Wir Deutschen geben klar zu, dass es mit unseren Nationalstolz nicht sehr weit her ist. Wir haben ihn verloren mit Ende des Krieges und der Aufarbeitung unserer Taten darin.
Italien und Russland haben ihre Kriege weit nicht so aufgearbeitet wie wir. Sie haben keinen Selbstwertschaden erlitten. Wir dagegen forschten unnachgiebig nach, so weit, dass wir uns seitdem für unsere Nationalität schämen, und wenn nicht, zumindest viel Kraft aufbringen müssen, um uns nicht von der Scham überzeugen zu lassen (»Ich hatte damit nichts zu tun«).
Das Schlechte siegt über das Gute? Oder ist der Nationalstolz schon das Schlechte, das durch noch mehr Schlechtes offenbart wird?
Ginge es nur um Gründe, stolz auf Deutschland zu sein, dann fielen mir da einige Dinge ein, die es hervortun und mir gefallen:
Deutschland ist einer der Hauptfinanziers Europas. Eine Frau ist unsere Bundeskanzlerin.
Wir haben eine gute Regierung. Sie hat Konzepte entwickelt, der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken und wir haben ein momentan konfuses und ungerechtes, aber zumindest garantiert funktionierendes Sozial- und Gesundheitssystem.
Wir bekommen Netzsperren für Seiten mit Kinderpornografie (kleiner Scherz).
Wir nörgeln und regen uns über die Politik auf, das zeigt, wir Bürger haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben; und wir sind interessiert an der Politik.
Die deutsche Sprache ist eine äußerst „begriffliche Sprache“, exakt und präzise. Sie unterstützt Wortzusammensetzungen (›Donaudampfschiffskapitänsmütze‹). Vertritt man die Sapir-Whorf-Hypothese, nach der der Wortschatz und die Grammatik einer Sprache einen kausal zwingenden Einfluss auf das Denken nehmen, so kann man annehmen, dass das auf uns gewisse Auswirkungen hat.
Wir haben ein Land mit nur wenig Rohstoffvorkommen, sind aber dennoch Exportweltmeister. Um das zu erreichen liegt es ganz klar: Unser eigentliches Gut ist unser Können.
Wir sind das Land der Dichter und Denker, „geborene Metaphysiker“ wie Verne in „Von der Erde zum Mond“ schreibt. Damit kann ich mich identifizieren.
Das weltberühmte „Made in Germany“ ist ein Prädikat für hohe Qualität, Durchdachtheit und Robustheit.
Unsere Fernsehsender, staatliche wie private, haben ein Designniveau, wie ich es noch nirgends anders gesehen habe. Ich möchte meinen, unsere Fernsehanimationen und -Grafiken, das Corporate Design der Sender, sind Weltspitze. Was sie produzieren, sieht wirklich ästhetisch, frisch, angenehm, modern aus und nervt nicht (!!). Die Intros zu etlichen Shows und Sendungen sind künstlerische Meisterwerke, die man erst schätzen lernt, wenn man mal das Ausland erlebt. Bei unseren Nachbarländern ringsherum kommt mir der deutsche Entwicklungsvorsprung mitunter wie mehrere Jahrzehnte vor; und vom graulichem effekthaschendem und hektischen amerikanischen Fernsehen braucht man gar erst anfangen.
Auch in der Technik, und was mir hier noch besonders am Herzen liegt, in der IT mischt Deutschland ganz weit vorne mit.
Das Frauenhofer und das Max Planck-Institut zählen zu den mir am geläufigsten Einrichtungen, aus denen kontinuierlich Innovationen und wegbereitende Forschungsergebnisse hervorgebracht werden. So sind der mp3- und AAC-Codecs zu einem großen Teil deutsche Entwicklungen!
Wir haben SAP, neben IBM und Oracle der größte Firmenintegrationssoftwareentwickler weltweit.
Eine ganz erstaunliche Anzahl der Drittanbietersoftwareentwickler für den Mac sind Deutsche – und dann, was ich damals irre fand: Als Mitte 2006 die Public Beta von Windows Vista freigegeben wurde, gab es sie in Englisch, Chinesisch und Deutsch! Weltweit, für das Austesten und Fehlerfinden eines neuen Betriebssystems bedachte Microsoft als dritten von drei die deutschsprachigen Länder! Wenn das mal nichts über unsere Signifikanz in der IT aussagt!
Übrigens war der Zuse Z3 1941 der erste funktionsfähige (und programmierbare!) Digitalrechner – der erste Computer!
In der privaten Internetanbindmöglichkeit ist Deutschland unter den besten Ländern Europas, wir bekommen hier in Städten mit DSL 16.000 und VDSL 50.000 schon vergleichsweise sehr schnelle Leitungen (in den USA ist man da, so weit meine Kenntnis, im Allgemeinen und Schnitt eher auf DSL 2.000-Niveau unterwegs).
Wir haben hier eine gigantische Anzahl an Geeks – auf unsere Landesgröße relativiert – und eine im sonstigen nicht-englischen Raum unvergleichbare Anzahl an IT-Nachrichtenseiten, Foren, Wikis und computerbezogenen Blogs. Man stößt zu IT-Themen in keiner anderen Sprache nach Englisch mehr so oft so viel auf lesenswerte Seiten aller Art (Problemlösungen, Forendiskussionen, Artikel, Blogs, Podcasts) als im Deutschen – in manchen Extrembereichen ist es für den „Rest“ Gang und Gebe, sich deutsche Seiten maschinell übersetzen zu lassen, um an die benötigten Informationen zu gelangen.
Wir haben die zweitgrößte Wikipedia geschaffen, ist das nicht krass? Und die *beste*, denn die deutschen Nutzer erstellen Artikel mit Verstand und Ordnung. In Chaosradio Express hieß es einmal (aus dem Kopf, unkontrolliert), dass „die deutsche Wikipedia die heimliche wahre Wikipedia ist“. Wir haben selbst solche hohen Ansprüche an uns, unsere Gründlichkeit und unseren Stil, dass so ein bombastisches Werk dabei herauskommen kann. Vergleicht doch mal zum Spaß die deutschen Artikel mit den französischen, spanischen, italienischen, oder englischen. Ernüchterung werdet ihr erleben! Was die englische Wikipedia als theoretischen Vorteil hat, dass Englisch die erklärte Weltsprache ist, hat sie auch zum Nachteil, denn viele Artikel sind zwar planlos vollplakatiert mit unbelegten Informationen, aber dabei lässt das allgemeine Stilniveau sehr zu wünschen übrig, eben weil ein Großteil der Autoren die Sprache nicht als Muttersprache beherrscht. Es gibt dort keine allgemeinen Konventionen im Artikelaufbau, viele Texte sind einfach Matsch, unvollständig, begonnen aber gleich wieder abgebrochen. Ulkigerweise trifft man die selben Mängel bei den genannten anderen Sprachen auch in fraglichen Dosen an; hier ist die deutsche Wikipedia ganz klar Top.
Nicht zu vergessen sind auch unsere deutschen Tugenden: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß, Strebsamkeit, Ausdauer, Disziplin, Treue, Ordentlichkeit, Genauigkeit, Gründlichkeit, Protokollismus, Bescheidenheit, Aufrichtigkeit. Zuletzt als nützlich erwiesen haben sie sich beim Wiederaufbau, bei dem in letzter Instanz dann auch die militärisch angelegten preußischen Tugenden ein Stück weit geächtet wurden.
Übrigens habe ich irgendwie das Gefühl, diese positiven und einst weit hochgehaltenen Tugenden heute noch am präsentesten bei uns Württembergern vorzufinden, um hier mal etwas zu feixen. ![]()
Doch Nietzsche sagt ja »Gebet zu Menschen: “Vergib uns unsere Tugenden”«.
Es ist unvermeidlich: Etwas zum zweiten Weltkrieg.
Das ist natürlich ein heikles Thema, aber in dieser Zeit haben wir eindrucksvoll gezeigt, was wir können.
<beliebig lange Distanzierungserklärung von den Nazis>
Wir waren enthusiastisiert, propagandiert und ideologisiert, aber diese Zeit ließ erkennen, was in uns steckt, welches Potenzial wir haben. Die ganze deutsche Tugendpalette kam zum Einsatz. Und bei allem Respekt, was wir damals geleistet haben *war* beeindruckend.
Ich bin überzeugt, dieses Potenzial lässt sich auch für Gutes nutzen.
Da waren Entscheider, Machthaber, Propagandaführer, Ökonomen, das waren ohne Frage intelligente Leute, die leider furchtbar fehlgeleitet waren und wurden. Einmal aus der kalten Sicht des Rationalismus betrachtet, haben diese Menschen Beachtliches geleistet.
Ich bin wirklich der Meinung, der zweite Weltkrieg zeigte auf bedrückendste Weise unser Potential.
Nach Kriegsende schauten alle Länder mit Argwohn und Suspekt auf uns, wie schnell wir wieder emporschossen, uns rehabilitierten. „Wirtschaftswunder“ wurde das genannt, die wirkenden Kräfte in der Bevölkerung waren für Außenstehende geradezu unheimlich.
Unser Protokollismus während des Krieges machte eine bis dahin nicht gekannte Kriegsaufarbeitung möglich. Wir haben ihn aufgearbeitet und verarbeitet, uns in allen Details mit ihm auseinandergesetzt, uns unserer Vergangenheit gestellt. Dabei half uns auch unsere Wahrheitsliebe und Ausdauer. Und da entwickelten wir Scham um unsere Nationalität.
Da wir wissen, dass die anderen Länder nicht wissen, wie sehr wir uns mit dem Krieg beschäftigt haben und Asche über unser Haupt streuen, trauen wir uns keine nationalen Gebärden aller Art, um nicht das »Aha, die Deutschen wieder!« zu provozieren.
Ich bezweifle, dass die Deutschen in den nächsten 100 Jahren wieder zu Nationalstolz finden.
Hinsichtlich der EU möchte man meinen, Nationalstolz wäre dem Projekt nicht förderlich, “Arroganz” könnte keine Länder vereinen. So ist es auch. Doch wir übersehen: Wir Deutschen haben ihn nicht mal in gesunden vernünftigen Maßen. Wir haben ihn gar nicht. Und damit haben wir einen Nachteil bei der Integration, so paradox es klingt. (Für ein besseres Europa bin ich, aber nicht für den vorliegenden Lissabon-Vertrag oder gar eine NWO, erzeugt durch Ängste.)
Mein Vorschlag: Den Begriff nicht in strikter geografischer Nationalität sehen, sondern gelang einer Kulturnation einen neuen finden.
Bei “national” schwingt immer “Regierung” mit, man denkt an Kaiserzeiten und Sprüche wie: »Wo hat Er gedient?«, – und natürlich leitet jeder unserer schüchternen Gedanken an die Politik früher oder später unwillkürlich auf den Nationalsozialismus über.
Was aus dieser Betrachtung folgt, ist dass wir, wenn wir sagen, wir sind Deutsche, nicht an unsere Politik und an unsere Grenzen denken sollten, sondern an das, was unsere Gesellschaft ausmacht und was unsere Denker bisher schon vollbracht haben. Damit verabschieden wir uns von der Nationalität und sehen auf unsere Kultur. Wie wäre es mit, ein Proof of Concept, »Volksstolz«? »Volksvermächtnis«, »Kulturerleben«, »Kulturempfinden«? Mit jedem dieser Wörter lenken wir den Blick auf die Kultur. Denken wir an eine Kulturnation, nicht an eine regierte Nation!
Dort wo unsere Kultur mit ihren urgründlichsten Werten und Kräften erkennbar ist, da lebt das geistige Prinzip der Deutschen. In der Sapir-Whorf-Hypothese steckt sicher ein Kern Wahrheit, wenn ich aber daraus auch nicht folgern will, dass alle deutschsprachig denkenden “Deutsche” in ihrer eigenen Gesinnung sind. Es ist aber einfach dieses Gebiet, diese Zone in Europa, nicht ein spezifisches, mit harter politischer Grenze abgestecktes Land, das „deutsch“ ist.
Aber kommen wir wieder auf die Frage zurück, wie man Nationalstolz als solchen bewerten soll.
Schopenhauer schreibt über Nationalstolz (Aphorismen zur Lebensweisheit; Parerga und Paralipomena – Teil 1):
»Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.«
Ich kann nicht ehrlich stolz sein auf die großen deutschen Wissenschaftler, Schriftstellern, Philosophen, Luther, exzellente Politiker und Künstler. Ich kann nicht auf die Leistungen anderer stolz sein, als wären es meine. Ich kann deren Ideen und Begriffe in mir spüren und sie verbreiten, mich für sie einsetzen und sie unterstützen. Das kann ich, denn ich identifiziere mich persönlich mit vielen deren Ansichten, weiß innerlich, dass sie richtig sind. Ebenso ist mein Verhältnis zu vielen unserer Tugenden, aus irgendeinem Grund liegen sie mir im Gemüte und habe herzliche Freude an ihnen.
Ich beschäftige mich aber auch damit, was bedauernswerterweise ja die überwiegende Anzahl der Bürger nicht tut. Ich habe eine persönliche Beziehung zu den guten Ideen geschaffen und lasse sie durch mich leben und wirken, dadurch fühle ich mich als tief verwurzelte Pflanze, die ebenso neue Blüten hervorbringt; dadurch erst entsteht meine überzeugte Nationalität; als Deutscher. Und so kann ich auch aufrichtig sagen: Ich bin stolz, Deutscher zu sein.
Ist denn das nicht die einzige vernünftige, verständige, vermittelnde und hilfreiche Art, sich national zu fühlen? Wenn man es denn kann, wenn man die Ideen in sich findet, wenn man sich mit ihnen identifizieren kann.
Wie steht ihr zu der Thematik?