Lange Zeit hielt ich mich vom Thema Microblogging zurück. Mir war ziemlich klar, dass wenn ich damit jetzt auch noch anfinge, ich mir eine weitere ›Web-Sucht‹ schaffen würde.

Auf die Idee des Microbloggings kam 2006 Twitter.com, ein Startup von unter anderem Evan Williams, ein Mitbegründer von Blogger.com. Die Idee ist so simpel wie komplex zu erklären: Ein Nutzer schreibt ›was er gerade tut‹ in ein Eingabefeld, hat dafür 140 Zeichen, und ›Freunde‹, die ihn auf Twitter abonniert haben, bekommen diese Zeile auf ihrer persönlichen Twitter-Seite angezeigt. Die Wenigsten schreiben wirklich davon, was sie gerade tun, sondern es sind eher ›in den Raum gepustete Bemerkungen‹, Kommentare und kleine Konversationen. Im Video Twitter in Plain English ist das auch noch mal sehr schön erklärt.
Weil das so alleine langweilig wäre, gibt es auch viele Desktop- und Mobilanwendungen, um auf die Twitter-API zuzugreifen und ›Tweets‹ zu lesen und zu verfassen. Will man auf einem Kommentar antworten, schreibt man den Nutzer mit @Name an, will man nichtöffentliche Direktbotschaften verschicken, schreibt man ein d Name und dahinter jeweils den Inhaltstext.
Wie es sich für ein Web 2.0-Angebot gehört, gibt es kurioserweise noch kein Geschäftsmodell. Twitter sagt zwar, sie hätten eines, das auf zusätzlichen Leistungen basiert, die bald eingeführt werden sollen, sagen aber noch nichts Konkretes.

Twitter ist also eine Mischung aus Chat und Gästebuch, Blog und SMS.
Auch wenn sich das so profan als unglaublich belanglos und öde anhört, ist man doch sehr schnell von der neuen Kommunikationsplattform fasziniert und kommt nicht mehr von ihr los. Beim Nutzen von Twitter bekommt man Einblick in die Privatsphäre und den Alltagsablauf von anderen Menschen und entwickelt dafür eine spezielle Form der Sozialkompetenz, beständiges Interesse für andere, kann sie in ihren Kompetenzfeldern um Hilfe zu bitten, entwickelt Einfühlungsvermögen, Respekt, ›Ambient Awareness‹ und fühlt sich allgemein weniger alleine. ;)

Nun, Twitter hat aber einen ganz großen Nachteil an sich: Es ist ein proprietäres, unfreies, in sich geschlossenes System. Heute spielt sich erneut ab, was vor ± 15 Jahren mit E-Mails war: Nutzer von AOL und CompuServe konnten nur Nutzern ihres eigenen Dienstes E-Mails schreiben, erst später wurde die Einschränkung aufgehoben.

Man macht sich also voll von Twitter, der Twitter-Software, der Twitter-API und von überhaupt den Servern des Unternehmens abhängig. Auch falls der, man ist geneigt, ihn Monopolist zu nennen, seine AGBs ändert und Dinge einbaut, wie beispielsweise von ICQ und Facebook vorgemacht, die dem Anbieter das Copyright (!!) an allen über das System versandten Botschaften einräumen, und er sich natürlich Zensurmöglichkeiten offenhält, ist man weiterhin an Twitter wegen all seinen Kontakten dort gebunden. Haargenau gleich übrigens bei ICQ, Skype und allen sozialen Netzwerken (kommt natürlich darauf an, bei welchem Anbieter das mit nationalen Recht vereinbar ist, in Deutschland etwa sind die Urheberrechte unübertragbar). Denkt auch an die ganz handgreiflichen Nachteile eines zentralisierten Systems: ›Vorprogrammierte‹ Server-Überlastungen, bei Twitter kommt das mehrmals täglich vor.
Das alles birgt eine große Gefahr in sich und widerstrebt mir persönlich als Open Source-Verfechter absolut.

Im Mai 2008 startete ich meinen Tumblelog wegen exakt dem Punkt, dass ich das zentralisierte Twitter nicht nutzen möchte.
An meinem Geburtstag im September schließlich gab ich mir selbst nach und verfiel den Freuden des Systems.

Keine drei Monate später, im frühen Januar 2009, stieß ich auf das Laconica-Projekt. Laconica scheint die Lösung für alle Zentralisierungs-, Vertrauens- und Kompatibilitätsprobleme zu sein, die mit Twitter bestehen. Zwar gibt es eine Reihe weiterer Twitter-Nachahmer, doch diese haben Laconica alle mindestens eines hinterher: Sie sind wieder geschlossene Systeme.
Das unter AGPL stehende freie Laconica wurde 2008 vom Kanadier Evan Prodromou mit genau diesem Ansatz entwickelt, eine Microblogging-Software zu schaffen, die dezentral wie das Chatprotokoll Jabber eingesetzt werden kann. Auf seiner Referenzinstallation (und derzeit noch der der größten) identi.ca kann ein Nutzer nicht nur Botschaften eines identi.ca-Nutzers abonnieren, sondern auch die eines jeden anderen Nutzers eines Anbieters einer Laconica-Installation. Etwa einmal im Monat gibt es ein Laconica-Update, die Weiterentwicklung ist also im vollen Gange. Auf Basis des gemeinsamen und im Rahmen des Projektes entwickelten OpenMicroBlogging-Protokolls, kann auch bereits eine kleine Anzahl anderer Microblogging-Systeme mit Laconica-Konten kommunizieren.
Die meist genutzten deutschsprachigen Installationen von Laconica sind bleeper.de und zwitscher.at, eine Liste mit allen Servern gibt es auf der Laconica-Projektseite.

Noch einige weitere interessante Funktionen, die Laconica von Twitter abheben:

  • XMPP/Jabber-Schnittstelle rein und raus für die ›Dents‹ (›Tweets‹)
  • SMS-Versand der Botschaften
  • OpenID-Authentifizierung (fakultativ)
  • Cross-Posting zu Twitter
  • integrierte Hashtags
  • Gruppen – ist man in einer, bekommt man alle Botschaften von anderen mit !Gruppenname vorangestellt zugeliefert und kann selber so an eine breite Interessensschafft z.B. interessante Links liefern
  • URL-Kürzung mit wählbarem Dienst
  • Mehrsprachige Oberfläche (!!)

Wie Twitter bietet auch Laconica eine API für Desktop- und Mobilanwendungen an, die schon einige ›Twitter-Clients‹ implementiert haben, man also wie aus einem Chat-Programm heraus schreiben und lesen kann.

Warum bringe ich den Artikel jetzt? Ich möchte die Menschen so schnell wie möglich auf die reale Twitter-Alternative aufmerksam machen. Es ist höchste Zeit und nun nötig, dass sich da etwas bewegt. Wir wollen keinen Monopolisten auf dem Gebiet Microblogging – die meisten ehemaligen strammen Twitter-Konkurrenten sind eingegangen, weil sie nur ihr geschlossenes Netz kannten und wenig Nutzer hatten.
Aktuell ist die ›Marktsituation‹ so: Auf Laconica treiben sich Tech-Geeks und Nerds herum, speziell aus dem Open Source-Umfeld. Auf Twitter sind Blogger, Podcaster, leider noch die allermeisten Geeks, und der ›Mainstream‹.

Wer (außer mir ;) ) noch großen Einfluss hat, sind Zeitungen. Viele bieten Twitter-Feeds und manchmal Twitter-Aktionen an. Auch die Betreiber von Gewinnspielen, bei denen man etwas über Twitter posten muss, um mitzumachen, wären ein gutes Vorbild für das Laconica-Rollout. Ich finde es sogar für diese ›Mächtigen‹ ein journalistisches und freiheitliches Armutszeugnis, nur einen Anbieter, und eben den geschlossenen zu unterstützen.

Dann sollten die ganzen Web-Twitter-Tools Laconica-Konten lernen irgendwie zu unterstützen. Diese Drittanbieterwerkzeuge für Twitter machen denke ich einen signifikanten Teil des Langzeitspaßes von Twitter aus.

Es muss jetzt etwas passieren. Facebook hat Twitters Kernfunkionalität auch schon als ›Status‹ kopiert und jetzt muss schnellstmöglich Laconica bekannt gemacht werden, ehe Facebook – und das tut es allen Ernstes hierzulande schon bei Über-40-Jährigen – auf dem Gebiet der Quasi-Standard wird – und vor einem Facebook als Microblogging-Monopolist habe ich noch sehr viel mehr Angst als vor Twitter.

Nun, die Technik ist da, die Seiten sind da, die Benutzer kommen langsam und ihr könnt neue begeistern! Schaut euch mal bleeper.de an, registriert euch, macht es euch profiltechnisch gemütlich und schaut ein wenig umher, wen ihr interessant findet zu ›connecten‹ und macht vor allem mehr Leute auf das Laconica-System aufmerksam. Microblogging ist keine Randgruppenerscheinung mehr und als solche darf es dafür nicht nur einen zentralen, proprietären und übermächtigen Anbieter geben!

Linkempfehlungen ;) :
Meiniges Bleeper-Profil
, Twitter-Profil und eine Podcast-Episode zum Thema vom Hackerfunk.

Update vom 10. September 2009:
Laconica wurde umbenannt zu Status.net. Man kann auf der gleichnamigen Seite eigene Status.net-Installationen anlegen, vom Prinzip her gleich wie WordPress-Installationen auf wordpress.com, oder sich die gesamte Software herunterladen und selbst installieren. Nicht verwirren lassen. Weiterhin gibt es natürlich Bleeper.de, Identi.ca und die anderen Laconica/Status.net-Seiten, da ändert sich überhaupt nichts.