Von Esprit und Analyse

Ich habe ein Hochstapler-Syndrom: Wenn andere in kürzester Zeit eine passende Antwort mit spontanem ‚Esprit‘ geben, werde ich abgehängt. Ich muss nämlich nachdenken, Wörter finden, und alles am liebsten aufschreiben.
Ich bewundere die Begabung zu Esprit wirklich sehr. Da unterschätze ich dann, dass meine Antworten oft durchdachter und tiefdringender sind. Und fühle mich als Hochstapler, weil ich analysiere, statt aus frischem Esprit zu konstatieren. Vielleicht auch, weil es nicht sozial kompatibel ist.
Dass nämlich ich zu tiefer Analyse und besonderer Introspektion fähig bin, steht gegen die Analysen der Espriter, die ihre direkten Thesen unter den Bedingungen einer wahren Anforderungssituation hauptsächlich nur ausformulieren werden. Mag das nun frech und angeberisch klingen: Doch es geht mir hier nicht um Lernstoff, sondern vor allem um Fragen von komplexer sozialer Dynamik und Vorgeschichte. Darauf mit Esprit – und Witz! – zu reagieren, wird belohnt, eine Analyse zu starten sanktioniert.

Ziel ist mir nicht, zwei Denkarten und wahrscheinlich sogar Wesenstypen gegeneinander auszuspielen. Sondern Ziel ist mir, dem Analysten seine verdiente Anerkennung zukommen zu lassen. Eine, die er zwar akademisch erhält, aber nicht sozial und als seine individuelle Denkweise hat das größte Bedeutung für die emotionale Wahrnehmung des eigenen Gruppenstatus. Selbstverständlich sind die wahren Genies denn auch gesegnet mit beidem: Pikanter Esprit, auf Darlegungsbitte mit differenzierter Einordnung.

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