Kanadier Evan Prodromou mit genau diesem Ansatz entwickelt, eine Microblogging-Software zu schaffen, die dezentral wie das Chatprotokoll Jabber eingesetzt werden kann. Auf seiner Referenzinstallation (und derzeit noch der der größten) identi.ca kann ein Nutzer nicht nur Botschaften eines identi.ca-Nutzers abonnieren, sondern auch die eines jeden anderen Nutzers eines Anbieters einer Laconica-Installation. Etwa einmal im Monat gibt es ein Laconica-Update, die Weiterentwicklung ist also im vollen Gange. Auf Basis des gemeinsamen und im Rahmen des Projektes entwickelten OpenMicroBlogging-Protokolls, kann auch bereits eine kleine Anzahl anderer Microblogging-Systeme mit Laconica-Konten kommunizieren.
Die meist genutzten deutschsprachigen Installationen von Laconica sind bleeper.de und zwitscher.at, eine Liste mit allen Servern gibt es auf der Laconica-Projektseite.
Noch einige weitere interessante Funktionen, die Laconica von Twitter abheben:
- XMPP/Jabber-Schnittstelle rein und raus für die ›Dents‹ (›Tweets‹)
- SMS-Versand der Botschaften
- OpenID-Authentifizierung (fakultativ)
- Cross-Posting zu Twitter
- integrierte Hashtags
- Gruppen – ist man in einer, bekommt man alle Botschaften von anderen mit !Gruppenname vorangestellt zugeliefert und kann selber so an eine breite Interessensschafft z.B. interessante Links liefern
- URL-Kürzung mit wählbarem Dienst
- Mehrsprachige Oberfläche (!!)
Wie Twitter bietet auch Laconica eine API für Desktop- und Mobilanwendungen an, die schon einige ›Twitter-Clients‹ implementiert haben, man also wie aus einem Chat-Programm heraus schreiben und lesen kann.
Warum bringe ich den Artikel jetzt? Ich möchte die Menschen so schnell wie möglich auf die reale Twitter-Alternative aufmerksam machen. Es ist höchste Zeit und nun nötig, dass sich da etwas bewegt. Wir wollen keinen Monopolisten auf dem Gebiet Microblogging – die meisten ehemaligen strammen Twitter-Konkurrenten sind eingegangen, weil sie nur ihr geschlossenes Netz kannten und wenig Nutzer hatten.
Aktuell ist die ›Marktsituation‹ so: Auf Laconica treiben sich Tech-Geeks und Nerds herum, speziell aus dem Open Source-Umfeld. Auf Twitter sind Blogger, Podcaster, leider noch die allermeisten Geeks, und der ›Mainstream‹.
Wer (außer mir
) noch großen Einfluss hat, sind Zeitungen. Viele bieten Twitter-Feeds und manchmal Twitter-Aktionen an. Auch die Betreiber von Gewinnspielen, bei denen man etwas über Twitter posten muss, um mitzumachen, wären ein gutes Vorbild für das Laconica-Rollout. Ich finde es sogar für diese ›Mächtigen‹ ein journalistisches und freiheitliches Armutszeugnis, nur einen Anbieter, und eben den geschlossenen zu unterstützen.
Dann sollten die ganzen Web-Twitter-Tools Laconica-Konten lernen irgendwie zu unterstützen. Diese Drittanbieterwerkzeuge für Twitter machen denke ich einen signifikanten Teil des Langzeitspaßes von Twitter aus.
Es muss jetzt etwas passieren. Facebook hat Twitters Kernfunkionalität auch schon als ›Status‹ kopiert und jetzt muss schnellstmöglich Laconica bekannt gemacht werden, ehe Facebook – und das tut es allen Ernstes hierzulande schon bei Über-40-Jährigen – auf dem Gebiet der Quasi-Standard wird – und vor einem Facebook als Microblogging-Monopolist habe ich noch sehr viel mehr Angst als vor Twitter.
Nun, die Technik ist da, die Seiten sind da, die Benutzer kommen langsam und ihr könnt neue begeistern! Schaut euch mal bleeper.de an, registriert euch, macht es euch profiltechnisch gemütlich und schaut ein wenig umher, wen ihr interessant findet zu ›connecten‹ und macht vor allem mehr Leute auf das Laconica-System aufmerksam. Microblogging ist keine Randgruppenerscheinung mehr und als solche darf es dafür nicht nur einen zentralen, proprietären und übermächtigen Anbieter geben!
Linkempfehlungen
:
Meiniges Bleeper-Profil, Twitter-Profil und eine Podcast-Episode zum Thema vom Hackerfunk.
Update vom 10. September 2009:
Laconica wurde umbenannt zu Status.net. Man kann auf der gleichnamigen Seite eigene Status.net-Installationen anlegen, vom Prinzip her gleich wie WordPress-Installationen auf wordpress.com, oder sich die gesamte Software herunterladen und selbst installieren. Nicht verwirren lassen. Weiterhin gibt es natürlich Bleeper.de, Identi.ca und die anderen Laconica/Status.net-Seiten, da ändert sich überhaupt nichts.
Mein erster Disco-Besuch
23. Feb 2009
Im Vorfeierlaune auf ihr abgeschlossenes Abitur im nächsten Jahr, luden die Abi-2010er in unserer Schule vergangene Woche für eine Diskothekenveranstaltung in eine diesbezüglich bekannte Einrichtung in Reutlingen ein.
Noch nie hat es mich zu Veranstaltungen mit vielen Menschen hingezogen, erst recht nicht dorthin, wo laute Musik spielt, und dann noch Musik, mit der ich nichts anfangen kann. Wie ich es aber schon letztes Jahr anfingt, wollte ich mich selbst in eine solche Situation bringen; selbst die Erfahrung machen. Ohne Selbsterfahrung darf ich weder darüber im Negativen, noch im Positiven sprechen, und gewiss fehlt mir so lange die Qualia und somit das Verständnis um die Motivation der anderen, zu solchen Veranstaltungen zu gehen.
Es war kurz vor 22:00 Freitagabend. Vor dem Eingang der Einrichtung, die ich im Folgenden mit F4 abkürzen werde (um nicht den vollen Namen zu schreiben und dann durch Suchmaschinen nach diesem gefunden zu werden), drängelte sich eine Schlange von Jugendlichen in den Pavillon vor den Eingang, um nicht vom Nieselregen erwischt zu werden. Lange stand ich unter dieser keine zehn Meter langen Überdachung, wartend, von einem der ›Pförtner‹ meinen Personalausweis kontrollieren zu lassen – das erste Mal überhaupt mit meinen 17 ½ Jahren, dass ich ihn brauchte. Dann ging es durch einen Treppengang, der auf mich wie der auf abenteuerlich metallplattierte Wartebereich zu einer Achterbahn wirkte, um darauf hin den Wegzoll in Höhe von 3,50€ zu begleichen. Der Herr vor mir behauptete, 18 zu sein und auf Aufforderung, seinen Ausweis zu zeigen, ließ er diesen in seinem Geldbeutel-Karten-Netz. Als er dann unter größter Anstrengung der Kassiererin trotzdem als unter 18 erkannt wurde, musste ich staunen, welche Moral hier herrschte. Denn selbst wenn er sich hätte reinmogeln können, wenn etwas passieren würde, bekäme F4 die Schwierigkeiten…
Ich bekam einen Stempel auf meine untere Handsehne und bog um eine Ecke. Mit meinem Blick nach rechts sprangen aus einer abgegrenzten Zone zwei Mädchen aus meiner Klasse auf, begrüßten mich überrascht, und fragten, was ich denn hier machte. Da wurden meine Jackentaschen grob von einem Wächter aufgerissen, ich: »Schauen Sie, das sind ist nur mein Brillen-Etui und in der anderen ein zusammengestopfter Schal.« Nett hier, haha… Ich fragte eine der Klassenkameradinnen, ob es nicht eine Garderobe gäbe, um meine Jacke aufzuhängen, und ich wurde auf eine lange Schlange um eine Steinmauer herum verwiesen. Dort stand ich dann gute 10 min an, musste einen weiteren Euro zahlen und bekam das Nummernetikett meines Kleiderbügels, der vom Personal mit meiner Jacke in den langen Stangenreihen versenkt wurde.
Kaum auf dem Weg ins Geschehen, wurde ich schon von von ein paar weiteren netten Bekannten überrascht begrüßt. Danach erforschte mein Blick zum ersten Mal die Präsenz dieser Lokalität. Gerade vor mir eine Tanzfläche, weiter davor auf einer Anhöhe ein Pult mit dem DJ, rechte Seite entlang der Tanzfläche eine Bar, linke Seite und in einer Herumführung einer Begrenzung zum Eingang hin eine niedrige Plattform mit Bänken. Beidseitig neben dem DJ-Pult standen je drei übereinandergestellte Bildschirme, die Silhouetten mit wechselfarbigen Hintergrund von sich lüstern räkelnden, scheint’s kaum bekleideten, jungen Frauen zeigten, ohne dabei die Visualisierung an die Stimmung der Musik anzupassen. Über mir verstreut an der Decke des Raumes Disco-Kugeln, an den Seitenlängen feste Lichterinstallationen.
Sollte mir dieses Ambiente dank filmischer Bildung nicht neu sein (bis auf die Damen), war es noch mal etwas völlig anderes, tatsächlich selbst darin zu stehen. Zaghaft infusionierente ich mich entlang der rechten Seite ins Geschehen. OK… Also, die tanzten hier, anscheinend in Stilfreiheit, jeder für sich. Mein Blick klebte auf den DJ, wie auf einen Gruppen-Yoga-Trainer. Rhahr… Ich riss mich los und versuchte mich zur Musik zu bewegen. Die ersten zehn Minuten starrte ich immer gebannt auf den DJ, das muss sehr außergewöhnlich ausgesehen haben, wie sich da einer irgendwie anstellt zu tanzen und unentwegt gebannt seinen Blick und Kopf auf den Musik-Mischer richtet… Diese Unsinnigkeit begriff ich zwar recht schnell, aber brauchte doch über zehn Minuten, mich von der Gestalt dort oben zu verabschieden und zu probieren, Menschen ins Gesicht zu sehen.
Das klappte erst mal auch nicht so recht, ich war so befangen fasziniert von der grellen Lichterinstallation. Einfarbige helle Scheinwerfer an der Decke, eine sture Abfolge hintereinander durchgehend und dann die Intermezzos mit Farbenspielen von irgendwoher; ich versuchte eine Logik darin zu erkennen, aber fand keine.
Nach einer Verschnaufpause am Rand und einem zweiten Start wagte ich mich noch einmal in das Getümmel und bekam die Anteilnahme nun bewusster hin. In den Bewegungen der anderen konnte ich keine Schwärme und Laufwege erkennen. Es schien, jeder entschied aufgrund eigener, mir unbekannten Motive, einen bestimmten Punkt aufzusuchen.
Mir kam auch ein hilfreicher Gedanke, der mir über die mir eigene Zurückhaltung hier ein Stück weit hinweg half: Ich dachte mir, es ist Fasching, es macht nichts aus, wenn Du da jetzt mitmachst. Außerdem fällt es geradezu auf, sich nicht so leidenschaftlich wie die anderen zu verhalten.
Zur Musik: Gespielt wurden schlecht-gecoverte Versionen von Stücken auf gefährlich großen Lautsprechern mit äußerst schlechten Tonhöhen.
Wenn der Mann schon nicht selber singt, könnte er dann nicht wenigstens die Originale spielen? Sind die Lizenzkostendifferenzen da so ausschlaggebend?
Ansonsten liefen, ja, ich kenne mich da nicht aus, ich denke Techno- und House-Titel. Nichts besonderes, keines davon markant melodisch, alles nebliges Gesabbel, um den Tieftöner ins Schwingen zu bringen.
Auf der Tanzfläche lagen Flaschen. Ist denn das erlaubt, Getränke da mit rauf zu nehmen? Jedenfalls sammelte ich ein paar auf und brachte sie zur Theke; ich fühlte mich dafür verantwortlich, dass niemand zu Schaden kommt, gerade wenn ich so etwas mitbekomme. Je später es wurde, umso enger und dichter ward die Gesellschaft auf der Fläche. Gerempelt und weggedrückt zu werden, wurde legitim, auch wenn es meinem Gefühl nach jeder versuchte, bei anderen zu vermeiden. Ach übrigens, das Alter hab ich noch ganz vergessen: Die Palette fing bei 16-Jährigen an (wenngleich ich mich wunderte, wie viele Menschen schon 16 sein mögen und nicht danach aussehen – bislang dachte ich immer, nur ich sähe nicht altersgemäß aus…), erreichte ihre Dichte bei 17- und 18-Jährigen und ging entfernt in weit geringerem Ausmaße hoch bis noch vielleicht 22.
Im Suchen in der Menge konnte ich nur äußerst wenige Brillen ausmachen. Ein Zeichen…?
Auf dem Ausklang der linken Seite bemerkte ich bald ein paar Jungen aus einer Parallelklasse und wurde hergewunken. Interessant zu sehen, wie die ›abgingen‹, wohl unter Alkoholeinfluss.
Muss ich noch erwähnen, dass ich keinen Alkohol trank? Ich trank sogar gar nichts von den dort feilgebotenen Getränken; das Billigste fing bei 1,80€ an.
So verwendete ich beherzt auf dem Klo-Waschbecken meine Hände als Trinkschale… (Meine Eltern erzählten mir übrigens, »zu ihrer Zeit« wäre im Eintrittspreis einer Diskothek immer schon ein Getränk inbegriffen gewesen…)
Mich kannten erstaunlich viele Leute und ich haderte immer mit meinem schlechten Namensgedächtnis, das mich aber meistens dann doch im Stich ließ. Öfters wurde ich in begeisterten Ton auf bestimmte Mädchen meiner Klasse angesprochen… (»Hey, Du bist doch bei DER in der Klasse?…«)
Damit eröffne ich ein neues Thema. Ein Vorfall, der mich beschäftigt hat:
Ein Mädchen, das in einer Dreiergruppe mit Freundinnen dastand, sprach mich gegen die Musik kämpfend an: »Hi! Woher kommst Du?« »Hm, was sagt man da gewöhnlich?«, fragte ich verdutzt und lächele verschreckt. »Aus welcher Stadt? Reutlingen oder so?« »Ja, Reutlingen.« »Cool.« – Sie drehte sich kurz um, und hat wahrscheinlich darauf gewartet, dass ich sie gleich wieder anspreche. Habe ich aber nicht.
Jaaa, ich weiß, was ich falsch gemacht habe und wie ich es hätte richtig tun können. Aber ich weiß, was mir in dem Moment durch den Kopf ging.
Das hätte genauso gut ein Junge sein können (wie es mir dann im Laufe des Abends noch ein paar mal ähnlich passierte) – ich kann keinen Smalltalk führen. In drei Wörtern und ihrer ganz eigenen Aussprache liegen für mich auch schon zig abstrakte Möglichkeitswelten einer Deutung und ich versuche instinktive Rückschlüsse auf den Gedankengang des Gegenübers zu ziehen. In solch einer Situation mit Fremden bin ich nicht selten partout überlastet; ich bekomme zu viel Input rein und eröffne zu viele Bearbeitungsschritte, bis ich dann eigentlich zur Beurteilung kommen sollte, aber mich mein Denken lähmt. Ich weiß nicht mehr, wie viele Selbsterinnerungen und Geschichten mir in dieser einer Sekunde in das Bewusstsein kamen, die in sich dann auch teils wieder emotionale Reaktionen auslösten.
Und überhaupt zu erst einmal war ich verdammt verschreckt, von einem Mädchen angesprochen zu werden.
Was ich nach außen von meinem Ich zeige, ist meinem Eindruck nach nur ein schwacher Abdruck meines wahren Selbst. Darum sehe ich andere, die sich für diesen Maxi interessieren, den sie erleben, nie wirklich für mich interessieren, sondern für dieses unfertige, makelhafte, kommunikations- und gemeinschaftsunfähige Ich, und das bin nicht ich, das ist das, was ich gerade so von mir zeigen kann. Dass es mir so ergeht, ist eine Folge von dem, dass ich eben seit Jahren nur daheim sitze, auf hohem Niveau mit hellen Köpfen chatte und meine eigentliche Entwicklung in dem Bereich dort stattfand – gerade umgekehrt zu der des ›Normalen‹. (Das wird natürlich von niemandem so anerkannt…) Da gewinnt die Beschreibung ›Kopfmensch‹ eine ganz neue Größe.
Ganz sachte erhebt sich in mir langsam die Idee, dass ich vielleicht doch nicht so schlecht nach außen bin wie ich denke… Jedoch werde ich Annäherungsversuche von Jungen wie auch von Mädchen wohl erst in mir auf der entscheidenden Ebene für relevant und ›echt‹ halten können, wenn mir mein Selbstwertgefühl für mein äußeres Ich andere Dinge reflektiert.
Beim Tanzen spielte mich mancher einer Mädchengruppe zu oder ich bekam Avancen – hui… *fröstel* – Intuitiv, und das ist traurig, das Wort in dem Kontext verwenden zu müssen, wand ich mich ab oder wich aus. Der Grund… Ich glaube, ich will fair sein, fair und ehrlich. Wegen meiner speziellen Sicht auf mein inneres und äußeres Ich möchte ich niemanden mit dem ›falschen‹ beschäftigen oder konfrontieren. Und ein Bisschen bin ich auch entsetzt über das Gegenüber, dass es sich für so einen interessiert – und gebe ihm damit einen Stempel »Irrer«. Oh ja, das ist nicht gut… Es erstaunt mich zwar, dass diese Erkenntnis bei so etwas wie einer Disco kommt (das hatte wahrscheinlich irgendeinen Grund in der neuen Situation und anderen angeregten Hirnarealen), aber hier ist es mir nur bewusst geworden; die wahren Erlebnisse, die dieses Phänomen bei mir aufzeigen, erlebte ich schon lange Zeit im Alltag.
Wenn ich in anscheinender Irrationalität (die in ihrer Absurdheit Sinn eröffnet) Witze und Bemerkungen mache, werde ich in meinem Umgang in der Schule meistens nicht verstanden und für einen Außenseiter erklärt (dabei sind meine Bemerkungen doch oft eigentlich so clever…).
Hier drehte sich das um: Waren bisher die anderen die rein Rationalen und für mich Verständnislosen, ließen diese nun jede tiefere Logik fallen und verhielten sich so irrational, wie ich selten Jugendliche erlebe.
Doch es war kein Chaos, keine Anarchie der Bestrebungen; diese ihre neue Art hatte einen ganz eigenen Taktgeber, etwas, was ich nicht verstehe. In sich Freude und Lust am gegenwärtigen Sein, in dem Moment lebend, anscheinend verbindend in der Menge und dann doch egoistisch.
Diesen Bewusstseinszustand kenne ich von mir nicht, ich kann ihn so nicht erleben. Ich bin ständig am allumfassenden Analysieren, Abwägen, Beurteilen, Mustererkennen und prognostizieren. Und natürlich möchte ich alles wahrnehmen und mitbekommen, was sich in meiner Umgebung abspielt. Die Konsequenzen daraus würden manche eine Konzentrationsstörung nennen, aber das ist es nicht, es ist der Wille nach Wissen, nach Macht, nach einer Waffe gegen andere, in dem ich besser und weiter bin als sie; ich bin mir dessen bewusst, dass sie nur in meinem Kopf sein kann.
Ist diese meine Hochanalyse-Praxis doch auf die Menge einer Schulklasse eingespielt, bekomme ich bei so viel Input wie auf einer Disco damit den totalen Overhead. Es stresste mich ungeheuer, diese vielen Informationen wahrzunehmen, zu verarbeiten, zu bewerten und abzulegen, diese vielen feinen Informationen, von denen ich sicher bin, dass andere sie nicht wahrnehmen. Das ist eine verflixte Begabung, mehr Details wahrzunehmen, aber sie dann auch verarbeiten zu müssen. Und andere können ihre Mitmenschen ganz ausblenden und nur für sich leben, das kann ich nicht. Ich habe nicht Furcht vor Bloßstellung, ich habe eine zu starke ›Menschenliebe‹, das Bedürfnis, Hilfe zu geben, wo es nur in meinen Möglichkeiten liegt. Und so selbstverständlich das für mich ist, so stark vermisse ich es ungläubig überrascht an anderen.
Nun, das forderte also für mich eine sehr hohe Konzentration. Dazu kam meine Unerfahrenheit beim Tanzen, so dass ich mich umschaute und eine Geste nach der anderen versuchte zu lernen. In der Hauptzeit dann war das immer noch eine hohe Konzentrationsaufgabe: Ich konnte das alles nicht intuitiv, wie offenbar die Menge hier, ich war im Kopf hellwach und wirklich angespannt im absoluten Stress, wie ich mich hier positioniere, möglichst ohne lächerlich zu wirken und zu stark aufzufallen.
Hätte ich mittendrin die Wahl bekommen, eine Französisch-Arbeit zu schreiben, oder in dieser ›Matrix‹ weiterzumachen, hätte ich gerne die Arbeit gewählt, ehrlich (wenn es aber auch nur ein wirklicher Matrix-Wechsel gewesen wäre, sprich, die Welt dort ohne mich nicht mehr weitergelaufen wäre, denn das hielt mich auch dort und ließ mich nicht nach Hause wandern, neben meinem Ehrgeiz für meine Selbsterfahrung).
Gespräche mit intellektuellem Charakter waren bei dem ›Lärm‹ unmöglich. Das gehört aber wahrscheinlich zum Konzept einer Disco; sich nicht mehr durch bloße Kopf- und sprachliche Ausdrucksstärke etablieren zu können und somit alle in begrenztem Maße gleichzumachen.
Kurze Zeit bevor der DJ die anwesenden Unter-18-jährigen aufrief, sich langsam auf die Heimreise zu machen, erschienen noch ein paar weitere Klassenkameradinnen von mir, die mich auch überrascht begrüßten. Ich nehme an, die ließen sich einen ›Muttizettel‹ ausfüllen, um länger bleiben zu dürfen. Ich verabschiedete mich von ein paar Bekannten, die ich noch sah.
An der Garderobe stand ich erst über 10 min falsch an (war aber damit nicht alleine!) und wurde, als ich einen Warteplatz am Tresen einforderte, der mir nach dieser Zeit schon lange zustand, von einem betrunkenen Proleten, der gerade erst in die Schlange kam und auch etwa mein Alter hatte (wenn dabei auch immens bespeckter gebaut) mit beiden Händen nach hinten geworfen. Brüll, Quak, Plutsch… »Gaaanz ruhig.«, ich beschwichtigte mit einer Handgeste. »Gaaanz ruhig. Ich tu dir nichts, ich will keinen Streit. Ich war trotzdem vor dir, und das weißt Du.« »Jetzt bin ich aber vorne!!« – Ich dachte mir nur, das ist Karma, ich brauch ihm nichts zurückzuzahlen, das kommt auf ihn ohne mein Zutun zurück. Und genau da wurden unsere Traube auf die eigentliche Schlange von einem dieser Wächter aufmerksam gemacht.
Raus ging es wieder durch den Eingang, wie einfallslos.
Den gleichen Abenteuerattraktionen-Gang zurück, hinaus in den Regen, der mittlerweile stärker geworden war. Ich lief den Weg zu Fuß nach Hause, bald rannte ich, und nahm die Brille ab, denn ohne sie sah ich mittlerweile besser als mit ihr. Ich kam, am Oberkörper glücklicherweise wenig benässt, um kurz vor ein Uhr Nachts daheim an.
Mein Fazit:
Gerade diese Erkenntnis, dass mein äußeres Selbstbewusstsein tief im Keller ist, hat den Besuch gelohnt. Das Bewusstsein darum habe ich aus dem Sinn verloren, ich hatte das schon mal. Diese Erkenntnis ist der erste Schritt hin zu einer Konsolidierung und schließlich einem heilenden Lösungsprozess.
Die zwei Stunden, die ich dort war, konnte ich mich wahrlich nicht amüsieren. Zu intensiv die Eindrücke, zu groß der Stress, zu viel Kopfarbeit. Zu viele Dinge, die ich nicht kenne und nicht kann. Ich fühlte mich in jedem Moment als Fremdkörper. Einer, der die Regeln nicht kennt, der nicht weiß wie gespielt wird, und der nicht den Bewusstseinszustand dieser Mengengruppe teilt.
Ich möchte noch anmerken, dass die meisten meiner hier beschriebenen Gedanken mir nicht erst bei der Arbeit an diesem Artikel kamen, sondern unmittelbar während meinem Aufenthalt in der Disco. Die haben mich natürlich dann auch noch mal bekümmert und resigniert.
Kann mir bitte irgendjemand bestätigen, dass das nicht normal ist? Danke.






