Es kam der Wunsch auf, mal Einblick zu gewähren, wie ich diese Texte schreibe. Die Schultexte waren seit Dezember 2008 die aufwändigste und die mir nahegehendste Ausarbeitung, und so liegt es doch nahe, es an ihr jetzt mal zu betrachten.
Ja, und ich nutz das auch gleich, um mich hier ein bisschen selbst zu loben, bevor ich den ganzen Aufwand, der das war, wieder vergesse.
Die Texte waren von der ersten Idee an, wahrscheinlich Mai, als Großprojekt geplant. Ich wollte mir alle Systemwut, allen Schmerz, allen Kummer von der Seele schreiben, wollte es endlich für mich mal exakt in Worte giesen.
Mitte Mai, glaube ich, fing ich an, mir erste Notizen zu machen. Notizen mit Gedankenfetzen, Ideen, Dinge, die mir in den Sinn kamen. So mach ich das bei diesen Großprojekten: Ich schreib mir alles auf, was mir einfällt, alles, später erst wird dann geordnet, verwertet und nichtverwertet.
Dann lies ich wegen zu viel emotionalen Schulstress (insbesondere Zentrale Klassenarbeiten) die Weiterarbeit an den Schultexten ruhen, raffte mich mit Müh und Not aber zum Ende des Schuljahres noch mal dazu auf, weil mir das Thema so wichtig war, und dann sammelte ich gute 5 Schulwochen Gedanken, während der Schule und vor allem Nachts im Bett.
Bin ich von so einem Projekt überzeugt, geht das Stoffsammeln von ganz alleine, leider eher in den unlieberen Momenten wie im Bett und (diesmal) in einigen Fächern, während ich nur schwierig etwas fachfremdes notieren kann (hauptsächlich wegen dem Tempo des Faches). Da wurden Mathe- und Bio-Heftränder vollgekritzelt, und auch die letzten drei Seiten meines Schulblocks setzte ich dafür ein.
Ich habe es mir seitdem zur Angewohnheit gemacht, überall hin ein quadratisches Notizzettelchen und meinen Lieblingskugelschreiber mitzunehmen, im Bett habe ich schon seit über einem Jahr einen Notizzettel an meiner Seite.
Meine letzten Blogprojekte brauchten länger für die Stoffsammlung, als man sich vielleicht denkt; aber ich weiß ja nicht, was man sich denkt, wenn man das so sieht…
Die meisten letzten Beiträge waren von so persönlicher Gefühlstiefe, dass ich sie nicht mal eben runterrazzen konnte. Die Herausforderung, die eigentliche Arbeit, ist die Stoffsammlung, das Zusammensetzen ist nur Knobelei, auf vollkommen anderem Niveau.
Ich habe so einen bunten Gefühlstrahl in mir, wenn ich an bestimmte Themen denke. Nacheinander, durch Zufall, fasse ich Gegenstände daraus in Begriffe. Ich fühle, ob da noch etwas ist, was ich nicht erfasst habe, und so lange bin ich nicht zufrieden. Ich beginne erst mit der “Postproduktion”, wenn ich das Gefühl habe, meine Gedanken zu einem Thema komplett erfasst zu haben.
Dazu eine kleine “Anekdote”: Ich bin da recht zwanghaft, Ende Mai, in den Pfingstferien, hatte ich die Idee zum Nationalstolz-Artikel. Ich fand das ein sehr interessantes, wichtiges und aktuelles Thema und sammelte ein wenig. Aber bald wurde es mir richtig stark zu wider, ich weiß nicht, warum. Ich habe es fast gehasst.
Aber ich hatte mir vorgenommen, als nächsten Artikel den Nationalstolzartikel zu veröffentlichen, das musste einfach so sein, ich musste das hinbekommen, weil es wichtig, gut war, verdammt! Aber ich hing fest! Ich konnte nicht weiterschreiben, es widerstrebte mir so sehr!
Konsequenz: Ganze zwei Monate kein neuer Blogartikel.
Dazu kam die Vornahme mit der Schulauseinandersetzung: Ich nahm mir streng vor, zu erst den Nationalstolz-Artikel und dann den Schultext zu veröffentlichen.
Mitte der Sommerferien (!!) (etwa Mitte August) spornte mich diese zwanghafte Selbstvornahme und Selbstdisziplin an, mich, sehr widerwillig, wieder dem Nationalstolz-Artikel zu widmen. Die Botschaft, die ich mit ihm rüberbrachte, ist übrigens schließlich auch eine ganz andere geworden, als die, die ich ursprünglich hatte.
Um noch ein Element einzubringen: In den letzten Schulwochen bekam ich das Bedürfnis, noch ein weiteres Thema auszuführen, das, was heute noch als Artikel veröffentlicht wird. Schon zu Beginn der Ferien machte ich mir dazu einige Notizen und das sah bald schon recht vielversprechend aus, was mich dann zusätzlich etwas anspornte, diesen verhassten Nationalstolz-Artikel zu einem Ende zu bringen. Die beiden bearbeitete ich dann parallel (was einfach bedeutet, dass mir zu beiden durcheinander Ideen, Begriffe einfielen) und schließlich hätte ich den heute noch veröffentlichenden Artikel noch vor dem Nationalstolz-Artikel online stellen können (er war schon ziemlich gut, aber durch die lange Wartezeit konnte er dann noch mal an einigen Stellen stark reifen). Da dieser jedoch die “neueste Idee” war, stellte ich ihn hinten an. So wurde dann am 29.08. Nationalstolz reloaded, am 07.09. Schule. und am 09.09. Schule. Ein Leidensbericht. veröffentlicht. Den Text, den ihr hier gerade lest, ist übrigens eine Spontanidee und anders als diese sonstigen Artikel relativ geradlinig, wie man sich das so vorstellt, runtergeschrieben. Dass er noch vor dem nächsten heute zu veröffentlichen und direkt nach den Schulausarbeitungen kommt, liegt daran, dass er eben das “Making Of” dieser Ausarbeitungen darstellt und dazugehört.
Zurück also zu den Schulausarbeitungen.
Ich nahm mir noch zur Schulzeit vor, sie zwei Wochen vor den Sommerferien fertig werden zu lassen. Ich hab dann aber auch gemerkt, dass ich das unmöglich leisten kann, eben weil ich noch bei weitem nicht die Farbpalette meines Kopfes dazu begrifflich gemacht habe.
In den Ferien schob ich die Arbeit auch schier endlos lange vor mir her, ich meinte wohl, das sei nicht mehr viel Aufwand und auch wollte ich mich jetzt nicht mit der Schule beschäftigen. Als ich mich dann dazu zwang, nach Veröffentlichen des Nationalstolz-Artikels, wurde mir doch sehr schnell klar, dass das eine noch nie dagewesene Stoffmenge, Vielschichtigkeit, teilweise Paradoxie und Komplexität war und verlangte.
Die für mich neue Herausforderung war es bei dieser irrsinnig langen Sammlung von Gedanken, sie auf ein Mal zu einem Text zu verarbeiten. Bisher entwickelte ich längere Texte anders: Es gab Immer einen Faden, immer die aktuelle Baustelle und was mir sonst noch einfiel, kam in die Gedankensammlung, die später verarbeitet wurde, aber ich habe sonst immer progressiv geschrieben. (Wer die Megabildversion zum Entziffernversuchen will: Klick)
Elf Seiten Gedankenteile zusammenzuführen ist äußerst schwierig, man braucht einen Überblick darüber, muss wissen, was man hat. Ich musste, wenn man so will, die elf Seiten in meinen Arbeitsspeicher laden, um sie zu indizieren. Das geht nicht mit schnell darüberlesen, sondern ist ein langwieriger Prozess, praktisch ein Auswendiglernen, bei dem ich immer wieder mal Abschnitte las, sie im Kopf frisch machte, weiterlas und nach und nach assoziieren konnte. Selbst, wo das ja alles von mir selbst geschrieben wurde, ist das in dieser Menge ein ungeheures Stück Arbeit.
Zum ersten Mal musste ich mir ein Arbeitssystem ausdenken; das war der Wechsel von der chaotischen in die systematische Arbeit.
Bald sah ich, dass ich bei dieser Länge unbedingt Kategorien mit Überschriften benötigte. Bisher hatte ich nur selten Kategorien benutzt, diesmal ging ich sogar noch weiter und erstellte Unterkategorien. Um auf die nötigen Kategorien zu kommen, brauchte ich eine halbe Stunde. Das war dann auch der Punkt, an dem ich mir überlegte, es in einen objektiven, schulsystemkritischen, und einen subjektiven, gefühlsbetonten Teil aufzuteilen. Das Prinzip hat zusätzlich noch den Vorteil, dass ich, sollte ich einmal Probleme damit bekommen, den Leidensbericht einfach passwortschützen, und somit vom Netz nehmen kann, ohne die mir ebenfalls sehr wichtige allgemeine Schulkritik den interessierten Besuchern zu verwehren.
Dann brauchte ich über fünf Stunden, um die Gedanken in die Kategorien zu ordnen und in die zwei Teile zu trennen. Um selber nicht den Überblick zu verlieren, benötigte ich ein eigenes Inhaltsverzeichnis. Es waren zeitweise mehr als drei Textfenster gleichzeitig offen.
Der erste objektive Teil war schwerer als der zweite persönliche.
Den zweiten arbeitete ich im Wesentlichen von unten nach oben aus, das erschien mir leichter. Ab dem Ordnen brauchten beide Ausarbeitungen zusammen noch etwa zehn Stunden Zeit.
Es war ein tolles Glücksgefühl, als ich endlich zufrieden mit mir und der Ausarbeitung war.
Ein paar Zahlen:
Meine Stoffsammlung hatte elf Seiten (in OO.o kopiert) komprimierte Gedanken. Führt euch das vor Augen: Elf Seiten Stoffsammlung! Das meiste waren Mini-Absätze von zwei Sätzen, dazwischen aber auch schon größere, die ich dann fast ohne Änderungen gleich übernehmen konnte. Jedenfalls war es gigantisch.
Der fertige erste Schulteil zählte (kopiert) fünf Seiten, der zweite stolze neun. Da Wordpress aber nicht mehr als eine Leerzeile zwischen zwei Absätzen erlaubt, sind es ohne diese zusätzlichen – noch mal zum Erfassen und zur Ästhetik eigentlich sehr dienlichen – Zeilenabstande im ersten Teil vier und im zweiten acht Seiten. Wie man’s auch anschauen will, das ist eine ganze Menge.
Übrigens schreibe ich diese Bettzettel, selbst wenn ein Projekt nicht “akut” ist, fast täglich ab. Das “täglich” ist dabei einfach wichtig, weil meine Schrift auch für mich in dieser Rumfizzellei zu 30% unleserlich ist und ich die Zettel eigentlich nur dadurch abschreiben kann, indem ich mich beim Sehen der Schnörkel erinnere, was ich dabei empfunden habe und so wieder auf die Sätze komme, oft.
Für alle meine Projekte nutze ich das geniale Desktop-Wiki Tomboy. Es ist äußerst angenehm, auf den Notizzettel im oberen Gnome-Panel zu klicken oder Alt+F12 zu machen, eine Liste mit den aktuellen Notizzetteln zu bekommen, durch einen Klick und ohne weitere Ladezeit einen zu öffnen, einen simplizistischen Texteditor zu haben, der ein paar Formatierungsoptionen kennt und alle Notizzettel als Wiki untereinander verlinkbar und durchsuchbar macht, und der automatisch speichert. Das ist echt cool. Gibt es mittlerweile übrigens auch für Mac OS X und Windows. Kann auch auf WebDav synchronisieren und bald kommt auch ein selbsthostbarer Webdienst dafür.
Ja, das sollte ein kleiner Einblick in die Produktion so einer Ausarbeitung geworden sein. Ich hoffe (für mich), dass ich es in nächster Zeit nicht mehr für nötig erachte, so viel Aufwand aufzubringen und mir selbst oft so blöde Selbstversprechensvorwürfe zu machen. Das war diesmal wirklich nicht schön. Zum Ende habe ich es aber doch geschafft, und das sogar noch in den Sommerferien.
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