Frumble201

Mir fiel die letzten Jahre immer deutlicher an den Mädchen meiner Klassenstufe auf, dass, je älter sie werden, dass da etwas mit ihren Beinen nicht stimmen kann. Sie wirken aus einem inneren Gefühl heraus irgendwie befremdlich unnatürlich. Dahinter stand kein größeres Lösungsinteresse und überhaupt waren die Beobachtungen eher unbewusst.

Nun, durch einen Zufall erlebte ich vor kurzem eine Szene, in der von Freundinnen über andere Mädchen und eines im Speziellen gelästert wurde, das sich die Beinhaare nicht rasiert: »Wuääh! Wie unmöglich!« – Beinhaare rasieren?!
Das war es also, was nicht stimmte. Ich hatte es doch schon gefühlt…
Das hat mich enorm schockiert. Diese Mädchen diskriminierten sich also untereinander bei nichtrasierten Beinen. Ich hab mit offenem Mund gestaunt.

Ich war entsetzt, als mir aufging, wie lange meine Mitschülerinnen das schon tun mussten: Schon Jahre bevor ich anfing, mir regelmäßig meinen Bart zu rasieren.
Ich dachte immer, das wüchse so, beziehungsweise “in dem Alter” NOCH NICHT. Ich hatte eine obskure Vorstellung davon, dass die Beinhaare erst ab Anfang 30 bei Frauen beginnen zu wachsen, wie gesagt, ich hatte mir darüber noch nie bewusst Gedanken gemacht.

Auf Nachfrage, wie sie das über das Jahr über hielten, erklärte man mir in Eile, dass das “darauf ankommt, ob man ‘nen Freund hat”. Aber in wiefern, in welche Richtung? Erwarten das etwa sogar die Jungen in einer (körperlichen?) Liebesbeziehung, und gilt es ganz abstrakt als wichtiger Attraktivitätspunkt? Oder aber braucht man gerodete Beinhaare nur, solange man noch keinen Freund hat, weil dieser dann vollstes Verständnis zeigt?
Damit warf sich in mir die Frage auf, ob eine Beinglattrasur gar schon persönliches Schönheitsideal für die Frauen geworden ist und nicht nur Konvention.

Das ist doch nur ein leichter Flaum, nicht so was wie bei Männern!
— Dabei fällt mir auf, dass ich eigentlich gar keine Vorstellung davon habe, wie junge Frauenbeine unrasiert aussehen. Nur aus Einschätzung und Gefühl heraus glaube ich aber, es sind nicht so viel, es sind weniger und zartere Haare, und farbloser.

Was hier natürlich aufkommen könnte und das ich vorsorglich klären möchte: Ich bin nicht vom anderen Ufer. Ich hab keine Schwester, ich hab keine Freundinnen (hier), ich hab keine Freunde in der Gegend, mit denen ich besonders viel gemein hätte. Über solche, ich sage mal, weltlichen Dinge, kommt kaum einer (meiner Freunde) auf die Idee zu chatten, man spricht doch über diesen Themenkomplex eher, wenn man real zusammensitzt. Meine Gespräche sind in der Regel bestimmt von Abstrakta und Theorie, nicht vom Auspacken von seltsamen Geschichten und Beobachtungen am anderen Geschlecht. Diese Sachverhalte nicht zu kennen und auch größtenteils nicht die gegenwärtige “Kultur- und Schönheitsempfindung” zu teilen, erklären sich somit durch meine vorwiegende Kommunikationsart und meinen Freundeskreis.

Bald kam ich, logisch erweiternd, auch noch auf ein ganz anderes Gebiet: Die Achseln. Mir schauderte es, als ich begriff, dass wie die Beinhaare wohl auch Frauen Achselhaare wachsen müssen und – der Grund des Schauderns – allerorts absolut unbeanstandbare glatte Achselhöhlen zeigen, was bedeuten muss, dass sie sie penibelst und akribisch in sehr häufigen Abständen rasieren und überprüfen müssen, wovon ich aber noch nie sprechen gehört habe. Man schweigt darüber. DAS ist das Unheimliche!

Seit wann ist das schon so, seit wann ist das Pflicht, Mode, Norm? Ich erinnere mich noch düster: Mitte der 90er konnte man noch viel öfter Achselhaare bei Frauen sehen (erinnere mich nur allgemein, nicht, bei welcher Altersgruppe). Ich war zwar noch sehr jung, aber sagt mir, ist das Einbildung?

Männer können mit Achselhaaren herumlaufen, ein bisschen sollen sie sogar, glaube ich, haben. Auch das scheint Frauen verboten zu sein, aber das ist noch ein bisschen nachvollziehbarer als das mit den Beinhaaren. (Schweiß durch Arbeit → männlich; keine Schweißabfänger → “weiblicher”)

Dadurch separiert ihr euch noch mehr von den Männern und steckt euch damit SELBER in ein konservatives Frauenbild hinein! Es ist antifeministisch!

Da man (- ich) nur perfekt rasierte Frauenachseln sieht, und da ich einschätzen kann, wie schnell dort die Haare nachwachsen, muss ich doch annehmen, dass ihr sie täglich genötigt seid zu rasieren. Hammer.

Bei manchen ist das äußerst sexy, an vielen sieht es einfach nicht gut aus, haarlose Beine passen an ihnen nicht zum Körper (was überhaupt nichts mit Burschikosität zu tun hat). Das sind die, an denen es dann auch besonders unnatürlich, befremdlich, falsch wirkt und an denen der gesellschaftliche Zwang am deutlichsten wird, durch den sie es dennoch tun.

Wenn ich die 90er nicht miterlebt hätte, und daheim nicht meine Mutter sehen würde, die aus der Mitläuferzeit heraus ist, läge das Denken nur allzu nahe, Frauen hätten keine Achselhaare! Eine perfekte Illusion da draußen, und ihr alle spielt mit!!
Dass ich dachte, Frauenbeinhaare wüchsen auch erst mit Anfang 30, ist genau das Selbe! Ich seh einfach keine unter diesem Alter mit Beinhaaren!

Täglich die Achselhaare rasieren, das muss für euch zum Tag gehören wie Zähneputzen. Reizt das die Haut nicht irrsinnig? Nicht selten, wenn ich das mach, schneid ich mich dabei. Ich weiß nicht, ob ich’s wirklich wissen will, welche Tricks und Apparaturen ihr dafür bemüht, damit das immer so aalglatt aussieht… Vielleicht habt ihr da ja ganz andere Haut, oder ihr seid auch gar nicht so perfekt und immer gründlich, aber habt dann “draußen” große Hemmungen, euch natürlich zu bewegen, weil andere die Wündchen oder nichtrasierte (!!!) Stellen sehen könnten, zieht euch dann auch für diese Tage was Geschlosseneres an…

Je länger ich über dieses und ähnliche Themen nachdenke, desto mehr Leid tut ihr mir.

Damit komm ich zur Frage: Macht ihr das auch so verbindlich wie Zähneputzen, oder seht ihr das an Wochenenden, in Ferien und Co. nicht doch etwas legerer? Geht es euch darum, in einer fest definierten Gruppe euren Status zu wahren (“Schulklasse”), oder wollt ihr auch “für” Fremde auf der Straße (in den Ferien z.B.) unbehaarte Achselhöhlen und Beine haben? Wenn ja, wofür? Warum meinen denn so viele von euch, immer sexuell attraktiv sein zu müssen (nach den Konventionen) und nicht nur einfach hübsch? Wo ist der Sinn dabei? Und hey, ihr seid Mädchen, das Hübschsein wird euch von der Natur schon viel leichter gemacht als uns; oder meint ihr nicht? Warum braucht’s da noch mehr?
Damit erreicht ihr höchstens eine Penetration, nicht aber euren Traummanntyp, den ihr erhofft. Was also soll das? Es kommt mir vor, als wär die ganze Konvention von lüsternen Männern erdacht, und euch durch Gehirnwäsche aufgezwungen!

Wie haltet ihr es, wenn ihr mehrere Tage das Haus nicht verlasst (Ferien; dabei schließ ich zwar von mir auf andere, aber mal angenommen)?
Und überhaupt: Wie haltet ihr das im Winter, in der Jahreszeit, in der ihr überhaupt niemandem eure Beine und Achseln zeigen, geschweige denn Rechenschaft darüber ablegen müsst?
Eure Antworten auf diese Fragen, gerne differenziert, beantworten euch, ob ihr nur gezwungenermaßen den aktuellen Schönheitskonventionen folgt, um nicht ausgeschlossen zu werden, oder ob ihr sie als natürlich empfindet. Ob ihr euch schämt, wenn ihr nicht rasiert seid.

Ich spreche bei den Achselhaaren nicht von drei Zentimetern, ich spreche von noch ästhetischen Längen.
Bei beidem nehme ich euch nicht ab, dass “die Männer das einfach so wollen”. Ihr könnt euch sehr wohl gegen solchergestalten Ansprüche wehren und sie ausschlagen. Natürlich war das zu erst Hollywood, die Idee wurde bekannt, der Wunsch geäußert, dann habt ihr euch alle angepasst und seid pariert.
Welcher Trend soll als nächstes folgen? In welche bedingungslose Verzichtabhängigkeit und falsche Tugend – denn nichts anderes ist das – soll euch das noch führen?
Nietzsche: »Nutzen der großen Entsagung: Das Nützlichste an der großen Entsagung ist, dass sie uns jenen Tugendstolz mitteilt, vermöge dessen wir von da an leicht viele kleine Entsagungen von uns erlangen.«
Wir erschaffen eine neo-viktorianische Gesellschaft, aber diesmal gibt es keiner zu!

Ich empfinde es hier als angebracht, die Funktionen der Haare ins Gedächtnis zu rufen: Arm- und Beinhaare zum Kälteschutz, populärste Überreste des Ganzkörperfells. Achsel- und Schamhaare: Schweißabnehmer – das sind beides Extremitätenendzonen, in denen viel Muskelarbeit und Reibung stattfindet.
Öhm, ok. Weiter ausführen, dass letztgenannte Regionen ohne wenigstens leichte Behaarung schnell sehr schweißig werden, brauche ich wohl nicht. Und das der Schweiß runterrillt und dann ernsthaft riecht, großflächig über den Körper verteil. Oder doch…?
Die Haare haben einen Sinn. Auch heute. Welche falsche Scham aus diesem durchdachten Prinzip baut ihr also daraus?

Wollt ihr wissen, wie ich meinen Körper zurückweise? Ihr wollt es nicht, aber ich sag es euch trotzdem: Alle drei Monate lasse ich mir die Kopfhaare schneiden, alle drei Wochen stutz ich mir die Schamhaare, alle zwei Wochen schneid ich mir die Nägel, ebenso etwa alle zwei Wochen die Achselhaare, und auch etwa alle zwei Wochen die Brusthaare, alle zwei bis drei Werktage rasiere ich meinen Bartwuchs, jeden Tag putz ich mir die Zähne. Punkt. Eventuell nicht repräsentativ für einen Jungen, aber so sieht’s aus. Versteht aus diesem Standpunkt meinen Schock über euren einvernehmlich selbstaufgestachelten Körperkult.
Ich hab schon oft versucht, einen tieferen Sinn in eurer emsiger Beschäftigung und Auseinandersetzung mit eurem Körper (in allen Bereichen) zu finden, diese große Körperlichkeit und Körperkonzentriertheit, aber ich komme einfach auf keinen. Verzeiht, aber so müsste ich eigentlich denken, ihr seid so nieder materialistisch und objektizistisch und dabei paranoid untereinander. Und doch schwingt dabei etwas mit: Unterdrückung durch den Mann und der Wille nach Freiheit, aber sogleich mit ihm, als sei es eine Miterscheinung, das Schaffen von Strukturen zum eigenen Ausgrenzen und Erschweren in seltsam diametraler Richtung gegen die Annäherung der eigenen Rechte hinauf zu jenen des Mannes.
Das ist kein Emanzipationsproblem mehr, sondern ein ganz neuer Streit darum, was es heißt, eine Frau zu sein, aus euren Reihen. Vielleicht aus reaktionärer Angst, vielleicht während der zunehmenden Emanzipation eine Suche nach wahrer Weiblichkeit, verleitet gestrandet im Materiellen, vielleicht sind auch gewisse Elemente so konstelliert, dass sie eine eigene Wettbewerbsordnung erschaffen, dass sie ein eigenes Funktionssystem aus sich heraus entwerfen möchten, aber schließlich ist es eine Identitätskrise.

Auf mich wirkt euer Beinhaarumgang widernatürlich und befremdlich. Ich finde ihn übertrieben und neurotisch.
Euren Achselhaarumgang finde ich schlicht schockierend. Zwar gebe ich zu, dass haarlose Achseln sexyer sind, ich kenne es aber auch nicht mehr anders. Macht es wieder sexy, seid sexy mit eurem Kopf, macht leichte Achselbehaarung wieder salonfähig, indem ihr sie im Kollektiv langsam wieder einführt und sanft erhöht – dann wird sie auch akzeptiert. Ein Tabubruch muss erfolgen! Behindert euer Positionsfortschreiten nicht selber, tretet ein für eine zwangsfreie, freie Lebensgestaltung! Es ist höchste Zeit!

Nachwort (26. September 2009)
Es wurde von einigen gefragt, was mich das Thema denn anginge, »schließlich ist er kein Mädchen«, das könne mir doch vollkommen egal sein.
Ihr tut mir einfach furchtbar Leid.

Wenn es mich doch nicht direkt selbst betrifft, so möchte ich zumindest, dass meine noch ungeborenen Töchter einmal nicht in einer Welt unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen und Zwängen werden leben müssen.

Das Plädoyer ist sogar sehr eigennützig: Wenn ich als Mann dauerhaft neue Rechte erhalten möchte, die bisher den Frauen vorenthalten waren, muss es ein gerechtes Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern geben, sonst wird meine “Nahme von Rechten” immer argwöhnisch beäugt werden; und *körperliche* Zwänge sind dabei absolutes No-Go und unzuwirklich dem Ziel, so was darf es nicht geben.

Der Körper ist das Niederste, und Gedanken sind seinen Ideen, seinen Vorstellungen in gewisser Weise untergeordnet und unterworfen.
Die Enthaarungspraxis und der gesellschaftliche körperliche Zwang dahinter dient nur der Unterdrückung und Unterwerfung; von den Männern mehr oder weniger bewusst lanciert und in eure Köpfe verpflanzt, um euch unfrei, “bewusstlos”, zu halten, ihnen “ungefährlich”.
Ihr müsst doch das erkennen, was hier mir euch gemacht wird! Ihr seid Sklaven der Vorstellungen der Männer, geschickt von ihnen in eure eigenen Ideale geschrieben!

Wenn ihr gar nicht das Bedürfnis habt, dagegen zu rebellieren, – das versteh ich voll! Aber denkt doch mal über dieses System auf einer höheren Ebene nach, ihr werdet erkennen, wie es funktioniert; dass die “natürliche Notwendigkeit” durch die Medien – und letztendlich dahinter den lüsternen Männerköpfen als Entscheidern, die eben genau so etwas sehen wollen – seit Jahren propagiert wird, bis ihr es tatsächlich als Eigenschaft von “Weiblichkeit” annahmt, das ist fatal!!

Wenn ich hypothetisch mit einem Mädchen den Körper tauschen würde, ich würde mich aktuell sehr bedrängt, unter Zwängen und Erwartungen und Idealen fühlen, nicht gleichberechtigt und von anderen bestimmt, befohlen und eingeschränkt; das empfände ich als höchst unangenehm.
Das stelle ich mir schrecklich vor, ich empfinde ja schon alleine die geistige Unfreiheit, die natürlich auch ich habe, als große Behinderung in meiner persönlichen Auslebung und Entfaltung, dazu noch mehr körperliche Zwänge, oh Gott! So wollte ich nicht leben! Das ist keine Freiheit!

Macht euch dessen bewusst, was mit euch *getan wird*, macht euch dessen bewusst, *was ihr nicht dürft*, was euch *verhindert wird*, was euch an Freiheit *entgeht*. Die Freiheit gehört euch durch die Natur, sie wird euch genommen; ihr seid nicht Frauen, ihr seid *Menschen* und sie steht euch zu!

Dagegen müsst ihr was tun, echt. Mir ist völlig klar, dass ihr euch nicht trauen werdet, in Trotz auf einmal mit Bein- und Achselbehaarung herumzulaufen, würde ich mich an eurer Stelle auch nicht.
Das Thema muss diskutiert werden, es muss öffentlich gemacht werden und es muss zum öffentlichen Interesse werden – was es natürlich unter jeder von euch schon sein sollte.
Sprecht mit Männern darüber, nicht nur Partnern, sondern allgemein mit Freunden. Macht ihnen klar, wie ihr den Zwängen unterworfen seid, und glaubt mir, die werden nachsichtiger damit werden und sein, als ihr selbst untereinander, die möchten euch helfen.
Sprecht überhaupt mit so vielen Freundinnen und Freunden wie möglich darüber, wenn ihr einen Blog habt, bloggt darüber, stellt eure Situation dar. Das ist der Schritt hin zu ungehemmter Empörung, Mut und schließlich einer Änderung, die gesellschaftlich akzeptiert wird.

Ich habe mich entschlossen, meine Gefühle und Verfassung zur Schule in einen zweiten Beitrag zu veröffentlichen, weil sie sonst dem objektiv angelegten ersten Teil seine Glaubhaftigkeit, Stärke und Signifikanz nähmen und, wie ich finde, auch nicht dazugehören.
Warum ich das hier veröffentliche, weiß ich nicht genau. Ich wollte es in erster Linie in Selbsttherapie für mich herausarbeiten und wenn ich auf kein Ziel wie eine Blogveröffentlichung hinarbeite, würde das nie fertig und niemals so ausformuliert, wie es jetzt geworden ist.

Die Schule ist für mich ein einziges Drama.
Was nun kommt, ist ein Streifzug durch die Fächer, die mir am meisten Kummer bereiten. Doch wenn nicht explizit anders erwähnt, bedeutet ein hier aufgeführtes Fach nicht, dass ich darin deshalb notisch schlecht wäre.

Inhalt: Mathe, Englisch und Gemeinschaftskunde, Gemeinschaftskunde, Sport, Biologie, Bildende Kunst, Mein Biorhythmus, Teile meiner Hochsensibilität, Stresskonsequenzen, Freunde, Selbstbewusstsein, Psyche, Das nächste Schuljahr, Schlussgedanken.

Mathe
Ich weiß, viele Leute, die mich kennen, erwarten das nicht von mir: Ich bin sauschlecht in Mathe.

Das Maximum, was ich während der Stunde noch hinkriege, ist Äquivalenzumformung – und auch das nicht, wenn ich unverhofft aufgerufen werde.
Ich habe während den Stunden regelrechte Angstzustände.
Was ich gerne hätte, wäre ein psychologisch beglaubigter Attest für Mathe.
Mein Denken ist eingefroren, mein ganzes Denken ist blockiert.
Ich bin so kaputt, dass sogar meine Rechtschreibung katastrophal wird.

Über Mathe bin ich unter allen Fächern am unglücklichsten, hier ist der Leidensdruck am stärksten.

Während des Tafelabschreibens kann ich nichts lernen. Ich habe ja schon die größte Not, diese Zahlen und Wörter in Häppchen zu erfassen, zu behalten und zu kopieren. Und dann wird ja meistens auch nebenher noch weitererklärt!

Das Fach ist hektisch. Ich bin nur angespannt.

Mir drängt sich Stunde um Stunde das Gefühl (oder: die Illusion) auf, ich wäre hier in der Intelligenz sämtlichen Mitschülern unterlegen. Dadurch ziehe ich mich erst recht in eine vermeintliche Schutzposition zurück, mache mich ganz klein. Dazu kommen weiter unten noch beschriebene Überreizungen der Umgebung.

Außerdem möchte ich immer originelle und kreative Lösungen präsentieren und das kann ich in Mathe nicht – weil ich nichts gelernt habe, weil ich darin nicht lernen *kann*. Aber ich MÖCHTE doch so gerne etwas darin lernen!

Sag ich was Falsches, deprimiert mich das die ganze Stunde (oder werde ich eben überraschend aufgerufen; ich schäme mich dann vor der ganzen Klasse).
Mathe ist für mich reine Berieselung und Hoffen, nicht aufgerufen zu werden.
Fast nie kann ich während Arbeitsphasen etwas mit den Aufgaben anfangen.

Schon immer musste ich den in der Schule eigentlich vermittelten Stoff in den naturwissenschaftlichen und sprachlichen Fächern zu Hause nachholen, weil ich es in der Schule nicht auf die Reihe bekomme. Das ist schrecklich. Ich sitze ganze Stunden da, möchte etwas von dem dargereichten Stoff verstehen und behalten, aber kann es nicht.

Ich mache eigentlich nur kleine Fehler, aber die sind “mit großer Wirkung” und es gibt in den seltensten Fällen jemanden, der bereit ist, mir kurz zu helfen, weil jeder so auf sich konzentriert ist, weil alles so schnell geht. – Den Lehrer zu fragen, natürlich, traue ich mich nicht.
Die “großen” Fehler sind bei mir eher die Ausnahme, viel mehr mache ich kleine, aus Unverständnis mit anderen Stoffbereichen zusammenhängend, die ich einfach nicht (mehr) beherrsche.

Übrigens – das will ich noch klarstellen – streckenweise, vor mancher Arbeit, habe ich echten Spaß an dieser Essenz der Rationalität. Streckenweise meine ich auch, ich würde Dinge schneller verstehen als meine Mitschüler.
Aber, die Einschränkung die kommen muss, ich bin de facto in Mathematik so eine verlorene Seele, dass ich die Hoffnung aufgegeben habe, jemals gleich wie die anderen dem aufeinanderfolgenden Stoff verstehen zu können. Mir fehlen viele Grundlagen, Dinge, vor denen ich mich damals gesperrt habe aus Uneinsicht, bei denen ich heute sagen muss, hättest du doch wenigstens diese Dinge damals richtig gelernt, dann wäre dein Problem mit dem Fach heute ein partiell anderes. Selbst wenn ich diese Grundlagen nachlerne, fühle ich mich nicht sicher, fühle ich mich gegenüber den anderen minderwertig, glaube, dass die doch noch so viel mehr im Zusammenhang damit verstehen müssten, dass ich so weit abgeschlagen bin, dass es sinnlos ist, dass ich nur verlieren kann.
Mein Problem mit Mathe ist ein psychologisches.
Mathelehrer glauben ja immer ganz selbstverständlich, etwa in Elterngesprächen, man müsse ja nur üben, um den Zustand zu ändern, und wäre eben faul.

Ich habe schon gemerkt, dass ich nicht der Schlechteste bin. Den “anderen Schlechten” scheint ihre Lage aber nicht aufzufallen, sie nicht zu stören, sie machen sogar oft vergnügt am Unterricht mit. Sie scheinen nicht zu bemerken, wie viele Zusammenhänge sie nicht erfasst haben, sie scheinen es nicht weiter mit sich in Verbindung zu setzen, nicht persönlich zu nehmen.
Ich schäme mich dafür, das selbe übrigens in Französisch.

Ich bin keineswegs von der Mathematik überfordert, mich überfordert die Klasse.

Englisch und Gemeinschaftskunde
Ich denke viel zu kompliziert und abstrakt und finde keine Worte dafür. Ich kann selten direkte, klare Gedankenwege kreieren.
Bei vielen Fragen nehme ich dagegen die erwartete Lösung schon als selbstverständlich an und suche auf dieser aufbauend krampfhaft mit meiner ganzen Kreativität nach etwas “Mystischem”, was ich ebenso als selbstverständlich halte. So übersehe ich tonnenweise einfache, simple Antworten und ärgere mich griesgrämig beständig über mich selbst.
Und das, weil ich nicht in mir ruhe, weil ich mich unfrei fühle, bedrängt, bedroht.

Gemeinschaftskunde (Politik)
Wäre es nur der Stoff, wär ich besser. Es gibt jede Stunde dumme Witze, “soziale Verhältnisse” in einer Art, der ich abgeneigt gegenüberstehe, durch die ich genervt bin, sie gefallen mir nicht, ich fühle mich unwohl, nicht dazugehörend und ich blocke ab; versuche zwar, den Stoff trotzdem noch an mich ranzulassen, aber das ist verdammt schwer; es wird sehr viel geschrien, es gibt sehr viel Lärm.
Ich bin außerordentlich interessiert an dem Stoff, aber hier wird es mir wirklich richtig, richtig schwer gemacht, auch nur zu Konzentration zu finden und nicht gleich für mich das gesamte Fach hinzuschmeißen.

Sport
Ich bin die gegenseitigen Anschuldigungen der Jungen der Homosexualität Leid. So was von.

Mir tut nach jeder Stunde Irgendetwas weh, nicht, weil ich unbedingt etwas falsch gemacht hätte, sondern weil ich (meistens) bösartig mit Bällen beworfen werde, oder sonstige Späße ertragen muss. Sport haben wir zusammen mit einer Parallelklasse und summa summarum kommt da ein ordentlicher Haufen Proleten zusammen, die sich in einem Fach über körperliche Kondition sehr wohl fühlen.

In den Kabinen herrscht eine unzumutbare Luft, verpestet durch unzählige Deos und “Belüftungsaktionen” mit dem Wandföhn (!!). Auch in der Turnhalle west schreckliche Luft dahin; dazu der eklige schmutzige Boden (Popels?).

Ich bin durch einen Spielunfall als Kleinkind auf dem rechten Auge blind und habe somit kein direktes optisches 3D-Sehen, ich muss alles schätzen aus Erfahrung.
Darum brauche ich länger; ich hasse Bälle, ich hasse Ballspiele, ich hasse Aufgaben mit Anlaufen, ich hasse sie alle.

Biologie
Ich denke mit Absicht an das Schwierigste, ich möchte dem Lehrer nicht zuspielen und irgendwie versuche ich immer den schwierigsten Weg, um mir selbst etwas zu beweisen. Es ist sehr lange her, als ich das letzte Mal in Biologie eine geniale Assoziationskette hatte, dabei ist das ja eigentlich das, mit dem ich mir gefalle und was ich von mir erwarte.
Ich kann nicht frei denken, bin nicht kreativ.
Analog zu Englisch und Gemeinschaftskunde fehlen mir, zumindest, wenn ich etwas vor der Klasse sag, auf einmal alle Fachausdrücke.

Bildende Kunst
Seit Jahren habe ich darin nichts mehr geschaffen, worauf ich stolz gewesen wäre. In keinem anderen Fach schäme ich mich so wie in BK (gerechtfertigt zu dem, was die besten anderen kreieren). Und denke, ich kann das doch viel, viel besser. Meine zu Hause zweifelsohne in Übermaßen vorhandene Kreativität ist in der Schule geradezu eingefroren, chronisch in BK.

——

Mein Biorhythmus
Mein Biorhythmus ist eine Ausnahme – ich erreiche meine höchste Leistungstärke von 21:00 Uhr bis 03:00 Uhr. Um die Uhrzeit 02-03 Uhr +-1 h bin ich auf meinem kognitiven Höhepunkt. Es ist einfach so. Ich spüre das immer wieder an Wochenenden und in Ferien.
Morgens ist überhaupt nicht meine Zeit. Selbst wenn ich mal ausgeschlafen bin. Ich kann mit den Vormittagen kognitiv nicht so viel anfangen.

Da ich durch meinen Biorhythmus sehr schlecht nachts einschlafe – ich schlafe verständlicherweise äußerst widerwillig zu der Zeit ein, zu der ich mich am leistungsfähigsten fühle – bin ich meistens in der Schule recht müde.
Dazu kommt noch eine, gerade durch den Schlafmangel begünstigte, schwache Blase. Es ist grauenhaft.

Teile meiner Hochsensibilität
Ich bin hochsensibel, und in der Schule wird meine Reizgrenze überschritten. Es ist äußerst unangenehm.

Es geht dort hektisch zu, ich bin unter vielen Schülern mit unterschiedlichsten Emotionen, die ich allesamt unbewusst beobachte und analysiere, dann der Zeitdruck aus dem Unterricht…
Ich habe jeden Tag Angst vor der Schule.
Die Schule schüchtert mich ein, durch verlangte und im von den meisten erbrachte “Disziplin des Funktionierens”, durch ein Können, das ich nicht habe.

Ich kann effektiv und gründlich lernen, aber beim Stress, der von außen, nicht von mir, kommt, bin ich blockiert. Ich lerne gerne etwas für die Schule, kann es aber nicht unter diesem Stress. Ich leide sehr darunter.
Im ersten Schuljahreshalbjahr von September bis Februar ist das immer am schlimmsten, danach wird alles etwas lockerer.

Ich brauche Besinnlichkeit, ich brauche Ruhe, ich brauche Zeit für mich. Ich scheine vollkommen inkompatibel zu diesem Modell von Schule zu sein.

Wie meine Deutschlehrerin in der 9. Klasse vor der Tafel erklärte: In subtilen Anspielungen bin ich der absolute Meister, da kommt keiner an mich ran.
Das bedeutet auch, dass jedes Wort, jede Formulierung in mich mit einer viel enormeren Gewalt einschlägt, mehr Nerven berührt, mehr wehtut oder mehr erheitert (ich lache oft über “ganz banale” Formulierungen). Das ist Teil der Hochsensibilität.
In einem Satz, den ich in der Schule sage, zerreißt es mich innerlich schier an der Entscheidungsfindung, wie er zu formulieren wäre, um entweder ganz spezielle subtile Anspielungen hervorzurufen oder bei allen, bei denen es mir darauf ankommt – und das ist so irre schwer – keine aufkommen zu lassen. Dabei kann ich noch nicht mal wirklich gut verbal sprechen und formulieren, ich konnte das nie lernen.

Wenn wir etwas lesen oder besprechen, kommen mir, habe ich den Eindruck, viel mehr Gedanken aus den skurrilsten Herleitungen, als anderen. Vor allem Bilder kommen mir in den Sinn und übergeordnete Zusammenhänge versuche ich durch händisches Aufeinanderzubewegen der verschiedenen Fakten und Drehen der Ansichtsweisen zu entdecken.
Andere können sich einfach auf die Fakten, so wie sie sind, konzentrieren, sie hinnehmen, lernen – und anwenden. Ich nicht.
Und ist eine Frage offiziell aufgelöst, hängt in mir immer noch ein Nachbild meiner Konstruktion meiner Gedanken zu der Frage auf den Liedern, und ich habe die größte Mühe, meine eigenen Gedanken als offenbar ›falsch‹, unpassend und unwesentlich zu akzeptieren und zu verwerfen. Spricht der Lehrer weiter, möchte ich am Liebsten weiter auf meinen eigenen Gedanken aufbauen – was mich nach kürzester Zeit wieder aus dem Verständnis wirft.

Stresskonsequenzen
Ich fühle mich wirklich richtig unwohl.
Unter den Schulbedingungen kann ich mich nicht vernünftig konzentrieren.
Ich kann einen Lehrer nicht etwas fragen, nicht mal in den mir angenehmeren Fächern, und mich naher noch genau an seine Antwort erinnern. Es geht nicht.

Ich weiß, dass ihr jetzt denkt: »Haha, es sind natürlich immer die Anderen!«, doch ich bin mir meiner Situation absolut bewusst und ja, es sind die anderen. Doch nicht so, dass sie einfach schlimm wären. Es bin ich in Beziehung zu diesen anderen.
Ich werde erdrückt von Gedankengängen, die ich zu berücksichtigen habe, ich weiß zu viel über die anderen, habe sie schon zu tief analysiert, und will (muss) immer fortsetzen darin.
Ich habe mit ein paar wenigen tiefeinschneidende Erlebnisse und ein Traum gehabt (ja, das Wort ist mit Bedacht gewählt). Das sind momentan gewaltige (und bitte nicht zu unterschätzende) Energien in mir, die in die Bewältigung hineinfließen, in die Umschiffung von Problemhafen, in skurrile Fantasien, es wieder umzuschlagen; und daneben Scham, große Scham.
All das bildet ein Konglomerat aus entgegengesetzten Gefühlen, das ich selber nicht ergründen kann. Es stellt auf jeden Fall eine schwere Last auf mir dar, immer wenn ich in dieser Klasse bin.

So viel Pein, so viel zu berücksichtigen, so eine Belastung! Das macht mich kaputt! Nach der Schule bin ich immer emotional total fertig und habe so viele Eindrücke gesammelt, dass ich Stunden brauche, um wieder zu mir zu kommen. Ich habe den Eindruck, ein Schultag stresst mich so sehr wie andere ein hohes Pensumlimit in einem Beruf. Ich bin danach deutlich kaputter, als wenn ich daheim lange lerne oder Nachrichten lese.

Ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie es ist, den Kopf ganz frei zu haben und sich vollkommen auf den Stoff und sich konzentrieren zu können. Es muss wunderbar sein. Es muss eine Wonne sein. Das reine, pure Verständnis muss zu Erkenntnissen führen.
Das drückt ein Bild davon aus, was ich unter Schule und Lernen begreife (bis auf die Wonne) – und wovon ich so weit in meinem Empfinden und Kummer entfernt bin.

Freunde
Seit jetzt zwei Jahren, als mein damals bester Freund von der Schule ging und seit nun einem Jahr, seit ich ein anderes beschämendes und angstmachendes Problem mit wem in der Klasse habe, fühle ich mich ganz allein. Niemand, den ich interessant finde, interessiert sich seitdem noch von sich aus für mich, ich kann die größten Störungen und Unwohlheiten zeigen, niemand spricht mich darauf an.
Ich möchte am liebsten da nicht mehr hin!

Dieses Jahr verlassen insbesondere zwei Mitschüler die Klasse, die sehr gestört haben, ja, aber die in ihren Gebieten auch tolle Kameraden waren. Ohne sie werde ich mich wieder ein Stück einsamer fühlen.

In den großen Pausen streife ich ziellos durchs Erdgeschoss und den Schulhof. Mir ist langweilig, wenn nicht gerade schönes Wetter ist, wünsche ich mir so schnell wie möglich ein Ende der Pause herbei. An den oberflächlichen, egofröhnenden Gesprächen, die meine Klassenkameraden in der Zeit untereinander führen, kann ich nichts finden.
Auch in den Pausen fühl ich mich schlecht, bedrückt. Würde ich als externer Beobachter mal meinen unglücklichen Pausengang beobachten, ich würde wahrscheinlich über meine Einsamkeit weinen.

Selbstbewusstsein
Selbstbewusst _ sein heißt, sich trauen, selbst zu denken. Das tue ich in einigen Fächern nicht.
Ich kann mich nicht nur auf mich konzentrieren, nicht einfach sein.

Ich denke bei und während allem, was ich für die Schule tu, in erster Linie an die anderen. Es als alleiniges Vergleichen zu erklären, würde dem nicht gerecht werden. Ich habe viel Angst und verstehe die anderen nicht. Verstehe ihr Bewusstsein nicht, das sich offenbar so stark von meinem unterscheidet.

Die anderen scheinen fast ausschließlich in sich zu ruhen, anstatt über alles um sie herum nachzudenken, ihrem Ego zu frönen (das ich praktisch “nicht habe”). Das Schockierende ist, dass sie trotzdem weiterkommen. Sie machen viel falsch, aber durch eine spezielle gesellschaftliche Dynamik, die zuversichtlich ist, dass dazugelernt wird, werden sie in ihren Gruppen sogar noch unterstützt, wird ihnen verziehen, wird ihrem Ego gehuldigt (!!).

Ich glaube in dieser Klasse immer, mich verteidigen oder rechtfertigen zu müssen.
Ich bin in der Schule zu 80% eingeschüchtert.
Die einzige Zeit des Jahres, in der ich in meinem reinen Bewusstsein sein kann, wirklich zu mir selbst finden kann, sind die Sommerferien, kleinere Ferien reichen nicht aus, nur die Sommerferien, weil das so viel Zeit ist, dass ich wirklich vergesse und durch die anderen nicht verunsichert werde, nicht bedrückt bin, alleine in mich schauen kann.
Dabei werde ich klarer und meine Intelligenz legt sich frei, die sich zur Schulzeit unter Zwängen und starren Anforderungen verkriecht.
Ich schreie dagegen an: Ich möchte meine Intelligenz nutzen können!!
Das ist, warum ich die Schule hasse, oder genauer: Ich habe Furcht vor ihr!

Mir wird eingeschlossen damit das Assoziieren erschwert – das bedrückende Unterlegenheitsgefühl und der ständige Pessimismus weitet sich auch auf meinen außerschulischen Privatbereich aus.

Wenn ich mich eh schon eingeschüchtert fühle, tu ich mir noch schwerer, mit dem Eindrückebeschränken → bin unsicher, schwach, verletzbar von außen, “ablenkbar”.

Ich seh nicht, was ich kann, ich seh nur, was ich nicht kann und wie schlecht ich in der Schule bin. Ich könnte auch niemals auf einem Schulfest feiern, ich habe nichts zu feiern, das ist mir jede Minute in der Institution im Bewusstsein. Ich bin so viel schlechter, als ich sein könnte.

Ich erinnere mich an viele angesammelte peinliche, schamvolle Momente der Vergangenheit. Ich kann kaum über sie hinwegsehen, sie setzen mich in meinem Selbstwert noch immer herab.

Auffällig ist auch, dass die anderen schneller von der Tafel abschreiben. Ich schreibe nicht langsamer als sie, und so führe ich das darauf zurück, dass sie sich mehr Wörter oder Elemente am Stück beim Hinschauen auf die Tafel merken als ich. In Fächern, in denen ich mich wohl fühle, bin ich nicht unter den Langsamsten. Also hat auch das etwas mit dem Selbstbewusstsein und Wohlbehagen zu tun.

Ich bin eh schon deprimiert über meine Leistungen und das geht mir an den Selbstwert, soweit, dass ich mir in bestimmten Fächern nur Minimales im Kurzzeit- wie im Langzeitgedächtnis behalten kann.
Ich bin in mir unwohlen Fächern in einem neuen Thema ab dem Punkt schlecht, an dem vorhin erwähntes Wissen ganz exakt und vom Lehrer als natürlich vorhanden-vorausgesetzt angenommen wird. Ich weiß, dass da noch etwas war, aber kann mich nicht mehr genau entsinnen. Ich schaue scheu und bestürzt um mich herum – dabei wird die Klassen-Kamera zur Hauptkamera und ich halte die Lehrerkamera kaum noch aus. Ich bin so deprimiert über mich, dass ich in mir zusammensacke, mir Vorwürfe mache, tief traurig bin und dem Lehrer nur noch ein »Ja, red Du nur, ich komme ja eh nicht mit!« zudenken kann.
Da dies Erfahrung ist, verkrüppelte das mein Selbstbewusstsein so sehr, dass ich es kaum noch wage zu versuchen, mitzukommen. Alleine der Versuch ist ein Kampf gegen meine Erfahrung und mein kaputtes Selbstbewusstsein, bei dem ich, wenn ich einmal Oberhand gewinne, immer noch die Stimme höre: »Es bringt nichts, Du weißt es, gleich hast du wieder versagt.« – Womit ich früher oder später dann auch wieder den Anschluss verliere.

Psyche
Wenn ich nur an die Schule denk, werd ich schon nervös und mein Denken entgleitet mir.
Alleine die Vorstellung, mit meinen Mitschülern zusammen sein zu müssen, löst das schon aus. Wie beim Schreiben dieses Textes: Ich denke nur an die Schule und beginne zu Schwitzen und meine Gedankengänge werden durcheinander und hektisch.

Äußerst perplex bin ich über die jahrelang gemachte Beobachtung, dass ein Großteil meiner Klasse keine Moral besitzt; ich denke mir, wie kann man nur so sein. Sie kennen keine Grenzen, keine Werte, sind egoistisch, kennen keinen Anstand. Und doch funktioniert das Klassengefüge unter ihnen irgendwie. Aber ich kann doch nicht mit solchen unzuverlässigen Menschen (Morallosigkeit: Nichteinhalten von menschnatürlichen Werten) glücklich (theoretisch) in einer Klasse sein, ich hab immer Furcht vor ihren nächsten unberechenbaren Aktionen. “Perplex” trifft das wirklich am besten, ich kann ihre Art auf keiner Ebene verstehen und bin immer wieder überrascht, wie rücksichtslos sie sich verhalten. Verstehe auch nicht, warum das so gut bei dem Rest ankommt. Ich halte es für gesellschaftsschändigend falsch.

Was ich vor allem in der Schule bräuchte, wäre wieder unter Gleichaltrigen zu sein, was leider unmöglich ist. Ich fühle mich immer an einer losen Leine außerhalb der Klasse, die an gespannter Leine kollektiv nach vorne zieht. Ich habe keine Führung. In sehr vielen bin ich denen voraus, in anderen anscheinend Jahre hinterher, es ist unvereinbar (im Denkhorizont, in der Gefühls- und Emotionswelt weeeit voraus, in allem Nachaußentragendem hinterher).
Das ist gerade so wichtig, weil ich eigentlich nur während der Schule im realen Kontakt mit Menschen bin. Ich bin total unsicher, weil ich mich nur dort unter welchen erlebe, und dabei so schlecht in allem Nachaußentragendem.

Im Gefühlsbereich können die anderen mir nichts Neues mehr beibringen, und so fehlt mir eine Orientierung nach vorne. Ich weiß nicht mehr, wie es ist, emotional gefordert zu sein. Ich bin nie real unter Gleichaltrigen. Das heißt für mich, ich muss mir selber Ideale suchen – Ideale, nicht Idole. Und das heißt, ich verhalte mich etwas “weltfremd”. Und das heißt auch, dass ich dann erst recht unsicher werde, weil ich nie sagen kann, wie sich Gleichaltrige verhalten würden, was sie denken würden, wie sie abstrakte Visionen umsetzen würden; ich fühle mich ausgeschlossen, separiert und ungleich.
Ich schäme mich dafür, mit 18 in die 11. Klasse zu kommen und mit so jungen Mitschülern zusammen zu sein. Die 3. Klasse freiwillig zu wiederholen, weil ich auf eine andere Schule gewechselt bin, war einer der größten Fehler meines Lebens.

Ich denke dauernd, ich habe den Gleichaltrigen so viel hinterher, sie haben schon so viel mehr Stoff als ich gelernt, haben schon viel mehr erlebt, sind ein Jahr eher mit der Schule fertig, ich denke immer daran, wenn ich welche sehe und wenn ich mit welchen kommuniziere.
Ich seh meine Gleichaltrigen vor mir schon ein Jahr weiter in der Schule, schon viel weiter im Stoff, schon viel mehr hinter sich gebracht, Dinge, die ich noch nicht verstehe, mit denen ich mich noch abquälen werde, sie sind viel weiter. Das macht mich fertig und bringt mich bis zum Weinen.

Es gibt in meiner Klasse Leute, die mir in logischen Gedankengängen recht ähnlich sind, zwar in ihrer Leistungsfähigkeit arg unterlegen, aber sie sind bedeutend besser auf den Gebieten Verbalformulierung, Selbstbewusstsein, Sozzeln [= soziale Geschicklichkeit, Sympathie bei anderen erweckend]; davon gibt es in meiner Klasse einige. Alles in allem führt das dazu, dass ich mich minderwertig fühle, ich mit meinem Nachaußentragenden nicht gegen diese anderen ankomme, dann auch natürlich im Denken schlechter und schließlich depressiv werde.
Aus Enttäuschung über etwa meine Formulierfähigkeiten, kann ich mich immer öfter beobachten, wie ich mich einfach wie die anderen ohne Bedacht im Sprechen gehen lasse. Dafür verachte ich mich dann so richtig.

Ich bin lernwillig, aber ich kann in der Schule nichts lernen. (Viele sind ja nicht lernwillig. Ich dagegen bin im Grunde sehr motiviert.)
Ich störe nie den Unterricht, weil ich etwas ›langweilig‹ oder ›unverständlich‹ fände, eher noch habe ich dann meist Respekt vor einem Thema, halte mich zurück, beobachte, und bin nur noch über mich selbst deprimiert.

Ich habe einen sehr hohen Selbstanspruch. Mir reicht es nicht, “gut” zu sein, ich will immer “außergewöhnlich” sein. Ich will nicht besser sein als die anderen, sondern ich sehe es irgendwie als ganz “natürlich”, als meine “Bestimmung”, an der Spitze zu sein. Das ist vielleicht sehr arrogant formuliert, ich meine es aber nicht arrogant. Ich will perfekt sein, es ist triebhaft, zwanghaft. Ich fühle mich immer ungenügend, wenn ich nicht perfekt bin, jeder Fehler setzt mir zu, mehr als anderen. Dazu kommt Angst vor Blosstellung.
Wenn ich in der Schule von so vielen Eindrücken und analytischen Gedanken abgelenkt und beschäftigt werde, dann kann ich das unmöglich halten – ich konnte es nie halten – und verfalle in Depression und gestehe mir kaum noch Selbstwert zu – der Rest schafft es ja!

Wenn ich die Hausaufgaben nicht gewissenhaft erledige, hängt das während des Unterrichts oftmals tonnenschwer an meinem Selbstbewusstsein und ich fühle mich gar nicht mehr würdig, das Wissen während der Stunde aufzunehmen.

Wenn ein Lehrer spricht, von mir sehr sympathischen Lehrern und mich persönlich brennend interessierenden Themen abgesehen, bebt in mir der Widerstand gegen diese Einrichtung, gegen das System, gegen den verlogenen Zwang.
Ich bin vielleicht so ein radikaler Schulkritiker einer speziellen Art, dass ich sie nicht bewusst verweigere, sondern mir selbst die Teilnahme “verbiete”, wer weiß.

Ich könnte mir gut vorstellen, mir allen Stoff selbst, daheim, beizubringen; ohne Privatlehrer, vielleicht mit Ansprechlehrer. Aber leider ist das “Unschooling” in Deutschland, anders als in vielen Nachbarländern, nur in absoluten gesundheitlichen Ausnahmefällen möglich.

Das mag ein kolossal subjektiv falsches Fehlgefühl sein, aber ich habe den Eindruck, dass ich in ein, zwei Parallelklassen sehr viel besser hineinpassen würde, als in meine momentane. Dass ich mich dort beträchtlich wohler fühlen würde. Dass die Leute dort mich besser verstehen könnten, und seien es auch nur die Mädchen.
Unsere Klasse wurde nicht geteilt. Ich Idiot musste in der 5. unbedingt die Klasse nehmen, die als erste Fremdsprache mit Französisch begann (darum kann ich auch nicht einfach die Klasse wechseln). Jetzt sind wir sechs Jahre zusammen. Und egal, was man mir weismachen möchte: Diese Klasse ist kaputt, es gibt keinerlei Dynamik mehr. Jeder hat seine Rolle. Wenn man Grundlegendes an sich ändern möchte, dann bleibt man auf seiner alten Position gefesselt.

Das nächste Schuljahr
Es ist für mich der absolute Albtraum, wenn nicht Horror, noch ein Jahr in dieser Klasse sein zu müssen.
Ich kann mich nicht an viele schöne Momente mit meinen Mitschülern erinnern, in denen ich mich so ganz gut wohl gefühlt hätte. Nein, ich habe keine positiven Erinnerungen an dieses Schuljahr. Vielleicht einige Momente, die ich meiner Geschichtslehrerin zu verdanken habe.
Sonst, wenn ich an Schönes in der Schule denken möchte, lande ich gedanklich immer in der 9. Klasse.

Eine aus meiner Klasse hat es zum Jahresende Klasse 10 richtig gemacht: Sie wechselt das Gymnasium. Eine schlicht geniale Lösung. Meinen tiefsten Respekt für diese Entscheidung. Ich hab mir in den Ferien überlegt, es ihr gleichzutun, selbst wenn ich dann in eine Klasse käme, die mit Englisch und nicht Französisch als erste Fremdsprache angefangen hat. Aber dafür war es da schon zu spät.
Ich will aus der Klasse raus, ich will so gerne einen Neuanfang.

Nach einigen Beobachtungen, scheinen viele ihre Arbeitshaltung zur Schule mit dem Beginn der Oberstufe zu ändern. Jene, die davor die Schule noch nicht ernst genommen haben, legen in der Oberstufe richtig los und glauben die Einbläuungen, die Schule sei das Wichtigste, der Sinn, das Ziel. Ihr ganzes Denken transformiert sich ins radikal schul-logische, sie werden rationalistisch, werden angepasst, sie ergeben sich vollkommen dem System.
Wer das nicht tut oder kann, der scheint keine Chance zu haben, “gut zu sein”. Man muss funktionieren. Man muss angepasst sein.
Die Oberstufler stellen das nicht infrage, sie nehmen es an; sie können sich überhaupt nicht leisten, es infrage zu stellen.
Davor habe ich Angst: Erstens sehe ich die Wichtigkeit unserer Schule so nicht ein und dann bin ich eben einfach hochsensibel und werde das so niemals umsetzen können und an dem eventuellen Versuch sicherlich zerbrechen. Und ich will mich nicht so anpassen. Das geht gegen meine philosophische Auffassung.

Im Film Logan’s Run (deutscher Titel: Flucht ins 23. Jahrhundert) leben die letzten Menschen vollkontrolliert unter einer riesigen Stadtkuppel, und es besteht ein Alterslimit der Bürger von 30 Jahren, zu dem sie “erneuert”, aber tatsächlich getötet werden, um die Population niedrig zu halten. Die Menschen in der Kuppel glauben, die Welt außerhalb wäre lebensfeindlich und sehen das Erneuerungskarussell als selbstverständlich.
Genau das vergleiche ich mit der Schule, damit, wie Gehirnwäsche betrieben wird, wie manipuliert wird, für einen eigennützigen Zweck, für die vermeintliche “Wirtschaft”.

Ich habe Angst vor nächstem Schuljahr. Angst, meinen Charakter durch die Schule zu “bilden”, Angst davor, so zu sein und werden zu müssen, wie ich es nicht für gut halte. Oder mich am Widerstand aufzuspießen.

Schlussgedanken
Ich kann lernen. Ich halte mich für recht intelligent. Aber ich kann es nicht in der Schule, nicht in dieser Art Schule. “Wenn ich nicht so mit mir selbst beschäftigt wäre”, und wenn ich das System bespringen würde, wie manch anderer, wäre ich ein exzellenter Schüler, da bin ich mir sicher. So bin ich ein durchschnittlicher, auch wenn ich mir selbst viel, viel schlechter vorkomme. So jemanden nennt man Underachiever.
Doch mein Leidensdruck ist hoch, ich halte das so nicht mehr lange durch.

Ich möchte, für alle lesbar, meine Unzufriedenheit mit dem deutschen Gymnasium (und in meinem Fall speziell dem Baden-Württembergischen) zu einen kleinen Essay fassen.
Das mag den Eindruck einer harten Abrechnung erwecken, aber das ist es nicht, schon gar nicht eine mit meinen Lehrern. Dahinter steht kein böser Wille, sondern sachliche Systemwut.
Sollte dies einer meiner Lehrer lesen: Ich will Ihnen nichts Böses. Ich kritisiere hier nicht Sie, sondern dieses System von Schule.

Ich spreche nur einige wenige Fächer an, bei den anderen mir bekannten hielt ich den Unterrichtszustand nicht in diesen Maßen für kritisierbar.

Mathe
Wir bekommen in diesem Fach so unglaublich viel unnützes Wissen eingetrichtert, und leider traut sich keiner mal die tatsächliche Sinnhaftigkeit der Themen objektiv zu betrachten, weil es ja so stark legitimiert ist als “Denksport” und Disziplin der Intelligenten; weil man ja insgeheim diese Präzision ehrfürchtig anstrebt und sieht, dass die, die auch in vielen anderen Feldern auffallend intelligent sind, Spaß daran haben, also muss es gut sein.

Ich sage: Wir müssen das nicht alle können!
Ganz klar gehört Logik geschult, die Schule ist der richtige Ort dafür. Logik! Logik kann man auch anders lernen!

Das Fach Mathematik ist an den deutschen Gymnasien ab der Mittelstufe Geldverschwendung des Staates. Von 30 Schülern braucht voraussichtlich nicht einmal immer einer das Schul-Mathematikwissen ab der Oberstufe im späteren Beruf. Das bedeutet, 29 Schüler einer Klasse von 30 Schülern werden ~vier Jahre in der Schule mit dem Lernen von absoluten Fachwissen gepeinigt, das sie nie gebrauchen können.
Ich schreie innerlich vor vergeudeter Lebenszeit! Mir scheint, als lernte ich es nur zum Selbstzweck! Das ist Wissen, das ich nie brauchen kann und selbst wenn ich es in ein paar Jahren brauchen könnte, *habe ich es sowieso schon wieder vergessen*.

Was im Fach Mathematik gelehrt werden sollte, ist praktisch umsetzbares Wissen für den Alltag; da mögen auch mal diese oder jene Spezialgebiete auf dem Plan stehen, um ein ehrlich brauchbares Bild der Fähigkeiten zu ergeben. Aber der Fokus sollte stets auf der Praxis liegen.
Jeder, der darüber hinaus ganz spezielle mathematische Fähigkeiten für ein Studium und so auch einen Beruf benötigt, dem sollen gerne kostenlose Förderkurse angeboten werden; dort sind dann wenigstens die Leute zusammen, die auch wirklich am Erlangen des Wissens ein persönliches Interesse haben.
Das Fach Mathematik, so wie es heute besteht, gehört revolutioniert, und jeder, der sich objektiv mit den Fakten beschäftigt, wird auf den gleichen Standpunkt kommen.

Ich frage mich angesichts dessen sogar, warum Mathematik auf dem Gymnasium ab der Mittelstufe noch als Hauptfach gelehrt werden muss. (Seine Berechtigung hat es darunter eindeutig, schon als Gedächtnisübung.)
Und wäre es nicht auch naheliegend, es abwählen zu können, wenn man nichts damit anzufangen weiß? Was spricht dagegen?

Es heißt bei Mathe lakonisch »Du musst«.
Ich “muss”, weil das vor Jahrzehnten Entscheider festgelegt haben, ich “muss” es nur weil es in der Schule *Pflicht* ist, Pflicht in einem abgesteckten System, ich möchte sagen, in einem ganz eigenen Öko-System (streicht das Öko, aber damit drücke ich die Separation aus), das an dieser Stelle heute völlig entartet ist zu dem, was seine Wurzel, der Auftrag, ist: Die Schüler auf das Leben und Berufkompetenzen vorzubereiten! Es geht heute nicht um Bildung, es geht um Abschlüsse! Ich “muss” nur, um mein Abi zu schaffen! Was ist das für ein Müssen! Das ist doch absurd! Und niemandem scheint das aufzufallen und zu stören!

Trotz alledem, mein Standpunkt zu Mathe ist: Ich äußere diese Kritik, aber ich setze Energien dahinein, trotzdem den Stoff zu lernen, weil ich es eben “muss”. Das sehe ich ein.

Musik
»Wenn man es nicht braucht, muss man auch keine Partituren lesen können (seh ich jedenfalls so), deshalb find ich den erzwungenen Musikunterricht in der Schule stellenweise (okay, mehr als stellenweise… :roll: ) auch ziemlich schwachsinnig.« —Charysmile

Wenn man als einzige Voraussetzung für eine 1 im Referat im Schulorchester sein muss, ist für mich die nötige Objektivität für ein Schulfach nicht gegeben.

Auch was man so in Musik macht ist ja selten dämlich: Ein gutes Viertel der Zeit verbrachten wir dieses Schuljahr mit Singen (danke Himmel, dass es nicht benotet wird…), wer eh im Chor ist, dem macht das Spaß, wer ein komplizierteres Instrument spielt, ist ein Ass in sämtlichen Notenfragen.
Klassische Musikgeschichte seh ich als wesentliches Kultur- und Allgemeinwissen, der Rest interessiert mich nicht, brauch ich nicht.
Bis darauf ist das Fach einfach unnötig. Der Stoff gehört nicht in eine allgemeinbildende Schule.

Chemie
Grundlagen sind OK, aber ich werde nie, nie, niemals in meinem späteren Leben irgendeine dieser Reaktionen durchzuführen gezwungen sein. Man sollte sich mehr auf allgemeine Kenntnisse, ein breites Basiswissen konzentrieren, als die spitze Entkonglomeratisierung unserer Materie. Auch mehr Geschichte in das Fach hereinzubringen wäre ein Gewinn; eine gewagte Forderung die Zusammenlegung mit Erdkunde.

Physik
Physik hat schon eher erkannt, dass es den Schülern nicht alles zu vermitteln braucht, was zu vermittelbar ist. Anerkennenswert. Aber auch hier ist der Lehrplan noch voller Details und Episoden, die keinerlei Nachwirkeffekt, bis auf die Noten haben. Da ist so viel, was man einfach wieder vergisst nach der Arbeit, und was einem im Leben nicht mal als kluge Hintergrundserklärung noch dienlich wäre. Für Physik wie Chemie gilt: Interessiert mich ein exakter Prozess persönlich, kann ich mir das Wissen am effektivsten selbst aneignen.

Sport
Den Sinn des Faches Sport habe ich bis heute nicht verstanden. “Körperliche Ertüchtigung” würde ja noch einleuchten, aber ich spür keine Ertüchtigung. Weder stärken die 2h wöchentlich meine Muskeln, noch nehme ich aus den Stunden auch nur *irgendetwas* mit nach Hause.
Sport ist das ungerechteste Fach, das es gibt, mit diesen pauschalen Leistungsanforderungen ohne Rücksicht auf die individuelle Konstitution und die unterschiedlichen Körper; und ein Überbleibsel der spartanischen körperlichen Leistungskultur, das abgeschafft gehört.

Religion
Warum gibt es dort keine krassen theologischen Eröffnungen und Diskussionen? Warum muss ich mir 2h in Religion Filme über Recycling-Vorgänge ansehen?! (Ohne Witz!)

Unser Lehrer ist ja ein sehr netter Mensch, doch er scheint jede Stunde zu grübeln, mit was er die Zeit nur totschlagen soll. So meine ich, 1h wöchentlich reicht locker, um das Jahrespensum unterzubringen. Oder: Die Zeit, in der man “Nichts” tut, ließe sich sinnvoller mit Philosophie verbringen, nur müssten die Religionslehrer das auch mit sich vereinbaren können…

Geschichte
Mehr Zeit dafür. Geschichte ist wichtig, man kann aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen. Das Fach wird wirklich viel zu sehr vernachlässigt.
Es geht mir nicht unbedingt um ein breiteres Stoffspektrum, sondern um Zeit für liebevolle Details.
Durch dieses Fach kann man zu höheren Erkenntnissen gelangen, vor allem durch den Inhalt der ersten drei Lehrjahre. Diese riesige Chance für die Schüler wird bislang weitgehend sträflich vernachlässigt. (Ich hatte Glück durch eine geniale Lehrerin, die wir zwei Jahre in Deutsch und Geschichte hatten und sich so die Stunden selbst sehr frei einteilen konnte.)

Gemeinschaftskunde („Politik“)
Mehr Geschichte, alte Geschichten aus der Antike, diese mit neueren vergleichen; das ist spannend.
Die Schüler sollen – und müssen – ein Gefühl für Politik entwickeln.
Auch nirgends sonst unten den weltlichen Fächern ist es wichtiger für den Staat, die Schüler zu Erkenntnis zu führen, als in Politik.
Gerade mit diesem “Gefühl entwickeln” komme ich über das Beispiel Politik auf eins meiner zentralen Anliegen: Das Notensystem herunterfahren und mehr auf Erkenntnis setzen.

Ideen
Aus der Schule kommen auf den Materialismus und Kapitalismus getrimmte Leute heraus. Die Schule gibt den Schülern nur Fakten, die Schule lässt sie nicht sich selbst finden. Sie bietet keinen Platz und keine Zeit dafür.
Darum plädiere ich für das neue Fach Geistesschulung. Darin könnte man Ideen und Übungen Rudolf Steiners in einfühlsamer Art anstoßen (auch ohne sich mit der von vielen als zu obskur befundenen “Esoterik” zu beschäftigen, der “Geheimwissenschaftsteil” ließe sich gut auskoppeln).
Bringt die Methoden der Anthroposophie in die staatliche Schule, die Schüler werden es euch danken!

Sprachlich neben Englisch sollte unbedingt Esperanto unterrichtet werden. Ich höre die Rufe: »Das spricht doch keiner!« – genau deswegen. Diese Plansprache, die das beste aus Europas Sprachrepertoire vereint, ist in jeder Hinsicht kinderleicht zu lernen und irgendwer muss ja mal anfangen, sie staatlich zu unterrichten. Esperanto ist eine Lösung für Europa, sein Sprachproblem geregelt zu kriegen: Es ist einfacher als Englisch zu erlernen, viel, viel einfacher, dennoch ungeheuer präzise und kein Land hat es als Muttersprache, so wären in der Kommunikation alle gleichgestellt. Englisch ist aus diesem Grund nicht für ein Europa der Bürger geeignet. Da Esperanto so wirklich phänomenal einfach ist, würde vorerst auch nur eine Stunde wöchentlich ein halbes Jahr genügen, um stabile Grundlagen zu vermitteln. Ich halte es für wichtiger, Esperanto zu unterrichten, als irgendeine andere zweite Fremdsprache außer Englisch – diese wäre für ein Land, Esperanto ist für Europa und den Rest der Welt.

An unseren Gymnasien gibt es heute zwei “Profile”: Das naturwissenschaftliche und das sprachliche.
Habt ihr nicht auch das wage Gefühl, da fehlt etwas?
Weder “Naturwissenschaft” noch Fremdsprachen sind mein Ding, mein “Hobby”. Was ich gerne hätte, was mir vorschwebt, ist ein neues humanistisches Profil, verstärkt mit Fächern wie Deutsch, Geschichte, Politik, Rhetorik, Psychologie, Philosophie, Geistesschulung.
Das soll schon nicht zum Drückebergerprofil werden, Ansprüche dürfen gerne gestellt werden.
Ich meine, das ist wirklich einen Gedanken wert. Klar, Englisch ist wichtig, und noch ein bisschen Esperanto und Französisch oder etwas in der Richtung, warum nicht. Auch die “Naturwissenschaften” sehe ich als wichtig, aber für mich eben nur die Basis. Ich muss die ganzen Zusammenhänge nicht auf Arbeiten gepaukt haben. Mir reicht eine gesunde Basis, wenn ich mich für etwas näher interessiere, kann ich es mir ja selbst beibringen. Ich habe nicht vor, ein Studium, respektive einen Beruf anzufangen, bei dem ich mehr als gesundes Allgemeinwissen in diesen Bereichen brauche.

Reformen
Eine weitere Idee, die das Profilproblem sogar aus der Welt schafft: Nach meinen Vorschlägen über das Neuauffassen und gegebenenfalls Kürzen einiger Fächer könnte man zu dem Schluss kommen, das Abitur ließe sich noch weiter früher herabsetzen, was ich aber trotz der Zeitersparnisse für bedenklich hielte. Meine Vorstellung wäre eher die, das Kurs-Prinzip schon mit der Mittelstufe einzuführen, nach Ende der Mittelstufe eine neue Prüfung, ähnlich dem heutigen Abitur anzusetzen, und die Oberstufe freier zu machen: Die Oberstufler sich verstärkt mit dem beschäftigen zu lassen, was ihnen liegt, indem sie sich ganz frei in die Details deren Fächer vertiefen, für die sie zuvor neugierig wurden. Am Ende der Oberstufe eine neue letzte Prüfung oder Begutachtungen der Ausarbeitungen, die, ganz individuell, ihre Lernerfolge bewertet.
Dabei sollte kein Zwang bestehen bei der Menge der zu absolvierenden Fächer oder Themen. Jedoch ergibt der Eindruck dieser Leistungen zusammen mit den Werten der Prüfung nach der Mittelstufe das “Abitur”.
Das heutige Kurse-Prinzip sollte weitergedacht werden: Jede Themeneinheit gehört als eigener Kurs abgesplittet, und über das Jahr hin wiederholen sich bei verschiedenen Lehrern die Unterkurse. So ist man absolut frei im Wählen dessen, was man für wichtig hält. Die Zeit der Oberstufe soll nicht mehr in Schuljahren betrachtet werden, sondern an sich als eines, was erlaubt, sich beliebigen Stoff zu beliebigen Zeit vorzunehmen. Wer möchte, kann sich prüfen lassen und bekommt – optionale – Noten. Für Prüfungen können ein besuchter Unterkurs oder mehrere Voraussetzung sein; – ihr seht, in welche Richtung und zu welchen Möglichkeiten das führt!
So fordert man wahren Freigeist, Individualität und Bildung!

An dieser Stelle möchte ich auf den exzellenten Artikel “Die Schule der Zukunft (v2.0)” verweisen, der da noch sehr viel weiter geht und insbesondere die Auswirkungen eines Bedingungslosen Grundeinkommens auf das Schulwesen entwickelt und beleuchtet. Ebenfalls zu empfehlen ist Klaus Sinderns Sachbuch “Tamagotchi Schule“, in dem der festgefahrene Selbstzweck unserer Schule allzu deutlich wird.

Was können wir tun?
Als erster Schritt muss überhaupt erst mal wieder eine Diskussion über die Schule legitimiert werden, muss ein Bewusstsein über das, was uns in der Schule vorgesetzt wird, auf breiter Ebene hergestellt und erlaubt werden. Nicht nur bei Eltern und Pädagogen, sondern vor allem in den Köpfen der Schüler. Es kann nicht angehen, dass man dieses aktuelle System einfach hinnimmt, ohne sich zu beschweren. Macht euch Gedanken darüber, bloggt darüber, diskutiert mit Freunden, sagt eure Meinung wohl dosiert den Lehrern. Es wird einfach Zeit, dieses archaische Schulsystem zu einem Bildungssystem zu machen! Was dafür zu erst geschehen muss, ist die Aufrüttlung, ist dass sich mehr Schüler überhaupt einmal trauen, über die heutige Schulmaschinerie nachzudenken, anstatt sie als gottgegeben zu nehmen und sich fügsam in ihren Schlund zu werfen!

Wir Deutschen geben klar zu, dass es mit unseren Nationalstolz nicht sehr weit her ist. Wir haben ihn verloren mit Ende des Krieges und der Aufarbeitung unserer Taten darin.
Italien und Russland haben ihre Kriege weit nicht so aufgearbeitet wie wir. Sie haben keinen Selbstwertschaden erlitten. Wir dagegen forschten unnachgiebig nach, so weit, dass wir uns seitdem für unsere Nationalität schämen, und wenn nicht, zumindest viel Kraft aufbringen müssen, um uns nicht von der Scham überzeugen zu lassen (»Ich hatte damit nichts zu tun«).
Das Schlechte siegt über das Gute? Oder ist der Nationalstolz schon das Schlechte, das durch noch mehr Schlechtes offenbart wird?

Ginge es nur um Gründe, stolz auf Deutschland zu sein, dann fielen mir da einige Dinge ein, die es hervortun und mir gefallen:

Deutschland ist einer der Hauptfinanziers Europas. Eine Frau ist unsere Bundeskanzlerin.
Wir haben eine gute Regierung. Sie hat Konzepte entwickelt, der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken und wir haben ein momentan konfuses und ungerechtes, aber zumindest garantiert funktionierendes Sozial- und Gesundheitssystem.
Wir bekommen Netzsperren für Seiten mit Kinderpornografie (kleiner Scherz).
Wir nörgeln und regen uns über die Politik auf, das zeigt, wir Bürger haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben; und wir sind interessiert an der Politik.

Die deutsche Sprache ist eine äußerst „begriffliche Sprache“, exakt und präzise. Sie unterstützt Wortzusammensetzungen (›Donaudampfschiffskapitänsmütze‹). Vertritt man die Sapir-Whorf-Hypothese, nach der der Wortschatz und die Grammatik einer Sprache einen kausal zwingenden Einfluss auf das Denken nehmen, so kann man annehmen, dass das auf uns gewisse Auswirkungen hat.

Wir haben ein Land mit nur wenig Rohstoffvorkommen, sind aber dennoch Exportweltmeister. Um das zu erreichen liegt es ganz klar: Unser eigentliches Gut ist unser Können.
Wir sind das Land der Dichter und Denker, „geborene Metaphysiker“ wie Verne in „Von der Erde zum Mond“ schreibt. Damit kann ich mich identifizieren. :)

Das weltberühmte „Made in Germany“ ist ein Prädikat für hohe Qualität, Durchdachtheit und Robustheit.
Unsere Fernsehsender, staatliche wie private, haben ein Designniveau, wie ich es noch nirgends anders gesehen habe. Ich möchte meinen, unsere Fernsehanimationen und -Grafiken, das Corporate Design der Sender, sind Weltspitze. Was sie produzieren, sieht wirklich ästhetisch, frisch, angenehm, modern aus und nervt nicht (!!). Die Intros zu etlichen Shows und Sendungen sind künstlerische Meisterwerke, die man erst schätzen lernt, wenn man mal das Ausland erlebt. Bei unseren Nachbarländern ringsherum kommt mir der deutsche Entwicklungsvorsprung mitunter wie mehrere Jahrzehnte vor; und vom graulichem effekthaschendem und hektischen amerikanischen Fernsehen braucht man gar erst anfangen.

Auch in der Technik, und was mir hier noch besonders am Herzen liegt, in der IT mischt Deutschland ganz weit vorne mit.
Das Frauenhofer und das Max Planck-Institut zählen zu den mir am geläufigsten Einrichtungen, aus denen kontinuierlich Innovationen und wegbereitende Forschungsergebnisse hervorgebracht werden. So sind der mp3- und AAC-Codecs zu einem großen Teil deutsche Entwicklungen!
Wir haben SAP, neben IBM und Oracle der größte Firmenintegrationssoftwareentwickler weltweit.
Eine ganz erstaunliche Anzahl der Drittanbietersoftwareentwickler für den Mac sind Deutsche – und dann, was ich damals irre fand: Als Mitte 2006 die Public Beta von Windows Vista freigegeben wurde, gab es sie in Englisch, Chinesisch und Deutsch! Weltweit, für das Austesten und Fehlerfinden eines neuen Betriebssystems bedachte Microsoft als dritten von drei die deutschsprachigen Länder! Wenn das mal nichts über unsere Signifikanz in der IT aussagt!
Übrigens war der Zuse Z3 1941 der erste funktionsfähige (und programmierbare!) Digitalrechner – der erste Computer!
In der privaten Internetanbindmöglichkeit ist Deutschland unter den besten Ländern Europas, wir bekommen hier in Städten mit DSL 16.000 und VDSL 50.000 schon vergleichsweise sehr schnelle Leitungen (in den USA ist man da, so weit meine Kenntnis, im Allgemeinen und Schnitt eher auf DSL 2.000-Niveau unterwegs).
Wir haben hier eine gigantische Anzahl an Geeks – auf unsere Landesgröße relativiert – und eine im sonstigen nicht-englischen Raum unvergleichbare Anzahl an IT-Nachrichtenseiten, Foren, Wikis und computerbezogenen Blogs. Man stößt zu IT-Themen in keiner anderen Sprache nach Englisch mehr so oft so viel auf lesenswerte Seiten aller Art (Problemlösungen, Forendiskussionen, Artikel, Blogs, Podcasts) als im Deutschen – in manchen Extrembereichen ist es für den „Rest“ Gang und Gebe, sich deutsche Seiten maschinell übersetzen zu lassen, um an die benötigten Informationen zu gelangen.

Wir haben die zweitgrößte Wikipedia geschaffen, ist das nicht krass? Und die *beste*, denn die deutschen Nutzer erstellen Artikel mit Verstand und Ordnung. In Chaosradio Express hieß es einmal (aus dem Kopf, unkontrolliert), dass „die deutsche Wikipedia die heimliche wahre Wikipedia ist“. Wir haben selbst solche hohen Ansprüche an uns, unsere Gründlichkeit und unseren Stil, dass so ein bombastisches Werk dabei herauskommen kann. Vergleicht doch mal zum Spaß die deutschen Artikel mit den französischen, spanischen, italienischen, oder englischen. Ernüchterung werdet ihr erleben! Was die englische Wikipedia als theoretischen Vorteil hat, dass Englisch die erklärte Weltsprache ist, hat sie auch zum Nachteil, denn viele Artikel sind zwar planlos vollplakatiert mit unbelegten Informationen, aber dabei lässt das allgemeine Stilniveau sehr zu wünschen übrig, eben weil ein Großteil der Autoren die Sprache nicht als Muttersprache beherrscht. Es gibt dort keine allgemeinen Konventionen im Artikelaufbau, viele Texte sind einfach Matsch, unvollständig, begonnen aber gleich wieder abgebrochen. Ulkigerweise trifft man die selben Mängel bei den genannten anderen Sprachen auch in fraglichen Dosen an; hier ist die deutsche Wikipedia ganz klar Top.

Nicht zu vergessen sind auch unsere deutschen Tugenden: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß, Strebsamkeit, Ausdauer, Disziplin, Treue, Ordentlichkeit, Genauigkeit, Gründlichkeit, Protokollismus, Bescheidenheit, Aufrichtigkeit. Zuletzt als nützlich erwiesen haben sie sich beim Wiederaufbau, bei dem in letzter Instanz dann auch die militärisch angelegten preußischen Tugenden ein Stück weit geächtet wurden.
Übrigens habe ich irgendwie das Gefühl, diese positiven und einst weit hochgehaltenen Tugenden heute noch am präsentesten bei uns Württembergern vorzufinden, um hier mal etwas zu feixen. ;)
Doch Nietzsche sagt ja »Gebet zu Menschen: “Vergib uns unsere Tugenden”«. ;)

Es ist unvermeidlich: Etwas zum zweiten Weltkrieg.
Das ist natürlich ein heikles Thema, aber in dieser Zeit haben wir eindrucksvoll gezeigt, was wir können.
<beliebig lange Distanzierungserklärung von den Nazis>
Wir waren enthusiastisiert, propagandiert und ideologisiert, aber diese Zeit ließ erkennen, was in uns steckt, welches Potenzial wir haben. Die ganze deutsche Tugendpalette kam zum Einsatz. Und bei allem Respekt, was wir damals geleistet haben *war* beeindruckend.
Ich bin überzeugt, dieses Potenzial lässt sich auch für Gutes nutzen.

Da waren Entscheider, Machthaber, Propagandaführer, Ökonomen, das waren ohne Frage intelligente Leute, die leider furchtbar fehlgeleitet waren und wurden. Einmal aus der kalten Sicht des Rationalismus betrachtet, haben diese Menschen Beachtliches geleistet.
Ich bin wirklich der Meinung, der zweite Weltkrieg zeigte auf bedrückendste Weise unser Potential.

Nach Kriegsende schauten alle Länder mit Argwohn und Suspekt auf uns, wie schnell wir wieder emporschossen, uns rehabilitierten. „Wirtschaftswunder“ wurde das genannt, die wirkenden Kräfte in der Bevölkerung waren für Außenstehende geradezu unheimlich.
Unser Protokollismus während des Krieges machte eine bis dahin nicht gekannte Kriegsaufarbeitung möglich. Wir haben ihn aufgearbeitet und verarbeitet, uns in allen Details mit ihm auseinandergesetzt, uns unserer Vergangenheit gestellt. Dabei half uns auch unsere Wahrheitsliebe und Ausdauer. Und da entwickelten wir Scham um unsere Nationalität.

Da wir wissen, dass die anderen Länder nicht wissen, wie sehr wir uns mit dem Krieg beschäftigt haben und Asche über unser Haupt streuen, trauen wir uns keine nationalen Gebärden aller Art, um nicht das »Aha, die Deutschen wieder!« zu provozieren.

Ich bezweifle, dass die Deutschen in den nächsten 100 Jahren wieder zu Nationalstolz finden.
Hinsichtlich der EU möchte man meinen, Nationalstolz wäre dem Projekt nicht förderlich, “Arroganz” könnte keine Länder vereinen. So ist es auch. Doch wir übersehen: Wir Deutschen haben ihn nicht mal in gesunden vernünftigen Maßen. Wir haben ihn gar nicht. Und damit haben wir einen Nachteil bei der Integration, so paradox es klingt. (Für ein besseres Europa bin ich, aber nicht für den vorliegenden Lissabon-Vertrag oder gar eine NWO, erzeugt durch Ängste.)

Mein Vorschlag: Den Begriff nicht in strikter geografischer Nationalität sehen, sondern gelang einer Kulturnation einen neuen finden.
Bei “national” schwingt immer “Regierung” mit, man denkt an Kaiserzeiten und Sprüche wie: »Wo hat Er gedient?«, – und natürlich leitet jeder unserer schüchternen Gedanken an die Politik früher oder später unwillkürlich auf den Nationalsozialismus über.

Was aus dieser Betrachtung folgt, ist dass wir, wenn wir sagen, wir sind Deutsche, nicht an unsere Politik und an unsere Grenzen denken sollten, sondern an das, was unsere Gesellschaft ausmacht und was unsere Denker bisher schon vollbracht haben. Damit verabschieden wir uns von der Nationalität und sehen auf unsere Kultur. Wie wäre es mit, ein Proof of Concept, »Volksstolz«? »Volksvermächtnis«, »Kulturerleben«, »Kulturempfinden«? Mit jedem dieser Wörter lenken wir den Blick auf die Kultur. Denken wir an eine Kulturnation, nicht an eine regierte Nation!

Dort wo unsere Kultur mit ihren urgründlichsten Werten und Kräften erkennbar ist, da lebt das geistige Prinzip der Deutschen. In der Sapir-Whorf-Hypothese steckt sicher ein Kern Wahrheit, wenn ich aber daraus auch nicht folgern will, dass alle deutschsprachig denkenden “Deutsche” in ihrer eigenen Gesinnung sind. Es ist aber einfach dieses Gebiet, diese Zone in Europa, nicht ein spezifisches, mit harter politischer Grenze abgestecktes Land, das „deutsch“ ist.

Aber kommen wir wieder auf die Frage zurück, wie man Nationalstolz als solchen bewerten soll.
Schopenhauer schreibt über Nationalstolz (Aphorismen zur Lebensweisheit; Parerga und Paralipomena – Teil 1):
»Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.«

Ich kann nicht ehrlich stolz sein auf die großen deutschen Wissenschaftler, Schriftstellern, Philosophen, Luther, exzellente Politiker und Künstler. Ich kann nicht auf die Leistungen anderer stolz sein, als wären es meine. Ich kann deren Ideen und Begriffe in mir spüren und sie verbreiten, mich für sie einsetzen und sie unterstützen. Das kann ich, denn ich identifiziere mich persönlich mit vielen deren Ansichten, weiß innerlich, dass sie richtig sind. Ebenso ist mein Verhältnis zu vielen unserer Tugenden, aus irgendeinem Grund liegen sie mir im Gemüte und habe herzliche Freude an ihnen.
Ich beschäftige mich aber auch damit, was bedauernswerterweise ja die überwiegende Anzahl der Bürger nicht tut. Ich habe eine persönliche Beziehung zu den guten Ideen geschaffen und lasse sie durch mich leben und wirken, dadurch fühle ich mich als tief verwurzelte Pflanze, die ebenso neue Blüten hervorbringt; dadurch erst entsteht meine überzeugte Nationalität; als Deutscher. Und so kann ich auch aufrichtig sagen: Ich bin stolz, Deutscher zu sein.

Ist denn das nicht die einzige vernünftige, verständige, vermittelnde und hilfreiche Art, sich national zu fühlen? Wenn man es denn kann, wenn man die Ideen in sich findet, wenn man sich mit ihnen identifizieren kann.
Wie steht ihr zu der Thematik?

Meines Erachtens herrschen im Verständnis der männlichen Sexualität ein paar äußerst populäre Missverständnisse vor, mit denen ich mich unwohl fühle.
Naturgemäß sind die, die am wenigsten Ahnung davon haben, die Frauen. Darum richte ich mich in dieser Auseinandersetzung in erster Linie an die Frauen.
Aber, und das ist das ungeheuerliche an diesem vorherrschenden Fehlglauben, auch die Männerwelt begreift ihren eigenen Prozessehergang nicht und handelt sich so Unmengen an Problemen und Versperrungen ein.
Zeit, es klarzustellen.

Die Selbstbefriedigung der Männer bleibt für die Frauen ein immer mehr oder minder großes Mysterium. Da sie die Beharrlichkeit nicht nachvollziehen können, erklären sie es für sich als unendliche männliche Wollust und einen unvernünftigen Trieb. Tatsächlich sieht es aber so aus, dass wir nicht aus Trieb, sondern aus Drang handeln: Unsere Hoden produzieren immerzu Samenzellen, die eine Reifungszeit benötigen und schließlich auch nicht ewig auf den nächsten Geschlechtsverkehr warten können, weil ihre Qualität zerfällt. Das bedeutet also, die Samen müssen raus – und das ist der biologische und urnatürlichste Entledigungsdrang des Mannes.

Doch so simpel erklärt ist es nicht. Einhergehende Symptome bei zunehmendem Drang:

  • Blase wird empfindlicher und man kann doch nicht auf’s Klo… (es kommt einfach nichts, so, als wäre der Schlauch verstopft) → tut weh
  • man steht unter Strom, findet im Bett nicht zur Ruhe
  • fühlt sich in seinem Körper ›blockiert‹, ja, das Wort passt, blockiert von unterhalb des Nabels bis zu den Intimitäten
  • ein warmes Feuer, dass in einem zwischen Nabel und Intimbereich entbrennt, und rückwärts in einer Energiebahn über die Wirbelsäule den Rücken hochzieht, bis es schließlich fühlbar den Kopf umschließt und umfließt
  • man empfindet einen Begriff von Rot, Wille, Energie, Entschlossenheit, Ausdauer, Leidenschaft
  • man ist fühlbar nicht mehr in seiner Mitte, kann auch unter größer Anstrengung nicht mehr in seine Mitte finden
  • kann sich nur noch kurz konzentrieren, Gedanken werden hastig, abgehakt und man springt von einem zum anderen im Wahn
  • man kann sich für nichts mehr begeistern
  • → dabei ist einem selbst meistens gar nicht unmittelbar klar, woran es liegt

Doch trotz allem, gelingt es einem, diese Energie (→ Leidenschaft) zu kontrollieren, kann man sie nutzen, um gewaltige geistige Leistungen zu vollbringen, aber dazu braucht es Übung, einen reinen Verstand, Bewusstheit um die Tat und die Zielidee und keinen Zwang und Druck von außen.
Mit diesem Feuer umzugehen, stellt eine der größten Herausforderungen im Umgang des Geistes mit dem Körper dar. Und man kann sich an seiner Energie wortwörtlich verbrennen.
Aus diesem Wissen und den oben genannten Symptomen können wir schließen, dass während der Zeit des erhöhten Entledigungsdranges eine Blockierung dieser Energie stattfindet; eine Blockierung und gleichzeitig ein Überlauf eines Puffers/Staus, der, unkontrolliert und sich dessen nicht bewusst, zu verheerenden Taten nach außen führen kann.

Diese Energie entspringt dem physischen Körper und fließt über in die Seele. Nehmen wir das an, ließe sich erklären, warum eine physisch-biologische Blockierung dort ein unvorhersehbares Wirken auf unser Seelenbefinden hat. Ich nehme an, dieses Feuer haben auch Frauen. (Das Energiezentrum sind nicht die inneren Sexualorgane, sondern die Kraft entspringt aus dieser Gegend des Körpers, eine wichtige Unterscheidung.)

Überlegung:
Können diese Symptome denn alle sein, wenn es nur um die Ausscheidung von angestautem Sperma geht? Ist das nicht “zu viel”, sind die Auswirkungen auf Verfassung und Seele nicht zu groß? Eine Antwort könnte uns das nähere Verstehen des schon angesprochenen “Feuers” liefern; es ist doch eine überaus faszinierende Beobachtung.
Wäre es nicht logischer, den Entledigungsdrang rein gedanklich auslösen zu lassen, durch (einem mit dem Harndrang vergleichbaren) “Trieb”, möglichst im Begatten einer Frau, genau so, wie es heute plump der Großteil der Menschen auffasst? – Hier liegt das Verständigungsproblem: Zu dominante und schnellentschlossene Logik gegen die Wahrheit und noch unverstandene Komplexität und Bedeutung der Sexualität im Spirituellen. Wir übersehen irgendetwas. Etwas sehr wichtiges.

Die Männer, die es nicht tun, sind entweder impotent, oder haben solche starken Komplexe aus z.B. religiöser Überzeugung, dass sie die Abläufe ihres Körpers damit (über-)steuern und aussetzen können (was auf das gleiche hinausläuft). Und wenn sie diese Kontrolle nicht erreichen, dann findet alle paar Tage eine Zwangsausschüttung des drängenden Spermas bei Nacht statt. Soviel dazu.

Um auf den Punkt zu kommen: Ich fühle mich bei dieser Vorstellung der Frauen diskriminiert als triebgeleiteter Lüstling, der “ständig nur an Sex denkt” und getadelt gehört. Wir haben das nun einmal in unserer Natur, aber es ist wesentlich anders geartet, als der populäre Glauben bei Frauen wie auch Männern in dieser Sache sich befindet. Folgend will ich nun meine Betrachtung dazu euch ausbreiten.

Eine Entledigung von dem Zeug kann auch weitgehend ohne “unreine Gedanken” ablaufen. Darum lehne ich den Titel ›Selbstbefriedigung‹ ab und plädiere, es in dieser Form der körperlichen Nötigung als ›Entledigungsdrang‹ zu bezeichnen, wie oben schon mehrmals geschehen.

Meine Beobachtung ist die folgende: Wenn man schon dazu genötigt wird, versucht man wenigstens, das Beste daraus zu machen. Es ist eine Nötigung, die aber richtig geleitet zu Genuss führen kann.

  • → die Kunst ist die Erzeugung von Genuss und von Steigerung derselben
  • → das ist, wo erst Triebhaftigkeit und Begehren einsetzt; – auf der geistigen Ebene! (Etwas anderes, was oft irrtümlicherweise als Begehren deklariert wird, ist in Wahrheit die Sehnsucht nach Liebe und wird vom Verstand zu oberflächlich bearbeitet.)
  • → ein Verlangen, das man nicht mehr fähig ist zu befriedigen, Sucht (“Suche”) nach immer stärkerem Reiz aus weiterem Fehlverständnis

Was ist demnach Wollust beim Mann? Was ist Triebhaftigkeit, Begierlichkeit bei ihm (Extrem: Vergewaltiger)? Womöglich nur ein Ergebnis des Verstandes aus Überzeugungen über seinen Körper, womöglich mit einer neuen Art der Aufklärung im Grundkeime vermeidbar.

Es gibt keinen Orgasmus-Drang. Es gibt nur den Drang zur Ausscheidung unseres Spermas; nur als sekundäre Wichtigkeit möglichst in einer Frau. Wir glauben – und dieser Glaube scheint sich instinktiv zu ergeben und nicht durch Wissen überspielbar zu sein – durch mehr und mehr Reize – Stimulationen des Dranges, Erhöhungen des Bedürfnisses, der “Lust” – unseren Orgasmus in seiner Stärke und Länge – die größte Fehlannahme überhaupt – steigern zu können. (Erinnerung: Bekanntermaßen zielt das männliche Sexualverlangen im allerersten auf einen Orgasmus ab.)
Der Orgasmus verheißt die “Füllung der Leere”, die Befriedigung des Verlangens, der Lust. Daher die Annahme, eine große Leere verhieße einen großen Orgasmus.
Doch aus Erfahrung wissen wir, diese Hoffnung wird nicht adäquat befriedigt. Wir machen das Beste daraus und versuchen, uns an der Zunahme der Leere, des größerwerdenden Verlangens, zu ergötzen.
Aus Erkenntnis wissen wir, dort, wo das Verlangen über die Befriedigung hinausgeht, bleibt entsprechend viel Verlangen bestehen.
Was passiert mit diesem unbefriedigtem Verlangen bei der Selbstbefriedigung und beim Sex? – Ist es wohl das, was uns danach mit beklemmender Sehnsucht übermannt und schwächt?

Die Logik verlangte somit, uns kein höheres Verlangen zu setzen, als wir uns selbst fähig sind zu befriedigen. Aber ist das überhaupt möglich? Ich glaube, unter speziellen Bedingungen ist es das, und allen Anschein nach liegt das Potenzial einer Erfüllung dieser Bedingungen in der Liebe.
Geartet in einem wahren Verschmelzen der Seelen, nicht nur während des Aktes, möglich sicher für jeden nur mit einer arg eingegrenzten Art von Menschen mit einer ähnlichen Schwingungsreife, einer gemeinsamen Grundlage.

Einmal genauer dieses Missverständnis des eigenen Körpers betrachtet:
Durch den populären Glauben, Zug in das Materielle, in das Sinnliche, damit weitere Entfernung von der Ursprungsenergie. Glauben, man hätte es mit einer Begierde zu tun und zielgerichtiges Stärken dieses Irrglaubens durch Zuführung von geistigen (Gedanken) und materiellen (Bildern) “Befriedigungsgütern”. Was man damit jedoch nur erreicht, ist ein Ansteigen der Stimulation und letztlich eine Verfangenheit in dem Glauben der Sinnlichkeit. (Siehe meine Beobachtung oben)
Nichterkennen, dass jeder Triebimpuls nicht durch den Körper sondern durch den Verstand ausgelöst wird.
Man spürt nur den Druck und denkt sich: »Ich brauch mal wieder ‘ne Entladung« – man glaubt, der Druck sei ein Trieb und werde durch Reize ausgelöst und der (absurde) Weg der Ent-Pressur wäre wieder durch Reize, was die oben skizzierte vollkommene Verfangenheit in der materiellen Sinnlichkeit bedeutet.

Das Verhältnis zum Entledigungsdrang und der Selbstbefriedigung, das wir anstreben sollten: Begreifen und Erkennen der Energie und bewusstes Einsetzen als Facette der Lebenskraft. Komplex- und vorbehaltloses Annehmen der natürlich gegebenen Sexualität als das, was sie ist, ohne sie zu überbewerten. Sich den Forderungen des Körpers fügen, ohne der Sinnlichkeit zu verfallen. Bewusstmachung der Tatsache, dass Triebhaftigkeit und Begehrlichkeit Produkte des Verstandes in einer spezifischen Kultur sind.

Ich erkenne drei Grundarten, durch die ein Seximpuls in einem Manne angestoßen werden kann:

  1. Körperlich – Entledigungsdrangs des angestauten Spermas
  2. Gedanklich – durch jegliche Art von Verheißung von Vergnügen: Erotik, Stimulation, Vorstellung; alles letztlich durch den Verstand
  3. In Liebe – komplex mit instinktivem Familiensinn, Herbeisehnen der größtmöglichen physischen Nähe des Partners, Erstreben einer wahren Einigkeit

Die Übergänge sind fließend, üblich sind natürlich generell mehrere der Gründe zusammen.

Da die Frau keinen biologischen ›Druck‹ hat, gibt es bei ihr nur zwei der Impuls-Gründe: Den gedanklichen und den in Liebe. Das erklärt in einem geschlossenen Gesamtbild logisch viele Unterschiede ihres Sexualitätsbedürfnisses zu dem des Mannes. Was faszinierend ist, ist dass auch Frauen die Selbstbefriedigung üben – zwar weit weniger und unregelmäßiger als die Männer (ist ja klar, da keine Nötigung) – aber sie tun es ebenfalls. Es muss bei ihnen also rein gedanklich ausgelöst werden, durch wahre Lust oder das Sehnen nach Liebe/Zärtlichkeiten – und all das scheint meine Ansicht zu bestätigen, dass da irgendetwas in uns ist, das sich anstauen, blockieren und überlaufen kann.
Das Thema finde ich sehr spannend, vielleicht kann ich hierzu ja noch eine Gastautorin gewinnen. ;)

Selbstverständlich liegt in den von mir als ›gedanklich‹ bezeichneten Gründen auch in der tiefsten Schicht ein instinktiver Arterhaltungstrieb – der allerdings ständig wacht – und es obliegt dem Ermessen des Geistes und Verstandes, ob er ihn bei einer Person zulassen möchte oder nicht. Man kann sich das vorstellen als eine Seeräuber-Besatzung, die bei jedem Handelskreuzer am Horizont an die Kapitäns-Kajüte klopft, um einen Angriff vorzuschlagen. Der Kapitän trifft die persönliche Entscheidung und die Besatzung ist ihm loyal ergeben. Und es gibt raffsüchtige Käptens und intelligente Käptens.
Darum finde ich die populäre Behauptung infam und verantwortungsverneinend, die sich über die Nichtachtung dieser Beobachtung hinwegsetzt. Der Verstand entscheidet, nicht untergründige animalische Triebhaftigkeit!

Zu Pornografie
Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass Pornografie ein Suchtmittel ist. Die Sucht, die ›Suche‹, nach immer größerer Lust, immer größerer Leere, im Erwarten der Füllung durch einen ebenso großen Orgasmus (was, wie ich gezeigt habe, eine Fehlkausalität ist). Gerade hier haben wir es mit dem angeführtem Missverständnis des eigenen Körpers zu tun.

Lasst mich eine kleine Geschichte erzählen:
Ich war vor einigen Wochen das erste mal auf einer LAN-Party bei Klassenkameraden eingeladen. Da ich mit den Spielen nichts anfangen konnte, habe ich die ganze Nacht lang an den Rechnern herumgeschraubt, sie ausgemistet und optimiert…
Gegen Mitternacht ging es los mit einer mich ganz und gar entsetzenden Regung in den Jungs: Sie zeigten einander ihre Bewegtbildsammlungen und gingen auf Porno-Seiten. Schauten mit dem größten Vergnügen johlend Schwulen-Pornos, empfahlen über den Tisch rufend Aufnahmen mit älteren und brüstigeren Frauen, versammelten sich von Zeit zu Zeit um einen der Rechner, um das Spektakel gemeinsam zu erleben… – Die sind 16.
Staunend über dieses schamlose Rudelverhalten werkelte ich derweil unbeirrt an meinen mir selbst gestellten Aufgaben weiter.

Das war doch nichts Schönes! Wenn ich mir so etwas anschauen wollte, dann sollte es doch wenigstens ästhetisch ansprechend, spannungsgeladen, mit mit sich identifizierbaren Charakteren sein.

Was ich dort – ausdrücklich nur aus den Augenwinkeln gezwungenermaßen – mitsehen musste, war die totale Hemmungslosigkeit, ein Nicht-Respekt und eine Respektlosigkeit vor der Würde des Körpers und des Menschen, billigst produziert, ohne verbleibenden Reiz, weil alle Reize mit einem Mal offen ausgespielt wurden.

Die ›Player‹ schauten sich das über eine halbe Stunde lang an, die Nacht über immer wieder eine Session, bis sie wieder auf ihre Spiele kamen. – Direkt danach wurde niemand auffällig mit einem Toilettengang.
Kann das sein?! Was haben die mit sich gemacht?! Eine halbe Stunde lang diese erschlagende Reizüberflutung, ohne zu ejakulieren?!

Ich war schockiert bei denen.
Ich nahm ich mir vor, nie mehr auf eine LAN-Party zu gehen, auf der es keine weiblichen Teilnehmer gibt, die das dann nicht durch ihre bloße Anwesenheit schon in Grenzen halten würden.

Anscheinend ist der Konsum von Pornografie längst dermaßen sozial akzeptiert – was bedeutete, dass es ›jeder‹ sieht – dass eine Legitimierung eingesetzt hat, die ich absolut ablehne. Niemand war dort verschämt, fand die Bilder irgendwie grenzwertig; alle persönliche ›Geheimhaltung‹ und Scham wurde fallengelassen. Nach aktuellen Erhebungen surft monatlich mehr als 1/3 der deutschen Jugendlichen mindestens einmal auf Sex-Seiten, Jungen UND Mädchen eingeschlossen.

Teils wird in den Videos Sexualgewalt mit brutalen Praktiken als Lustgewinn dargestellt. Generell ist der Verkehr dort ohne Liebe. Das ganze ist gefühllos.
Sex ohne Liebe wird die Menschen immer schwächen. In den Videos werden gefühllose animalische Exzesse zelebriert, die die eigentlich vorhandene menschliche Erkenntnis darüber vergessen lassen können.
Daneben werden den Jungen und Mädchen falsche Körper- und Leistungsideale weisgemacht, wie Potenz, Ausdauer, Brüste, und so weiter. Das erzeugt Leistungsdruck, und so fühlt man sich nie ›gut genug‹.

Außerdem bekommt man ein heimtückisch gefälschtes Bild der Frau zu Gesicht, das einzig patriarchalischen Männerfantasien entspringt:

  • Sie ist die persönlichkeitslose Dienerin des Mannes
  • Objektisierung der Frau
  • → der Mann ist das dominante Element, die einzige Aufgabe der Frau besteht darin, den Mann zu befriedigen
  • → das Sehen bewirkt bei jüngeren Mädchen (insbesondere der unteren Bildungsschicht) Vorbild-Prägungen, was äußerst unemanzipiert und schade für sie selbst ist
  • → Pornos sind eine Gefahr der Beeinflussung auf Vorstellungen von Sexualität, Liebe, Gender, Körperbau, Gefühlszulassung, Emanzipation.

Wer behauptet, er habe ›Interesse‹ oder ›Neugier‹ daran, er wolle etwas daraus lernen, dem nehme ich das nicht ab. So was heuchlerisches habe ich lange nicht mehr gehört. Das sind höchstens drittklassige sekundäre Gründe, worum es denen geht, ist in allererster Linie Selbstbefriedigung.
Wer sich wirklich für neue Techniken interessiert, der tut besser daran, sich in die Literatur zum Thema einzulesen.
Was ich ebenfalls schon als Begründung gehört habe ist das “Lernen von Verzögerung” des Orgasmus’ und der Ejakulation. Oh-mein-Gott! Das ist wohl das, was meine Klassenkollegen zur Vollendung gebracht haben. Eine Ent-Sensibilisierung durch eine immer höher angesetzte Reizbarkeit ( – und Verfallen in die materielle Sinnlichkeit).
Die Lösung, werte Herren, wenn ihr meint, zu schnell zum Erguss zu kommen, ist die “Start/Stop”-Technik, und die ist ohne den Effekt, seine ganze Reizwahrnehmung abzustumpfen, und dabei lustvoller.

Ich bin kein konservativer Verbots-Vorderer von Pornografie; ich störe mich an den typischen Mit-Eigenschaften des “Genres”. Ich kann niemanden ändern, aber ich hoffe, mit dieser Ausbreitung ein paar Jungen und Männern ein Bewusstsein dafür gegeben zu haben, was sie da konsumieren, aus welchen falschen Annahmen der Kausalität, und was es für längerfristige Auswirkungen auf sie haben kann.
Fragt euch doch mal, ob ihr diesen Reiz-Orkan denn wirklich braucht. Er entsensibilisiert euch für die kleinen Reize im realen Leben, die subtilen Gesten, Anmerkungen, ja, Lächeln eines Mädchens. Kann sich das noch einer von euch vorstellen, durch das charmante, zarte Lächeln einer Dame, in die ihr nicht verliebt seid und bei der ihr nicht rountinegemäß zu erst den Körperbau abgecheckt habt, dass euch ein zartes Lächeln von ihr hin und weg reißt?

It might be cool...Wenn man diesen wöchentlichen Entledigungsdrang unkompliziert (vorzugsweise durch den Geist und ohne sich impotent auf Lebenszeit zu machen) abstellen könnte, wär ich der erste, der Hier! ruft. Aber wirklich. Mich nervt das. Ich strebe nach Vergeistigung und möchte so wenig wie möglich mit meinem Körper zu tun haben (ja, wir Jungen können uns so eine Einstellung viel eher erlauben und durchziehen…), und wenn ich auch weiß, dass der Wunsch mit dieser Konsequenz verfolgt nicht ganz der richtige Weg sein kann… (Bild: xkcd)

Letztendlich schließe ich hier meine Ausführungen und hoffe, ein besseres Verständnis den Frauen für den männlichen Entledigungsdrang, und auch den Männern eine wahrere Vorstellung ihrer Sexualitätswesenheit vermittelt haben zu können. Für Kommentare und Meinungen bin ich dankbar und hätte auch sehr gerne einmal die Meinungen und Auffassungen der weiblichen Leser dazu gehört.

Nachtrag vom 02. Juni:
Wie sich in einer Diskussion auf Bleeper herausgestellt hat, gibt es Unklarheit mit meiner Definition von ›Sinnlichkeit‹. Sinnlichkeit ist passives Erleben mit Betörung des Geistes. Sie hindert uns an der Erkenntnis, sie ist entwicklungshemmend. Man darf sie als Mensch genießen, aber sollte sie nicht mit dem Lebenszweck verwechseln. Sie ist ein Schleier, den es wahrzunehmen gilt, um ihn für den Weg der Erkenntnis vollbewusst aus eigener Entscheidung abziehen zu können.

Es gibt viele Nicht-Geeks, die sich in den letzten Jahren für Linux auf dem Desktop entschieden haben, und es ist toll, dass es sie gibt! Das zeigt, wie weit wir in Benutzerfreundlichkeit sind.
Der Ubuntu-Installationsassistent trifft, etwa bei der Partitionierung, also der Aufteilung der Festplatte, sehr undifferenzierte, pauschale Entscheidungen, wenn man ihn auf den Mach-alles-für-mich-Werten belässt, was die meisten Nutzer ja tun, weil sie sich nicht trauen, selbst über das System zu bestimmen, sondern das System bestimmen lassen.

Für wen ist diese Anleitung? Ich weiß es selber nicht so genau. Sie ist ein seltsamer Mischling zwischen persönlichem Blog-Eintrag und einer Tipp-Sammlung. Sie richtet sich sicher nicht an Ubuntu-Einsteiger, sondern eher an die, die schon mehrmals ein Ubuntu installiert haben, die sich aber immer den Vorentscheidungen des Installationsassistenten gebeugt haben und nun mal von Grund auf alles richtig machen wollen. Ich will damit keine schrittweise Anleitung, sondern Anregungen und Ideen geben und auf Möglichkeiten der Konfiguration aufmerksam machen. Der rote Faden ist ein ›Upgrade‹ auf das neue Ubuntu 9.04, das Ende April herauskam.

Meine Haltung zu Upgrades
Upgrades sind Aktualisierungen von Systemen oder Programmen auf die nächste ›große‹ Version mit größeren Änderungen. Man kann Windows, Mac OS X und Linux-Distributionen auf die nächste große Veröffentlichungsversion upgraden, ohne seine Systemeinstellungen, Programme und Dateien zu verlieren, theoretisch. Praktisch ist das unter Windows so, dass ein Upgrade ein meistens sowieso schon altes/benutztes/mit Software bespieltes und von Fehlern duchlöchertes Windows-System noch mal zerkratzt, so dass man zwar in den meisten Fällen ein benutzbares System erhält, es aber einfach nicht rund läuft.
In der Theorie ist das Upgrade eines Linux- oder sonst wie unixiiden Systems das sauberste, das man durchführen kann, weil die Systembestandteile sehr klar deklariert sind, jede Datei versioniert, die Programme dabei eher evolutionäre als revolutionäre Änderungen erfahren und außer dem Systemkern auch noch die allermeisten darauf laufenden Applikationen, da sie aus dem Paketserver-Pool der Linux-Distribution stammen, mitaktualisiert werden.
Wann sollte man also dennoch eine Neuinstallation als Upgrade in Betracht ziehen? Vier mögliche Gründe:

  • Das System läuft irgendwie nicht mehr zuverlässig, oder so, wie es sollte
  • Man hat das System ›verkonfiguriert‹
  • Man hat im Laufe der Zeit so viele zusätzliche Programmtitel zum Testen installiert, dass die Menüs prallvoll sind und man hat keine Lust, von Hand auszumisten (wobei dann auch nur die Programme selber und nicht ihre mitgezogenen Abhängigkeiten mitentfernt würden)
  • Man möchte auf eine intelligentere Partitionierung umstellen

Seht ihr eurer System in einem der Punkte beschrieben, dann rate ich euch wirklich: Macht eine Neuinstallation statt eines Upgrades. Das fühlt sich auch allein ideologisch schon besser an.

Zur Konfiguration
Ein grundlegender Unterschied zum Microsoft-System: Mit Windows hat man immer Arbeit, ein Linux dagegen läuft in der Regel, nachdem man einmal eine hohe Konfigurationshürde erreicht hat, sehr lange ziemlich gut.
Ich selbst schiebe die Installation einer neuen Version immer einige Zeit vor mir her, weil es halt wirklich Arbeit ist. Dann nehme ich mir mehrere Tage einige Stunden das System vor, für Ubuntu 9.04 habe ich geschätzte 16h gebraucht, bis alles so lief, wie auf meiner vorigen Installation. Diese Zahl ist ungeschönt, aber ich will bemerken, dass ich ein Perfektionist bin, dann der Entwickler von Fertibunti (was auch Zeit kostete), wirklich viel individuell haben möchte, und dass gerade mein Rechner (gemäß meinem Fachwissen, es darf ja nicht einfach funktionieren… Ich staune, wie toll sich die Computer meiner Freunde, die nicht so versiert sind, einer Ubuntu-Installation fügen…) mir gerne dazwischenfunkt.

Das, was wohl auf einem Windows-System am meisten Zeit verschlingt, ist die Installation von Software. Die Installation. Die Setups sind unglaublich lahm und umständlich. Die Einrichtung des Systems macht man bei Windows mehr oder weniger nebenher.

Durch die geniale Paketverwaltung von Linux-Distributionen nimmt dort die Nachinstallation zusätzlicher Programme den kleinsten Teil der Nacharbeit ein. Benutzt ihr mein Fertibunti, das automatisch alles Notwendige und noch ein bisschen mehr nachinstalliert und einrichtet, kommt ihr zeitlich wirklich gut damit weg. Auf einem halbwegs aktuellen Rechner sollte das mit DSL 16.000 nicht über eine Stunde dauern. Umgerechnet auf die Zeit, die diese Programmfülle durch den typischen Windows-Installationsweg vernichten würde, wären das sicher über sechs Stunden Arbeit, und dabei macht Fertibunti alles automatisch.

Wir sichern…
Bevor wir neuinstallieren, sollten wir natürlich die wesentlichen Dinge unseres noch laufenden Systems sichern, ein paar, die mir wichtig erscheinen:

  • /etc/fstab
  • /etc/X11/xorg.conf
  • /etc/apt/
  • /boot/grub/menu.lst

Überhaupt wäre eine Komplettsicherung des Systems auf eine andere Festplatte/Partition ratsam. Ich empfehle dafür sbackup.

Hat man /home noch nicht auf einer separaten Partition (dazu später mehr), so muss man natürlich auch alle seine sichtbaren und versteckten Dateien in seinem ›Heim-Ordner‹ sichern. Dabei kann es vorkommen, dass einige Dateien sich nicht kopieren lassen, weil etwa die persönlichen Rechte nicht dazu ausreichen. Es kann gesagt werden, dass die alle nichts Wichtiges sind, fast immer auch nur sehr klein. Einfach überspringen, das macht später nichts aus.

Woran dann fast niemand mehr denkt, sind ›Sicherungen‹ von allgemeinen Systemzuständen. Ich rate, Bildschirmfotos zu machen:

  1. Vom Desktop mit offenem Nautilus-Fenster (so hat man die laufenden Panel-Applets und die Nautilus-Lesezeichen festgehalten)
  2. Falls man ein alternatives Anmeldefenster installiert hat, den Anmeldefenstermanager öffnen und sich den Namen des Themas rausschreiben, damit man es später wieder auf Gnome-Look.org findet
  3. Eventuell schauen, wie man den Drucker konfiguriert hat
  4. Von Synaptic (-Paketverwaltung) → Ursprung → Lokal/* (unter den Subkategorien von Lokal werden alle installierten Pakete gelistet, die nicht über die System-Quellen von Apt installiert wurden)
  5. Von GParded mit den Partitionen (Mountpunkte) (Wenn noch nicht installiert: Paket gparted installieren und dann über System → Systemverwaltung → Partition Editor starten)

Die Bildschirmfotos von GParded und eine Kopie der Datei /etc/fstab legt ihr nun auf einen USB-Stick, bereit für die Installation.

64-Bit?
Das ist eine Frage, die sehr oft in Linux-Foren gestellt wird: Soll ich die 32-Bit-, oder die 64-Bit-Version installieren?
In den Foren melden sich dann oft die, die sagen, dass es sich nicht lohnt, weil man den Unterschied fast nicht spürt, oder nur in pompösen Datenbankanwendungen.

Ob man die 64-Bit-Version installieren sollte, wenn der Prozessor 64-Bit unterstützt? Ich beantworte das mit einem klaren Ja, warum nicht!, mit einer Einschränkung: Hat man unter 1 GB RAM, könnte es besser sein, noch ein 32-Bit-System zu installieren.
64-Bit bringt keine Nachteile mehr. Flash läuft gut, Java gibt es, Multimediacodecs machen seit Jahren keine Probleme mehr. Warum also sollte man auf ein bisschen Mehrleistung verzichten, wenn es die Hardware hergibt?
Auch bei der Softwareauswahl muss man keine Abstriche machen, praktisch 1:1 hat man die gleiche Fülle wie ein 32-Bit-Nutzer in den Quellen zur Verfügung.
Linux war der erste Kernel für die AMD64-Plattform (die auch heute Intel-Prozessoren implementieren, wenn sie 64-Bit-Code ausführen) und damit zum ersten Mal in seiner Geschichte die Präferenz- und Standardplattform für eine neue Rechnerarchitektur. Es läuft toll darauf.
Anders als die 64-Bit-Versionen von Windows und Mac OS X kommt eine 64-Bit-Linux-Distribution ausschließlich mit 64-Bit-Software daher und jedes Programm, das man über die Paketverwaltung nachinstalliert, ist auch für 64-Bit gebaut, abgesehen von einigen proprietären Dingen wie Flash, Adobe Air oder Zattoo, die immer noch eine Kompatibilitätsschicht benötigen, was aber auch wenig Probleme macht. Bis auf die codegeschlossenen Applikationen hat man dann tatsächlich ein massiv 64-bittiges System, ist das nicht cool? Vergleicht das mit Windows, wo noch nicht mal Microsoft seine Produktpalette wenigstens zu einem nennenswerten Teil in 64-Bit anbietet, von den Drittanbietern ganz zu schweigen!

/boot und /home als separate Partitionen
In einer Standardinstallation sind /boot und /home Unterverzeichnisse der „/“-Partition. Im Prinzip kann man jedes Verzeichnis einer Linux-Distribution aber auf eine separate Partition auslagern. Das bringt für mich vor allem Systemsicherheit mit sich: Ich weiß genau, dass der Kernel und die GRUB-Konfiguration auf dieser ersten kleinen Partition liegen, außerdem erlaubt es mir so, der übersichtlichen Konsequenz wegen, nur /boot als primäre Partition anzulegen und alle weiteren Partitionen als logische in einem erweiterten Container zu erstellen.
/home als separate Partition sollte Pflicht sein: Ist das System beschädigt und startet nicht mehr, kann man ›einfach‹ Linux noch einmal installieren und wieder die entsprechende Partition als /home einhängen und man hat sofort seine individuelle Desktop-Konfiguration und sein Heimatverzeichnis. Theoretisch ist es auch möglich, für mehrere Linux-Distributionen wie Ubuntu, Fedora und SUSE die gleiche Home-Partition anzugeben (was aber an der unterschiedlichen installierten Software dann in Menüs nicht gut aussieht). Und sowieso, weil ich so oft neuinstalliere, wäre es furchtbar umständlich, jedes mal /home zu sichern und später zurückzuspielen.

Option 1: Eine frische Installation mit ganz neuer Partitionierung
Ich will hier nicht auf die einzelnen Schritte eingehen, weil ich einfach davon ausgehe, dass ihr ein ›Upgrade‹ machen wollt und schon mit früheren Installationen Erfahrungen sammeln konntet. Nicht schaden kann es, wenn ihr euch den Wikipedia-Artikel zu Partitionen durchlest, besonders die Sache mit primären, erweiterten und logischen Partitionen solltet ihr später können.

Zunächst ein ›Insider‹: Den Computer ausschalten und ein paar Minuten vor Beginn der Installation abkühlen lassen. Das ist wahrscheinlich vollkommen sinnlos, aber es gibt einem ein gutes Gefühl; wie »Jetzt ruhst Du dich noch einmal aus und dann geht es konzentriert los.«
Auch das Zimmer mal gut durchlüften, damit man selbst genug Frischluft hat, um kühl denken zu können. Vernachlässigt das nicht, es ist ungeheuer wichtig, bei der Partitionierung keine Fehler zu machen.

Startet von der CD, wählt ›Ubuntu ausprobieren (Rechner bleibt unverändert)‹ aus dem Bootmenü und wartet, bis die Oberfläche geladen ist.

Bei einer vollkommenen Neuinstallation (oder eben wenn man die Festplatte komplett neu einteilen möchte) mit dem Partitionseditor (unter System → Systemverwaltung) Platz für /boot, /, /home und swap schaffen.
Legt dann 4 neue Partitionen für Ubuntu an (Dateisystem alle Ext4 bis auf Swap, da wählt ihr ›Linux-Auslagerungsspeicher‹)

  • /boot : 200 MB
  • / : 10-20 GB
  • swap : Mindestens so groß wie der verbaute Arbeitsspeicher, aber nicht mehr als doppelt so viel
  • /home : mindestens 10 GB

Zu /home : Kommt darauf an, wie ihr vor habt, eure Nutzerdateien zu verwalten. Man kann entweder wirklich /home nutzen, um dort seine Bilder, Videos und die Musiksammlung unterzubringen, spricht nichts dagegen. Ich habe, um flexibler zu sein mit anderen Distributionen, auf /home nur das Nötigste, also Konfigurationsdateien und meinen Podcasts-Ordner liegen und nutze die Partition mehr oder weniger als temporäres Abstelllager von Arbeitsdateien und speichere meine ›Eigenen Dateien‹ auf einer anderen Partition. Aber spricht wie gesagt nichts dagegen, /home für alles zu nutzen.

Bleibt zu sagen, dass ihr die Partitionierung mit GParted durchführen solltet, bevor ihr das Setup mit dem Icon auf dem Desktop startet.

Folgt dem Assistenten wie gewohnt, bis ihr gefragt werdet, wie ihr die »Festplatte vorbereiten« möchtet. Dort wählt ihr »Partitionen manuell festlegen (fortgeschritten). Darauf seht ihr eure vorhin angelegte Partitionierung und könnt den Partitionen Einhängepunkte (auch ›Mountpoints‹) und Dateisysteme zuweisen (sollte natürlich wieder alles Ext4 sein, bis auf die Swap).

Option 2: Neuinstallation über Vorgängerversion von Ubuntu
Nach dem Starten von CD (analog zur vorherigen Option, mit ›Ubuntu ausprobieren (Rechner bleibt unverändert)‹ ) den vorbereiteten USB-Stick mit den Bildschirmfotos und der fstab einstecken, dann den Installationsassistenten starten. Der USB-Stick sollte automatisch eingehängt und geöffnet werden. Der Installationsassistent wird uns gleich anbieten, den USB-Stick wieder auszuhängen, was wir aber dankend verneinen.

Fall 1: Ihr habt im vorherigen Ubuntu noch keine separate /boot- und /home-Partition gehabt. Vor der Neuinstallation sichertet ihr also euer ganzes Benutzerverzeichnis unter /home inklusive aller versteckter Ordner auf DVD oder eine andere Partition oder Festplatte. Jetzt wollt ihr diese Partitionen anlegen, das geht am besten mit dem Partitionseditor (unter System → Systemverwaltung). Der sollte noch vor dem Installationsassistenten gestartet werden.
Verschiebt, ändert Größen und löscht nach euren Wünschen vorhandene Partitionen, um, falls ihr das braucht und in der alten Installation gemerkt habt, dass ihr mehr Platz für z.B. /home benötigt, als zuvor die Partition hergegeben hat.

Fall 2: Ihr habt schon eine /boot- und eine /home-Partition und seid damit zufrieden. Bestens.

Die wichtigsten Mountpunkte gemäß meiner alten Belegung wieder zugewiesenIm Installationsassistenten dann zunächst /boot, /, /home und swp (wieder) besetzen. Zum Formatieren davon nur die /boot- und /-Partition vormerken (bei Fall 2)! Dateisystem der Wahl für /boot, / und /home (nur bei Fall 1 natürlich auch /home formatieren) ist das neue schnelle Ext4.

Jetzt kommen unsere Bildschirmfotos von GParted vom Vorsystem ins Spiel. Öffnet sie vom USB-Stick und richtet die Mountpunkte der anderen Partitionen getreu diesen Bildern ein. Dabei immer als Dateisystem das wählen, was schon im Hauptfenster in der Spalte “Verwendung” steht. Der Mountpunkt muss mit der Tastatur eingegeben werden (etwa /media/sdb8) – eben so, wie er früher schon war, gemäß dem Bildschirmfoto.
Alle Mountpunkte gemäß meiner alten Belegung wieder zugeteilt
Übrigens: Hat man in der vorherigen Installation einigen Partitionen noch gar keine fixen Mountpunkte verpasst, bietet sich nun die Gelegenheit dazu. Heißt die Partition etwa /dev/sda10, so kann man sie als /media/sda10 einhängen lassen. (Bitte nicht beachten, dass ich in nebenstehendem Bild in den Mountpunkten immer sdb statt sda, wie das /dev-Gerät heißt, eingebe. Das hat esoterisch-unerklärliche technische Gründe, irgendwie zusammenhängend mit meinem BIOS. Einfach nicht beachten. Auch bitte im Bild nicht darum kümmern, dass zwei Partitionen im Fensterfoto des Partitionseditors vom alten Ubuntu als “unbekannt” markiert sind; ich hatte diese schon als Ext4 benutzt, aber die dort eingesetzte Version des grafischen Partitionsmanagers unterstützte zu dem Zeitpunkt noch kein Ext4.)
Versucht nicht, meine Partitionierung zu verstehen. Macht euch nur klar, wie ihr die alten Belegungen der Mountpunkte übernehmt. Dieser Dialog ist der fordernste und gefährlichste am ganzen Betriebssystem.

Die Partitionierung, egal wie frustierend sich das Werkzeug gebärdet, unbedingt gewissenhaft und mit größter Konzentration durchführen, dabei mehrmals die Angaben auf Mountpunkte und Formatierungen überprüfen, gegebenenfalls hier sogar eine kleine Pause einlegen, wieder an den PC gehen und noch einmal alles überprüfen und überdenken; vielleicht will man ja etwas doch anders machen. Nehmt euch die Zeit, es lohnt sich, eine intelligente und maßgeschneiderte Festplattenaufteilung zu haben.

Sodann das erledigt ist, werdet ihr nach euren Anmelde- und Benutzerdaten gefragt. Führt ihr ein “Upgrade” durch, dann müsst ihr natürlich euren Benutzer wieder so nennen, wie er schon zuvor hieß. Hattet ihr mehrere Konten, dann erstellt jetzt einfach eines der Konten, später im installierten System lassen sich dann noch weitere Benutzer hinzufügen (es geht dabei nur um die Registrierung beim System an sich, eure Benutzerdaten sind ja auf der separaten Home-Partition (Fall 2) oder spielt ihr später von der Sicherung zurück (Fall 1)).Die Übersichtsseite des Ubuntu-Installationsassistenten kurz vor dem Startschuss
Nachdem euch der Assistent noch gefragt hat, ob ihr von einem installierten Windows-System Benutzerdaten importieren wollt (tut’s nicht!), seht ihr auf einer Übersichtsseite noch einmal alle auszuführenden Aktionen und Einstellungen. Vergewissert euch dort erneut von der Richtigkeit der Formatierungsaufgaben. Dann sollte die CD werkeln und Ubuntu 9.04 auf eure Festplatte schaufeln.

Erste Aufgaben nach dem „Upgrade“
Fall 1: Ihr habt eine Standardinstallation vor euch, nichts ist eingerichtet.
Spielt von eurem Backup, seien es DVDs oder eine Backup-Partition, wieder eure ganzen versteckten und nicht versteckten Dateien eures alten /home/$BENUTZERNAME$ zurück, wenn ihr gefragt werdet, wie ihr mit schon vorhandenen Dateien verfahren wollt, sagt, er soll sie überschreiben.
Am Kritischten dabei sind die Benutzerrechte, dass die stimmen. Bekommt ihr Probleme dabei, fragt mich hier in den Kommentaren oder im Ubuntuusers.de-Forum.

Fall 2: Da ihr euer /home behalten habt, sollte euer gewohnter Desktop wieder vor euch erscheinen:
Die Grundausstattung - man beachte die fehlenden Programme hinter den Verknüpfungen

Fall 1+2 anschließend:
Ihr seht, dass die Panels sehr leer aussehen, oben links sind Platzhalter für einige Starter und oben rechts ist die Begrenzung der Benachrichtigungsfeld-Symbole viel zu weit links. Das kommt schlicht daher, dass noch nicht alle Programme installiert sind, die ihr/ich in eurer vorherigen Installation hattet, die liefen, und von denen ihr Starter angelegt habt.
Jetzt geht es also an das Installieren dieser zusätzlichen Pakete.
Dafür, und um überhaupt mal eine ansehnliche Auswahl von – aus meiner Sicht – unentbehrlichen Anwendungen zu bekommen, lege ich euch mein Fertibunti-Script ans Herz. Es erweitert selbständig die Paketquellen um z.B. Medibuntu, Wine und VirtualBox und installiert alle nötigen Mediacodecs, „echte“ Multimediasoftware, Internetprogramme wie Skype, Filezilla, Firefox 3.5 und Midori und eben viele Systemerweiterungen und -Programme wie VirtualBox, Compiz Fusion-Plugins, volle PulseAudio-Kontrollapplets, Envy, Gnome Do und so weiter. In meinem Freundeskreis ist das sehr beliebt und es funktioniert auch wirklich.
Außerdem konfiguriert Fertibunti ganz zart den Desktop, stellt auf das chice Gnome-Thema „Neue Welle“ um und installiert einen hübscheren Anmeldebildschirm.
Man könnte es als die eierlegende Wollmilchsau für die Neuinstallation eines Ubuntu-Systems bezeichnen.

Der fertige Desktop - so könnte es aussehen *höhö*

Einrichtungstipps
Nach Fertibunti geht es dann an die Einrichtung der Hardware (DAS ist es, was bei mir immer so viel Zeit kostet). Normal sollte alles Wichtige schon laufen, Drucker lassen sich grafisch einrichten etc.. Wenn ihr eine ATI- oder Nvidia-Grafikkarte habt, empfehle ich, zur Installation des Treibers EnvyNG zu nutzen (Anwendungen → Systemwerkzeuge → EnvyNG) , und nicht den von Ubuntu selbst vorgeschlagenen Treiber (weil EnvyNG einen neueren kennt).
Weiter geht es mit den Applikationen, die nicht in den Quellen sind, und von deren Liste ihr euch vor der Neuinstallation in Synaptic ein Foto gemacht habt (das war das unter Ursprung → Lokal/*).

Wollt ihr den Bootmanager anpassen, eignet sich der (von Fertibunti installierte) StartUp-Manager (System → Systemverwaltung → StartUp-Manager). Damit lassen sich unzählige Einstellungen komfortabel ändern, z.B. das als Standard zu startende Betriebssystem, die Wartezeit und die Bildschirmauflösung des Bootbildes. Ganz nett finde ich auch, über das Deaktivieren des Häkchens bei ›Zeige Bootmenü‹ überhaupt erst mal kein Bootmenü anzuzeigen, sondern es erst durch Drücken von Esc einzublenden, was den Systemstartprozess konsistenter erscheinen lässt.

Um nicht unnötig auf / Platz zu verschwenden, ist es klug, in Synaptic unter Einstellungen → Dateien → Temporäre Dateien → ›Heruntergeladene Paketquelldateien nach der Installation löschen‹ zu aktivieren (und einmal den Knopf ›Alle Paketdateien im Zwischenspeicher löschen‹ zu betätigen).

Wer sich noch nicht intensiver damit beschäftigt hat, sollte auch unbedingt einmal die Auswahl an Panel-Applets durchwühlen. Einfach einen Rechtsklick auf eines der Panels und ›Zum Panel hinzufügen …‹ wählen. Was ich absolut empfehlen kann:

  • Tomboy – Eine intelligente Notizenverwaltung, die für mich eines der Highlights von Gnome darstellt – ist mir absolut unbegreiflich, warum Canonical das nicht in der Standardinstallation gleich im Panel aktiviert
  • Systemmonitor – Eine Live-Systemlastenanzeige über CPU und bei Interesse auch Speicher, Netzwerk, Swap, Last und Festplattenaktivität. Wie kann man ohne eine Lastenanzeige arbeiten?!
  • Überwachen der Prozessortaktstufen – manuelle Regelung der Prozessortaktstufen. Das kann für Notebook-Besitzer zum Stromsparen interessant sein, und ist es umgekehrt, wenn der Kernel bei HD-Videos einfach nicht richtig hochtakten will, wie er es sollte (hier ein Foreneintrag zu dem Problem)
  • Netzkerküberwachung – Ein Applet, das hauptsächlich blinkt, wenn Daten übertragen werden, oder das ein durchgestrichenes Symbol zeigt, wenn man keine Verbindung hat (ich nutze an meinem Desktop-PC das, weil ich auf den großen Netzwerkmanager verzichte)
  • Medien-Applet – Superpraktisches Pulldown-Menü mit einer Liste aller verfügbaren Partitionen, und mit Aushängeknopf
  • Deskbar – Universalsuche mit individuell zuschaltbaren Plugins. Sucht nach Anwendungen, Kontakten, Dateien (über Tracker), kann auf Twitter und identi.ca veröffentlichen, kann im Web suchen und so weiter. Kann man sich vorstellen wie der Spotlight-Knopf in Mac OS X. Eine ideale Ergänzung zu Gnome Do (manches geht mit Gnome Do schneller, manches mit der Deskbar)
  • Fisch – Klickt man darauf, öffnet sich ein „Glückskeks“ mit Sinnsprüchen, Witzen oder Wissenswertem, dank Fertibunti sogar auf Deutsch. Man sollte aber unbedingt in den Einstellungen die Pause nach jedem Einzelbild der Schwimmanimation auf 10 Sekunden hochsetzen, denn sein Gezappel hält sonst keiner aus
  • Temperaturindikator – ist in der Uhr schon integriert. Klickt auf die Uhrzeit und expandiert unten ›Orte‹. Über ›Bearbeiten‹ lässt sich dann der Wohnort (oder eine Stadt nahe des Wohnorts) bestimmen
  • Zeiterfassung – Eine Art Stoppuhr mit genauer Protokollierung der Art der Arbeit. Ist leider sehr manuell und bringt nur etwas, wenn man sich auch streng an sein eingegebenes Thema hält, ohne abzuschweifen. Dann bietet es aber eine grafisch nette Analyse der Tätigkeiten und Zeiten.

Ich hoffe nun, euch einige interessante Anregungen für zukünftige Installationen gegeben zu haben. Eine Neuinstallation lohnt sich wirklich bei vielen Nutzern statt eines Upgrades, vor allem, da die Systeme oft schon einige holprige Upgrades hinter sich haben. Wenn es Probleme gibt, dann… ähm, nun ja, das ist so eine Sache. ;) Fragt besser nicht mich, sondern im Ubuntuusers.de-Forum, da bekommt ihr schnell kompetente, nette Hilfe.

Lange Zeit hielt ich mich vom Thema Microblogging zurück. Mir war ziemlich klar, dass wenn ich damit jetzt auch noch anfinge, ich mir eine weitere ›Web-Sucht‹ schaffen würde.

Auf die Idee des Microbloggings kam 2006 Twitter.com, ein Startup von unter anderem Evan Williams, ein Mitbegründer von Blogger.com. Die Idee ist so simpel wie komplex zu erklären: Ein Nutzer schreibt ›was er gerade tut‹ in ein Eingabefeld, hat dafür 140 Zeichen, und ›Freunde‹, die ihn auf Twitter abonniert haben, bekommen diese Zeile auf ihrer persönlichen Twitter-Seite angezeigt. Die Wenigsten schreiben wirklich davon, was sie gerade tun, sondern es sind eher ›in den Raum gepustete Bemerkungen‹, Kommentare und kleine Konversationen. Im Video Twitter in Plain English ist das auch noch mal sehr schön erklärt.
Weil das so alleine langweilig wäre, gibt es auch viele Desktop- und Mobilanwendungen, um auf die Twitter-API zuzugreifen und ›Tweets‹ zu lesen und zu verfassen. Will man auf einem Kommentar antworten, schreibt man den Nutzer mit @Name an, will man nichtöffentliche Direktbotschaften verschicken, schreibt man ein d Name und dahinter jeweils den Inhaltstext.
Wie es sich für ein Web 2.0-Angebot gehört, gibt es kurioserweise noch kein Geschäftsmodell. Twitter sagt zwar, sie hätten eines, das auf zusätzlichen Leistungen basiert, die bald eingeführt werden sollen, sagen aber noch nichts Konkretes.

Twitter ist also eine Mischung aus Chat und Gästebuch, Blog und SMS.
Auch wenn sich das so profan als unglaublich belanglos und öde anhört, ist man doch sehr schnell von der neuen Kommunikationsplattform fasziniert und kommt nicht mehr von ihr los. Beim Nutzen von Twitter bekommt man Einblick in die Privatsphäre und den Alltagsablauf von anderen Menschen und entwickelt dafür eine spezielle Form der Sozialkompetenz, beständiges Interesse für andere, kann sie in ihren Kompetenzfeldern um Hilfe zu bitten, entwickelt Einfühlungsvermögen, Respekt, ›Ambient Awareness‹ und fühlt sich allgemein weniger alleine. ;)

Nun, Twitter hat aber einen ganz großen Nachteil an sich: Es ist ein proprietäres, unfreies, in sich geschlossenes System. Heute spielt sich erneut ab, was vor ± 15 Jahren mit E-Mails war: Nutzer von AOL und CompuServe konnten nur Nutzern ihres eigenen Dienstes E-Mails schreiben, erst später wurde die Einschränkung aufgehoben.

Man macht sich also voll von Twitter, der Twitter-Software, der Twitter-API und von überhaupt den Servern des Unternehmens abhängig. Auch falls der, man ist geneigt, ihn Monopolist zu nennen, seine AGBs ändert und Dinge einbaut, wie beispielsweise von ICQ und Facebook vorgemacht, die dem Anbieter das Copyright (!!) an allen über das System versandten Botschaften einräumen, und er sich natürlich Zensurmöglichkeiten offenhält, ist man weiterhin an Twitter wegen all seinen Kontakten dort gebunden. Haargenau gleich übrigens bei ICQ, Skype und allen sozialen Netzwerken (kommt natürlich darauf an, bei welchem Anbieter das mit nationalen Recht vereinbar ist, in Deutschland etwa sind die Urheberrechte unübertragbar). Denkt auch an die ganz handgreiflichen Nachteile eines zentralisierten Systems: ›Vorprogrammierte‹ Server-Überlastungen, bei Twitter kommt das mehrmals täglich vor.
Das alles birgt eine große Gefahr in sich und widerstrebt mir persönlich als Open Source-Verfechter absolut.

Im Mai 2008 startete ich meinen Tumblelog wegen exakt dem Punkt, dass ich das zentralisierte Twitter nicht nutzen möchte.
An meinem Geburtstag im September schließlich gab ich mir selbst nach und verfiel den Freuden des Systems.

Keine drei Monate später, im frühen Januar 2009, stieß ich auf das Laconica-Projekt. Laconica scheint die Lösung für alle Zentralisierungs-, Vertrauens- und Kompatibilitätsprobleme zu sein, die mit Twitter bestehen. Zwar gibt es eine Reihe weiterer Twitter-Nachahmer, doch diese haben Laconica alle mindestens eines hinterher: Sie sind wieder geschlossene Systeme.
Das unter AGPL stehende freie Laconica wurde 2008 vom Kanadier Evan Prodromou mit genau diesem Ansatz entwickelt, eine Microblogging-Software zu schaffen, die dezentral wie das Chatprotokoll Jabber eingesetzt werden kann. Auf seiner Referenzinstallation (und derzeit noch der der größten) identi.ca kann ein Nutzer nicht nur Botschaften eines identi.ca-Nutzers abonnieren, sondern auch die eines jeden anderen Nutzers eines Anbieters einer Laconica-Installation. Etwa einmal im Monat gibt es ein Laconica-Update, die Weiterentwicklung ist also im vollen Gange. Auf Basis des gemeinsamen und im Rahmen des Projektes entwickelten OpenMicroBlogging-Protokolls, kann auch bereits eine kleine Anzahl anderer Microblogging-Systeme mit Laconica-Konten kommunizieren.
Die meist genutzten deutschsprachigen Installationen von Laconica sind bleeper.de und zwitscher.at, eine Liste mit allen Servern gibt es auf der Laconica-Projektseite.

Noch einige weitere interessante Funktionen, die Laconica von Twitter abheben:

  • XMPP/Jabber-Schnittstelle rein und raus für die ›Dents‹ (›Tweets‹)
  • SMS-Versand der Botschaften
  • OpenID-Authentifizierung (fakultativ)
  • Cross-Posting zu Twitter
  • integrierte Hashtags
  • Gruppen – ist man in einer, bekommt man alle Botschaften von anderen mit !Gruppenname vorangestellt zugeliefert und kann selber so an eine breite Interessensschafft z.B. interessante Links liefern
  • URL-Kürzung mit wählbarem Dienst
  • Mehrsprachige Oberfläche (!!)

Wie Twitter bietet auch Laconica eine API für Desktop- und Mobilanwendungen an, die schon einige ›Twitter-Clients‹ implementiert haben, man also wie aus einem Chat-Programm heraus schreiben und lesen kann.

Warum bringe ich den Artikel jetzt? Ich möchte die Menschen so schnell wie möglich auf die reale Twitter-Alternative aufmerksam machen. Es ist höchste Zeit und nun nötig, dass sich da etwas bewegt. Wir wollen keinen Monopolisten auf dem Gebiet Microblogging – die meisten ehemaligen strammen Twitter-Konkurrenten sind eingegangen, weil sie nur ihr geschlossenes Netz kannten und wenig Nutzer hatten.
Aktuell ist die ›Marktsituation‹ so: Auf Laconica treiben sich Tech-Geeks und Nerds herum, speziell aus dem Open Source-Umfeld. Auf Twitter sind Blogger, Podcaster, leider noch die allermeisten Geeks, und der ›Mainstream‹.

Wer (außer mir ;) ) noch großen Einfluss hat, sind Zeitungen. Viele bieten Twitter-Feeds und manchmal Twitter-Aktionen an. Auch die Betreiber von Gewinnspielen, bei denen man etwas über Twitter posten muss, um mitzumachen, wären ein gutes Vorbild für das Laconica-Rollout. Ich finde es sogar für diese ›Mächtigen‹ ein journalistisches und freiheitliches Armutszeugnis, nur einen Anbieter, und eben den geschlossenen zu unterstützen.

Dann sollten die ganzen Web-Twitter-Tools Laconica-Konten lernen irgendwie zu unterstützen. Diese Drittanbieterwerkzeuge für Twitter machen denke ich einen signifikanten Teil des Langzeitspaßes von Twitter aus.

Es muss jetzt etwas passieren. Facebook hat Twitters Kernfunkionalität auch schon als ›Status‹ kopiert und jetzt muss schnellstmöglich Laconica bekannt gemacht werden, ehe Facebook – und das tut es allen Ernstes hierzulande schon bei Über-40-Jährigen – auf dem Gebiet der Quasi-Standard wird – und vor einem Facebook als Microblogging-Monopolist habe ich noch sehr viel mehr Angst als vor Twitter.

Nun, die Technik ist da, die Seiten sind da, die Benutzer kommen langsam und ihr könnt neue begeistern! Schaut euch mal bleeper.de an, registriert euch, macht es euch profiltechnisch gemütlich und schaut ein wenig umher, wen ihr interessant findet zu ›connecten‹ und macht vor allem mehr Leute auf das Laconica-System aufmerksam. Microblogging ist keine Randgruppenerscheinung mehr und als solche darf es dafür nicht nur einen zentralen, proprietären und übermächtigen Anbieter geben!

Linkempfehlungen ;) :
Meiniges Bleeper-Profil
, Twitter-Profil und eine Podcast-Episode zum Thema vom Hackerfunk.

Update vom 10. September 2009:
Laconica wurde umbenannt zu Status.net. Man kann auf der gleichnamigen Seite eigene Status.net-Installationen anlegen, vom Prinzip her gleich wie Wordpress-Installationen auf wordpress.com, oder sich die gesamte Software herunterladen und selbst installieren. Nicht verwirren lassen. Weiterhin gibt es natürlich Bleeper.de, Identi.ca und die anderen Laconica/Status.net-Seiten, da ändert sich überhaupt nichts.

Im Vorfeierlaune auf ihr abgeschlossenes Abitur im nächsten Jahr, luden die Abi-2010er in unserer Schule vergangene Woche für eine Diskothekenveranstaltung in eine diesbezüglich bekannte Einrichtung in Reutlingen ein.
Noch nie hat es mich zu Veranstaltungen mit vielen Menschen hingezogen, erst recht nicht dorthin, wo laute Musik spielt, und dann noch Musik, mit der ich nichts anfangen kann. Wie ich es aber schon letztes Jahr anfingt, wollte ich mich selbst in eine solche Situation bringen; selbst die Erfahrung machen. Ohne Selbsterfahrung darf ich weder darüber im Negativen, noch im Positiven sprechen, und gewiss fehlt mir so lange die Qualia und somit das Verständnis um die Motivation der anderen, zu solchen Veranstaltungen zu gehen.

Es war kurz vor 22:00 Freitagabend. Vor dem Eingang der Einrichtung, die ich im Folgenden mit F4 abkürzen werde (um nicht den vollen Namen zu schreiben und dann durch Suchmaschinen nach diesem gefunden zu werden), drängelte sich eine Schlange von Jugendlichen in den Pavillon vor den Eingang, um nicht vom Nieselregen erwischt zu werden. Lange stand ich unter dieser keine zehn Meter langen Überdachung, wartend, von einem der ›Pförtner‹ meinen Personalausweis kontrollieren zu lassen – das erste Mal überhaupt mit meinen 17 ½ Jahren, dass ich ihn brauchte. Dann ging es durch einen Treppengang, der auf mich wie der auf abenteuerlich metallplattierte Wartebereich zu einer Achterbahn wirkte, um darauf hin den Wegzoll in Höhe von 3,50€ zu begleichen. Der Herr vor mir behauptete, 18 zu sein und auf Aufforderung, seinen Ausweis zu zeigen, ließ er diesen in seinem Geldbeutel-Karten-Netz. Als er dann unter größter Anstrengung der Kassiererin trotzdem als unter 18 erkannt wurde, musste ich staunen, welche Moral hier herrschte. Denn selbst wenn er sich hätte reinmogeln können, wenn etwas passieren würde, bekäme F4 die Schwierigkeiten…
Ich bekam einen Stempel auf meine untere Handsehne und bog um eine Ecke. Mit meinem Blick nach rechts sprangen aus einer abgegrenzten Zone zwei Mädchen aus meiner Klasse auf, begrüßten mich überrascht, und fragten, was ich denn hier machte. Da wurden meine Jackentaschen grob von einem Wächter aufgerissen, ich: »Schauen Sie, das sind ist nur mein Brillen-Etui und in der anderen ein zusammengestopfter Schal.« Nett hier, haha… Ich fragte eine der Klassenkameradinnen, ob es nicht eine Garderobe gäbe, um meine Jacke aufzuhängen, und ich wurde auf eine lange Schlange um eine Steinmauer herum verwiesen. Dort stand ich dann gute 10 min an, musste einen weiteren Euro zahlen und bekam das Nummernetikett meines Kleiderbügels, der vom Personal mit meiner Jacke in den langen Stangenreihen versenkt wurde.

Kaum auf dem Weg ins Geschehen, wurde ich schon von von ein paar weiteren netten Bekannten überrascht begrüßt. Danach erforschte mein Blick zum ersten Mal die Präsenz dieser Lokalität. Gerade vor mir eine Tanzfläche, weiter davor auf einer Anhöhe ein Pult mit dem DJ, rechte Seite entlang der Tanzfläche eine Bar, linke Seite und in einer Herumführung einer Begrenzung zum Eingang hin eine niedrige Plattform mit Bänken. Beidseitig neben dem DJ-Pult standen je drei übereinandergestellte Bildschirme, die Silhouetten mit wechselfarbigen Hintergrund von sich lüstern räkelnden, scheint’s kaum bekleideten, jungen Frauen zeigten, ohne dabei die Visualisierung an die Stimmung der Musik anzupassen. Über mir verstreut an der Decke des Raumes Disco-Kugeln, an den Seitenlängen feste Lichterinstallationen.
Sollte mir dieses Ambiente dank filmischer Bildung nicht neu sein (bis auf die Damen), war es noch mal etwas völlig anderes, tatsächlich selbst darin zu stehen. Zaghaft infusionierente ich mich entlang der rechten Seite ins Geschehen. OK… Also, die tanzten hier, anscheinend in Stilfreiheit, jeder für sich. Mein Blick klebte auf den DJ, wie auf einen Gruppen-Yoga-Trainer. Rhahr… Ich riss mich los und versuchte mich zur Musik zu bewegen. Die ersten zehn Minuten starrte ich immer gebannt auf den DJ, das muss sehr außergewöhnlich ausgesehen haben, wie sich da einer irgendwie anstellt zu tanzen und unentwegt gebannt seinen Blick und Kopf auf den Musik-Mischer richtet… Diese Unsinnigkeit begriff ich zwar recht schnell, aber brauchte doch über zehn Minuten, mich von der Gestalt dort oben zu verabschieden und zu probieren, Menschen ins Gesicht zu sehen.
Das klappte erst mal auch nicht so recht, ich war so befangen fasziniert von der grellen Lichterinstallation. Einfarbige helle Scheinwerfer an der Decke, eine sture Abfolge hintereinander durchgehend und dann die Intermezzos mit Farbenspielen von irgendwoher; ich versuchte eine Logik darin zu erkennen, aber fand keine.

Nach einer Verschnaufpause am Rand und einem zweiten Start wagte ich mich noch einmal in das Getümmel und bekam die Anteilnahme nun bewusster hin. In den Bewegungen der anderen konnte ich keine Schwärme und Laufwege erkennen. Es schien, jeder entschied aufgrund eigener, mir unbekannten Motive, einen bestimmten Punkt aufzusuchen.
Mir kam auch ein hilfreicher Gedanke, der mir über die mir eigene Zurückhaltung hier ein Stück weit hinweg half: Ich dachte mir, es ist Fasching, es macht nichts aus, wenn Du da jetzt mitmachst. Außerdem fällt es geradezu auf, sich nicht so leidenschaftlich wie die anderen zu verhalten.

Zur Musik: Gespielt wurden schlecht-gecoverte Versionen von Stücken auf gefährlich großen Lautsprechern mit äußerst schlechten Tonhöhen.
Wenn der Mann schon nicht selber singt, könnte er dann nicht wenigstens die Originale spielen? Sind die Lizenzkostendifferenzen da so ausschlaggebend?
Ansonsten liefen, ja, ich kenne mich da nicht aus, ich denke Techno- und House-Titel. Nichts besonderes, keines davon markant melodisch, alles nebliges Gesabbel, um den Tieftöner ins Schwingen zu bringen.

Auf der Tanzfläche lagen Flaschen. Ist denn das erlaubt, Getränke da mit rauf zu nehmen? Jedenfalls sammelte ich ein paar auf und brachte sie zur Theke; ich fühlte mich dafür verantwortlich, dass niemand zu Schaden kommt, gerade wenn ich so etwas mitbekomme. Je später es wurde, umso enger und dichter ward die Gesellschaft auf der Fläche. Gerempelt und weggedrückt zu werden, wurde legitim, auch wenn es meinem Gefühl nach jeder versuchte, bei anderen zu vermeiden. Ach übrigens, das Alter hab ich noch ganz vergessen: Die Palette fing bei 16-Jährigen an (wenngleich ich mich wunderte, wie viele Menschen schon 16 sein mögen und nicht danach aussehen – bislang dachte ich immer, nur ich sähe nicht altersgemäß aus…), erreichte ihre Dichte bei 17- und 18-Jährigen und ging entfernt in weit geringerem Ausmaße hoch bis noch vielleicht 22.
Im Suchen in der Menge konnte ich nur äußerst wenige Brillen ausmachen. Ein Zeichen…? ;)

Auf dem Ausklang der linken Seite bemerkte ich bald ein paar Jungen aus einer Parallelklasse und wurde hergewunken. Interessant zu sehen, wie die ›abgingen‹, wohl unter Alkoholeinfluss.

Muss ich noch erwähnen, dass ich keinen Alkohol trank? Ich trank sogar gar nichts von den dort feilgebotenen Getränken; das Billigste fing bei 1,80€ an. :D So verwendete ich beherzt auf dem Klo-Waschbecken meine Hände als Trinkschale… (Meine Eltern erzählten mir übrigens, »zu ihrer Zeit« wäre im Eintrittspreis einer Diskothek immer schon ein Getränk inbegriffen gewesen…)

Mich kannten erstaunlich viele Leute und ich haderte immer mit meinem schlechten Namensgedächtnis, das mich aber meistens dann doch im Stich ließ. Öfters wurde ich in begeisterten Ton auf bestimmte Mädchen meiner Klasse angesprochen… (»Hey, Du bist doch bei DER in der Klasse?…«)

Damit eröffne ich ein neues Thema. Ein Vorfall, der mich beschäftigt hat:
Ein Mädchen, das in einer Dreiergruppe mit Freundinnen dastand, sprach mich gegen die Musik kämpfend an: »Hi! Woher kommst Du?« »Hm, was sagt man da gewöhnlich?«, fragte ich verdutzt und lächele verschreckt. »Aus welcher Stadt? Reutlingen oder so?« »Ja, Reutlingen.« »Cool.« – Sie drehte sich kurz um, und hat wahrscheinlich darauf gewartet, dass ich sie gleich wieder anspreche. Habe ich aber nicht.
Jaaa, ich weiß, was ich falsch gemacht habe und wie ich es hätte richtig tun können. Aber ich weiß, was mir in dem Moment durch den Kopf ging.
Das hätte genauso gut ein Junge sein können (wie es mir dann im Laufe des Abends noch ein paar mal ähnlich passierte) – ich kann keinen Smalltalk führen. In drei Wörtern und ihrer ganz eigenen Aussprache liegen für mich auch schon zig abstrakte Möglichkeitswelten einer Deutung und ich versuche instinktive Rückschlüsse auf den Gedankengang des Gegenübers zu ziehen. In solch einer Situation mit Fremden bin ich nicht selten partout überlastet; ich bekomme zu viel Input rein und eröffne zu viele Bearbeitungsschritte, bis ich dann eigentlich zur Beurteilung kommen sollte, aber mich mein Denken lähmt. Ich weiß nicht mehr, wie viele Selbsterinnerungen und Geschichten mir in dieser einer Sekunde in das Bewusstsein kamen, die in sich dann auch teils wieder emotionale Reaktionen auslösten.

Und überhaupt zu erst einmal war ich verdammt verschreckt, von einem Mädchen angesprochen zu werden.
Was ich nach außen von meinem Ich zeige, ist meinem Eindruck nach nur ein schwacher Abdruck meines wahren Selbst. Darum sehe ich andere, die sich für diesen Maxi interessieren, den sie erleben, nie wirklich für mich interessieren, sondern für dieses unfertige, makelhafte, kommunikations- und gemeinschaftsunfähige Ich, und das bin nicht ich, das ist das, was ich gerade so von mir zeigen kann. Dass es mir so ergeht, ist eine Folge von dem, dass ich eben seit Jahren nur daheim sitze, auf hohem Niveau mit hellen Köpfen chatte und meine eigentliche Entwicklung in dem Bereich dort stattfand – gerade umgekehrt zu der des ›Normalen‹. (Das wird natürlich von niemandem so anerkannt…) Da gewinnt die Beschreibung ›Kopfmensch‹ eine ganz neue Größe.
Ganz sachte erhebt sich in mir langsam die Idee, dass ich vielleicht doch nicht so schlecht nach außen bin wie ich denke… Jedoch werde ich Annäherungsversuche von Jungen wie auch von Mädchen wohl erst in mir auf der entscheidenden Ebene für relevant und ›echt‹ halten können, wenn mir mein Selbstwertgefühl für mein äußeres Ich andere Dinge reflektiert.

Beim Tanzen spielte mich mancher einer Mädchengruppe zu oder ich bekam Avancen – hui… *fröstel* – Intuitiv, und das ist traurig, das Wort in dem Kontext verwenden zu müssen, wand ich mich ab oder wich aus. Der Grund… Ich glaube, ich will fair sein, fair und ehrlich. Wegen meiner speziellen Sicht auf mein inneres und äußeres Ich möchte ich niemanden mit dem ›falschen‹ beschäftigen oder konfrontieren. Und ein Bisschen bin ich auch entsetzt über das Gegenüber, dass es sich für so einen interessiert – und gebe ihm damit einen Stempel »Irrer«. Oh ja, das ist nicht gut… Es erstaunt mich zwar, dass diese Erkenntnis bei so etwas wie einer Disco kommt (das hatte wahrscheinlich irgendeinen Grund in der neuen Situation und anderen angeregten Hirnarealen), aber hier ist es mir nur bewusst geworden; die wahren Erlebnisse, die dieses Phänomen bei mir aufzeigen, erlebte ich schon lange Zeit im Alltag.

Wenn ich in anscheinender Irrationalität (die in ihrer Absurdheit Sinn eröffnet) Witze und Bemerkungen mache, werde ich in meinem Umgang in der Schule meistens nicht verstanden und für einen Außenseiter erklärt (dabei sind meine Bemerkungen doch oft eigentlich so clever…).
Hier drehte sich das um: Waren bisher die anderen die rein Rationalen und für mich Verständnislosen, ließen diese nun jede tiefere Logik fallen und verhielten sich so irrational, wie ich selten Jugendliche erlebe.
Doch es war kein Chaos, keine Anarchie der Bestrebungen; diese ihre neue Art hatte einen ganz eigenen Taktgeber, etwas, was ich nicht verstehe. In sich Freude und Lust am gegenwärtigen Sein, in dem Moment lebend, anscheinend verbindend in der Menge und dann doch egoistisch.

Diesen Bewusstseinszustand kenne ich von mir nicht, ich kann ihn so nicht erleben. Ich bin ständig am allumfassenden Analysieren, Abwägen, Beurteilen, Mustererkennen und prognostizieren. Und natürlich möchte ich alles wahrnehmen und mitbekommen, was sich in meiner Umgebung abspielt. Die Konsequenzen daraus würden manche eine Konzentrationsstörung nennen, aber das ist es nicht, es ist der Wille nach Wissen, nach Macht, nach einer Waffe gegen andere, in dem ich besser und weiter bin als sie; ich bin mir dessen bewusst, dass sie nur in meinem Kopf sein kann.
Ist diese meine Hochanalyse-Praxis doch auf die Menge einer Schulklasse eingespielt, bekomme ich bei so viel Input wie auf einer Disco damit den totalen Overhead. Es stresste mich ungeheuer, diese vielen Informationen wahrzunehmen, zu verarbeiten, zu bewerten und abzulegen, diese vielen feinen Informationen, von denen ich sicher bin, dass andere sie nicht wahrnehmen. Das ist eine verflixte Begabung, mehr Details wahrzunehmen, aber sie dann auch verarbeiten zu müssen. Und andere können ihre Mitmenschen ganz ausblenden und nur für sich leben, das kann ich nicht. Ich habe nicht Furcht vor Bloßstellung, ich habe eine zu starke ›Menschenliebe‹, das Bedürfnis, Hilfe zu geben, wo es nur in meinen Möglichkeiten liegt. Und so selbstverständlich das für mich ist, so stark vermisse ich es ungläubig überrascht an anderen.

Nun, das forderte also für mich eine sehr hohe Konzentration. Dazu kam meine Unerfahrenheit beim Tanzen, so dass ich mich umschaute und eine Geste nach der anderen versuchte zu lernen. In der Hauptzeit dann war das immer noch eine hohe Konzentrationsaufgabe: Ich konnte das alles nicht intuitiv, wie offenbar die Menge hier, ich war im Kopf hellwach und wirklich angespannt im absoluten Stress, wie ich mich hier positioniere, möglichst ohne lächerlich zu wirken und zu stark aufzufallen.
Hätte ich mittendrin die Wahl bekommen, eine Französisch-Arbeit zu schreiben, oder in dieser ›Matrix‹ weiterzumachen, hätte ich gerne die Arbeit gewählt, ehrlich (wenn es aber auch nur ein wirklicher Matrix-Wechsel gewesen wäre, sprich, die Welt dort ohne mich nicht mehr weitergelaufen wäre, denn das hielt mich auch dort und ließ mich nicht nach Hause wandern, neben meinem Ehrgeiz für meine Selbsterfahrung).

Gespräche mit intellektuellem Charakter waren bei dem ›Lärm‹ unmöglich. Das gehört aber wahrscheinlich zum Konzept einer Disco; sich nicht mehr durch bloße Kopf- und sprachliche Ausdrucksstärke etablieren zu können und somit alle in begrenztem Maße gleichzumachen.

Kurze Zeit bevor der DJ die anwesenden Unter-18-jährigen aufrief, sich langsam auf die Heimreise zu machen, erschienen noch ein paar weitere Klassenkameradinnen von mir, die mich auch überrascht begrüßten. Ich nehme an, die ließen sich einen ›Muttizettel‹ ausfüllen, um länger bleiben zu dürfen. Ich verabschiedete mich von ein paar Bekannten, die ich noch sah.
An der Garderobe stand ich erst über 10 min falsch an (war aber damit nicht alleine!) und wurde, als ich einen Warteplatz am Tresen einforderte, der mir nach dieser Zeit schon lange zustand, von einem betrunkenen Proleten, der gerade erst in die Schlange kam und auch etwa mein Alter hatte (wenn dabei auch immens bespeckter gebaut) mit beiden Händen nach hinten geworfen. Brüll, Quak, Plutsch… »Gaaanz ruhig.«, ich beschwichtigte mit einer Handgeste. »Gaaanz ruhig. Ich tu dir nichts, ich will keinen Streit. Ich war trotzdem vor dir, und das weißt Du.« »Jetzt bin ich aber vorne!!« – Ich dachte mir nur, das ist Karma, ich brauch ihm nichts zurückzuzahlen, das kommt auf ihn ohne mein Zutun zurück. Und genau da wurden unsere Traube auf die eigentliche Schlange von einem dieser Wächter aufmerksam gemacht.

Raus ging es wieder durch den Eingang, wie einfallslos. ;) Den gleichen Abenteuerattraktionen-Gang zurück, hinaus in den Regen, der mittlerweile stärker geworden war. Ich lief den Weg zu Fuß nach Hause, bald rannte ich, und nahm die Brille ab, denn ohne sie sah ich mittlerweile besser als mit ihr. Ich kam, am Oberkörper glücklicherweise wenig benässt, um kurz vor ein Uhr Nachts daheim an.

Mein Fazit:
Gerade diese Erkenntnis, dass mein äußeres Selbstbewusstsein tief im Keller ist, hat den Besuch gelohnt. Das Bewusstsein darum habe ich aus dem Sinn verloren, ich hatte das schon mal. Diese Erkenntnis ist der erste Schritt hin zu einer Konsolidierung und schließlich einem heilenden Lösungsprozess.

Die zwei Stunden, die ich dort war, konnte ich mich wahrlich nicht amüsieren. Zu intensiv die Eindrücke, zu groß der Stress, zu viel Kopfarbeit. Zu viele Dinge, die ich nicht kenne und nicht kann. Ich fühlte mich in jedem Moment als Fremdkörper. Einer, der die Regeln nicht kennt, der nicht weiß wie gespielt wird, und der nicht den Bewusstseinszustand dieser Mengengruppe teilt.

Ich möchte noch anmerken, dass die meisten meiner hier beschriebenen Gedanken mir nicht erst bei der Arbeit an diesem Artikel kamen, sondern unmittelbar während meinem Aufenthalt in der Disco. Die haben mich natürlich dann auch noch mal bekümmert und resigniert.
Kann mir bitte irgendjemand bestätigen, dass das nicht normal ist? Danke.

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