Da mich der Trailer sehr antat, war ich heute im Kino im Goldenen Kompass.
Auch wegen dem guten Trailer lieh ich mir vor kurzem erst das Hörbuch aus der Bücherei aus (ja, ich bin lesefaul, wenn auch nur bei Büchern, wie man mit diesem Blog erahnen könnte).
Bei der Geschichte geht es um Lyra, die in einer parallelen Dimension lebt, in der die Seelen der Menschen außerkörplich in Gestalt von Tieren leben. Das Magisterium, das Pendant zur katholischen Kirche (das Imperium wurde unter Johannes Calvin aufgebaut, der den Hauptsitz auch gleich nach Genf verlegt hat, sehr süß), hat in dieser Welt quasi die Staatsgewalt und bekommt mit, dass es auch noch andere Welten gibt, in denen es herrschen könnte. Gleichzeitig sieht es einen Weg, alles Übel von den zukünftigen Generationen fernzuhalten, indem es Kindern, deren Tier-Dæmonen sich noch bis zu ihrer Pubertät frei in andere Arten verwandeln können, medizinisch davor bewahrt, in dem es ihre Dæmonen, die mit ihnen unsichtbar verwunden sind und sich nur wenige Meter von ihnen entfernen können, vom Körper trennt. Damit nämlich würde der Fluss von “STAUB” daran gehindert, in den Körper einzudringen. Dieser Staub ist ein nichtatomarer Feinstoff, der aus dem Weltraum in den Dæmon und dann den Menschen fließt, sobald die Menschen in die Pubertät kommen und, so zumindest hat es im ersten Buch den Anschein, dieser Staub ist schlecht.
Das Magisterium experimentiert also lustig mit gekidnappten Kindern im hohen Norden, weil da die Staubkonzentration am Höchsten ist. Layra, die als Waisenkind in Oxford lebt (und dort in allerlei nicht ganz altersgemäßen Wissenschaften von ihren Professoren unterrichtet wird, wie Metaphysik, Molekularphysik etc., im Buch ist das köstlich) verspricht einem Spielfreund, wenn ihn die “Gobbler” holten, aufzubrechen, um ihn zurückzuholen. Die Gobbler sind die Mitglieder der General-Oblations-Behörde, die die Kinderversuche macht. Der Rektor von Oxford gibt ihr einen goldenen Kompass, der die Wahrheit sagt, ein Alethiometer, das nur sie ohne Lexikon verstehen kann – ohne Erklärung, warum er es ihr nun gibt. Dann nimmt eine charmante, kluge und gutaussehende Mrs. Coulter Layra zu sich und will mit ihr in den Norden fahren, aber diese Dame hat ein düsteres Geheimnis…
Im Norden macht Layra Bekanntschaft mit einem kampfgeilen Eisbären, bringt ihn aus einer misslichen Lage und bekommt dafür seinen Schutz bei ihrer Mission, bei der sie mittlerweile große Unterstützung von fliegenden, ebenfalls kampflüsternen Hexen und Eltern entführter Kinder genießt…
So viel zum Buch.
Im Film werden gleich zu Beginn eine Menge im Buch bis kurz vorm Ende offener Fragen beantwortet, ich frage mich, ob da überhaupt jemand so schnell im Mitdenken mitkommt und natürlich nimmt das viel mögliche Spannung weg. Die wird dann wieder über die diversen Kampfszenen aufgebaut. Visuell sind die astrein, der Film ist mit seinem Budget von 180 Mio. auch der bisher teuerste von New Line Cinema (wir erinnern uns: Die machten auch die Herr der Ringe-Trilogie!). Nur dachte ich mir, hätte man mehr Dialoge, mehr Charakterbildung und Erlebnisse in den Film bringen sollen, und anstelle diese Dinge zu streichen, bei den Kämpfen mal etwas auszulassen. Layra ist genau so wie in den Büchern (mal von den im Original blonden Haaren abgesehen), wenn ich sie mir auch etwas hübscher vorgestellt hätte.
Sie schaut fast ständig verdrießlich drein. Das Hübschsein trifft aber eindeutig auf Mrs. Coulter, hier manifestiert durch Nicole Kidman zu. Der blonde Bond, Daniel Craig, darf Layras handlungsentscheidenden Onkel Lord Asriel spielen. 
Von den (vermutlich London zeigenden) Städteaufnahmen der anderen Dimension war ich sehr beeindruckt und hoffte, möglichst viel davon zu sehen, kam aber nur relativ kurz was, Schade. Die Filmmusik hat kein Leitmotiv und ist nur Gedudel nebenher, was auch wieder mögliche Spannung nimmt (ich höre viel Filmmusik, deshalb erlaube ich mir hier, ein so klares Urteil abzugeben). Filmen wie Harry Potter und dem Herrn der Ringe ist es gelungen, eine eigene Ästhetik aufzubauen. Im Goldenen Kompass gibt es viel Bemühungen darum, auch eine zu finden, aber bis auf die in der Dimension verwendete Technologie, Architektur und Kleidung bringt der Film nicht viel rüber. Vor allem nerven die vielen Szenen, in denen in den Kompass hereingefahren wird und man goldenen “Staub” und Bilder daraus erkennt. Das erinnert an einen ohnmächtigen Matrix-Traum und ist mit der Unschärfe wirklich nicht schön.
Das Handlungsmuster und die Gründe dafür werden einem, für einen eigentlichen Kinderfilm, nicht einfach zu verstehen gemacht. Eine langsamere und stückweise Einführung darin, wie schon oben angesprochen, täten dem Film gut. Es sind auch zu viele Nebenszenen gestrichen worden, klar, man muss auf die angestrebte Laufzeit kommen, aber es ist schade, damit wird die Faszination der anderen Dimension genommen. Auch seltsam ist das plötzliche Erscheinen einer der Hexe Serafina Pekkala im Film und wie sie sich dar gibt, fast schon stolz und erhaben, obwohl sie im Buch auch eindeutig unsicher ist. Sehr merkwürdig ist der Schluss: Er ist doppelt abgeschnitten: War schon das Ende des ersten der drei Bücher eine Aufforderung zum Kauf des zweiten, so ist der Schluss des Filmes da, wo im ersten Buch das Finale vorbereitet wird. Zumindest eine Stelle aus dem späteren Finale ist übernommen worden: Layra klettert über eine instabile Eisbrücke über einer unabsehbar tiefen Schlucht, die dabei einbricht, herüber zum Gobbler-Sitz. Sehr sinnvoll, wenn man sich überlegt, dass da viele Leute wohnen und die immer über diese instabile Brücke klettern müssen. Ich nehme an, man schnitt den Film neu zusammen (im Trailer sind noch Szenen des Finales!) und nahm die Brückenszene als Zwischenspannung an diese Stelle. Beim Ende bin ich wirklich sehr verwundert über die Dummheit der Filmmacher: Alles krumm gelegene ist wieder gut und dann fliegen die Helden mit einem filmstilischen Zepelin zu Onkel Asriel, während zumindest Mrs. Coulter schon mal andeutet, sie verfolgen zu wollen. Hm, Moment, da war noch mal was im Trailer, was im Film nicht vorkam: Layra fällt aus der Gondel herab – gehört insgesamt auch an eine ganz andere Stelle der Geschichte (wo sie über das Eisbären-Reich zu Asriel fliegen und Lyra auf diesem Wege zum Eisbärenkönig gebracht wird)). Ich hörte ein paar Reihen vor mir im Kino eine Frauenstimme fassungslos “Hä?!” schreien, als der Filmtitel nach dem Ausblenden wiederholt wurde. So macht man sich keine guten Hören-Sagen-Kritiker. Auf das im Norden liegende neue Haus von Onkel Asriel habe ich mich übrigens schon gefreut gehabt. Die bei Filmbeginn eingeführte Erzählerin, der Dæmon von Onkel Asriel, kommt überraschend im weitern Filmverlauf nie mehr vor.
Fazit: Der Goldene Kompass ist ein Film, bei dem schon vieles richtig gemacht wurde und so war, wie ich es mir vorstellte, aber bei dem in der Konzeption die Action mehr als die Geschichte zählt. Der Soundtrack ist mies und man wird regelrecht auf die erzwungene Ästhetik mit dem unschönen Staub gedrückt. Die Schauspieler machen ihren Teil alle hervorragend, es gibt aber zu wenig Charakterbildung. Kindisch wirkt der Film nicht, sogar sehr anspruchsvoll, da man schnell Zusammenhänge begreifen muss. Das Buch muss man nicht gelesen haben, um ihn zu verstehen, es ist in Deutschland auch relativ unbekannt, aber in England meines Wissens sogar Pflichtschullektüre. Bei den vielen Kämpfen ist der Film mit Sicherheit nichts für jüngere Kinder, die Alterseinstufung auf FSK12 gibt der amerikanischen mit 13 Jahren sogar etwas nach (was das deutsche Einstufungssystem erfordert) und man sollte wirklich nicht mit Jüngeren in diesen Film, sie würden ihn eh nicht verstehen. Ob der zweite und dritte Teil auch noch verfilmt werden, hängt übrigens nur von den Besucherzahlen des Ersten ab und diese Zahl, dezidiert durch die wohl schlecht darauf zu sprechende, da mit dem Ende unzufriedene Hören-Sagen-Kritikerschaft, würde mich dann doch interessieren. Hier hat New Line Cinema Seppuku betrieben.
Nachtrag vom 10.12.2007: Auf welt.de gibt es einen sehr interessanten Artikel über die Zensur der Kirchenkritik in dem Film und im Wikipedia-Artikel zum Goldenen Kompass findet man noch mehr Abweichungen vom Film zum Buch, die mir beim Schreiben nicht unmittelbar eingefallen sind, oder die mir nicht auffielen.
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