Die neuen HTML 5-Spezifikationen schlagen vor, dass es einen einheitlichen Video (und Audio?)-Standard geben sollte, den alle Browser ohne Zusatzprogramme unterstützen sollten. Da fallen einem einige Formate ein, die dafür in Frage kämen: WMV, DivX, XviD, H.264. Das Problem bei diesen Codecs ist, dass sie alle lizenziert werden müssen, wegen zu offensichtlicher MPEG 4-Implementation stellen die freien XviD-Entwickler sogar nur den Quellcode ohne Binärdateien auf ihre Seite (ein ähnliches Problem haben die Entwickler des freien mp3-Encoders LAME).

Nun sollte also ein alternativer lizenz- und softwarepatentfreier Codec gefunden werden, den die Browser-Hersteller implementieren können. Der erste, an den man da denkt, ist ganz klar Theora (seit kurzem vielleicht auch noch Dirac/Schrödinger, aber den konnte ich noch nicht testen), zusammen mit Vorbis als Audio-Codec und am Besten Ogg, OGM oder Matroska als Containerformat. Theora entstand aus dem einst proprietären Codec VP3 von On2, und wird von freien Entwicklern der Xiph-Fundation entwickelt, der von On2 dazu unwiderrufliche Lizenzen zur Nutzung der entsprechenden (On2-eigenen) Patente eingeräumt wurden. Der Codec ist also lizenz- und “patentfrei”, erst mal. Das ganz große Problem ist, dass massig Trivialsoftwarepatente in den USA eingereicht wurden und man heute keinen neuen Codec mehr entwickeln kann, ohne gegen einen Haufen davon zu verstoßen. Ein Glück, dass wir das auf absehbare Zeit nicht in der EU haben werden. Theora muss dutzende Softwarepatente umschiffen, kann unter anderem deshalb auch B-Frames, eine Technik, auf die jeder Microsoft-Entwickler innerhalb einer Arbeitsstunde kommen würde, nicht implementieren. Trotzdem macht der Codec eine sehr gute Figur, Tests von mir mit einer schon veralteten Version (Alpha 7) erreichten bis auf Artefakte im Schwarzbereich, die aber bei der aktuellen Beta 2 deutlich zurückgegangen sind, praktisch H.264-Niveau, auch wenn es die Welt nicht wahrhaben will.

Nokia meldete sich Ende 2007 von einer Reihe anderer “finanzstarker Großunternehmen” (ich sehe da vor allem Apple und Microsoft als die heimlichen Mitstreiter, die im Internet jeweils ihre eigenen Formate durchsetzen möchten) vorgestoßen als erstes: Man sei bei Ogg Theora nicht vor “U-Boot-Patenten” geschützt, jenen Trivialpatenten, deren Eigentümer sich erst melden, wenn sie mit der Verklagung von den pösen Nicht-Lizenzierern was für sich herausholen können. Das ist richtig, aber der Chef der Xiph-Fundation entgegnet, dass es auch bei H.264 das Problem gäbe und die MPEG LA, die Lizenzen vergibt, sogar schon eindringlich warnt, dass es “möglicherweise” Patente gäbe, die nicht ihnen gehörten, die aber auch auf H.264 angewendet werden könnten. Er führt fort, dass etwa Samsung und Microsoft auf Ogg Theora setzen (Microsoft, so unglaublich es klingt, in Xbox 360 und Windows-Spielen) und damit die Rechtssicherheit schon von so großen Unternehmen bestätigt wurde. Ach, und die Union hinter Nokia wünscht sich auch einen Codec mit DRM-Möglichkeit. Jetzt wurde Ogg Theora aus dem HTML 5-Entwurf gestrichen. Subber.

Hier kommt Sun ins Spiel, die Firma, die sich nicht richtig entscheidet, ob sie nun Open Source will, oder nicht, und wenn doch, wie weit sie gehen möchte. Sie haben eine Arbeitsgruppe zusammengestellt, die einen Codec mit (Code-?)Namen “OMS” auf Basis des 1990 vorgelegten H.261 mit Vorbis für Audiospuren und vermutlich dem hauseigenen, irgendwie freien, DRM-System DReaM zurechtfrickeln soll. Sie begründen ihre Wahl auf H.261 damit, dass sein 17-jähriger Patentlaufzeitraum abgelaufen sei und es somit patentfrei sei, man wolle es aber noch ein bisschen “aufmotzen”, bei dieser Arbeit aber unter strenger Kontrolle darauf achten, dass keine neuen Patente verletzt würden, was, wie ich schon ausführte, unmöglich geworden ist, denn man kann auch nicht mal schnell alle Video-Codec-Patente greppen, diese Trivialpatente lesen sich mitunter wie “Übertragung digitaler Video-Streams über TCP/IP”. Und H.261 war die Vorlage des 1991 vorgestellten MPEG-1; erinnern wir uns, das wurde auf Video-CDs eingesetzt. Und davon die VORLAGE.

Bei so viel Dummheit musste ich laut und gequält aufschreien. Was will Sun damit erreichen? Einen historischen Schrott-Codec als Grundlage für einen Standard in Browsern für Online-Videos einreichen?! Mit einer Entwicklungszeit von nur wenigen Monaten, damit er es noch in HTML 5 schafft?! Hä?! Sogar Adobe setzt jetzt bei Flash 9 auf H.264, um die allgemeine Qualität seiner weit verbreiteten Flash-Videos zu erhöhen. Das W3C hat mit dem Nachgeben gegen die Nokia-Union die einzigartige Chance verspielt, Adobe in seinem Marktmonopol bein Online-Videos zurückzuweisen. Jetzt bleibt nur noch die Hoffnung auf ein innovatives und starkes Microsoft Silverlight 2 – hinter dem ich absolut stehe, weil es Microsoft ausreichend offen gestaltet und Novell bei einer Linux-Version unterstützt; und wir brauchen auch einen Konkurrenten zu Animierter-Webseiten-Technologie (wie sie Flash bisher als einzige bietet), – die würde uns Ogg Theora nicht bieten.
Ich mutmaße, Sun möchte sich mit seinem seltsam anmutenden Engagement mit OMS nur wieder einmal in der Web-Entwicklung als immer noch großer Player darstellen, nachdem der “Hype” um Java versiegt ist. Was da rauskommen wird, wird absoluter Technikmüll sein, und höchstens aus Mitleid und Mitspiel-Willen vom W3C für HTML 5-Browser vorgeschrieben werden. Wobei sie das eigentlich nicht nötig haben, ihnen gehört seit Februar 2008 MySQL, aber das scheint noch nicht in alle Abteilungen durchgedrungen zu sein.
Übrigens: Opera zeigte schon 2007 auf einer internen Technikdemo einen eigenen in seinen Browser eingebetteten Ogg Theora-Player und überlegte, wann sie ihn in die offizielle Version mitaufnehmen sollen.

Nachtrag vom 07. August 2008: Firefox 3.1 bekommt vorläufig auch ohne die entsprechende HTML 5-Spezifikation den Video-Tag und native Ogg Theora-Unterstützung, Opera wird auch noch dieses Jahr eine Gold-Version mit Video-Tag und Ogg Theora herausgeben. Bleiben Microsoft mit dem IE8 (die sagen, sie werden keine Tags einer noch unfertigen Spezifikation implementieren – dabei muss man wissen, dass sie erst endgültig in die Spec aufgenommen werden, wenn es ein paar Implementierungen gibt) und Apple mit Safari, das sein eigenes Süppchen kocht, à la: “Bääääh, wir haben aber QuickTime und H.264, wir werden kein freies Format unterstützen!” Google Chrome bekommt Theora sehr wahrscheinlich auch schon bald, aber den Browser seh ich nicht so sehr als ein Benutzerprodukt, wie als Technikdemo des Machbaren – gerade deswegen gehe ich davon aus, dass Theora bald Einzug halten wird.