Die Entdeckung der Gender-Dekonstruktion

Ich hatte nie den engsten Kontakt mit Mädchen. Durch meine Art der Freizeitgestaltung war kein sozialer Austausch gegeben. Nur in der Schule bin ich ihnen begegnet. Neben viel eigenen Näherungsunsicherheiten hielten mich auch die Gruppenbildung und Ausgrenzungsfaktoren ab, mich mit ihnen intensiver austauschen zu können und mehr über ihr Wesen zu erfahren. Ich hätte zwar gewollt, sah aber nicht wie. Es schien unmöglich zu sein. Die offensichtlichen äußeren Unterschiede, die mir nicht nachvollziehbaren Vorlieben für eigentümliche Verhaltensweisen, sie mussten im Kern verwurzelt sein in einer völlig anderen Art Mensch. Dieses völlig andere Geschlecht.
Bei den Jungen habe ich keinen Anschluss gefunden. Zu wenig gemeinsame Interessen, zu verschiedenes Seelenleben. Ich sehnte mich nach qualitativem Austausch. Ich wollte reflektieren, ich wollte über mich lernen, ich musste Vorkommnisse verarbeiten. Gerne wollte ich mich mit etwas anderem als mir selber beschäftigen und sehr gerne hätte ich mit wem anderen als mir selber etwas erlebt. Mein emotionales und soziales Befinden lag auf seinem vorläufigem Tiefpunkt.
Dann hab ich langsam verstanden, dass das nicht hätte sein müssen. Viel zu spät. Als ich langsam begriff, dass der ‚Unterschied‘ nur kulturell geschaffen wird – und dass ich ihnen sogar charakterlich und emotional öfter ähnele als Kerlen – war ich ernstlich schockiert. Und da war ich schon über 18!

Es geschah durch Podcasts, die kulturwissenschaftliche Themen angesprochen haben. Aber in der Bestätigung vor allem durch Twitter. Als ich das erste Mal von der Genderforschung gehört hatte, hat es mein Weltbild zerrüttet. Nichts hat mich darauf vorbereitet. Parallel folgte ich auf Twitter immer mehr jungen Frauen, die authentisch, ohne die Maskenschau eines Facebook und Co., aus ihrem Leben erzählten. Auch für Frauen bot Twitter mit seiner Halb-Anonymität einen neuen Rahmen: Keine Vorwürfe zur Promiskuität, keine soziale Ächtung der weiblichen Lust, offene Äußerung eigener Wünsche, Bedürfnisse und Ängste, dazu in der deutschen Szene eine besondere Frauensolidarität. In meiner selbstgewählten Filterblase war es mir damals noch ungewohnt, so Persönliches von Frauen zu lesen. Intimes, was sie bewegte, wie sie ihre Meinung bildeten. Beinahe ungefiltert. Nie zuvor kam ich so nah an ihre Gedankenwelt heran.
Es ist zwar traurig, dass es für mich Twitter sein musste, aber die Plattform hat mir enorm dabei geholfen, zu verstehen, wie gleich wir sind – dass Geschlecht am Ende ein kulturelles Konstrukt ist. Eine beliebige Kategorie. Viel trauriger aber ist: Mir ist wohl so viel Freude entgangen. So viele potentielle Kameradinnen, die engere Freunde hätten sein können als Kleine-Pausen-Gesprächspartner. Da war immer dieses ‚awkward‘ in der Luft, dieses „Wir können ein bisschen reden, aber wir sind eigentlich grundverschiedene Menschenarten“. Das war nur – nur! – kulturell konstruiert und hätte nicht sein müssen! Das ist eigentlich eine Form von kulturellem Rassismus.

Wenn man beginnt, sich in das Thema einzulesen, findet man Erstaunliches. Da gibt es die biologische Dimension des Sexus: Die Chromosomenpaare, die Geschlechtsmerkmale… Die manchmal gar nicht so eindeutig sind und deren Aussagekraft über den Körper und den Charakter eine Mär ist. Judith Butler stellt gar die Legitimität der Kategorie gänzlich infrage und ordnet sie dem Gender unter.
Es ist spannend festzustellen, dass das, was bei uns so verschieden wirkt, sich eigentlich sehr ähnlich ist und sich aus denselben Zellen entwickelt hat. Nach Aristoteles: Sie haben eine andere Entelechie. Exakt so liegt etwa das Verhältnis bei Klitoris und Eichel, sie sehen sogar ähnlich aus. Sie sind dasselbe Organ, nur in anderer Form! Zudem besitzen auch Männer Milchdrüsen und können unter speziellen psychischen Umständen sogar etwas Milch produzieren – das hat mich total begeistert! Meinen ‚Brüsten‘ fehlt demnach nur ein unter bestimmten emotionalen Bedingungen produzierbares Hormon und ich könnte auch stillen! Der Wahnsinn!
Komplett überrumpelt hat mich auch zu erfahren, dass es keine biologische Jungfräulichkeit gibt. Die biologische weibliche Jungfräulichkeit ist eine kulturelle Erfindung! Den Mythos des Zustandes hat sich das Patriarchat als Unterdrückungsstruktur und als Handelswert seiner Frauen ausgedacht!

Die Genderforschung war für mich ein Disruptor. Kein Unterricht in der Schule hat mich darauf vorbereitet, es wurde ab und zu etwas von Gleichberechtigung erzählt, aber stets, über die ganze Schulzeit, die binäre Gendertrennung bekräftigt. Es wurde uns nie gesagt, dass wir gleich *sind*. Dass ‚Geschlechter‘ keine Rolle spielen, weil sie zum größten Teil kulturelle Konstruktion sind. Performativ ‚getan werden‘.
Die Gendertheorie ist ein Thema, das so durchgängig ein Faden sein sollte wie die fächerübergreifende Behandlung des Nationalsozialismus, weil es so grundlegend wichtig für unser Zusammenleben ist.

Der Denkansatz, den ich empfehle: Penis, Brüste und Vagina nicht als sublim aus dem Wesenskerns herauswirkende Distinktionsmerkmale wahrzunehmen, sondern als ‚Feature-Set‘. Die Menschlichkeit als Wesen zu erkennen. Weitere Aufklärung zu nicht-heteronormativer Sexualität, wie sie einige Bundesländer planen, ist schon ein wichtiger Schritt, um die Genderwahrnehmung zu entkrampfen: Denn lieben darfst du jeden, egal, was du unten hast – womit das Verhältnis zwischen den ‚Geschlechtern‘ entproblematisiert werden kann, denn auf einmal (im idealisierten Fall) spielt das biologische Geschlecht wirklich keine vorwiegende Rolle mehr, sondern die persönliche Anziehung. Woraus weiter resultieren würde, dass sich soziale, gesellschaftliche, visuelle Abgrenz-Codes durch Vermengung auflösen, denn sie erfüllen keinen Zweck mehr.

Ich habe in der Kursstufe noch einige positive Erfahrungen gemacht. Vorsichtige und mutige. Für die noch weniger kontaktintensive Uni war das zu wenig praktisches Wissen.
Ein Aufruf, der mir darum sehr am Herzen liegt: Wenn ihr in einer Position seid, in der ihr mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, dann sprecht dieses Thema mit ihnen doch mal an. Das Bewusstsein für Genderkonstruktion könnte in der Gesellschaft so unermesslich viel Gutes bewirken. Für jede_n.

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