Frumble201

Ich habe Angst. Ich nehme nicht am gemeinsamen Reifen meiner Gleichaltrigen teil, bin aber gleichzeitig so depressiv, dass ich mich auch nicht besonders mit anderen großen Themen beschäftige. Sehe ich so.
Weder lese ich dicke Romane, programmiere, bin ein Linux-Crack, designe, interessiere mich groß für Naturwissenschaften, spiele ein Instrument, spiele Theater, schreibe Gedichte, oder lerne Tolkien auswendig.
Ich sitze daheim, mache meine Hausaufgaben viel zu selten selbst, lese Twitter, vielleicht noch ein paar IT-Nachrichtenseiten, microblogge selbst, höre seltener Musik, sehe Filme, lese immer mal wieder Esoterik, Philosophie und etwas Weltliteratur, und reflektiere meine Gedanken.
Dieses Geständnis hier abzugeben, hätte ich mich vor einem Jahr und vor meinem Microbloggingbeginn noch nicht getraut.
Ich habe Angst um meine Reife. Große. Ich weiß nicht, wo das mit mir hinführt. Andere, die auch wenig für die Schule machen, und andere, die sich auch so selten in Gesellschaft wie ich befinden, beschäftigen sich zumindest, sind sie intelligent, noch mit gewissen Bereichen in extremer Form. Ich nicht. Ich kann mich mit nichts Erreichtem von mir identifizieren, kann auf fast nichts von mir stolz sein.
Es ist mir oft, als sei ich zu intelligent, wahrlich zu “reif”, um mich auf Dinge einzulassen, mich für sie voller Herzen zu begeistern, oder sie konsequent zu verfolgen.
So, als wüsste ich zu viel, als sähe ich, unbewusst und ohne Anstrengung, geradezu instinktiv, zu weit auf den kommenden Verlauf. Ganz komisch.1
Zu viel offenbar, um ein erfülltes Leben zu führen. Gleichzeitig fasse ich es dann nicht, wie dumm und einfältig ich bin, oder mich eben dadurch so verhalte. Es ist ein ambivalentes Gefühl, ich weiß nicht, was ich von mir denken soll, ist das nun extreme, katastrophal fehlgeleitete Intelligenz, oder große Torheit, und wo ist da noch der Unterschied?

Nicht mal im Microblogging, wovon ich sagen könnte, ich betreibe es exzessiv, bin ich wirklich gut. Meine überschaubare Follower-Anzahl macht mir dabei nicht so viel aus; ich bin mit meinem Stil unzufrieden. Es gibt viele, die nicht weniger sensibel als ich zu sein scheinen, und sich ebenfalls in ihrer aktuellen Lebenssituation unwohl fühlen, aber sie bringen trotzdem noch eine irre Sprachpoesie, Beobachtungsleistung und Realphilosophie auf die Reihe. Das ist dann wieder das, wo ich mir Vorwürfe mache.

Ich weiß, dass ich ziemlich intelligent bin, aber ich nutze die Gabe nicht, und was bringt mir ungeübte Intelligenz; sie muss geschliffen werden durch das Leben zu einem funkelnden Edelstein. Ehrlich, ich sehe das so, dass ich die letzten Jahre verschenkt habe, mich mental und emotional weit nicht so weit entwickelt habe, wie es in meinen Möglichkeiten gestanden wäre – ich muss auch so hart zu mir selbst sein und zugeben, dass ich nicht für alles meine unglückliche Schulsituation verantwortlich machen kann, die hängt dabei mit einer ganzen Menge zusammen, aber ich hätte viel früher aus der Lähmung erwachen können.
Wie ich in meinem Schulleidensbericht2 schon erzählte, habe ich die dritte Klasse wiederholt und bin seitdem mit einen Jahr Jüngeren zusammen. Das Prekäre liegt dabei darin, dass ich außerhalb der Schule nicht unter Menschen bin, die Schule also der einzige Ort ist, an dem ich in Sozialkompetenz und Charakter eine Lernmöglichkeit habe (ein sehr ungünstiger Ort; wie ich *dieses* Jahr langsam mitbekam, verhalten sich junge Leute außerhalb der Schule komplett anders).
Nun ist es so, dass ein Jahr einen großen Unterschied in Intellektsentwicklung ausmacht, ein Gebiet, auf dem ich sowieso weiter als so einige bin. Wir haben also keine gleiche Basis im Verstehen und Auffassen von Dingen, aber sie sind dafür weiter in allem Nachaußentragenden. Eine komische Situation, wenn man das so bedenkt. Es führt dazu, dass mir mein Verstand nicht möglich macht, quasi verbietet, ihren gewöhnlichen Weg des Aufbaus von Kompetenzen in den Gebieten nachzumachen (denn um Selbstbewusstsein, Charakter und stützendes Ego in jungen Jahren aufzubauen, braucht es immer eine bestimmte Verengung und Verkrümmung des Sichtfelds).

Da ich mich dort auch noch zusätzlich in meinen Schulleistungen als schlecht empfinde (→an diesem Ort also, an dem ich Sozialkompetenz und Charakter lernen könnte; erkennt ihr meine Verbindung?), kommt als psychisches Gesamtergebnis ein erwürgender Minderwertigkeitskomplex heraus. Hinein spielt, dass mir durch meine Reflexionsgabe allzeit klar ist, wie falsch ich mich verhalte, wie wenig ich weiß, und was von mir erwartet wird. Der Hauptgrund meiner Depression. Wäre das Bewusstsein darum nicht, ich könnte wenigstens als großes Arschloch noch glücklich leben.

Mein bester Schulfreund seit vier Jahren, der herausragend gut im Leben steht, und an sich markant clever ist, spielt hier auch eine Rolle. Er hat mir sehr oft, bewusst oder unbewusst, ehrlich und ohne Beschönigungen, ganz sachlich meine Unfähigkeiten aufgezeigt, wofür ich ihm dankbar bin, aber dann, das werfe ich ihm vor, mich meistens einfach auf den Erkenntnissen sitzen lassen, ohne mir psychisch zu helfen (wenn auch ich nicht wüsste, wie genau man das könnte, aber vielleicht einfach mit etwas mehr Sensibilität…).
Was er sagte, davon spürte ich, dass es stimmte.
So jemanden Speziellen dann in der eigenen Klasse zu haben, bei dem man die Reifeprozessprozedur in quasi Zeitraffer miterleben kann, zog mich runter und nahm mir Motivation (auch ganz sicher, weil ich gewisse Dinge eindrücklicher verstand als andere). Für meine so kleinen Schritte bekam ich dann, gerade von ihm, was mir wichtig gewesen wäre, weil ich so viel von ihm halte, auch äußerst wenig Lob, was mich weiter niedergeschlagen machte. Das ist schlicht eine ungünstige Zusammenstellung. Ich wage die Behauptung, dass es solche Höhenflieger-Ego-Reife-Typen lange nicht in jeder Klasse gibt, ich hatte hier einen echten “Nachteil”; natürlich ergeben zusammen mit meinen Minderwertigkeitskomplexveranlagungen.

Die Depression geht so weit, dass ich mir viele, viele Dinge da draußen nicht zutraue, dass ich mich für *unwürdig* für eine Menge Dinge halte, mich auf manches nicht konzentrieren kann, selbst wenn ich es will. Da wird das allgemeine Unterlegenheitsgefühl zur Depression.

Mein Gott, ich bin 18! Was gibt es nicht für weitentwickelte 18-Jährige da draußen; ich habe weder Selbstbewusstsein, noch wahren echten Charakter, noch ein (stärkendes und stützendes) Ego. Ich bin eine Null.
Ich habe mich die letzten sechs Jahre in die Parallelwelt der IT verkrochen, sie fast vollständig mein Leben ausfüllen lassen, habe mich tumb machen lassen, bin geflohen vor dem Leben und seinen Herausforderungen, nahm mich oft nicht wahr als freier Geist mit Selbstentscheidungsprivileg, ließ mich in nebliger Wonne apathisch treiben von meiner Tagesbeschäftigung, nicht handeln zu müssen, nicht an mich zu denken, nicht um mich, vergessen können, immer allein, daheim in meinem Zimmer, sechs Jahre, dabei immer mit der dumpfen Ahnung, ja schon in diesem zugeflüchtetem Asyl quälend störend, da ist noch mehr, da ist noch viel mehr in dir.
Was andere als ihre minderjährige Jugend erlebten, da las ich IT-Nachrichten, dokterte an meinen Betriebssystemen herum, und hatte Verständigungsprobleme in der Schule. Bis zur neunten Klasse lässt sich darauf mein Leben reduzieren. Dann mit dieser Klasse und meinem 16. Lebensjahr wurde es besser, ich erkannte zunehmend meine Möglichkeiten und begann, sie zaghaft auszutesten. Doch dann kam etwas, was mir über ein halbes Jahr lang alles düster vernebelte, die zehnte Klasse, in der es lag, war die schlimmste meiner bisherigen Schulzeit (ihr hab sicher schon eine Idee, was so was auslösen könnte). Als ich mich aus der geistigen Klammer entwand, begann ich immer mehr zu verstehen, aber Handeln vermochte ich noch nicht.
Das wird jetzt die Zeit werden, ich will es anpacken, ich will mein Leben ändern, ich will es glücklich machen, und jetzt bin ich fähig dazu.
Und das ist mir so viel Bewusstes, ich weiß gar nicht, wo anfangen.

Um wieder den Bogen zu schlagen zu der Angst um meine Reife und Entwicklung: Oft spüre ich Gedankenblitze aufkommen, die ich beachten, verarbeiten, bearbeiten und Resultate nutzen möchte, aber mir fehlen dazu Informationen, gesellschaftliche, verhaltensbezogene, soziale, mir fehlen sogar Wörter, und ich bleibe mit stotterndem Motor verloren und hilflos in dem Versuch zurück. Man kann das auch so formulieren, dass ich meine Eindrücke nicht in Ergebnisse oder Ausdrücke zu überführen vermag. Meine Intelligenz ist wesentlich höher als meine Reife, das spüre, und das belastet mich seit langem.3 Es macht mich tief unglücklich. So, jetzt ist das raus.

  1. Das macht es auch schwer, Wörter dafür zu finden – ich weiß es aus einem inneren Gefühl heraus, es ist erst mal keine Logik, die Logik darin muss ich erst selbst suchen und dann versuchen, allverständlich zu vermitteln. (Wobei hier nun gefragt werden darf, ob jene mit viel Anstrengung gefundene Logik alles ist, oder nur das Offensichtlichste, ob in manchem Gefühl nicht ein allumfassendes Verständnis liegt: das irritiert mich, denn wenn ich tiefer in diesen Eindrücken bohre, erkenne ich mehr Details, Beweggründe und Zusammenhänge der Menschen, wie aus einer ewigen Quelle, es gibt selten ein Stopp, es ist ein Denkmodell, das sich aus der Rationalität heraushebt -  es ist, als lägen die Informationen in mir, nicht in den Dingen – die Diskussion, die sich nun hierüber wieder auftut, lasse ich mal aus.) []
  2. Für die Stelle im Schulleidensbericht suchen nach “Was ich vor allem in der Schule bräuchte” []
  3. Bitte bekommt das mit der Intelligenz nicht in den falschen Hals, ich will nicht angeben und habe auch durch meine objektiven Leistungen keinen Grund dafür, aber ich muss das hier in dieser deutlichen Form schreiben, weil es stets vernachlässigter Part des Problems ist. []

Wer mir auf Twitter oder über status.net folgt, bekam seit einem Jahr enorm viel von mir mit, aber hier auf meinem Blog wurde es immer stiller.

Nun bin über was hinweg gekommen, glaub ich.
Ich will wieder schreiben.

Ich will wieder schreiben, es tut mir gut. Die Person, die mich so lange blockierte, soll keine indirekte Macht mehr über mich haben.
Sie hatte zu nicht geringem Teil indirekt über zwei Jahre das Programm meines Blogs bestimmt – jetzt hab ich das überwunden und bin wieder geistig frei.

Ich habe mit diesem Blog durch brutale Selbstdisziplin immer wieder meine Grenze überschritten und die Latte höher gelegt, aber zu welchem Preis? Für die kläglichen zehn dieses Jahr veröffentlichten Beiträge habe ich viel zu viele Stunden gebraucht, meistens über Tage hingeggezogen. Das kann man auch anders machen. Davon abgesehen, dass diese letzten Beiträge sehr komplexe Introspektionen erforderten und waren (horrendes Beispiel), und mehr wissenschaftliche Auseinandersetzungen als Blogbeiträge, glaube ich, lässt sich das Sprachniveau auch mit weniger Bemühen erreichen, setzt man sich nur häufiger mit Schrift auseinander.
Das möchte ich probieren: Mehr schreiben, und daran evolutionär wachsen, nicht mehr in revolutionären Sprüngen, wie ich es bisher unter großen Gehirnverrenkungen tat. Das ist der bessere Weg und auch der Weg, durch den man eher total lernt, als beim revolutionären, bei dem man sich meist auf seinen einen Text und dessen steife Bedingungen verengt. Durch den evolutionären Weg kristallisiert man mit der Zeit situationslosen Charakter (und kein “System” wie beim revolutionären) aus seinen Anlagen, er ist viel mehr natürlich, er ist der Lernweg des Lebens.

Ich bin mit meinem Blog an einem Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht. Ich will das so nicht mehr.
Recht häufig bekomme ich kleine Ideen für Blogbeiträge, die ich aus Mangel an “Tiefe” und “Relevanz” nicht weiter verfolge. So habe ich viele Dinge, die mir auf dem Herzen lagen, verdrängt. Ich habe mich auf diesem Blog in einen wahnsinnigen Selbstanspruch getrieben, der letzten Endes nur der verzweifelte und verstörte Wunsch war, jemandem zu gefallen und etwas umzuschreiben.
Jetzt habe nicht mehr die Absicht, damit vor wem Bestimmtes zu imponieren oder mich zu beweisen, was es einfacher macht, über Kleinigkeiten, Banalitäten, kompaktere Gedanken und Erlebnisse zu berichten, ganz nach Lust. Ich habe vor, den Blog neu zu erfinden.

~Hiermit lege ich den zwanghaften Brutal-Perfektionismus ab und sage mich von ihm los~

Ich mache mir zur Zeit, auch gerade wegen Twitter, viele Gedanken darüber, wie und warum ich so viel Privates und Intimes von mir ins Netz stelle.
Ich habe wenig Freunde, im realen Leben verdammt wenige. Microblogging ist eine Strategie von mir, “unter Menschen zu kommen”, und auch völlig neue Charakterbilder kennen zu lernen, denen ich im normalen Leben niemals begegnet wäre.

Auf Twitter, fällt mir immer stärker auf, möchte ich mich als tolle Person darstellen und möglichst viele “Freunde”, Sympathisanten, um mich scharen (was sie mir geben und was ich ihnen zurückgebe ist noch mal eine ganz andere Geschichte, die mir auch zuweilen schlechtes Gewissen bereitet).
Ich fühle mich alleine, möchte nette Antworten, möchte doch im Grunde nur mit *Freunden zusammen sein* – das ist es. Ich gebe in naher Verzweiflung so viel von mir preis, damit sie mir näher sein können, und damit mir jede ihrer Reaktionen näher vorkommt.
Das ist so traurig, ich will da was an meinem Leben ändern.
Ich schreibe auch allgemein zu viel auf Twitter. Nur wirklich verdammt Guten mit so viel Tweets wie ich über den Tag folge ich selber, meinen Account wollte ich mit diesem ganzen gelangweiltem Geplänkel eigentlich keinem Fremden zumuten. Ich will schauen, wie ich das verbessern kann.

Was kommen wird, ist auch ein neues Blog-Design, dazu hatte ich noch nicht die Zeit und werde sie mir noch eine ganze Weile lassen, denn so was will gut gewählt sein. Das jetzige dumdum-Thema hielt hier mit der Umbenennung von WinLux-Blog auf Frumble201 im Juli 2008 Einzug und jetzt ist es Zeit für etwas Neues.

An meinem Schreibstil muss ich weiter arbeiten. Wenn ich z. B. @verdachtsmoments Twitter-Account und Blog lese, und sie ist erst 16, wird mir ganz anders. Der muss nicht nur besser werden, der muss auch natürlicher und schneller werden. Den Handlungsbedarf seh ich da so herb, weil Schreibenkönnen noch eines meiner kleinen raren Stolzreliquien ist.

Ich will jetzt also versuchen, nachdem ich es jetzt kann, keine so große Selbstdarstellung mehr zu betreiben, sondern meine Texte ohne unterschwellige Angeberei (die ich aus Unsicherheit nötig hatte, im Grunde rede ich mir selbst dabei etwas ein) für sich sprechen zu lassen.

Die kommenden Beiträge auf diesem Blog werden erst mal noch Verarbeitungen von Themen sein, die mich schon lange Zeit belasten und die ich endlich rauslassen möchte. Danach wird es hier dann Formatänderungen geben.

Langsam erkenne ich, was mir wirklich wichtig ist, wo meine Stärken liegen, und was meine Herzenswünsche sind. Ich möchte in stärkerem Bewusstsein leben, glücklich werden, ich möchte darauf zuarbeiten.

Ich will mich neu erfinden,
Ich will mein Leben verändern und fange mit meinem Online-Leben an, weil das einfacher ist.

Ich möchte mehr gute private Blogs ohne Tech-Zeug lesen und dafür Tech-Zeug aus meinem Feedreader rausschmeißen. Überhaupt, mein Feedreader ist eine Katastrophe: So ungelesen, dass ich ihn schon kaum mehr öffne.
Ich will mehr Bücher lesen.
Ich will vom Autor wieder zum Blogger werden.

Ich möchte vieles ändern.
Parallel zu dem hier Genannten will ich versuchen, das auch außerhalb des Internets und meines Zimmers zu tun.

Das ist ein Neustart und ich begrüße euch bei meinem Versuch eines erfüllteren Lebens.

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