Ab gestern haben wir zwei Wochen Osterferien und für der letzen Schultag wurde von der Schülermitverantwortung ein “Schwof” organisiert. Die bunten Flugblätter enthielten außer in reißerischen Tönen seltsam anmutenden Versprechen und dem Ort und der Uhrzeit keine weiteren Informationen dazu, was es eigentlich genau werden sollte. Nachdem ich mitbekam, dass einige Mitschüler kommen wollten, dachte ich mir, es wäre eine Chance für mich, mal die Jugendkultur aus nächster Nähe beobachten zu können. Da lag ich gar nicht so falsch.
Daheim noch /dev/radio, Z! und Bits und so gehört, machte ich mich in leicht modifiziertem Erscheinungsbild um halb acht auf zur Schule. Vor dem Eingang standen ein paar Mitschülerinnen; warum auch immer davor. Drinnen wurde ich zu erst einmal von zwei fetten Bodyguard, oder “Türstehern” nach dem mitzubringenden Flugblättern angesprochen, die sollten wohl Eindruck machen. Nachdem ich meinen Wegzoll an der Kasse beglichen hatte und meine Jacke zur Aufbewahrung abgab, betrat ich also die umfunktionierte Eingangshalle. In den Ecken standen riesige Lautsprecher mit dicken Kabeln, von oben blitzte es und drehten sich Lichtmuster, vorne erkannte ich eine Bühne. Die Musiker waren noch nicht da, so lange spielte Musik vom Band. Und wie sie spielte! Furchbar laut und grässlich unmelidiös, unausgeglichen und übersteuert, aber ich glaube, das muss so sein. Ich blickte mich verstört um, sah niemand Bekannten und lief an der Bühne vorbei, hinter einer Ecke zu Fußballkickern und Bierbänken. Immer noch kein bekanntes Gesicht. Ich tastete mich zurück zum Eingang, wieder zur Bühne und dann nach draußen, just, da kamen Freunde herein. Ich schloss mich ihnen an, und folgte ihnen mal, was sie taten war nichts anderes, als das, was ich bis dahin tat, den begehbaren Weg immer wieder abwandern, sie wirkten damit nur in einer Gruppe und mit strammen Laufschritt entschlossener und selbstbewusster als ich. Wir wechselten ein paar Worte und irgendwie verlor ich sie. Da traf ich eine Mitschülerin, und fragte sie, ob sie wisse, wo der Rest der Klasse sei. Sie gab zurück, dass einer von ihnen anscheinend “Gras” dabei hätte und die anderen ihm folgten. Ähm, aha. Schockiert verließ ich das Gebäude, sah ein paar Meter vor mir eine große Gruppe Mitschüler beieinander stehen und sich offenbar entschlossen zu haben, in den sehr nahe gelegenen Park abzuwandern. In sicherer Entfernung folgte ich ihnen ein paar Schritte, um meinen Verdacht zu erhärten, kehrte dann ungläubig und entsetzt zurück und fand mich wieder nahe der Bühne vor. Ich bekam hier den totalen Overkill, dieser ungewohnte Extrovertismus der Leute und diese Disco-Stimmung, die ich bisher nur aus Filmen kannte, jetzt war ich hier drin, musste mit der neuen Situation fertig werden. Und das alleine, weil meine einzige Anhaltsperson zu beschäftigt damit war, auf Leute zu zugehen und konfuse Gespräche zu beginnen; absolut legitim und verständlich (für seinen Charakter), aber für mich daher ein ernstes Problem. Er erzählte mir, dass auch er bisher mit der Gegebenheit nichts anfangen könne, weil die gespielte Musik nicht seine wäre und die richtigen Leute fehlten. Ich traf auf eine Gruppe bekannter Leute, die sich offensichtlich mit reinem Alkohol zugepumpt zu haben schien. Einer von ihnen hätte mir unter normalen Umständen ganz egal wie Schmerzen bereiten wollen, nun schüttelte er eifrig meine Hand und leilte Freundschafsgrüße.
Beim Weiterlaufen unterstrich ich in Gedanken mit rotem Marker Sätze in meinem 16 1/2-Artikel (Passwort bis zum 22.03.08:”Hao5z45Aesa&$L€”) und zu gern hätte ich etwas zum Schreiben dabei gehabt, um schon Stichwörter für diesen Text notieren zu können. Auch hätte ich mich gerne zu dem Type am Lichtanlagesteuercomputer gesetzt, aber das passte jetzt hier nicht und es hätte bei dem Lärm auch keinen Sinn gemacht. Ich verbrachte weitere Zeit damit, umherzustreunen, aber auch mir fehlten die richtigen Leute, besonders…
Da bemerkte ich, dass ein paar aus meiner Klasse wieder nach draußen wollten, diesmal aber nur in den Schulhof. Ich lief mit und wir hielten ungefähr an dem Platz, an dem sich auch regulär während den Pausen ein Großteil meiner Klasse einfindet. Das ist bei uns ganz nett und ich kenne keine andere Klasse, die sogar in den Pausen größtenteils zusammen ist. Die anderen tranken böse Flaschen und – rauchten. Aber nicht nur “normale” Zigaretten, sondern, abermals entsetzt, musste ich “fettere Zigaretten” ausmachen, mit größter Wahrscheinlichkeit “Joints”. Aus einem Interview mit einem besonders selbstbewussten Konsumenten: “Weißt Du, wenn ich 16 1/2 bin, hör ich damit auf, wegen dem Führerschein. Oder schon mit 16.” “Das schaffst Du nicht alleine.” “Doch, doch, das schaff ich sicher.” Ganz sicher.
Dann musste ich miterleben, wie eine Mitschülerin, die mich wenige Minuten zuvor noch unerwartet trunkend umarmt hatte, (“Du bist das erste Mädchen seit einem Jahr, das mich umarmt.” “Dann doch gleich noch mal!”) auf einer Bank zusammenbrach. Beruhigend mit anzusehen, dass sich dann die anderen, die mir subjektiv betrachtet von diesem Zustand auch nicht mehr weit entfernt schienen, so rührend um sie kümmerten… (L.:”Och, hast Du geraucht?” “Jähm…” L.:”Ooch, warum machst Du das…?”)
Zumindest hatten Christoph und L. nicht mitgeraucht, das gibt mir eine gewisse weitere Bestätigung in meiner Entschlossenheit, mich von dem ganzen Zeug fern zu halten. Aber getrunken hatte sie und da wurde mir klar, dass ich hier weit und breit wohl der einzige trockene und sachlich denkende neben den fetten Sicherheitleuten war. Das hatten die anderen also getan, als ich im Haus umherlief. Ich hatte mich im Gebäude noch gar nicht umgeschaut, wo es was “zum Trinken” gäbe, irgendwo an der Treppe, aber es war mir zu blöd, da weiter nachzulesen, oder mich kundig zu machen, was man da bekommt und was ich mit 16 bekäme. Außerdem hatte ich noch zu Hause zwei Gläser Volvic getrunken und nun absolut keinen Durst mehr.
Als die eingeladene Band abgezogen war, spielte im Haus wieder erträglichere Musik aus der Konserve. Wären jetzt ein paar Freunde in der Eingangshalle gewesen, ich hätte vielleicht sogar getanzt. Aber schon das Gefühl, hier wirklich als einziger konzentriert eine Bombe entschärfen zu können, machte mir Unbehagen, auch, wenn ich mir so verantwortlicher und wichtiger vorkam. Das war hier etwas, was ich noch nicht begriffen hatte, und ich habe auch keine Interesse, auf diesem Wege noch tiefer in die “Jugendkultur” einzutauchen. Aber ich werde es wahrscheinlich müssen, um auf längere Sicht Verständnis und eine tiefere soziale Kompetenz zu den Leuten aufzubauen, die in dieser speziellen Welt leben oder auch nur von Zeit zu Zeit in sie eintauchen und das als Normalität und Teil ihres Lebens ansehen.