Märchenlesung mit Sauerstoffmangel
Den vergangenen Spätabend war ich mit meiner Mutter in einer Lesung Christian Brückners des kalten Herzens von Wilhelm Hauff im Kubus in Nagold als ein noch ausstehendes Geburtstagsgeschenk. Es war davor nicht geplant, hier darüber zu berichten, heute wollte ich eigentlich über den ersten Tag meines Berufspraktikums bei 21TORR schreiben, aber das da erscheint mir als ebenso berichtenswert.
Wie ich von der Agentur nach hause kam, hatten wir nicht mehr viel Zeit, zu essen, meine Mutter ist auch gerade erst gekommen und so reichte es nur noch für Toastbrote mit Streichkäse (keine Ahnung, wie sie auf diese schräge Kombination kommt). Mir war ziemlich klar, dass mir das nicht reichen wird und ich ernsten Hunger mitbringe, sagte das auch mehrfach im Auto, aber die Zeit bis zu Beginn der Veranstaltung reichte einfach nicht mehr. In Nagold angekommen, fragten wir uns mühsam durch das Städtchen bis zum Kubus durch, fanden ihn, betraten ihn, und sahen nur noch alte Leute. Die Zeit hätte dann noch locker gereicht, nach der Platzbelegung noch einmal aufzustehen und uns/mir draußen etwas zu essen zu suchen, denn die Theke des Veranstaltungshauses schankt nur Getränke aus, nicht einmal Brezeln hatten sie, aber das wurde mir ausgeredet, an die genaue Argumentationskette kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich sagte meiner Mutter eindringlich, nachdem ich versucht hatte, das Programmheft zu lesen und zu verstehen: “Ich bin hungrig und ich habe Durst. Ich kann mich so nicht konzentrieren. Und wenn ich nur etwas trinke, bekomme ich wohl noch mehr Hunger und muss womöglich noch auf’s Klo.” Subber war dann so richtig, dass die Senioren um uns sich nicht nur fesch rausgeputzt hatten, sondern auch hingebungsvoll parfümiert. Vor mir saß ein Mann mit Glatze, der roch (oder stank) so nach dem Zeug, dass es eine echte Zumutung war. Dann war auch die gesamte Hallenluft nicht der letzte Schrei, wäre das viele Parfüm nicht gewesen, hätte ich mir zugefächert.
Die Lesung begann. Herr Brückner hat zweifelsohne eine beeindruckende Stimme und man kann ihn dabei auch noch gut anschauen, seine Haltung kommt sehr anmutig herüber. Die Ankündigung, das Stück ginge 90 Min, geteilt in zwei Parts à 45 Min mit 15 Min Pause, rief ich mir immer und immer wieder ins Gedächtnis – “Es gibt Hoffnung!”. Ich spürte auf dem Stuhl, wie ich sehr schlapp wurde, immer öfter die Augen schloss (denn es gab ja auch im Grunde nichts zu sehen) und nach geschätzten 15 Min schlief ich ein. Einen eigen-relativen Augenaufschlag später reckte ich schon wieder den Kopf, aber gleich musste ich feststellen, dass ich einen Zeitsprung in der Lesung gemacht haben musste, da sprachen Personen, die noch gar nicht eingeführt worden waren und es ging um Problemlösungen, deren Auslös-Zwänge mir komplett fremd waren. Ich nahm es zur Kenntnis und versuchte, den Faden wieder zu finden. Mein erster Gedanke war zwar echt der traurige “Das ist jetzt aber nicht wie in der Schule hier?! Das kann doch nicht sein?! Ich war doch aufmerksam!”, doch das erschien mir dann auch, meinem strahlenden Selbstbewusstsein sei Dank, zu unrealistisch. In der Pause fragte ich sofort meine Mutter, ob ich geschlafen hätte, und sie bejahte das auf “geschätzte 20 Min” und dass sie mich nicht habe wecken wollen, weil ich so unauffällig schlief und sie befürchtete, dass ich laut würde, wenn sie mich weckte.
Ich war weder vor der Lesung recht müde, noch danach, was war da nur los? Wie schon gesagt war die Hallenluft schrecklich vorverdaut und das radikale Parfümzeug lag darin. Ich schätze mal ganz stark, dass ich eingeschlafen bin, weil ich zu wenig Sauerstoff abbekam. Eine gewagte These, aber dahinter stehe ich. Wie das der Rest der Mannschaft ohne Ohnmachtseintritte verkraftete, ist mir zwar ein Rätsel (wie war das mit, das Gehirn verbrauche ~20% des ins Blut geleiteten Sauerstoffs…? Ist meins so exzentrisch im Einsatz gewesen, dass man Teile hat stilllegen müssen, um den Körper nicht zu schädigen? *höhö*), aber die saßen auch nicht alle hinter diesem Wahnsinnigen, der vielleicht nicht nur den Sauerstoff verscheuchte, sondern auch Giftgase injizierte.
Begleitend, oder “unterbrechend” zur Lesung spielten zwei Saxophonisten, ein Fagottist und ein besonderer Schlagzeugkünstler mit einer Glasorgel und diversen Holzkästchen, der exzellent war. Bei diesen drei Blasinstrumenten habe ich immer das Gefühl, ich höre eine Audiodatei mit zu geringer Bitrate, das Vibran scheppert so derb mit. Und was die spielten, meine Güte… Als Kenner von Filmmusik fühlte ich mich andauernd in der falschen Oper, wenn die Musik wieder mal so gar nicht passend zur Lesung war, z.B., wenn man es gerade von einem Raum voller pochender Herzen hat: “Dudeldidudeldidumdumdidudel…” Das mag ja “anspruchvollste klassische Musik” sein, wie der Bürgermeister (?) zu Beginn betonte, aber mich hat sie mehr aus der Geschichte herausgerissen, als sie intensiviert. Das Werk soll es im Frühling 2009 auch auf CD geben, von, und ich schreibe es rückwärts, weil mir bewusst ist, welche Zerstörgewalt Blogs haben, noitide legi-ees. Die Aufführung war ihre Premiere eines Stückes für Erwachsene und die (einzige?) Live-Premiere dessen vor Publikum.
In der Pause war dann meine Mutter unwillig und zu unflexibel, schnell etwas zu essen mit mir zu suchen (boah!). Könnte ich auch theoretisch alleine, aber dann hätte ich keine Uhr, erst mal kein Geld und ich taumelte nach dieser Luftinhalation eh erst mal nur umher. In der zweiten Hälfte nach der Pause suchte ich mir einen Platz in der Empore über den unteren Stuhlreichen und dort war glücklicherweise auch direkt ein Belüftungsloch in der Decke, es ließ sich also aushalten.
Nach der Lesung sah ich außer mir nur noch zwei Mädchen, die wohl nicht so alt waren, wie sie aussahen, der Rest war sicher 40+.
Dieser Vorfall hat mich sehr mitgenommen, wenn man mich chemisch an meinem Körper angreift, ist absolut Schluss. Ich bin es gewohnt, dass ich außernormale mentale Kontrolle über meinen Körper habe, mit so was wird sie mir genommen. Soll mir das irgendwelche Grenzen aufzeigen…?
Für die Zukunft kann mich das lehren, dass wenn ich gleich schon spüre, dass ich mich in einem Raum nicht wohl fühle, ich sofort eine Lösung für mich suchen sollte.
| Dieser Beitrag wurde von Frumble am 3. November 2008 um 23:10 veröffentlicht und unter Tagesblog abgelegt. Du kannst allen Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 folgen. Du kannst eine Antwort schreiben oder einen Trackback von deiner eigenen Seite hinterlassen. |
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vor 3 Jahren
Ich glaube, diese Lösung solltest du wirklich immer gleich suchen. Das geht ja nun mal gar nicht, in so einem voll parfümierten Saal da zu sitzen und einer Lesung zu zu hören. Die Aussage deiner Mutter, dich nicht wecken zu wollen, damit du nicht laut wirst, ist aber auch klasse
vor 3 Jahren
Wiedermal ein toller Beitrag und ein tolles Jahr zu Ende! Ich wollte mich bei Dir für die unterhaltsamen aber auch informativen Beiträge bedanken und wünsche dir ein Frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Ich fahre jetzt erstmal in Urlaub! Bis denne…
vor 3 Jahren
Also ich würde es dort nicht aushalten. Ich mag es sowieso nicht so gerne, wenn man in einem Saal sitzt und es keine Fenster gibt oder der Raum nur sehr selten gelüftet wird. Das ist nicht gut für die Konzentration und es ist nun mal so, dass die Menschen einen Eigengeruch haben und dieser verbreitet sich dann eben im Raum. Frischluft ist da schon wirklich wichtig.
Deine Mama ist allerdings echt cool drauf das muss man schon mal sagen. Meine Mutter hätte mich da voll ins offene Messer laufen lassen. Das wäre bestimmt sehr peinlich für mich gewesen.