Alle Artikel von Frumble

Über männliche Körper-Nonkonformität

Wenn ich in dieser Studierendenstadt Tübingen ausgehe, auf Veranstaltungen, die mich ansprechen, sehe ich immer nur scheinbar ‚ältere‘ Männer als ich, breiter und ‚männlicher‘ als ich. Ich kann mich mit ihnen kaum identifizieren. Scheiße Mann, wo sind die skinny Nerds? Wo sind diese anderen schmalen Jungs aus der Schule hin? Haben sie sich alle in diese Kerle mit breiten, eckigen Kreuzen und fülligen Armen verwandelt? Hab ich das Memo nicht gekriegt? Bin ich Junge geblieben? Muss ich immer erst auf einen Hackerkongress fahren, um mich mal nicht anders zu fühlen?
Ich habe den Transformationsmoment der Altersgenossen verpasst, der muss in meinen ersten Semestern stattgefunden haben – in denen ich viel zu viel alleine war und in meinen Fächern fast nur mit jungen Frauen zusammensaß.

Mit wem ich mich identifizieren kann, das sind: Frauen! Obwohl die Proportionen anders sind, fühle ich mich ihnen staturverwandter als den meisten gleichalten Männern, die mir begegnen. Nicht zuletzt auch aus meiner eigenen Betroffenheit interessiere ich mich für Gendertheorien – und die Genderforschung hat mir schon viel gegeben. Aber letztlich ist das für mich nichts Leichtes. Vor allem, wenn man da niemanden hat, der einem sagt: Ich mag das, wie Du bist – ich find Dich vielleicht sogar attraktiv! Und es mal nicht nur beim Sagen bliebe. Ich würde einfach gern körperlich wo dazugehören. Einfach so, ohne Theoriezurechtlegung, dass die körperlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern geringer und fluider sind, als innerhalb der zwei willkürlichen Gruppen zueinander. Das ist ja wunderbar, aber es hilft mir hier nicht, denn ganz bedeutend geht es doch um eines: Attraktivität. Und wie über Attraktivität kulturell gedacht wird.
Schaut mal: Ich finde mich eigentlich persönlich hübsch. Ich finde mich ok. Aber im Kontakt bekomme ich immer angedeutet: Du bist nicht ok, etwas ist anders an Dir. Und das mit der Attraktivität haut bei Dir auch nicht hin. Über die Attraktivität bestimme nicht ich, die bestimmen die anderen.

Was bei Frauen Fett ausmacht, muss bei Männern Muskelgewebe sein. Warum? Das ist doch nicht gerecht! Und das mit den Muckis haut bei mir auch nicht so derbe hin. Ich bin fit, ich bin stark, aber das reicht nicht. Man muss es ja bei uns deutlich sehen können, sonst gilt es nicht.
Ich werde nicht dicker und ich werde nicht viel muskulöser ohne zu cheaten. Und Scholli, wäre ich als Frau nach gegenwärtigem Schönheitsideal attraktiv, hätte ich noch dazu die rechten Rundungen!

Noch mal: Ich gefalle mir! Ich gefalle mir in meinem Dazwischen-Sein. Es symbolisiert für mich auch direkt meine psycho-emotionale Nähe zur ‚Weiblichkeit‘. Ich verstehe das so, dass das Innere bei mir nach außen wirkt. Dennoch finde ich es ok, ein Mann zu sein. Ich habe kein Problem mit meinem Sexus, meiner Identität als Cis-Mann. Das begreife ich zwar als größtenteils kulturell und so behandele ich es tatsächlich auch, aber ich fühle mich in meinem Inneren nicht im falschen Körper.

Aber weil mir andere das Gefühl geben, nicht dazuzugehören, geht mein Wunsch einer Zugehörigkeit zu einer akzeptierten Gruppe mittlerweile so weit, dass ich mir trotzdem immer öfter den anderen Körper wünsche. Denn der erscheint mir näher an meinem Körpergefühl und Selbstverständnis als das erwartete Ideal eines Männerkörpers.
Das Gefühl des Nichtdazugehörens zum großen Spiel geben mir beide primäre Gender durch subtile Zurückweisung, Nichtinteresse und ihrer nicht bös gemeinten Einschätzung, dass ich fünf Jahre jünger sein müsse, als ich mit Mitte 20 tatsächlich bin. (Das muss ich extra deutlich betonen: Als Mann erfährt man damit weit drastischere Konsequenzen als als Frau.) Spart euch bitte die Beteuerung, welch ein Glück das in späteren Jahren für mich bedeutet.

Vor einer Weile habe ich festgestellt: Mit Bart spüre ich mal nicht nur neugierige Blicke von Schulmädchen auf mir. Das ist etwas ganz, ganz Tolles, wenn man das sonst nicht kennt. Aber ich bin darüber in Konflikt mit mir. Ich mag mich niedlich! Ich mag mich rasiert, und liebe es, meine weichen Wangen zu streicheln. Und ich mag die androgyne Seite meiner Gesichtszüge. Dieser Bart, der mir natürlich wächst, gibt mir eine eindeutige Zuordnung, die sozial und sexuell erwünscht ist. Er gibt mir einerseits ersehnte leibliche Aufmerksamkeit; doch er ist eine Schiene, die mich in ein Gleisbett zwängt. Er stört, oder zumindest beeinflusst er meine Gender-Selbstidentifikation in erheblichem Maß. Für mich ist das ein sehr sensibles Thema.

Ich sehe darin für mich auch eine mystische Ebene: Ich sehe so jung aus, weil da Dinge noch nicht geschehen sind. Zugleich Reifeanzeige und Keim einer Hoffnung, dass mit der Zeit gewisse Dinge geschehen können. – Das ist nicht, wie ich rational darüber nachdenke, aber ich nehme den Gedanken in mir wahr, diese Ebene liegt bei mir im unterschwelligen Bewusstsein.

Vielleicht bin ich ja auch nur noch nicht so abgenutzt. Vielleicht habe ich eine überaus gesunde Veranlagung für eine lange biologische Jugend. Aber dafür werde ich von allen bestraft.

Ich wünsche mir, mit meiner Körper-Nonkonformität nicht zwischen die einzigen zwei akzeptierten Töpfe fallen zu müssen. Ich habe meinen Körper nicht verantwortet. Das ist, wie ich bin.

Von Esprit und Analyse

Ich habe ein Hochstapler-Syndrom: Wenn andere in kürzester Zeit eine passende Antwort mit spontanem ‚Esprit‘ geben, werde ich abgehängt. Ich muss nämlich nachdenken, Wörter finden, und alles am liebsten aufschreiben.
Ich bewundere die Begabung zu Esprit wirklich sehr. Da unterschätze ich dann, dass meine Antworten oft durchdachter und tiefdringender sind. Und fühle mich als Hochstapler, weil ich analysiere, statt aus frischem Esprit zu konstatieren. Vielleicht auch, weil es nicht sozial kompatibel ist.
Dass nämlich ich zu tiefer Analyse und besonderer Introspektion fähig bin, steht gegen die Analysen der Espriter, die ihre direkten Thesen unter den Bedingungen einer wahren Anforderungssituation hauptsächlich nur ausformulieren werden. Mag das nun frech und angeberisch klingen: Doch es geht mir hier nicht um Lernstoff, sondern vor allem um Fragen von komplexer sozialer Dynamik und Vorgeschichte. Darauf mit Esprit – und Witz! – zu reagieren, wird belohnt, eine Analyse zu starten sanktioniert.

Ziel ist mir nicht, zwei Denkarten und wahrscheinlich sogar Wesenstypen gegeneinander auszuspielen. Sondern Ziel ist mir, dem Analysten seine verdiente Anerkennung zukommen zu lassen. Eine, die er zwar akademisch erhält, aber nicht sozial und als seine individuelle Denkweise hat das größte Bedeutung für die emotionale Wahrnehmung des eigenen Gruppenstatus. Selbstverständlich sind die wahren Genies denn auch gesegnet mit beidem: Pikanter Esprit, auf Darlegungsbitte mit differenzierter Einordnung.

Die Entdeckung der Gender-Dekonstruktion

Ich hatte nie den engsten Kontakt mit Mädchen. Durch meine Art der Freizeitgestaltung war kein sozialer Austausch gegeben. Nur in der Schule bin ich ihnen begegnet. Neben viel eigenen Näherungsunsicherheiten hielten mich auch die Gruppenbildung und Ausgrenzungsfaktoren ab, mich mit ihnen intensiver austauschen zu können und mehr über ihr Wesen zu erfahren. Ich hätte zwar gewollt, sah aber nicht wie. Es schien unmöglich zu sein. Die offensichtlichen äußeren Unterschiede, die mir nicht nachvollziehbaren Vorlieben für eigentümliche Verhaltensweisen, sie mussten im Kern verwurzelt sein in einer völlig anderen Art Mensch. Dieses völlig andere Geschlecht.
Bei den Jungen habe ich keinen Anschluss gefunden. Zu wenig gemeinsame Interessen, zu verschiedenes Seelenleben. Ich sehnte mich nach qualitativem Austausch. Ich wollte reflektieren, ich wollte über mich lernen, ich musste Vorkommnisse verarbeiten. Gerne wollte ich mich mit etwas anderem als mir selber beschäftigen und sehr gerne hätte ich mit wem anderen als mir selber etwas erlebt. Mein emotionales und soziales Befinden lag auf seinem vorläufigem Tiefpunkt.
Dann hab ich langsam verstanden, dass das nicht hätte sein müssen. Viel zu spät. Als ich langsam begriff, dass der ‚Unterschied‘ nur kulturell geschaffen wird – und dass ich ihnen sogar charakterlich und emotional öfter ähnele als Kerlen – war ich ernstlich schockiert. Und da war ich schon über 18!

Es geschah durch Podcasts, die kulturwissenschaftliche Themen angesprochen haben. Aber in der Bestätigung vor allem durch Twitter. Als ich das erste Mal von der Genderforschung gehört hatte, hat es mein Weltbild zerrüttet. Nichts hat mich darauf vorbereitet. Parallel folgte ich auf Twitter immer mehr jungen Frauen, die authentisch, ohne die Maskenschau eines Facebook und Co., aus ihrem Leben erzählten. Auch für Frauen bot Twitter mit seiner Halb-Anonymität einen neuen Rahmen: Keine Vorwürfe zur Promiskuität, keine soziale Ächtung der weiblichen Lust, offene Äußerung eigener Wünsche, Bedürfnisse und Ängste, dazu in der deutschen Szene eine besondere Frauensolidarität. In meiner selbstgewählten Filterblase war es mir damals noch ungewohnt, so Persönliches von Frauen zu lesen. Intimes, was sie bewegte, wie sie ihre Meinung bildeten. Beinahe ungefiltert. Nie zuvor kam ich so nah an ihre Gedankenwelt heran.
Es ist zwar traurig, dass es für mich Twitter sein musste, aber die Plattform hat mir enorm dabei geholfen, zu verstehen, wie gleich wir sind – dass Geschlecht am Ende ein kulturelles Konstrukt ist. Eine beliebige Kategorie. Viel trauriger aber ist: Mir ist wohl so viel Freude entgangen. So viele potentielle Kameradinnen, die engere Freunde hätten sein können als Kleine-Pausen-Gesprächspartner. Da war immer dieses ‚awkward‘ in der Luft, dieses „Wir können ein bisschen reden, aber wir sind eigentlich grundverschiedene Menschenarten“. Das war nur – nur! – kulturell konstruiert und hätte nicht sein müssen! Das ist eigentlich eine Form von kulturellem Rassismus.

Wenn man beginnt, sich in das Thema einzulesen, findet man Erstaunliches. Da gibt es die biologische Dimension des Sexus: Die Chromosomenpaare, die Geschlechtsmerkmale… Die manchmal gar nicht so eindeutig sind und deren Aussagekraft über den Körper und den Charakter eine Mär ist. Judith Butler stellt gar die Legitimität der Kategorie gänzlich infrage und ordnet sie dem Gender unter.
Es ist spannend festzustellen, dass das, was bei uns so verschieden wirkt, sich eigentlich sehr ähnlich ist und sich aus denselben Zellen entwickelt hat. Nach Aristoteles: Sie haben eine andere Entelechie. Exakt so liegt etwa das Verhältnis bei Klitoris und Eichel, sie sehen sogar ähnlich aus. Sie sind dasselbe Organ, nur in anderer Form! Zudem besitzen auch Männer Milchdrüsen und können unter speziellen psychischen Umständen sogar etwas Milch produzieren – das hat mich total begeistert! Meinen ‚Brüsten‘ fehlt demnach nur ein unter bestimmten emotionalen Bedingungen produzierbares Hormon und ich könnte auch stillen! Der Wahnsinn!
Komplett überrumpelt hat mich auch zu erfahren, dass es keine biologische Jungfräulichkeit gibt. Die biologische weibliche Jungfräulichkeit ist eine kulturelle Erfindung! Den Mythos des Zustandes hat sich das Patriarchat als Unterdrückungsstruktur und als Handelswert seiner Frauen ausgedacht!

Die Genderforschung war für mich ein Disruptor. Kein Unterricht in der Schule hat mich darauf vorbereitet, es wurde ab und zu etwas von Gleichberechtigung erzählt, aber stets, über die ganze Schulzeit, die binäre Gendertrennung bekräftigt. Es wurde uns nie gesagt, dass wir gleich *sind*. Dass ‚Geschlechter‘ keine Rolle spielen, weil sie zum größten Teil kulturelle Konstruktion sind. Performativ ‚getan werden‘.
Die Gendertheorie ist ein Thema, das so durchgängig ein Faden sein sollte wie die fächerübergreifende Behandlung des Nationalsozialismus, weil es so grundlegend wichtig für unser Zusammenleben ist.

Der Denkansatz, den ich empfehle: Penis, Brüste und Vagina nicht als sublim aus dem Wesenskerns herauswirkende Distinktionsmerkmale wahrzunehmen, sondern als ‚Feature-Set‘. Die Menschlichkeit als Wesen zu erkennen. Weitere Aufklärung zu nicht-heteronormativer Sexualität, wie sie einige Bundesländer planen, ist schon ein wichtiger Schritt, um die Genderwahrnehmung zu entkrampfen: Denn lieben darfst du jeden, egal, was du unten hast – womit das Verhältnis zwischen den ‚Geschlechtern‘ entproblematisiert werden kann, denn auf einmal (im idealisierten Fall) spielt das biologische Geschlecht wirklich keine vorwiegende Rolle mehr, sondern die persönliche Anziehung. Woraus weiter resultieren würde, dass sich soziale, gesellschaftliche, visuelle Abgrenz-Codes durch Vermengung auflösen, denn sie erfüllen keinen Zweck mehr.

Ich habe in der Kursstufe noch einige positive Erfahrungen gemacht. Vorsichtige und mutige. Für die noch weniger kontaktintensive Uni war das zu wenig praktisches Wissen.
Ein Aufruf, der mir darum sehr am Herzen liegt: Wenn ihr in einer Position seid, in der ihr mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, dann sprecht dieses Thema mit ihnen doch mal an. Das Bewusstsein für Genderkonstruktion könnte in der Gesellschaft so unermesslich viel Gutes bewirken. Für jede_n.

Politikum: Die Chromifizierung von Android

Wenn ich mir überlegen müsste, was ich das Unsympathischte an Android finde, würde ich auf die heimtückische Standardaktivierung des Tracken des Standortverlaufs, der umgebenden Funknetze und Senden der Daten an Google verweisen. Das geht gar nicht! Anscheinend aktiviert sich das Tracking durch bestimmte Google-Updates auch immer wieder selbst. Aber das ist nicht Android Open Source Project (AOSP), das sind die proprietären Play Services und sind Googles Erweiterungen.

Kapitel:
1 – Can’t put me finger on what lies in store,
But I fear what’s to happen all happened before.

2 – Die Play-Services-Verträge
3 – Proprietarisierung in Häppchen
4 – Warum „Chromifizierung“?
5 – Absoluter Kontrollwillen

1 – Can’t put me finger on what lies in store,
But I fear what’s to happen all happened before.

Ich habe um CyanogenMod gebangt, als es hieß, Google wolle das Unternehmen für 1 Mrd. Dollar aufkaufen. Dass sie auf das Angebot nicht eingegangen sind, spricht sehr für ihre Integrität! Denn was macht eigentlich CyanogenMod? Seit Google mit spätestens Kitkat (4.4) begonnen hat, mehr und mehr der vormals unter freier Lizenz mit offenen Quellcode stehenden integralen Systemkomponenten proprietär zu forken, mit Google-Diensten zu verknüpfen und sie als Standard-Apps auf ihren Nexus-Geräten zu pushen, ist das Team von CyanogenMod dabei, freie Alternativen für Googles proprietäre Apps zu schreiben und Android damit „Google wegzunehmen“, wie es der CEO formuliert hat.

Google hat einerseits seine durchaus berechtigten Anliegen, die Plattform möglichst homogen und mit den bestmöglichen Design zu gestalten. Dass Googles Android-Designer besser sind als die Teams der OEMs, müssen wir gar nicht erst ausdiskutieren. Google hat Interesse daran, seine Plattform in der besten Form an seine Nutzer zu bringen, nicht einer verhunzten Oberfläche und mit umständlichen Standard-Apps der OEMs. Der große Vergleich zur Android-Plattform ist iOS und Google hat größtes Interesse, dass sein System in Gänze und inklusive Standard-Apps – auf jedem Gerät – den Vergleich mit Apples Software standhalten kann. Das ist neben der festen Integration ihrer ‚Cloud‘-Dienste der eine Grund für ihre zunehmende Proprietarisierung von Android.

2 – Die Play-Services-Verträge
Über die Play-Services-Verträge werden den OEMs enge Auflagen gemacht, wie sie ihre Distribution/ROM zu gestalten haben – die Liste wächst jährlich und die Daumenschrauben werden enger. Ein Android-Gerät ohne Play Services ist in der westlichen Welt nichts wert.
Inbegriffen in den (nicht öffentlichen) Play-Services-Verträgen ist beispielsweise die Klausel, dass Googles strategisch relevanteste Apps im Standardbildschirm des Launchers sofort oder über einen Ordner erreichbar sein müssen.

Vom Play Store abgesehen kümmern sich die Play Services auf Android um eine ganze Menge Dienstleistungen, die im weitesten Sinne Netzkonnektivität fordern. Google Cloud Messaging (GCM) ermöglicht Apps das Pushen von Benachrichtigungen, anstatt dass die App selber in Intervallen einen Abgleich mit einer Adresse durchführen müsste. Die Maps-API integriert Googles Kartendienst unkompliziert in viele Apps, der Google Location Service stellt genauere und schnellere Ortung durch WLAN- und Funkmasten-Triangulation bereit, usw.. Die Finesse der Verträge und das Dilemma für die OEMs einmal nur am Beispiel des Location Services betrachtet: Der Vertrag schreibt ihnen die Standard-Nutzung von Googles Ortungsdienst vor, der durch jeden Nutzer automatisch (und in der Regel komplett ohne sein Wissen) auch noch verbessert wird. Würde ein OEM aus den Verträgen aussteigen, hätte er weder Anspruch auf Integration von Googles Ortungsdienst, zudem müsste er auch noch eine eigene weltweite Triangulations-Datenbank aufbauen, um vergleichbare Ergebnisse liefern zu können (Mozilla sind mit ihrem unabhängigem FirefoxOS die ersten, die versuchen, eine freie Datenbank zu schaffen). Wer ein AOSP-ROM ohne das „Sideloaden“ der Play Services betreiben möchte, steht sehr schnell deppert im Regen.

Kurze Strategieanalyse: Warum macht Google das? Es gab in den letzten Jahren vermehrt Gerätehersteller, die sich dem Diktat der Play-Services-Verwendung widersetzt haben. Dazu gehören Amazon, Xiaomi, nicht zuletzt das aufmüpfige Samsung, das gern mal mit dem ein oder anderen Gerät mit Tizen gedroht hat. Dass Samsung überhaupt ein so starkes Interesse an Tizen verfolgt, kommt auch nicht von ungefähr: Man wird unruhig, weil Google den OEMs nach und nach die Unterscheidbarkeit von Mitbewerbern nimmt, weil sie proprietäre Apps nicht mehr nach Gutdünken verunstalten können. Samsung wird in dieser Entwicklung ein Android-OEM von hunderten, teils günstiger produzierenden Smartphones, ohne sich von ihnen merklich differenzieren zu können. Ein Bein in einem alternativen OS zu haben, ist einerseits wirksames Verhandlungsmittel mit Google, andererseits der Notfallplan, falls es Google einmal übertreibt. LG verfolgt mit dem Aufkauf von webOS übrigens dieselbe Taktik. Ein bisschen vergleichbar hierzu ist, wie Apple seit NeXTStep x86-Builds von Darwin (dem Unterbau von OS X) gepflegt hat und den x86-Wechsel von PPC schließlich 2005 relativ schmerzfrei über die Bühne ziehen konnte, als IBMs Architektur an ihre Grenzen kam. Es ist eine Sicherheit, nicht zuletzt eine ökonomische.

Eine wertvolle Seitenepisode zum Verständnis von Samsungs Macht als größter Android-Gerätehersteller und Googles Kontrollwillen über die Plattform, ist die Spekulation, dass Motorola von Google nicht aus freien Stücken wieder verkauft wurde. Als in 2013 die Gerüchte und Hinweise von Samsung auf Tizen-Smartphones und ‚Wearables‘ stärker wurden, überraschte im Januar 2014 die Meldung, dass Samsung, nach Gesprächen mit Google, die eigenen Modifikationen an der Oberfläche zurückfahren und stattdessen auf mehr Apps und Dienste von Google setzen wolle. Einen Tag später wurde berichtet, dass Google Motorola wieder verkaufen wolle. Man sei ja nur an den Patenten interessiert gewesen. – Gar nicht daran, durch einen eigenen starken OEM im Fall des Bruches mit Samsung wenigstens einen Hersteller unter voller Kontrolle zu haben, der die eigene Android-Vision umsetzen und den man im Ernstfall durch die eigene Werbeplattformen stark pushen könnte.
Hier geschah ganz klar ein Deal. Beide Seiten sind extrem argwöhnisch voreinander: Google sieht seinen größten und daher wertvollsten OEM taktisch mit eigenen Apps und Diensten zündelnd drohen, Samsung sieht sich immer weiter unter einem Plattformdiktat, das es ihnen a) erschwert, durch ‚Mehrwertdienste‘ an ihren Geräten noch zusätzlich Geld zu machen, b) Unabhängigkeit unmöglich macht, sondern c) in absolute Abhängigkeit zu Google treibt. In Anbetracht dessen, dass Samsung gekuscht hat und seine Anpassungen in Folge schrittweise zurückgenommen hat – und dass Google durch den Verkauf von Motorola bei Beibehalten der Patente quasi kein Risiko eingegangen ist – sieht es nach außen aus, als ob Google hier einmal, mit größter Vorsicht, bei Samsung auf den Tisch gehauen hätte.

3 – Proprietarisierung in Häppchen
Für Android wartet Google auch noch den alten kargen AOSP-Browser, weil sie, nach eigener Aussage, einen freien Browser in Android erhalten wollen und Chrome proprietär ist (es gibt kein „Chromium“ für Android, nur die Engine, aber nicht die Oberfläche). Dasselbe Spiel läuft seit einer Weile mit vielen Apps: Die Bildergalerie soll durch G+ Fotos abgelöst werden, die proprietär ist, auch die AOSP-Kamera wird nicht weiterentwickelt, die haben sie geforkt und nennen das proprietäre Produkt nun Google Camera. Die AOSP-Music-App wurde seit Jahren nicht angefasst, nur noch die proprietäre Play-Music-App wird weiterentwickelt. So geht es auch bei Lollipop nun mit E-Mail und Kalender weiter: Sie lassen den alten AOSP-Mailclient fallen und integrieren dafür IMAP in die proprietäre Gmail-App. Analog betritt ein Google Calendar die Bühne. Diese „Chrome-ification“, wie sie in der Szene genannt wird, betrifft sogar bereits den Launcher: Ab spätestens Kitkat wurde dieser proprietär geforkt und integriert nun die Google-Suche auf der linkesten Spalte. Ein Google-Fork bedeutet jeweils gleichzeitig, die freien Komponenten nicht weiterzuentwickeln. Über kurz oder lang müssen OEMs (und Geeks) die Nutzung der freien Komponenten einstellen, oder sie mit mehr Aufwand selber weiterentwickeln.

Damit macht Google seinen OEMs das Leben schwer, denn die können nun nicht mehr einfach die hübsch von Google gewartete und weiterentwickelte AOSP-Kamera-App anpassen, sondern müssen eine eigene schreiben, die auch noch mit der aktuellen Systemversion kompatibel ist. Das erhöht die Entwicklungskosten signifikant und führt tendenziell dazu, dass OEMs den Aufwand scheuen und gleich auf Googles proprietäre Apps setzen – womit dann auch die Google-Dienste wieder mehr genutzt werden und in Googles Idealvorstellung die Plattform für ihre Nutzer unersetzlich wird.
Ziel ist es, Marktmacht bei sich zu zentralisieren. OEMs, die keine Play-Services-Verträge mit allen Lizenzbedingungen unterschreiben, bekommen die guten Apps nicht – Android wird für sie dadurch gewissermaßen ausgemergelt. Googles härteres Vorgehen lässt sich als direkte Reaktion auf die Android-Forks von Amazon („FireOS“) und Xiaomi („MIUI“) ohne Play Services verstehen.
Wir können nur darauf hoffen, dass CyanogenMod und Co. ausreichend Ressourcen finden werden, um die AOSP-Teile als freie Software weiterzuentwickeln, woran sie auch bereits sitzen.

Google ist deswegen nicht gleich ‚evil‘, aber das Unternehmen will eben mit seiner Plattform Geld verdienen und ungern durch Drittfirmen, die darauf aufbauen, die eigene Relevanz an Markt verlieren. Das ist sogar noch auf einer menschlichen Ebene nachvollziehbar.
Ein kleines schmutziges Detail ist hier der Machtkampf, der sich die letzten Jahre offenbar innerhalb Googles zwischen Andy Rubin, dem Gründer des ursprünglichen Android-Unternehmens, und Googles Führern ausgetragen hat. Rubin soll sich jahrelang für die Unabhängigkeit von AOSP eingesetzt haben, sich gegen die Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen gewehrt und auch die Motorola-Übernahme nicht gutgeheißen haben. Dann wurde er gegangen. Ausgerechnet Sundar Pichai, der Projektleiter des Chrome-Teams, der sich wiederholt für die Proprietarisierung von Komponenten ausgesprochen hatte, ist auch zum neuen Kopf der AOSP-Entwicklung berufen worden. Zwei Monate zuvor wurde im Google Campus eine metallene Android-Statue montiert.

4 – Warum „Chromifizierung“?
„Chrome“ ist mehr als der Webbrowser des Unternehmens, den sie primär aus strategischem Antrieb entwickelt haben, um nicht Mozillas Suchmaschinen-Standardeinstellung-Verträgen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Die Kontrolle über nutzerfreundliche Privatsphäreeinstellungen zu erhalten, ist ein willkommener Bonus. „Chrome“ ist mittlerweile eine Marke, die von mehr Nutzern direkt mit Google assoziiert wird als „Android“. „Chrome“ ist der Weg für Google, Nutzer tatsächlich an seine Dienste zu binden, bei denen ihnen schon im Vornherein klar ist, dass sie es mit Google zu tun haben, was einer direkteren Bindung entspricht.

Unter „Chromifizierung“ sammelt die F-/OSS-Community Strategieentscheidungen Googles, die der Chrome-Philosophie folgen und damit der Idee eines offenen Webs und offenem Systems widersprechen. Auf Android bezogen wäre das die oben angesprochene Vernietung von AOSP mit den proprietären Play Services, die durch raffinierte OEM-Verträge de facto ein vernünftig nutzbares AOSP ohne Play Services für alle Seiten ausschließt. Im Webbereich wird häufig die gefühlte Trägheit der Google-Dienste Gmail, YouTube und Co. in Firefox kritisiert, die bisweilen Mutmaßungen einer Absicht zulässt. Googles Vorstoß mit seinen „Chrome Apps“ ist eine ganz besonders deutliche Verletzung der Prinzipien des offenen Webs. Chrome Apps sind weniger Webseiten als Anwendungen, die nur in der Chrome-Runtime laufen. Mit Webtechnologien wurde eine Parallelplattform auf Basis von Chrome-APIs geschaffen – übrigens das Gegenteil dessen, wie Mozilla bei Firefox OS vorgeht. Googles Strategie entspricht damit mit frappierender Ähnlichkeit dem Credo „Embrace, Extend and Extinguish“, mit dem es Microsoft zu gerechter Berühmtheit bei den Kartellbehörden gebracht hat. Dabei darf nicht die wachsende Relevanz von ChromeOS vergessen werden. Noch weiter gedacht fragt der Analyst Benedict Evans in einem klugen Text: „This however leads to a deeper Android question – what will Google be offering in 5 years? Will we, say, be buying Chrome phones on which Android is a legacy run-time?“

Chromifizierung ist das äußerliche Darstellen als offen, obwohl innerlich Stein um Stein der proprietäre Grenzwall errichtet wird. Niemand hat die Absicht…

5 – Absoluter Kontrollwillen
Der Plattform-Branch „Android Wear“ ist nicht einmal freie Software. Android Wear ist ein proprietäres Produkt, basierend auf internen Forks von AOSP, die Google dank seiner Apache-Lizenz nicht öffnen muss. Alles, was Google bisher von Android Wear offengelegt hat, sind einige Happen modifizierter GPL-Code von Drittprojekten. Dasselbe gilt im Übrigen für Android Auto und Android TV.

Hier zeigt sich an einem Glanzbeispiel die Notwendigkeit von radikalen Copyleft-Lizenzen wie der GPL – die Google wie der Teufel das Weihwasser meidet. So nutzen sie sogar grundsätzlich bei AOSP die „Bionic“-Tools statt eines GNU-Userlands. Damit zeigen sie sich prinzipiell bereit, ihre Plattform bis in die Systemtools komplett zu proprietarisieren.
Der Linux-Kernel unter GPL 2 entzieht sich ihnen dabei, aber selbst der wäre durch ein BSD-Derivat austauschbar, Apple zeigt mit XNU auf iOS und OS X, dass das mit genügend Mitteln machbar ist. Dass Google den Schritt ginge, zeichnet sich momentan zwar noch nicht ab, ist aber technisch wohl leichter umsetzbar, als man meinen mag, wenn man sich vor Augen führt, dass kaum etwas bei AOSP typischen Linux-Protokollen entspricht. Von der Interprozesskommunikation, über den Display-Server, zu den Schnittstellen für GPU-Treiber – alles oberhalb des Linux-Kernels ist Googles Süppchen. – Bis heute noch in den essentiellen Komponenten mit freiem Rezept.

Aber so beunruhigend sich all das anhört: Letztlich zeigt es, dass das Prinzip freie Software bei AOSP bislang funktioniert und da lohnt es sich, die Sache mal aus der radikalen F-/OSS-Perspektive von Glyn Moody zu betrachten.
Nun will Microsoft in CyanogenMod investieren. Dass sie sonderlich viel Einfluss auf das Projekt haben werden, bezweifle ich, sie wollen offensichtlich vor allem Google ans Bein pinkeln. Für Normalnutzer und uns freiheitsliebende Nerds ist das im Endeffekt ein Geschenk.