Frumble201

Seit der Pubertät hat sich der Kontakt mit Mädchen für mich auf das Nötigste in der Klasse reduziert, seit da, wo ich es am meisten hätte brauchen können. Ich glaube, das könnte mir wirklich gut tun und heilsame Impulse geben, aber es ist eben immer die heikle Geschlechterthematik dazwischen.

Gespräche mit Mädchen zu führen erfüllt und nützt mir mehr, weil sie realistischer (nüchterner) und einfühlsamer sind, und weniger dabei konkurrieren. Das Problem ist nur, dazu zu kommen: Ich habe stets die Befürchtung, es wirke wie eine blöde Anmache. Dabei will ich doch nur reden…

Da die Frauen durch den Geschlechtstrieb der Männer beständig Anfechtungen finden, ja schon von selbst diesen entgegensehen, sobald ein Mann ihnen nahe kommt, umgeben sie sich notwendigerweise mit einer Reihe schützender Vorurteile, die sie auf Distanz und unter Kontrolle wie Bestimmtheit halten, ganz zurecht.
Daraus folgt eine schnelle Abwehrhaltung in Kontaktversuchen, eine depressive Voreinstellung, die man als Mann erst einmal per Überzeugung bezwingen muss: In die Richtung, dass sie einen interessant oder attraktiv finden und gewähren lassen, oder dass sie einen nicht als Interessenten einschätzen und als keine Gefahr sehen, oder aber sie wehren einen ab.

Bei jeder Handlung frage ich mich: Darf ich das? Ist das zu viel? Was könnte sie da interpretieren?
Ab wann ist es eine Anmache, ab wann fühlt sie sich bedrängt und belästigt, ab wann wähnt sie Gefahr und zieht sich zurück?
Ich will keine belästigen, oder das Gefühl davon aufkommen lassen und ich will nicht, dass sie in den Gattungsinstinkt fallen und sich fürchten, nicht bei mir.

Ich habe mich dazu entschlossen, dieses “Klischee” (es ist ja keines) nicht bedienen zu wollen, und bin auch geflissentlich darum bemüht, unter keinen Umständen dafür gehalten zu werden, auch und besonders unbeabsichtigt.
Ich fühlte mich dabei gewöhnlich, selbstsüchtig, berechnend, unethisch, unaufrichtig, und selbst ertappt als Lüstling, der nur nach einem strebt – so will ich nicht sein!
Ich finde die von den Männern gepflegten weiblichen Umgangsarten in diesem Bereich falsch, ich verachte das und ich will nicht für einen von ihnen, mit diesen niederen Zielen gehalten werden, auf keinen Fall, und schon beim Für-Gehalten-Werden geht es um meine Selbstachtung (“Ich habe versagt und wenn ich so offensichtlich versagt habe, dann bin ich vielleicht wirklich so wie die Gattung, dann beseele ich meine Ethik nicht, dann mache ich mir nur in Idealismus selber etwas vor!”).

Das ist, wenn ich gerne einfach reden würde. Und dann gibt’s da ja noch das andere, dass auch ich hin und wieder Interesse hätte…
Was sich da jetzt in mir auftut, ist ziemlich schwierig für mich. Ich stehe im Konflikt mit meinen eigenen Interessen: Dem weiblichen Geschöpf den vollsten Respekt erweisen (was in seiner Extremausprägung bedeutet, gar keinen Kontaktversuch zu lancieren), oder meinem persönlichen Interesse nachzugehen (oder eben auch nur dem Gesprächswunsch). Und momentan stelle ich den Respekt noch an vorderste Stelle.

Es stellt sich mir auch die Frage, soll es offensichtlich sein, darf es offensichtlich sein, oder darf es das gar nicht, und was bedeutet das im Umkehrschluss für mein erwartetes Verhalten, wenn ich nur eine Gesprächspartnerin möchte? Wie signalisiere ich meine Intention ohne Missverständnisse, besonders dasjenige, das man mich in das Männer-Klischee abstempelt – davor habe ich viel Angst und das führte dazu, dass ich mich aus Unsicherheit die letzten Jahre eigentlich gar nicht mit Mädchen außerhalb meiner Klasse zu sprechen traute.
Wie unterscheiden sich Flirt und eine respektvolle selbstbezweckte Unterhaltung in der Umgangsform?
Und wenn ich Interesse habe, wie soll ich mich verhalten, um dennoch nicht pauschalisiert werden zu können? Wie?!

Ich verhalte mich oft vielleicht auch absichtlich etwas kindisch vor Mädchen, nicht mal, wenn ich einen Gesprächswunsch hätte, sondern schon ganz ohne, um es nicht so erscheinen zu lassen, dass ich mich um ein besonders gutes Bild von mir vor ihnen bemühe und ihnen sofort gefährlich werden könnte als charmanter, heimtückischer Aufreißer, einfach um ihnen die Angst zu nehmen. (Oh Gott, die Abstrußität und Selbstbenachteiligung wird mir erst gerade beim Formulieren klar!)

Die Befürchtung beim blosen Gesprächswunsch in mir ist auch, sie denken gegen Ende des Gesprächs, ich war auf einen Flirt oder ein “Näheranschauen” aus, aber sie hätten mir dann doch nicht gefallen und würden das als Verletzung erleben und mir in Folge entsprechend heimzahlen wollen…

Oder ich habe Angst, dass ich mich, trotz aller Vorsicht, bei Interesse oder Gesprächswunsch, falsch verhielte, so dass mein Kontaktversuch als offensichtlichste Anmache gesehen und (mitleidvoll) belacht wird, denn sie alle haben ja schon viel mehr Erfahrung mit so was…

Ich würde mich in der Schule wirklich gerne mal mit ein paar Mädchen unterhalten, die ich wirklich spannende Persönlichkeiten finde, aber es geht nicht.
Aus dem gleichen Grund habe ich Komplexe davor, mit jungen Unterstuflerinnen ganz harmlosen Austausch zu führen, aus der Sorge, ich würde argwöhnisch als notgeiler Anmacher an jüngeren, oder gar Pädophiler gesehen.

Intergeschlechtliche Kommunikation funktioniert für mich nur rudimentär mit den Mädchen aus meiner Klasse, weil da mittlerweile eine Art familiäres Verhältnis herrscht.
Aber wie soll Geschlechterkommunikation überhaupt mit dem Problem der Geschlechtlichkeit unter sonstigen Normalbedingungen in der Gesellschaft funktionieren? Ist die nicht verdammt in eine Schein-Einigkeit des Fortbestehens des Systems wegen und darunter feindsame Spaltung? Ich will gerne mit nein antworten, doch exakt so erlebe ich es.

Ein Problem scheint auch meine Herzlichkeit und Offenheit zu sein: Wenn ich mich ganz natürlich und offen wie ein Kindergartenkind vor Mädchen verhalte, dann werde ich verschreckt und beängstigt angesehen und mit Rückweichung bestraft. Durch diese (für einen Jungen) unübliche Art aktiviert sich also der weibliche Gefahrenschutz.
Wie kann ich also mit Mädchen als Leutschaft sprechen? Das *ist* meine “verhalte dich einfach ganz natürlich”-Art! Die hab ich mir über die Jahre als reinste Form behalten, alles darüber sind bei mir nur aufgesetzte Schutzhüllen! Und ich will doch in solchen (und Interesse-) Situationen dann aufrichtig und ehrlich “ganz ich selbst” sein!
Wie kann ich da nur zu einer Synthese finden, ohne mich zu verstellen? Brauche ich dafür noch mehr gereiften Charakter?

Dazu kommt noch, überhaupt: wie soll ich es nur schaffen, in einer gesteigerter Verliebtheit (nein, kommt nicht oft vor) vor Begeisterung nicht völlig entzückt und überdreht aufzutreten? Fällt mir sehr schwer.

Hier sollte es bewusst mal nur um meine Sorgen und Befürchtungen vor und bei Mädchengesprächen gehen, die anderen Dinge wie Schüchternheit und fatale Unfähigkeit zum verbalen Gespräch lasse ich bewusst hier raus.
Ich frage mich immer wieder, warum es so mit mir gekommen ist, was ist da nur falsch gelaufen…
Ich habe den leisen Verdacht und Angst vor meinen Untiefen, dass manches davon nur eine Sublimation meiner Sozialunkompetenz sein könnte…
Vielleicht sind meine Einstellungen zu dem Ganzen aber auch goldrichtig, was aber nichts daran ändert, dass ich zuschauen muss, und nur das kann, wie die anderen Jungen dennoch Kumpelinen und Freundinnen haben, halten und bekommen. So komme ich ins Zweifeln und das macht es doppelt schwierig. Sie kriegen es hin und ich nicht, das ist der Punkt.

Man merkt: Ich denke ziemlich viel, ziemlich unterbewusst. Ziemlich ungut oft für mich. Gerade hier.

Das ist wieder eines dieser Beispiele, wo ich denke, ich habe des einen zu viel, während (wahrscheinlich) noch der Reife zu wenig.

Warum schreibe ich das alles jetzt? Weil ich es jetzt kann, weil es mir bewusst wurde, und weil ich es klar für mich machen und für die Fragen endlich Lösungen finden will.

Ein ziemlich unkontrollierter Monolog über das Jahr und was mich gerade beschäftigte. Ich spreche sonst nicht viel, darum ist das formulierungstechnisch nicht ganz so top und das bitte ich euch, mir zu verzeihen. ;)

Warum man sich das ansehen sollte kann ich auch nicht sagen, ihr habt ja aber immer einen Grund. ;)

Gesamtlänge: 24 min


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Ich habe Angst. Ich nehme nicht am gemeinsamen Reifen meiner Gleichaltrigen teil, bin aber gleichzeitig so depressiv, dass ich mich auch nicht besonders mit anderen großen Themen beschäftige. Sehe ich so.
Weder lese ich dicke Romane, programmiere, bin ein Linux-Crack, designe, interessiere mich groß für Naturwissenschaften, spiele ein Instrument, spiele Theater, schreibe Gedichte, oder lerne Tolkien auswendig.
Ich sitze daheim, mache meine Hausaufgaben viel zu selten selbst, lese Twitter, vielleicht noch ein paar IT-Nachrichtenseiten, microblogge selbst, höre seltener Musik, sehe Filme, lese immer mal wieder Esoterik, Philosophie und etwas Weltliteratur, und reflektiere meine Gedanken.
Dieses Geständnis hier abzugeben, hätte ich mich vor einem Jahr und vor meinem Microbloggingbeginn noch nicht getraut.
Ich habe Angst um meine Reife. Große. Ich weiß nicht, wo das mit mir hinführt. Andere, die auch wenig für die Schule machen, und andere, die sich auch so selten in Gesellschaft wie ich befinden, beschäftigen sich zumindest, sind sie intelligent, noch mit gewissen Bereichen in extremer Form. Ich nicht. Ich kann mich mit nichts Erreichtem von mir identifizieren, kann auf fast nichts von mir stolz sein.
Es ist mir oft, als sei ich zu intelligent, wahrlich zu “reif”, um mich auf Dinge einzulassen, mich für sie voller Herzen zu begeistern, oder sie konsequent zu verfolgen.
So, als wüsste ich zu viel, als sähe ich, unbewusst und ohne Anstrengung, geradezu instinktiv, zu weit auf den kommenden Verlauf. Ganz komisch.1
Zu viel offenbar, um ein erfülltes Leben zu führen. Gleichzeitig fasse ich es dann nicht, wie dumm und einfältig ich bin, oder mich eben dadurch so verhalte. Es ist ein ambivalentes Gefühl, ich weiß nicht, was ich von mir denken soll, ist das nun extreme, katastrophal fehlgeleitete Intelligenz, oder große Torheit, und wo ist da noch der Unterschied?

Nicht mal im Microblogging, wovon ich sagen könnte, ich betreibe es exzessiv, bin ich wirklich gut. Meine überschaubare Follower-Anzahl macht mir dabei nicht so viel aus; ich bin mit meinem Stil unzufrieden. Es gibt viele, die nicht weniger sensibel als ich zu sein scheinen, und sich ebenfalls in ihrer aktuellen Lebenssituation unwohl fühlen, aber sie bringen trotzdem noch eine irre Sprachpoesie, Beobachtungsleistung und Realphilosophie auf die Reihe. Das ist dann wieder das, wo ich mir Vorwürfe mache.

Ich weiß, dass ich ziemlich intelligent bin, aber ich nutze die Gabe nicht, und was bringt mir ungeübte Intelligenz; sie muss geschliffen werden durch das Leben zu einem funkelnden Edelstein. Ehrlich, ich sehe das so, dass ich die letzten Jahre verschenkt habe, mich mental und emotional weit nicht so weit entwickelt habe, wie es in meinen Möglichkeiten gestanden wäre – ich muss auch so hart zu mir selbst sein und zugeben, dass ich nicht für alles meine unglückliche Schulsituation verantwortlich machen kann, die hängt dabei mit einer ganzen Menge zusammen, aber ich hätte viel früher aus der Lähmung erwachen können.
Wie ich in meinem Schulleidensbericht2 schon erzählte, habe ich die dritte Klasse wiederholt und bin seitdem mit einen Jahr Jüngeren zusammen. Das Prekäre liegt dabei darin, dass ich außerhalb der Schule nicht unter Menschen bin, die Schule also der einzige Ort ist, an dem ich in Sozialkompetenz und Charakter eine Lernmöglichkeit habe (ein sehr ungünstiger Ort; wie ich *dieses* Jahr langsam mitbekam, verhalten sich junge Leute außerhalb der Schule komplett anders).
Nun ist es so, dass ein Jahr einen großen Unterschied in Intellektsentwicklung ausmacht, ein Gebiet, auf dem ich sowieso weiter als so einige bin. Wir haben also keine gleiche Basis im Verstehen und Auffassen von Dingen, aber sie sind dafür weiter in allem Nachaußentragenden. Eine komische Situation, wenn man das so bedenkt. Es führt dazu, dass mir mein Verstand nicht möglich macht, quasi verbietet, ihren gewöhnlichen Weg des Aufbaus von Kompetenzen in den Gebieten nachzumachen (denn um Selbstbewusstsein, Charakter und stützendes Ego in jungen Jahren aufzubauen, braucht es immer eine bestimmte Verengung und Verkrümmung des Sichtfelds).

Da ich mich dort auch noch zusätzlich in meinen Schulleistungen als schlecht empfinde (→an diesem Ort also, an dem ich Sozialkompetenz und Charakter lernen könnte; erkennt ihr meine Verbindung?), kommt als psychisches Gesamtergebnis ein erwürgender Minderwertigkeitskomplex heraus. Hinein spielt, dass mir durch meine Reflexionsgabe allzeit klar ist, wie falsch ich mich verhalte, wie wenig ich weiß, und was von mir erwartet wird. Der Hauptgrund meiner Depression. Wäre das Bewusstsein darum nicht, ich könnte wenigstens als großes Arschloch noch glücklich leben.

Mein bester Schulfreund seit vier Jahren, der herausragend gut im Leben steht, und an sich markant clever ist, spielt hier auch eine Rolle. Er hat mir sehr oft, bewusst oder unbewusst, ehrlich und ohne Beschönigungen, ganz sachlich meine Unfähigkeiten aufgezeigt, wofür ich ihm dankbar bin, aber dann, das werfe ich ihm vor, mich meistens einfach auf den Erkenntnissen sitzen lassen, ohne mir psychisch zu helfen (wenn auch ich nicht wüsste, wie genau man das könnte, aber vielleicht einfach mit etwas mehr Sensibilität…).
Was er sagte, davon spürte ich, dass es stimmte.
So jemanden Speziellen dann in der eigenen Klasse zu haben, bei dem man die Reifeprozessprozedur in quasi Zeitraffer miterleben kann, zog mich runter und nahm mir Motivation (auch ganz sicher, weil ich gewisse Dinge eindrücklicher verstand als andere). Für meine so kleinen Schritte bekam ich dann, gerade von ihm, was mir wichtig gewesen wäre, weil ich so viel von ihm halte, auch äußerst wenig Lob, was mich weiter niedergeschlagen machte. Das ist schlicht eine ungünstige Zusammenstellung. Ich wage die Behauptung, dass es solche Höhenflieger-Ego-Reife-Typen lange nicht in jeder Klasse gibt, ich hatte hier einen echten “Nachteil”; natürlich ergeben zusammen mit meinen Minderwertigkeitskomplexveranlagungen.

Die Depression geht so weit, dass ich mir viele, viele Dinge da draußen nicht zutraue, dass ich mich für *unwürdig* für eine Menge Dinge halte, mich auf manches nicht konzentrieren kann, selbst wenn ich es will. Da wird das allgemeine Unterlegenheitsgefühl zur Depression.

Mein Gott, ich bin 18! Was gibt es nicht für weitentwickelte 18-Jährige da draußen; ich habe weder Selbstbewusstsein, noch wahren echten Charakter, noch ein (stärkendes und stützendes) Ego. Ich bin eine Null.
Ich habe mich die letzten sechs Jahre in die Parallelwelt der IT verkrochen, sie fast vollständig mein Leben ausfüllen lassen, habe mich tumb machen lassen, bin geflohen vor dem Leben und seinen Herausforderungen, nahm mich oft nicht wahr als freier Geist mit Selbstentscheidungsprivileg, ließ mich in nebliger Wonne apathisch treiben von meiner Tagesbeschäftigung, nicht handeln zu müssen, nicht an mich zu denken, nicht um mich, vergessen können, immer allein, daheim in meinem Zimmer, sechs Jahre, dabei immer mit der dumpfen Ahnung, ja schon in diesem zugeflüchtetem Asyl quälend störend, da ist noch mehr, da ist noch viel mehr in dir.
Was andere als ihre minderjährige Jugend erlebten, da las ich IT-Nachrichten, dokterte an meinen Betriebssystemen herum, und hatte Verständigungsprobleme in der Schule. Bis zur neunten Klasse lässt sich darauf mein Leben reduzieren. Dann mit dieser Klasse und meinem 16. Lebensjahr wurde es besser, ich erkannte zunehmend meine Möglichkeiten und begann, sie zaghaft auszutesten. Doch dann kam etwas, was mir über ein halbes Jahr lang alles düster vernebelte, die zehnte Klasse, in der es lag, war die schlimmste meiner bisherigen Schulzeit (ihr hab sicher schon eine Idee, was so was auslösen könnte). Als ich mich aus der geistigen Klammer entwand, begann ich immer mehr zu verstehen, aber Handeln vermochte ich noch nicht.
Das wird jetzt die Zeit werden, ich will es anpacken, ich will mein Leben ändern, ich will es glücklich machen, und jetzt bin ich fähig dazu.
Und das ist mir so viel Bewusstes, ich weiß gar nicht, wo anfangen.

Um wieder den Bogen zu schlagen zu der Angst um meine Reife und Entwicklung: Oft spüre ich Gedankenblitze aufkommen, die ich beachten, verarbeiten, bearbeiten und Resultate nutzen möchte, aber mir fehlen dazu Informationen, gesellschaftliche, verhaltensbezogene, soziale, mir fehlen sogar Wörter, und ich bleibe mit stotterndem Motor verloren und hilflos in dem Versuch zurück. Man kann das auch so formulieren, dass ich meine Eindrücke nicht in Ergebnisse oder Ausdrücke zu überführen vermag. Meine Intelligenz ist wesentlich höher als meine Reife, das spüre, und das belastet mich seit langem.3 Es macht mich tief unglücklich. So, jetzt ist das raus.

  1. Das macht es auch schwer, Wörter dafür zu finden – ich weiß es aus einem inneren Gefühl heraus, es ist erst mal keine Logik, die Logik darin muss ich erst selbst suchen und dann versuchen, allverständlich zu vermitteln. (Wobei hier nun gefragt werden darf, ob jene mit viel Anstrengung gefundene Logik alles ist, oder nur das Offensichtlichste, ob in manchem Gefühl nicht ein allumfassendes Verständnis liegt: das irritiert mich, denn wenn ich tiefer in diesen Eindrücken bohre, erkenne ich mehr Details, Beweggründe und Zusammenhänge der Menschen, wie aus einer ewigen Quelle, es gibt selten ein Stopp, es ist ein Denkmodell, das sich aus der Rationalität heraushebt -  es ist, als lägen die Informationen in mir, nicht in den Dingen – die Diskussion, die sich nun hierüber wieder auftut, lasse ich mal aus.) []
  2. Für die Stelle im Schulleidensbericht suchen nach “Was ich vor allem in der Schule bräuchte” []
  3. Bitte bekommt das mit der Intelligenz nicht in den falschen Hals, ich will nicht angeben und habe auch durch meine objektiven Leistungen keinen Grund dafür, aber ich muss das hier in dieser deutlichen Form schreiben, weil es stets vernachlässigter Part des Problems ist. []

Wer mir auf Twitter oder über status.net folgt, bekam seit einem Jahr enorm viel von mir mit, aber hier auf meinem Blog wurde es immer stiller.

Nun bin über was hinweg gekommen, glaub ich.
Ich will wieder schreiben.

Ich will wieder schreiben, es tut mir gut. Die Person, die mich so lange blockierte, soll keine indirekte Macht mehr über mich haben.
Sie hatte zu nicht geringem Teil indirekt über zwei Jahre das Programm meines Blogs bestimmt – jetzt hab ich das überwunden und bin wieder geistig frei.

Ich habe mit diesem Blog durch brutale Selbstdisziplin immer wieder meine Grenze überschritten und die Latte höher gelegt, aber zu welchem Preis? Für die kläglichen zehn dieses Jahr veröffentlichten Beiträge habe ich viel zu viele Stunden gebraucht, meistens über Tage hingeggezogen. Das kann man auch anders machen. Davon abgesehen, dass diese letzten Beiträge sehr komplexe Introspektionen erforderten und waren (horrendes Beispiel), und mehr wissenschaftliche Auseinandersetzungen als Blogbeiträge, glaube ich, lässt sich das Sprachniveau auch mit weniger Bemühen erreichen, setzt man sich nur häufiger mit Schrift auseinander.
Das möchte ich probieren: Mehr schreiben, und daran evolutionär wachsen, nicht mehr in revolutionären Sprüngen, wie ich es bisher unter großen Gehirnverrenkungen tat. Das ist der bessere Weg und auch der Weg, durch den man eher total lernt, als beim revolutionären, bei dem man sich meist auf seinen einen Text und dessen steife Bedingungen verengt. Durch den evolutionären Weg kristallisiert man mit der Zeit situationslosen Charakter (und kein “System” wie beim revolutionären) aus seinen Anlagen, er ist viel mehr natürlich, er ist der Lernweg des Lebens.

Ich bin mit meinem Blog an einem Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht. Ich will das so nicht mehr.
Recht häufig bekomme ich kleine Ideen für Blogbeiträge, die ich aus Mangel an “Tiefe” und “Relevanz” nicht weiter verfolge. So habe ich viele Dinge, die mir auf dem Herzen lagen, verdrängt. Ich habe mich auf diesem Blog in einen wahnsinnigen Selbstanspruch getrieben, der letzten Endes nur der verzweifelte und verstörte Wunsch war, jemandem zu gefallen und etwas umzuschreiben.
Jetzt habe nicht mehr die Absicht, damit vor wem Bestimmtes zu imponieren oder mich zu beweisen, was es einfacher macht, über Kleinigkeiten, Banalitäten, kompaktere Gedanken und Erlebnisse zu berichten, ganz nach Lust. Ich habe vor, den Blog neu zu erfinden.

~Hiermit lege ich den zwanghaften Brutal-Perfektionismus ab und sage mich von ihm los~

Ich mache mir zur Zeit, auch gerade wegen Twitter, viele Gedanken darüber, wie und warum ich so viel Privates und Intimes von mir ins Netz stelle.
Ich habe wenig Freunde, im realen Leben verdammt wenige. Microblogging ist eine Strategie von mir, “unter Menschen zu kommen”, und auch völlig neue Charakterbilder kennen zu lernen, denen ich im normalen Leben niemals begegnet wäre.

Auf Twitter, fällt mir immer stärker auf, möchte ich mich als tolle Person darstellen und möglichst viele “Freunde”, Sympathisanten, um mich scharen (was sie mir geben und was ich ihnen zurückgebe ist noch mal eine ganz andere Geschichte, die mir auch zuweilen schlechtes Gewissen bereitet).
Ich fühle mich alleine, möchte nette Antworten, möchte doch im Grunde nur mit *Freunden zusammen sein* – das ist es. Ich gebe in naher Verzweiflung so viel von mir preis, damit sie mir näher sein können, und damit mir jede ihrer Reaktionen näher vorkommt.
Das ist so traurig, ich will da was an meinem Leben ändern.
Ich schreibe auch allgemein zu viel auf Twitter. Nur wirklich verdammt Guten mit so viel Tweets wie ich über den Tag folge ich selber, meinen Account wollte ich mit diesem ganzen gelangweiltem Geplänkel eigentlich keinem Fremden zumuten. Ich will schauen, wie ich das verbessern kann.

Was kommen wird, ist auch ein neues Blog-Design, dazu hatte ich noch nicht die Zeit und werde sie mir noch eine ganze Weile lassen, denn so was will gut gewählt sein. Das jetzige dumdum-Thema hielt hier mit der Umbenennung von WinLux-Blog auf Frumble201 im Juli 2008 Einzug und jetzt ist es Zeit für etwas Neues.

An meinem Schreibstil muss ich weiter arbeiten. Wenn ich z. B. @verdachtsmoments Twitter-Account und Blog lese, und sie ist erst 16, wird mir ganz anders. Der muss nicht nur besser werden, der muss auch natürlicher und schneller werden. Den Handlungsbedarf seh ich da so herb, weil Schreibenkönnen noch eines meiner kleinen raren Stolzreliquien ist.

Ich will jetzt also versuchen, nachdem ich es jetzt kann, keine so große Selbstdarstellung mehr zu betreiben, sondern meine Texte ohne unterschwellige Angeberei (die ich aus Unsicherheit nötig hatte, im Grunde rede ich mir selbst dabei etwas ein) für sich sprechen zu lassen.

Die kommenden Beiträge auf diesem Blog werden erst mal noch Verarbeitungen von Themen sein, die mich schon lange Zeit belasten und die ich endlich rauslassen möchte. Danach wird es hier dann Formatänderungen geben.

Langsam erkenne ich, was mir wirklich wichtig ist, wo meine Stärken liegen, und was meine Herzenswünsche sind. Ich möchte in stärkerem Bewusstsein leben, glücklich werden, ich möchte darauf zuarbeiten.

Ich will mich neu erfinden,
Ich will mein Leben verändern und fange mit meinem Online-Leben an, weil das einfacher ist.

Ich möchte mehr gute private Blogs ohne Tech-Zeug lesen und dafür Tech-Zeug aus meinem Feedreader rausschmeißen. Überhaupt, mein Feedreader ist eine Katastrophe: So ungelesen, dass ich ihn schon kaum mehr öffne.
Ich will mehr Bücher lesen.
Ich will vom Autor wieder zum Blogger werden.

Ich möchte vieles ändern.
Parallel zu dem hier Genannten will ich versuchen, das auch außerhalb des Internets und meines Zimmers zu tun.

Das ist ein Neustart und ich begrüße euch bei meinem Versuch eines erfüllteren Lebens.

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Mir fiel die letzten Jahre immer deutlicher an den Mädchen meiner Klassenstufe auf, dass, je älter sie werden, dass da etwas mit ihren Beinen nicht stimmen kann. Sie wirken aus einem inneren Gefühl heraus irgendwie befremdlich unnatürlich. Dahinter stand kein größeres Lösungsinteresse und überhaupt waren die Beobachtungen eher unbewusst.

Nun, durch einen Zufall erlebte ich vor kurzem eine Szene, in der von Freundinnen über andere Mädchen und eines im Speziellen gelästert wurde, das sich die Beinhaare nicht rasiert: »Wuääh! Wie unmöglich!« – Beinhaare rasieren?!
Das war es also, was nicht stimmte. Ich hatte es doch schon gefühlt…
Das hat mich enorm schockiert. Diese Mädchen diskriminierten sich also untereinander bei nichtrasierten Beinen. Ich hab mit offenem Mund gestaunt.

Ich war entsetzt, als mir aufging, wie lange meine Mitschülerinnen das schon tun mussten: Schon Jahre bevor ich anfing, mir regelmäßig meinen Bart zu rasieren.
Ich dachte immer, das wüchse so, beziehungsweise “in dem Alter” NOCH NICHT. Ich hatte eine obskure Vorstellung davon, dass die Beinhaare erst ab Anfang 30 bei Frauen beginnen zu wachsen, wie gesagt, ich hatte mir darüber noch nie bewusst Gedanken gemacht.

Auf Nachfrage, wie sie das über das Jahr über hielten, erklärte man mir in Eile, dass das “darauf ankommt, ob man ‘nen Freund hat”. Aber in wiefern, in welche Richtung? Erwarten das etwa sogar die Jungen in einer (körperlichen?) Liebesbeziehung, und gilt es ganz abstrakt als wichtiger Attraktivitätspunkt? Oder aber braucht man gerodete Beinhaare nur, solange man noch keinen Freund hat, weil dieser dann vollstes Verständnis zeigt?
Damit warf sich in mir die Frage auf, ob eine Beinglattrasur gar schon persönliches Schönheitsideal für die Frauen geworden ist und nicht nur Konvention.

Das ist doch nur ein leichter Flaum, nicht so was wie bei Männern!
— Dabei fällt mir auf, dass ich eigentlich gar keine Vorstellung davon habe, wie junge Frauenbeine unrasiert aussehen. Nur aus Einschätzung und Gefühl heraus glaube ich aber, es sind nicht so viel, es sind weniger und zartere Haare, und farbloser.

Was hier natürlich aufkommen könnte und das ich vorsorglich klären möchte: Ich bin nicht vom anderen Ufer. Ich hab keine Schwester, ich hab keine Freundinnen (hier), ich hab keine Freunde in der Gegend, mit denen ich besonders viel gemein hätte. Über solche, ich sage mal, weltlichen Dinge, kommt kaum einer (meiner Freunde) auf die Idee zu chatten, man spricht doch über diesen Themenkomplex eher, wenn man real zusammensitzt. Meine Gespräche sind in der Regel bestimmt von Abstrakta und Theorie, nicht vom Auspacken von seltsamen Geschichten und Beobachtungen am anderen Geschlecht. Diese Sachverhalte nicht zu kennen und auch größtenteils nicht die gegenwärtige “Kultur- und Schönheitsempfindung” zu teilen, erklären sich somit durch meine vorwiegende Kommunikationsart und meinen Freundeskreis.

Bald kam ich, logisch erweiternd, auch noch auf ein ganz anderes Gebiet: Die Achseln. Mir schauderte es, als ich begriff, dass wie die Beinhaare wohl auch Frauen Achselhaare wachsen müssen und – der Grund des Schauderns – allerorts absolut unbeanstandbare glatte Achselhöhlen zeigen, was bedeuten muss, dass sie sie penibelst und akribisch in sehr häufigen Abständen rasieren und überprüfen müssen, wovon ich aber noch nie sprechen gehört habe. Man schweigt darüber. DAS ist das Unheimliche!

Seit wann ist das schon so, seit wann ist das Pflicht, Mode, Norm? Ich erinnere mich noch düster: Mitte der 90er konnte man noch viel öfter Achselhaare bei Frauen sehen (erinnere mich nur allgemein, nicht, bei welcher Altersgruppe). Ich war zwar noch sehr jung, aber sagt mir, ist das Einbildung?

Männer können mit Achselhaaren herumlaufen, ein bisschen sollen sie sogar, glaube ich, haben. Auch das scheint Frauen verboten zu sein, aber das ist noch ein bisschen nachvollziehbarer als das mit den Beinhaaren. (Schweiß durch Arbeit → männlich; keine Schweißabfänger → “weiblicher”)

Dadurch separiert ihr euch noch mehr von den Männern und steckt euch damit SELBER in ein konservatives Frauenbild hinein! Es ist antifeministisch!

Da man (- ich) nur perfekt rasierte Frauenachseln sieht, und da ich einschätzen kann, wie schnell dort die Haare nachwachsen, muss ich doch annehmen, dass ihr sie täglich genötigt seid zu rasieren. Hammer.

Bei manchen ist das äußerst sexy, an vielen sieht es einfach nicht gut aus, haarlose Beine passen an ihnen nicht zum Körper (was überhaupt nichts mit Burschikosität zu tun hat). Das sind die, an denen es dann auch besonders unnatürlich, befremdlich, falsch wirkt und an denen der gesellschaftliche Zwang am deutlichsten wird, durch den sie es dennoch tun.

Wenn ich die 90er nicht miterlebt hätte, und daheim nicht meine Mutter sehen würde, die aus der Mitläuferzeit heraus ist, läge das Denken nur allzu nahe, Frauen hätten keine Achselhaare! Eine perfekte Illusion da draußen, und ihr alle spielt mit!!
Dass ich dachte, Frauenbeinhaare wüchsen auch erst mit Anfang 30, ist genau das Selbe! Ich seh einfach keine unter diesem Alter mit Beinhaaren!

Täglich die Achselhaare rasieren, das muss für euch zum Tag gehören wie Zähneputzen. Reizt das die Haut nicht irrsinnig? Nicht selten, wenn ich das mach, schneid ich mich dabei. Ich weiß nicht, ob ich’s wirklich wissen will, welche Tricks und Apparaturen ihr dafür bemüht, damit das immer so aalglatt aussieht… Vielleicht habt ihr da ja ganz andere Haut, oder ihr seid auch gar nicht so perfekt und immer gründlich, aber habt dann “draußen” große Hemmungen, euch natürlich zu bewegen, weil andere die Wündchen oder nichtrasierte (!!!) Stellen sehen könnten, zieht euch dann auch für diese Tage was Geschlosseneres an…

Je länger ich über dieses und ähnliche Themen nachdenke, desto mehr Leid tut ihr mir.

Damit komm ich zur Frage: Macht ihr das auch so verbindlich wie Zähneputzen, oder seht ihr das an Wochenenden, in Ferien und Co. nicht doch etwas legerer? Geht es euch darum, in einer fest definierten Gruppe euren Status zu wahren (“Schulklasse”), oder wollt ihr auch “für” Fremde auf der Straße (in den Ferien z.B.) unbehaarte Achselhöhlen und Beine haben? Wenn ja, wofür? Warum meinen denn so viele von euch, immer sexuell attraktiv sein zu müssen (nach den Konventionen) und nicht nur einfach hübsch? Wo ist der Sinn dabei? Und hey, ihr seid Mädchen, das Hübschsein wird euch von der Natur schon viel leichter gemacht als uns; oder meint ihr nicht? Warum braucht’s da noch mehr?
Damit erreicht ihr höchstens eine Penetration, nicht aber euren Traummanntyp, den ihr erhofft. Was also soll das? Es kommt mir vor, als wär die ganze Konvention von lüsternen Männern erdacht, und euch durch Gehirnwäsche aufgezwungen!

Wie haltet ihr es, wenn ihr mehrere Tage das Haus nicht verlasst (Ferien; dabei schließ ich zwar von mir auf andere, aber mal angenommen)?
Und überhaupt: Wie haltet ihr das im Winter, in der Jahreszeit, in der ihr überhaupt niemandem eure Beine und Achseln zeigen, geschweige denn Rechenschaft darüber ablegen müsst?
Eure Antworten auf diese Fragen, gerne differenziert, beantworten euch, ob ihr nur gezwungenermaßen den aktuellen Schönheitskonventionen folgt, um nicht ausgeschlossen zu werden, oder ob ihr sie als natürlich empfindet. Ob ihr euch schämt, wenn ihr nicht rasiert seid.

Ich spreche bei den Achselhaaren nicht von drei Zentimetern, ich spreche von noch ästhetischen Längen.
Bei beidem nehme ich euch nicht ab, dass “die Männer das einfach so wollen”. Ihr könnt euch sehr wohl gegen solchergestalten Ansprüche wehren und sie ausschlagen. Natürlich war das zu erst Hollywood, die Idee wurde bekannt, der Wunsch geäußert, dann habt ihr euch alle angepasst und seid pariert.
Welcher Trend soll als nächstes folgen? In welche bedingungslose Verzichtabhängigkeit und falsche Tugend – denn nichts anderes ist das – soll euch das noch führen?
Nietzsche: »Nutzen der großen Entsagung: Das Nützlichste an der großen Entsagung ist, dass sie uns jenen Tugendstolz mitteilt, vermöge dessen wir von da an leicht viele kleine Entsagungen von uns erlangen.«
Wir erschaffen eine neo-viktorianische Gesellschaft, aber diesmal gibt es keiner zu!

Ich empfinde es hier als angebracht, die Funktionen der Haare ins Gedächtnis zu rufen: Arm- und Beinhaare zum Kälteschutz, populärste Überreste des Ganzkörperfells. Achsel- und Schamhaare: Schweißabnehmer – das sind beides Extremitätenendzonen, in denen viel Muskelarbeit und Reibung stattfindet.
Öhm, ok. Weiter ausführen, dass letztgenannte Regionen ohne wenigstens leichte Behaarung schnell sehr schweißig werden, brauche ich wohl nicht. Und das der Schweiß runterrillt und dann ernsthaft riecht, großflächig über den Körper verteil. Oder doch…?
Die Haare haben einen Sinn. Auch heute. Welche falsche Scham aus diesem durchdachten Prinzip baut ihr also daraus?

Wollt ihr wissen, wie ich meinen Körper zurückweise? Ihr wollt es nicht, aber ich sag es euch trotzdem: Alle drei Monate lasse ich mir die Kopfhaare schneiden, alle drei Wochen stutz ich mir die Schamhaare, alle zwei Wochen schneid ich mir die Nägel, ebenso etwa alle zwei Wochen die Achselhaare, und auch etwa alle zwei Wochen die Brusthaare, alle zwei bis drei Werktage rasiere ich meinen Bartwuchs, jeden Tag putz ich mir die Zähne. Punkt. Eventuell nicht repräsentativ für einen Jungen, aber so sieht’s aus. Versteht aus diesem Standpunkt meinen Schock über euren einvernehmlich selbstaufgestachelten Körperkult.
Ich hab schon oft versucht, einen tieferen Sinn in eurer emsiger Beschäftigung und Auseinandersetzung mit eurem Körper (in allen Bereichen) zu finden, diese große Körperlichkeit und Körperkonzentriertheit, aber ich komme einfach auf keinen. Verzeiht, aber so müsste ich eigentlich denken, ihr seid so nieder materialistisch und objektizistisch und dabei paranoid untereinander. Und doch schwingt dabei etwas mit: Unterdrückung durch den Mann und der Wille nach Freiheit, aber sogleich mit ihm, als sei es eine Miterscheinung, das Schaffen von Strukturen zum eigenen Ausgrenzen und Erschweren in seltsam diametraler Richtung gegen die Annäherung der eigenen Rechte hinauf zu jenen des Mannes.
Das ist kein Emanzipationsproblem mehr, sondern ein ganz neuer Streit darum, was es heißt, eine Frau zu sein, aus euren Reihen. Vielleicht aus reaktionärer Angst, vielleicht während der zunehmenden Emanzipation eine Suche nach wahrer Weiblichkeit, verleitet gestrandet im Materiellen, vielleicht sind auch gewisse Elemente so konstelliert, dass sie eine eigene Wettbewerbsordnung erschaffen, dass sie ein eigenes Funktionssystem aus sich heraus entwerfen möchten, aber schließlich ist es eine Identitätskrise.

Auf mich wirkt euer Beinhaarumgang widernatürlich und befremdlich. Ich finde ihn übertrieben und neurotisch.
Euren Achselhaarumgang finde ich schlicht schockierend. Zwar gebe ich zu, dass haarlose Achseln sexyer sind, ich kenne es aber auch nicht mehr anders. Macht es wieder sexy, seid sexy mit eurem Kopf, macht leichte Achselbehaarung wieder salonfähig, indem ihr sie im Kollektiv langsam wieder einführt und sanft erhöht – dann wird sie auch akzeptiert. Ein Tabubruch muss erfolgen! Behindert euer Positionsfortschreiten nicht selber, tretet ein für eine zwangsfreie, freie Lebensgestaltung! Es ist höchste Zeit!

Nachwort (26. September 2009)
Es wurde von einigen gefragt, was mich das Thema denn anginge, »schließlich ist er kein Mädchen«, das könne mir doch vollkommen egal sein.
Ihr tut mir einfach furchtbar Leid.

Wenn es mich doch nicht direkt selbst betrifft, so möchte ich zumindest, dass meine noch ungeborenen Töchter einmal nicht in einer Welt unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen und Zwängen werden leben müssen.

Das Plädoyer ist sogar sehr eigennützig: Wenn ich als Mann dauerhaft neue Rechte erhalten möchte, die bisher den Frauen vorenthalten waren, muss es ein gerechtes Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern geben, sonst wird meine “Nahme von Rechten” immer argwöhnisch beäugt werden; und *körperliche* Zwänge sind dabei absolutes No-Go und unzuwirklich dem Ziel, so was darf es nicht geben.

Der Körper ist das Niederste, und Gedanken sind seinen Ideen, seinen Vorstellungen in gewisser Weise untergeordnet und unterworfen.
Die Enthaarungspraxis und der gesellschaftliche körperliche Zwang dahinter dient nur der Unterdrückung und Unterwerfung; von den Männern mehr oder weniger bewusst lanciert und in eure Köpfe verpflanzt, um euch unfrei, “bewusstlos”, zu halten, ihnen “ungefährlich”.
Ihr müsst doch das erkennen, was hier mir euch gemacht wird! Ihr seid Sklaven der Vorstellungen der Männer, geschickt von ihnen in eure eigenen Ideale geschrieben!

Wenn ihr gar nicht das Bedürfnis habt, dagegen zu rebellieren, – das versteh ich voll! Aber denkt doch mal über dieses System auf einer höheren Ebene nach, ihr werdet erkennen, wie es funktioniert; dass die “natürliche Notwendigkeit” durch die Medien – und letztendlich dahinter den lüsternen Männerköpfen als Entscheidern, die eben genau so etwas sehen wollen – seit Jahren propagiert wird, bis ihr es tatsächlich als Eigenschaft von “Weiblichkeit” annahmt, das ist fatal!!

Wenn ich hypothetisch mit einem Mädchen den Körper tauschen würde, ich würde mich aktuell sehr bedrängt, unter Zwängen und Erwartungen und Idealen fühlen, nicht gleichberechtigt und von anderen bestimmt, befohlen und eingeschränkt; das empfände ich als höchst unangenehm.
Das stelle ich mir schrecklich vor, ich empfinde ja schon alleine die geistige Unfreiheit, die natürlich auch ich habe, als große Behinderung in meiner persönlichen Auslebung und Entfaltung, dazu noch mehr körperliche Zwänge, oh Gott! So wollte ich nicht leben! Das ist keine Freiheit!

Macht euch dessen bewusst, was mit euch *getan wird*, macht euch dessen bewusst, *was ihr nicht dürft*, was euch *verhindert wird*, was euch an Freiheit *entgeht*. Die Freiheit gehört euch durch die Natur, sie wird euch genommen; ihr seid nicht Frauen, ihr seid *Menschen* und sie steht euch zu!

Dagegen müsst ihr was tun, echt. Mir ist völlig klar, dass ihr euch nicht trauen werdet, in Trotz auf einmal mit Bein- und Achselbehaarung herumzulaufen, würde ich mich an eurer Stelle auch nicht.
Das Thema muss diskutiert werden, es muss öffentlich gemacht werden und es muss zum öffentlichen Interesse werden – was es natürlich unter jeder von euch schon sein sollte.
Sprecht mit Männern darüber, nicht nur Partnern, sondern allgemein mit Freunden. Macht ihnen klar, wie ihr den Zwängen unterworfen seid, und glaubt mir, die werden nachsichtiger damit werden und sein, als ihr selbst untereinander, die möchten euch helfen.
Sprecht überhaupt mit so vielen Freundinnen und Freunden wie möglich darüber, wenn ihr einen Blog habt, bloggt darüber, stellt eure Situation dar. Das ist der Schritt hin zu ungehemmter Empörung, Mut und schließlich einer Änderung, die gesellschaftlich akzeptiert wird.

Es kam der Wunsch auf, mal Einblick zu gewähren, wie ich diese Texte schreibe. Die Schultexte waren seit Dezember 2008 die aufwändigste und die mir nahegehendste Ausarbeitung, und so liegt es doch nahe, es an ihr jetzt mal zu betrachten.
Ja, und ich nutz das auch gleich, um mich hier ein bisschen selbst zu loben, bevor ich den ganzen Aufwand, der das war, wieder vergesse. ;)

Die Texte waren von der ersten Idee an, wahrscheinlich Mai, als Großprojekt geplant. Ich wollte mir alle Systemwut, allen Schmerz, allen Kummer von der Seele schreiben, wollte es endlich für mich mal exakt in Worte giesen.

Mitte Mai, glaube ich, fing ich an, mir erste Notizen zu machen. Notizen mit Gedankenfetzen, Ideen, Dinge, die mir in den Sinn kamen. So mach ich das bei diesen Großprojekten: Ich schreib mir alles auf, was mir einfällt, alles, später erst wird dann geordnet, verwertet und nichtverwertet.
Dann lies ich wegen zu viel emotionalen Schulstress (insbesondere Zentrale Klassenarbeiten) die Weiterarbeit an den Schultexten ruhen, raffte mich mit Müh und Not aber zum Ende des Schuljahres noch mal dazu auf, weil mir das Thema so wichtig war, und dann sammelte ich gute 5 Schulwochen Gedanken, während der Schule und vor allem Nachts im Bett.

Bin ich von so einem Projekt überzeugt, geht das Stoffsammeln von ganz alleine, leider eher in den unlieberen Momenten wie im Bett und (diesmal) in einigen Fächern, während ich nur schwierig etwas fachfremdes notieren kann (hauptsächlich wegen dem Tempo des Faches). Da wurden Mathe- und Bio-Heftränder vollgekritzelt, und auch die letzten drei Seiten meines Schulblocks setzte ich dafür ein.
Ich habe es mir seitdem zur Angewohnheit gemacht, überall hin ein quadratisches Notizzettelchen und meinen Lieblingskugelschreiber mitzunehmen, im Bett habe ich schon seit über einem Jahr einen Notizzettel an meiner Seite.

Meine letzten Blogprojekte brauchten länger für die Stoffsammlung, als man sich vielleicht denkt; aber ich weiß ja nicht, was man sich denkt, wenn man das so sieht…
Die meisten letzten Beiträge waren von so persönlicher Gefühlstiefe, dass ich sie nicht mal eben runterrazzen konnte. Die Herausforderung, die eigentliche Arbeit, ist die Stoffsammlung, das Zusammensetzen ist nur Knobelei, auf vollkommen anderem Niveau.
Ich habe so einen bunten Gefühlstrahl in mir, wenn ich an bestimmte Themen denke. Nacheinander, durch Zufall, fasse ich Gegenstände daraus in Begriffe. Ich fühle, ob da noch etwas ist, was ich nicht erfasst habe, und so lange bin ich nicht zufrieden. Ich beginne erst mit der “Postproduktion”, wenn ich das Gefühl habe, meine Gedanken zu einem Thema komplett erfasst zu haben.

Dazu eine kleine “Anekdote”: Ich bin da recht zwanghaft, Ende Mai, in den Pfingstferien, hatte ich die Idee zum Nationalstolz-Artikel. Ich fand das ein sehr interessantes, wichtiges und aktuelles Thema und sammelte ein wenig. Aber bald wurde es mir richtig stark zu wider, ich weiß nicht, warum. Ich habe es fast gehasst.
Aber ich hatte mir vorgenommen, als nächsten Artikel den Nationalstolzartikel zu veröffentlichen, das musste einfach so sein, ich musste das hinbekommen, weil es wichtig, gut war, verdammt! Aber ich hing fest! Ich konnte nicht weiterschreiben, es widerstrebte mir so sehr!
Konsequenz: Ganze zwei Monate kein neuer Blogartikel.
Dazu kam die Vornahme mit der Schulauseinandersetzung: Ich nahm mir streng vor, zu erst den Nationalstolz-Artikel und dann den Schultext zu veröffentlichen.
Mitte der Sommerferien (!!) (etwa Mitte August) spornte mich diese zwanghafte Selbstvornahme und Selbstdisziplin an, mich, sehr widerwillig, wieder dem Nationalstolz-Artikel zu widmen. Die Botschaft, die ich mit ihm rüberbrachte, ist übrigens schließlich auch eine ganz andere geworden, als die, die ich ursprünglich hatte.
Um noch ein Element einzubringen: In den letzten Schulwochen bekam ich das Bedürfnis, noch ein weiteres Thema auszuführen, das, was heute noch als Artikel veröffentlicht wird. Schon zu Beginn der Ferien machte ich mir dazu einige Notizen und das sah bald schon recht vielversprechend aus, was mich dann zusätzlich etwas anspornte, diesen verhassten Nationalstolz-Artikel zu einem Ende zu bringen. Die beiden bearbeitete ich dann parallel (was einfach bedeutet, dass mir zu beiden durcheinander Ideen, Begriffe einfielen) und schließlich hätte ich den heute noch veröffentlichenden Artikel noch vor dem Nationalstolz-Artikel online stellen können (er war schon ziemlich gut, aber durch die lange Wartezeit konnte er dann noch mal an einigen Stellen stark reifen). Da dieser jedoch die “neueste Idee” war, stellte ich ihn hinten an. So wurde dann am 29.08. Nationalstolz reloaded, am 07.09. Schule. und am 09.09. Schule. Ein Leidensbericht. veröffentlicht. Den Text, den ihr hier gerade lest, ist übrigens eine Spontanidee und anders als diese sonstigen Artikel relativ geradlinig, wie man sich das so vorstellt, runtergeschrieben. Dass er noch vor dem nächsten heute zu veröffentlichen und direkt nach den Schulausarbeitungen kommt, liegt daran, dass er eben das “Making Of” dieser Ausarbeitungen darstellt und dazugehört.

Bettzettelbeispiele-kleinZurück also zu den Schulausarbeitungen.
Ich nahm mir noch zur Schulzeit vor, sie zwei Wochen vor den Sommerferien fertig werden zu lassen. Ich hab dann aber auch gemerkt, dass ich das unmöglich leisten kann, eben weil ich noch bei weitem nicht die Farbpalette meines Kopfes dazu begrifflich gemacht habe.
In den Ferien schob ich die Arbeit auch schier endlos lange vor mir her, ich meinte wohl, das sei nicht mehr viel Aufwand und auch wollte ich mich jetzt nicht mit der Schule beschäftigen. Als ich mich dann dazu zwang, nach Veröffentlichen des Nationalstolz-Artikels, wurde mir doch sehr schnell klar, dass das eine noch nie dagewesene Stoffmenge, Vielschichtigkeit, teilweise Paradoxie und Komplexität war und verlangte.
Die für mich neue Herausforderung war es bei dieser irrsinnig langen Sammlung von Gedanken, sie auf ein Mal zu einem Text zu verarbeiten. Bisher entwickelte ich längere Texte anders: Es gab Immer einen Faden, immer die aktuelle Baustelle und was mir sonst noch einfiel, kam in die Gedankensammlung, die später verarbeitet wurde, aber ich habe sonst immer progressiv geschrieben. (Wer die Megabildversion zum Entziffernversuchen will: Klick)

Elf Seiten Gedankenteile zusammenzuführen ist äußerst schwierig, man braucht einen Überblick darüber, muss wissen, was man hat. Ich musste, wenn man so will, die elf Seiten in meinen Arbeitsspeicher laden, um sie zu indizieren. Das geht nicht mit schnell darüberlesen, sondern ist ein langwieriger Prozess, praktisch ein Auswendiglernen, bei dem ich immer wieder mal Abschnitte las, sie im Kopf frisch machte, weiterlas und nach und nach assoziieren konnte. Selbst, wo das ja alles von mir selbst geschrieben wurde, ist das in dieser Menge ein ungeheures Stück Arbeit.

Zum ersten Mal musste ich mir ein Arbeitssystem ausdenken; das war der Wechsel von der chaotischen in die systematische Arbeit.
Bald sah ich, dass ich bei dieser Länge unbedingt Kategorien mit Überschriften benötigte. Bisher hatte ich nur selten Kategorien benutzt, diesmal ging ich sogar noch weiter und erstellte Unterkategorien. Um auf die nötigen Kategorien zu kommen, brauchte ich eine halbe Stunde. Das war dann auch der Punkt, an dem ich mir überlegte, es in einen objektiven, schulsystemkritischen, und einen subjektiven, gefühlsbetonten Teil aufzuteilen. Das Prinzip hat zusätzlich noch den Vorteil, dass ich, sollte ich einmal Probleme damit bekommen, den Leidensbericht einfach passwortschützen, und somit vom Netz nehmen kann, ohne die mir ebenfalls sehr wichtige allgemeine Schulkritik den interessierten Besuchern zu verwehren.
Dann brauchte ich über fünf Stunden, um die Gedanken in die Kategorien zu ordnen und in die zwei Teile zu trennen. Um selber nicht den Überblick zu verlieren, benötigte ich ein eigenes Inhaltsverzeichnis. Es waren zeitweise mehr als drei Textfenster gleichzeitig offen.
Der erste objektive Teil war schwerer als der zweite persönliche.
Den zweiten arbeitete ich im Wesentlichen von unten nach oben aus, das erschien mir leichter. Ab dem Ordnen brauchten beide Ausarbeitungen zusammen noch etwa zehn Stunden Zeit.
Es war ein tolles Glücksgefühl, als ich endlich zufrieden mit mir und der Ausarbeitung war. :)

Ein paar Zahlen:
Meine Stoffsammlung hatte elf Seiten (in OO.o kopiert) komprimierte Gedanken. Führt euch das vor Augen: Elf Seiten Stoffsammlung! Das meiste waren Mini-Absätze von zwei Sätzen, dazwischen aber auch schon größere, die ich dann fast ohne Änderungen gleich übernehmen konnte. Jedenfalls war es gigantisch.
Der fertige erste Schulteil zählte (kopiert) fünf Seiten, der zweite stolze neun. Da Wordpress aber nicht mehr als eine Leerzeile zwischen zwei Absätzen erlaubt, sind es ohne diese zusätzlichen – noch mal zum Erfassen und zur Ästhetik eigentlich sehr dienlichen – Zeilenabstande im ersten Teil vier und im zweiten acht Seiten. Wie man’s auch anschauen will, das ist eine ganze Menge.

Übrigens schreibe ich diese Bettzettel, selbst wenn ein Projekt nicht “akut” ist, fast täglich ab. Das “täglich” ist dabei einfach wichtig, weil meine Schrift auch für mich in dieser Rumfizzellei zu 30% unleserlich ist und ich die Zettel eigentlich nur dadurch abschreiben kann, indem ich mich beim Sehen der Schnörkel erinnere, was ich dabei empfunden habe und so wieder auf die Sätze komme, oft. ;) Für alle meine Projekte nutze ich das geniale Desktop-Wiki Tomboy. Es ist äußerst angenehm, auf den Notizzettel im oberen Gnome-Panel zu klicken oder Alt+F12 zu machen, eine Liste mit den aktuellen Notizzetteln zu bekommen, durch einen Klick und ohne weitere Ladezeit einen zu öffnen, einen simplizistischen Texteditor zu haben, der ein paar Formatierungsoptionen kennt und alle Notizzettel als Wiki untereinander verlinkbar und durchsuchbar macht, und der automatisch speichert. Das ist echt cool. Gibt es mittlerweile übrigens auch für Mac OS X und Windows. Kann auch auf WebDav synchronisieren und bald kommt auch ein selbsthostbarer Webdienst dafür. :cool:

Ja, das sollte ein kleiner Einblick in die Produktion so einer Ausarbeitung geworden sein. Ich hoffe (für mich), dass ich es in nächster Zeit nicht mehr für nötig erachte, so viel Aufwand aufzubringen und mir selbst oft so blöde Selbstversprechensvorwürfe zu machen. Das war diesmal wirklich nicht schön. Zum Ende habe ich es aber doch geschafft, und das sogar noch in den Sommerferien.

Ich habe mich entschlossen, meine Gefühle und Verfassung zur Schule in einen zweiten Beitrag zu veröffentlichen, weil sie sonst dem objektiv angelegten ersten Teil seine Glaubhaftigkeit, Stärke und Signifikanz nähmen und, wie ich finde, auch nicht dazugehören.
Warum ich das hier veröffentliche, weiß ich nicht genau. Ich wollte es in erster Linie in Selbsttherapie für mich herausarbeiten und wenn ich auf kein Ziel wie eine Blogveröffentlichung hinarbeite, würde das nie fertig und niemals so ausformuliert, wie es jetzt geworden ist.

Die Schule ist für mich ein einziges Drama.
Was nun kommt, ist ein Streifzug durch die Fächer, die mir am meisten Kummer bereiten. Doch wenn nicht explizit anders erwähnt, bedeutet ein hier aufgeführtes Fach nicht, dass ich darin deshalb notisch schlecht wäre.

Inhalt: Mathe, Englisch und Gemeinschaftskunde, Gemeinschaftskunde, Sport, Biologie, Bildende Kunst, Mein Biorhythmus, Teile meiner Hochsensibilität, Stresskonsequenzen, Freunde, Selbstbewusstsein, Psyche, Das nächste Schuljahr, Schlussgedanken.

Mathe
Ich weiß, viele Leute, die mich kennen, erwarten das nicht von mir: Ich bin sauschlecht in Mathe.

Das Maximum, was ich während der Stunde noch hinkriege, ist Äquivalenzumformung – und auch das nicht, wenn ich unverhofft aufgerufen werde.
Ich habe während den Stunden regelrechte Angstzustände.
Was ich gerne hätte, wäre ein psychologisch beglaubigter Attest für Mathe.
Mein Denken ist eingefroren, mein ganzes Denken ist blockiert.
Ich bin so kaputt, dass sogar meine Rechtschreibung katastrophal wird.

Über Mathe bin ich unter allen Fächern am unglücklichsten, hier ist der Leidensdruck am stärksten.

Während des Tafelabschreibens kann ich nichts lernen. Ich habe ja schon die größte Not, diese Zahlen und Wörter in Häppchen zu erfassen, zu behalten und zu kopieren. Und dann wird ja meistens auch nebenher noch weitererklärt!

Das Fach ist hektisch. Ich bin nur angespannt.

Mir drängt sich Stunde um Stunde das Gefühl (oder: die Illusion) auf, ich wäre hier in der Intelligenz sämtlichen Mitschülern unterlegen. Dadurch ziehe ich mich erst recht in eine vermeintliche Schutzposition zurück, mache mich ganz klein. Dazu kommen weiter unten noch beschriebene Überreizungen der Umgebung.

Außerdem möchte ich immer originelle und kreative Lösungen präsentieren und das kann ich in Mathe nicht – weil ich nichts gelernt habe, weil ich darin nicht lernen *kann*. Aber ich MÖCHTE doch so gerne etwas darin lernen!

Sag ich was Falsches, deprimiert mich das die ganze Stunde (oder werde ich eben überraschend aufgerufen; ich schäme mich dann vor der ganzen Klasse).
Mathe ist für mich reine Berieselung und Hoffen, nicht aufgerufen zu werden.
Fast nie kann ich während Arbeitsphasen etwas mit den Aufgaben anfangen.

Schon immer musste ich den in der Schule eigentlich vermittelten Stoff in den naturwissenschaftlichen und sprachlichen Fächern zu Hause nachholen, weil ich es in der Schule nicht auf die Reihe bekomme. Das ist schrecklich. Ich sitze ganze Stunden da, möchte etwas von dem dargereichten Stoff verstehen und behalten, aber kann es nicht.

Ich mache eigentlich nur kleine Fehler, aber die sind “mit großer Wirkung” und es gibt in den seltensten Fällen jemanden, der bereit ist, mir kurz zu helfen, weil jeder so auf sich konzentriert ist, weil alles so schnell geht. – Den Lehrer zu fragen, natürlich, traue ich mich nicht.
Die “großen” Fehler sind bei mir eher die Ausnahme, viel mehr mache ich kleine, aus Unverständnis mit anderen Stoffbereichen zusammenhängend, die ich einfach nicht (mehr) beherrsche.

Übrigens – das will ich noch klarstellen – streckenweise, vor mancher Arbeit, habe ich echten Spaß an dieser Essenz der Rationalität. Streckenweise meine ich auch, ich würde Dinge schneller verstehen als meine Mitschüler.
Aber, die Einschränkung die kommen muss, ich bin de facto in Mathematik so eine verlorene Seele, dass ich die Hoffnung aufgegeben habe, jemals gleich wie die anderen dem aufeinanderfolgenden Stoff verstehen zu können. Mir fehlen viele Grundlagen, Dinge, vor denen ich mich damals gesperrt habe aus Uneinsicht, bei denen ich heute sagen muss, hättest du doch wenigstens diese Dinge damals richtig gelernt, dann wäre dein Problem mit dem Fach heute ein partiell anderes. Selbst wenn ich diese Grundlagen nachlerne, fühle ich mich nicht sicher, fühle ich mich gegenüber den anderen minderwertig, glaube, dass die doch noch so viel mehr im Zusammenhang damit verstehen müssten, dass ich so weit abgeschlagen bin, dass es sinnlos ist, dass ich nur verlieren kann.
Mein Problem mit Mathe ist ein psychologisches.
Mathelehrer glauben ja immer ganz selbstverständlich, etwa in Elterngesprächen, man müsse ja nur üben, um den Zustand zu ändern, und wäre eben faul.

Ich habe schon gemerkt, dass ich nicht der Schlechteste bin. Den “anderen Schlechten” scheint ihre Lage aber nicht aufzufallen, sie nicht zu stören, sie machen sogar oft vergnügt am Unterricht mit. Sie scheinen nicht zu bemerken, wie viele Zusammenhänge sie nicht erfasst haben, sie scheinen es nicht weiter mit sich in Verbindung zu setzen, nicht persönlich zu nehmen.
Ich schäme mich dafür, das selbe übrigens in Französisch.

Ich bin keineswegs von der Mathematik überfordert, mich überfordert die Klasse.

Englisch und Gemeinschaftskunde
Ich denke viel zu kompliziert und abstrakt und finde keine Worte dafür. Ich kann selten direkte, klare Gedankenwege kreieren.
Bei vielen Fragen nehme ich dagegen die erwartete Lösung schon als selbstverständlich an und suche auf dieser aufbauend krampfhaft mit meiner ganzen Kreativität nach etwas “Mystischem”, was ich ebenso als selbstverständlich halte. So übersehe ich tonnenweise einfache, simple Antworten und ärgere mich griesgrämig beständig über mich selbst.
Und das, weil ich nicht in mir ruhe, weil ich mich unfrei fühle, bedrängt, bedroht.

Gemeinschaftskunde (Politik)
Wäre es nur der Stoff, wär ich besser. Es gibt jede Stunde dumme Witze, “soziale Verhältnisse” in einer Art, der ich abgeneigt gegenüberstehe, durch die ich genervt bin, sie gefallen mir nicht, ich fühle mich unwohl, nicht dazugehörend und ich blocke ab; versuche zwar, den Stoff trotzdem noch an mich ranzulassen, aber das ist verdammt schwer; es wird sehr viel geschrien, es gibt sehr viel Lärm.
Ich bin außerordentlich interessiert an dem Stoff, aber hier wird es mir wirklich richtig, richtig schwer gemacht, auch nur zu Konzentration zu finden und nicht gleich für mich das gesamte Fach hinzuschmeißen.

Sport
Ich bin die gegenseitigen Anschuldigungen der Jungen der Homosexualität Leid. So was von.

Mir tut nach jeder Stunde Irgendetwas weh, nicht, weil ich unbedingt etwas falsch gemacht hätte, sondern weil ich (meistens) bösartig mit Bällen beworfen werde, oder sonstige Späße ertragen muss. Sport haben wir zusammen mit einer Parallelklasse und summa summarum kommt da ein ordentlicher Haufen Proleten zusammen, die sich in einem Fach über körperliche Kondition sehr wohl fühlen.

In den Kabinen herrscht eine unzumutbare Luft, verpestet durch unzählige Deos und “Belüftungsaktionen” mit dem Wandföhn (!!). Auch in der Turnhalle west schreckliche Luft dahin; dazu der eklige schmutzige Boden (Popels?).

Ich bin durch einen Spielunfall als Kleinkind auf dem rechten Auge blind und habe somit kein direktes optisches 3D-Sehen, ich muss alles schätzen aus Erfahrung.
Darum brauche ich länger; ich hasse Bälle, ich hasse Ballspiele, ich hasse Aufgaben mit Anlaufen, ich hasse sie alle.

Biologie
Ich denke mit Absicht an das Schwierigste, ich möchte dem Lehrer nicht zuspielen und irgendwie versuche ich immer den schwierigsten Weg, um mir selbst etwas zu beweisen. Es ist sehr lange her, als ich das letzte Mal in Biologie eine geniale Assoziationskette hatte, dabei ist das ja eigentlich das, mit dem ich mir gefalle und was ich von mir erwarte.
Ich kann nicht frei denken, bin nicht kreativ.
Analog zu Englisch und Gemeinschaftskunde fehlen mir, zumindest, wenn ich etwas vor der Klasse sag, auf einmal alle Fachausdrücke.

Bildende Kunst
Seit Jahren habe ich darin nichts mehr geschaffen, worauf ich stolz gewesen wäre. In keinem anderen Fach schäme ich mich so wie in BK (gerechtfertigt zu dem, was die besten anderen kreieren). Und denke, ich kann das doch viel, viel besser. Meine zu Hause zweifelsohne in Übermaßen vorhandene Kreativität ist in der Schule geradezu eingefroren, chronisch in BK.

——

Mein Biorhythmus
Mein Biorhythmus ist eine Ausnahme – ich erreiche meine höchste Leistungstärke von 21:00 Uhr bis 03:00 Uhr. Um die Uhrzeit 02-03 Uhr +-1 h bin ich auf meinem kognitiven Höhepunkt. Es ist einfach so. Ich spüre das immer wieder an Wochenenden und in Ferien.
Morgens ist überhaupt nicht meine Zeit. Selbst wenn ich mal ausgeschlafen bin. Ich kann mit den Vormittagen kognitiv nicht so viel anfangen.

Da ich durch meinen Biorhythmus sehr schlecht nachts einschlafe – ich schlafe verständlicherweise äußerst widerwillig zu der Zeit ein, zu der ich mich am leistungsfähigsten fühle – bin ich meistens in der Schule recht müde.
Dazu kommt noch eine, gerade durch den Schlafmangel begünstigte, schwache Blase. Es ist grauenhaft.

Teile meiner Hochsensibilität
Ich bin hochsensibel, und in der Schule wird meine Reizgrenze überschritten. Es ist äußerst unangenehm.

Es geht dort hektisch zu, ich bin unter vielen Schülern mit unterschiedlichsten Emotionen, die ich allesamt unbewusst beobachte und analysiere, dann der Zeitdruck aus dem Unterricht…
Ich habe jeden Tag Angst vor der Schule.
Die Schule schüchtert mich ein, durch verlangte und im von den meisten erbrachte “Disziplin des Funktionierens”, durch ein Können, das ich nicht habe.

Ich kann effektiv und gründlich lernen, aber beim Stress, der von außen, nicht von mir, kommt, bin ich blockiert. Ich lerne gerne etwas für die Schule, kann es aber nicht unter diesem Stress. Ich leide sehr darunter.
Im ersten Schuljahreshalbjahr von September bis Februar ist das immer am schlimmsten, danach wird alles etwas lockerer.

Ich brauche Besinnlichkeit, ich brauche Ruhe, ich brauche Zeit für mich. Ich scheine vollkommen inkompatibel zu diesem Modell von Schule zu sein.

Wie meine Deutschlehrerin in der 9. Klasse vor der Tafel erklärte: In subtilen Anspielungen bin ich der absolute Meister, da kommt keiner an mich ran.
Das bedeutet auch, dass jedes Wort, jede Formulierung in mich mit einer viel enormeren Gewalt einschlägt, mehr Nerven berührt, mehr wehtut oder mehr erheitert (ich lache oft über “ganz banale” Formulierungen). Das ist Teil der Hochsensibilität.
In einem Satz, den ich in der Schule sage, zerreißt es mich innerlich schier an der Entscheidungsfindung, wie er zu formulieren wäre, um entweder ganz spezielle subtile Anspielungen hervorzurufen oder bei allen, bei denen es mir darauf ankommt – und das ist so irre schwer – keine aufkommen zu lassen. Dabei kann ich noch nicht mal wirklich gut verbal sprechen und formulieren, ich konnte das nie lernen.

Wenn wir etwas lesen oder besprechen, kommen mir, habe ich den Eindruck, viel mehr Gedanken aus den skurrilsten Herleitungen, als anderen. Vor allem Bilder kommen mir in den Sinn und übergeordnete Zusammenhänge versuche ich durch händisches Aufeinanderzubewegen der verschiedenen Fakten und Drehen der Ansichtsweisen zu entdecken.
Andere können sich einfach auf die Fakten, so wie sie sind, konzentrieren, sie hinnehmen, lernen – und anwenden. Ich nicht.
Und ist eine Frage offiziell aufgelöst, hängt in mir immer noch ein Nachbild meiner Konstruktion meiner Gedanken zu der Frage auf den Liedern, und ich habe die größte Mühe, meine eigenen Gedanken als offenbar ›falsch‹, unpassend und unwesentlich zu akzeptieren und zu verwerfen. Spricht der Lehrer weiter, möchte ich am Liebsten weiter auf meinen eigenen Gedanken aufbauen – was mich nach kürzester Zeit wieder aus dem Verständnis wirft.

Stresskonsequenzen
Ich fühle mich wirklich richtig unwohl.
Unter den Schulbedingungen kann ich mich nicht vernünftig konzentrieren.
Ich kann einen Lehrer nicht etwas fragen, nicht mal in den mir angenehmeren Fächern, und mich naher noch genau an seine Antwort erinnern. Es geht nicht.

Ich weiß, dass ihr jetzt denkt: »Haha, es sind natürlich immer die Anderen!«, doch ich bin mir meiner Situation absolut bewusst und ja, es sind die anderen. Doch nicht so, dass sie einfach schlimm wären. Es bin ich in Beziehung zu diesen anderen.
Ich werde erdrückt von Gedankengängen, die ich zu berücksichtigen habe, ich weiß zu viel über die anderen, habe sie schon zu tief analysiert, und will (muss) immer fortsetzen darin.
Ich habe mit ein paar wenigen tiefeinschneidende Erlebnisse und ein Traum gehabt (ja, das Wort ist mit Bedacht gewählt). Das sind momentan gewaltige (und bitte nicht zu unterschätzende) Energien in mir, die in die Bewältigung hineinfließen, in die Umschiffung von Problemhafen, in skurrile Fantasien, es wieder umzuschlagen; und daneben Scham, große Scham.
All das bildet ein Konglomerat aus entgegengesetzten Gefühlen, das ich selber nicht ergründen kann. Es stellt auf jeden Fall eine schwere Last auf mir dar, immer wenn ich in dieser Klasse bin.

So viel Pein, so viel zu berücksichtigen, so eine Belastung! Das macht mich kaputt! Nach der Schule bin ich immer emotional total fertig und habe so viele Eindrücke gesammelt, dass ich Stunden brauche, um wieder zu mir zu kommen. Ich habe den Eindruck, ein Schultag stresst mich so sehr wie andere ein hohes Pensumlimit in einem Beruf. Ich bin danach deutlich kaputter, als wenn ich daheim lange lerne oder Nachrichten lese.

Ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie es ist, den Kopf ganz frei zu haben und sich vollkommen auf den Stoff und sich konzentrieren zu können. Es muss wunderbar sein. Es muss eine Wonne sein. Das reine, pure Verständnis muss zu Erkenntnissen führen.
Das drückt ein Bild davon aus, was ich unter Schule und Lernen begreife (bis auf die Wonne) – und wovon ich so weit in meinem Empfinden und Kummer entfernt bin.

Freunde
Seit jetzt zwei Jahren, als mein damals bester Freund von der Schule ging und seit nun einem Jahr, seit ich ein anderes beschämendes und angstmachendes Problem mit wem in der Klasse habe, fühle ich mich ganz allein. Niemand, den ich interessant finde, interessiert sich seitdem noch von sich aus für mich, ich kann die größten Störungen und Unwohlheiten zeigen, niemand spricht mich darauf an.
Ich möchte am liebsten da nicht mehr hin!

Dieses Jahr verlassen insbesondere zwei Mitschüler die Klasse, die sehr gestört haben, ja, aber die in ihren Gebieten auch tolle Kameraden waren. Ohne sie werde ich mich wieder ein Stück einsamer fühlen.

In den großen Pausen streife ich ziellos durchs Erdgeschoss und den Schulhof. Mir ist langweilig, wenn nicht gerade schönes Wetter ist, wünsche ich mir so schnell wie möglich ein Ende der Pause herbei. An den oberflächlichen, egofröhnenden Gesprächen, die meine Klassenkameraden in der Zeit untereinander führen, kann ich nichts finden.
Auch in den Pausen fühl ich mich schlecht, bedrückt. Würde ich als externer Beobachter mal meinen unglücklichen Pausengang beobachten, ich würde wahrscheinlich über meine Einsamkeit weinen.

Selbstbewusstsein
Selbstbewusst _ sein heißt, sich trauen, selbst zu denken. Das tue ich in einigen Fächern nicht.
Ich kann mich nicht nur auf mich konzentrieren, nicht einfach sein.

Ich denke bei und während allem, was ich für die Schule tu, in erster Linie an die anderen. Es als alleiniges Vergleichen zu erklären, würde dem nicht gerecht werden. Ich habe viel Angst und verstehe die anderen nicht. Verstehe ihr Bewusstsein nicht, das sich offenbar so stark von meinem unterscheidet.

Die anderen scheinen fast ausschließlich in sich zu ruhen, anstatt über alles um sie herum nachzudenken, ihrem Ego zu frönen (das ich praktisch “nicht habe”). Das Schockierende ist, dass sie trotzdem weiterkommen. Sie machen viel falsch, aber durch eine spezielle gesellschaftliche Dynamik, die zuversichtlich ist, dass dazugelernt wird, werden sie in ihren Gruppen sogar noch unterstützt, wird ihnen verziehen, wird ihrem Ego gehuldigt (!!).

Ich glaube in dieser Klasse immer, mich verteidigen oder rechtfertigen zu müssen.
Ich bin in der Schule zu 80% eingeschüchtert.
Die einzige Zeit des Jahres, in der ich in meinem reinen Bewusstsein sein kann, wirklich zu mir selbst finden kann, sind die Sommerferien, kleinere Ferien reichen nicht aus, nur die Sommerferien, weil das so viel Zeit ist, dass ich wirklich vergesse und durch die anderen nicht verunsichert werde, nicht bedrückt bin, alleine in mich schauen kann.
Dabei werde ich klarer und meine Intelligenz legt sich frei, die sich zur Schulzeit unter Zwängen und starren Anforderungen verkriecht.
Ich schreie dagegen an: Ich möchte meine Intelligenz nutzen können!!
Das ist, warum ich die Schule hasse, oder genauer: Ich habe Furcht vor ihr!

Mir wird eingeschlossen damit das Assoziieren erschwert – das bedrückende Unterlegenheitsgefühl und der ständige Pessimismus weitet sich auch auf meinen außerschulischen Privatbereich aus.

Wenn ich mich eh schon eingeschüchtert fühle, tu ich mir noch schwerer, mit dem Eindrückebeschränken → bin unsicher, schwach, verletzbar von außen, “ablenkbar”.

Ich seh nicht, was ich kann, ich seh nur, was ich nicht kann und wie schlecht ich in der Schule bin. Ich könnte auch niemals auf einem Schulfest feiern, ich habe nichts zu feiern, das ist mir jede Minute in der Institution im Bewusstsein. Ich bin so viel schlechter, als ich sein könnte.

Ich erinnere mich an viele angesammelte peinliche, schamvolle Momente der Vergangenheit. Ich kann kaum über sie hinwegsehen, sie setzen mich in meinem Selbstwert noch immer herab.

Auffällig ist auch, dass die anderen schneller von der Tafel abschreiben. Ich schreibe nicht langsamer als sie, und so führe ich das darauf zurück, dass sie sich mehr Wörter oder Elemente am Stück beim Hinschauen auf die Tafel merken als ich. In Fächern, in denen ich mich wohl fühle, bin ich nicht unter den Langsamsten. Also hat auch das etwas mit dem Selbstbewusstsein und Wohlbehagen zu tun.

Ich bin eh schon deprimiert über meine Leistungen und das geht mir an den Selbstwert, soweit, dass ich mir in bestimmten Fächern nur Minimales im Kurzzeit- wie im Langzeitgedächtnis behalten kann.
Ich bin in mir unwohlen Fächern in einem neuen Thema ab dem Punkt schlecht, an dem vorhin erwähntes Wissen ganz exakt und vom Lehrer als natürlich vorhanden-vorausgesetzt angenommen wird. Ich weiß, dass da noch etwas war, aber kann mich nicht mehr genau entsinnen. Ich schaue scheu und bestürzt um mich herum – dabei wird die Klassen-Kamera zur Hauptkamera und ich halte die Lehrerkamera kaum noch aus. Ich bin so deprimiert über mich, dass ich in mir zusammensacke, mir Vorwürfe mache, tief traurig bin und dem Lehrer nur noch ein »Ja, red Du nur, ich komme ja eh nicht mit!« zudenken kann.
Da dies Erfahrung ist, verkrüppelte das mein Selbstbewusstsein so sehr, dass ich es kaum noch wage zu versuchen, mitzukommen. Alleine der Versuch ist ein Kampf gegen meine Erfahrung und mein kaputtes Selbstbewusstsein, bei dem ich, wenn ich einmal Oberhand gewinne, immer noch die Stimme höre: »Es bringt nichts, Du weißt es, gleich hast du wieder versagt.« – Womit ich früher oder später dann auch wieder den Anschluss verliere.

Psyche
Wenn ich nur an die Schule denk, werd ich schon nervös und mein Denken entgleitet mir.
Alleine die Vorstellung, mit meinen Mitschülern zusammen sein zu müssen, löst das schon aus. Wie beim Schreiben dieses Textes: Ich denke nur an die Schule und beginne zu Schwitzen und meine Gedankengänge werden durcheinander und hektisch.

Äußerst perplex bin ich über die jahrelang gemachte Beobachtung, dass ein Großteil meiner Klasse keine Moral besitzt; ich denke mir, wie kann man nur so sein. Sie kennen keine Grenzen, keine Werte, sind egoistisch, kennen keinen Anstand. Und doch funktioniert das Klassengefüge unter ihnen irgendwie. Aber ich kann doch nicht mit solchen unzuverlässigen Menschen (Morallosigkeit: Nichteinhalten von menschnatürlichen Werten) glücklich (theoretisch) in einer Klasse sein, ich hab immer Furcht vor ihren nächsten unberechenbaren Aktionen. “Perplex” trifft das wirklich am besten, ich kann ihre Art auf keiner Ebene verstehen und bin immer wieder überrascht, wie rücksichtslos sie sich verhalten. Verstehe auch nicht, warum das so gut bei dem Rest ankommt. Ich halte es für gesellschaftsschändigend falsch.

Was ich vor allem in der Schule bräuchte, wäre wieder unter Gleichaltrigen zu sein, was leider unmöglich ist. Ich fühle mich immer an einer losen Leine außerhalb der Klasse, die an gespannter Leine kollektiv nach vorne zieht. Ich habe keine Führung. In sehr vielen bin ich denen voraus, in anderen anscheinend Jahre hinterher, es ist unvereinbar (im Denkhorizont, in der Gefühls- und Emotionswelt weeeit voraus, in allem Nachaußentragendem hinterher).
Das ist gerade so wichtig, weil ich eigentlich nur während der Schule im realen Kontakt mit Menschen bin. Ich bin total unsicher, weil ich mich nur dort unter welchen erlebe, und dabei so schlecht in allem Nachaußentragendem.

Im Gefühlsbereich können die anderen mir nichts Neues mehr beibringen, und so fehlt mir eine Orientierung nach vorne. Ich weiß nicht mehr, wie es ist, emotional gefordert zu sein. Ich bin nie real unter Gleichaltrigen. Das heißt für mich, ich muss mir selber Ideale suchen – Ideale, nicht Idole. Und das heißt, ich verhalte mich etwas “weltfremd”. Und das heißt auch, dass ich dann erst recht unsicher werde, weil ich nie sagen kann, wie sich Gleichaltrige verhalten würden, was sie denken würden, wie sie abstrakte Visionen umsetzen würden; ich fühle mich ausgeschlossen, separiert und ungleich.
Ich schäme mich dafür, mit 18 in die 11. Klasse zu kommen und mit so jungen Mitschülern zusammen zu sein. Die 3. Klasse freiwillig zu wiederholen, weil ich auf eine andere Schule gewechselt bin, war einer der größten Fehler meines Lebens.

Ich denke dauernd, ich habe den Gleichaltrigen so viel hinterher, sie haben schon so viel mehr Stoff als ich gelernt, haben schon viel mehr erlebt, sind ein Jahr eher mit der Schule fertig, ich denke immer daran, wenn ich welche sehe und wenn ich mit welchen kommuniziere.
Ich seh meine Gleichaltrigen vor mir schon ein Jahr weiter in der Schule, schon viel weiter im Stoff, schon viel mehr hinter sich gebracht, Dinge, die ich noch nicht verstehe, mit denen ich mich noch abquälen werde, sie sind viel weiter. Das macht mich fertig und bringt mich bis zum Weinen.

Es gibt in meiner Klasse Leute, die mir in logischen Gedankengängen recht ähnlich sind, zwar in ihrer Leistungsfähigkeit arg unterlegen, aber sie sind bedeutend besser auf den Gebieten Verbalformulierung, Selbstbewusstsein, Sozzeln [= soziale Geschicklichkeit, Sympathie bei anderen erweckend]; davon gibt es in meiner Klasse einige. Alles in allem führt das dazu, dass ich mich minderwertig fühle, ich mit meinem Nachaußentragenden nicht gegen diese anderen ankomme, dann auch natürlich im Denken schlechter und schließlich depressiv werde.
Aus Enttäuschung über etwa meine Formulierfähigkeiten, kann ich mich immer öfter beobachten, wie ich mich einfach wie die anderen ohne Bedacht im Sprechen gehen lasse. Dafür verachte ich mich dann so richtig.

Ich bin lernwillig, aber ich kann in der Schule nichts lernen. (Viele sind ja nicht lernwillig. Ich dagegen bin im Grunde sehr motiviert.)
Ich störe nie den Unterricht, weil ich etwas ›langweilig‹ oder ›unverständlich‹ fände, eher noch habe ich dann meist Respekt vor einem Thema, halte mich zurück, beobachte, und bin nur noch über mich selbst deprimiert.

Ich habe einen sehr hohen Selbstanspruch. Mir reicht es nicht, “gut” zu sein, ich will immer “außergewöhnlich” sein. Ich will nicht besser sein als die anderen, sondern ich sehe es irgendwie als ganz “natürlich”, als meine “Bestimmung”, an der Spitze zu sein. Das ist vielleicht sehr arrogant formuliert, ich meine es aber nicht arrogant. Ich will perfekt sein, es ist triebhaft, zwanghaft. Ich fühle mich immer ungenügend, wenn ich nicht perfekt bin, jeder Fehler setzt mir zu, mehr als anderen. Dazu kommt Angst vor Blosstellung.
Wenn ich in der Schule von so vielen Eindrücken und analytischen Gedanken abgelenkt und beschäftigt werde, dann kann ich das unmöglich halten – ich konnte es nie halten – und verfalle in Depression und gestehe mir kaum noch Selbstwert zu – der Rest schafft es ja!

Wenn ich die Hausaufgaben nicht gewissenhaft erledige, hängt das während des Unterrichts oftmals tonnenschwer an meinem Selbstbewusstsein und ich fühle mich gar nicht mehr würdig, das Wissen während der Stunde aufzunehmen.

Wenn ein Lehrer spricht, von mir sehr sympathischen Lehrern und mich persönlich brennend interessierenden Themen abgesehen, bebt in mir der Widerstand gegen diese Einrichtung, gegen das System, gegen den verlogenen Zwang.
Ich bin vielleicht so ein radikaler Schulkritiker einer speziellen Art, dass ich sie nicht bewusst verweigere, sondern mir selbst die Teilnahme “verbiete”, wer weiß.

Ich könnte mir gut vorstellen, mir allen Stoff selbst, daheim, beizubringen; ohne Privatlehrer, vielleicht mit Ansprechlehrer. Aber leider ist das “Unschooling” in Deutschland, anders als in vielen Nachbarländern, nur in absoluten gesundheitlichen Ausnahmefällen möglich.

Das mag ein kolossal subjektiv falsches Fehlgefühl sein, aber ich habe den Eindruck, dass ich in ein, zwei Parallelklassen sehr viel besser hineinpassen würde, als in meine momentane. Dass ich mich dort beträchtlich wohler fühlen würde. Dass die Leute dort mich besser verstehen könnten, und seien es auch nur die Mädchen.
Unsere Klasse wurde nicht geteilt. Ich Idiot musste in der 5. unbedingt die Klasse nehmen, die als erste Fremdsprache mit Französisch begann (darum kann ich auch nicht einfach die Klasse wechseln). Jetzt sind wir sechs Jahre zusammen. Und egal, was man mir weismachen möchte: Diese Klasse ist kaputt, es gibt keinerlei Dynamik mehr. Jeder hat seine Rolle. Wenn man Grundlegendes an sich ändern möchte, dann bleibt man auf seiner alten Position gefesselt.

Das nächste Schuljahr
Es ist für mich der absolute Albtraum, wenn nicht Horror, noch ein Jahr in dieser Klasse sein zu müssen.
Ich kann mich nicht an viele schöne Momente mit meinen Mitschülern erinnern, in denen ich mich so ganz gut wohl gefühlt hätte. Nein, ich habe keine positiven Erinnerungen an dieses Schuljahr. Vielleicht einige Momente, die ich meiner Geschichtslehrerin zu verdanken habe.
Sonst, wenn ich an Schönes in der Schule denken möchte, lande ich gedanklich immer in der 9. Klasse.

Eine aus meiner Klasse hat es zum Jahresende Klasse 10 richtig gemacht: Sie wechselt das Gymnasium. Eine schlicht geniale Lösung. Meinen tiefsten Respekt für diese Entscheidung. Ich hab mir in den Ferien überlegt, es ihr gleichzutun, selbst wenn ich dann in eine Klasse käme, die mit Englisch und nicht Französisch als erste Fremdsprache angefangen hat. Aber dafür war es da schon zu spät.
Ich will aus der Klasse raus, ich will so gerne einen Neuanfang.

Nach einigen Beobachtungen, scheinen viele ihre Arbeitshaltung zur Schule mit dem Beginn der Oberstufe zu ändern. Jene, die davor die Schule noch nicht ernst genommen haben, legen in der Oberstufe richtig los und glauben die Einbläuungen, die Schule sei das Wichtigste, der Sinn, das Ziel. Ihr ganzes Denken transformiert sich ins radikal schul-logische, sie werden rationalistisch, werden angepasst, sie ergeben sich vollkommen dem System.
Wer das nicht tut oder kann, der scheint keine Chance zu haben, “gut zu sein”. Man muss funktionieren. Man muss angepasst sein.
Die Oberstufler stellen das nicht infrage, sie nehmen es an; sie können sich überhaupt nicht leisten, es infrage zu stellen.
Davor habe ich Angst: Erstens sehe ich die Wichtigkeit unserer Schule so nicht ein und dann bin ich eben einfach hochsensibel und werde das so niemals umsetzen können und an dem eventuellen Versuch sicherlich zerbrechen. Und ich will mich nicht so anpassen. Das geht gegen meine philosophische Auffassung.

Im Film Logan’s Run (deutscher Titel: Flucht ins 23. Jahrhundert) leben die letzten Menschen vollkontrolliert unter einer riesigen Stadtkuppel, und es besteht ein Alterslimit der Bürger von 30 Jahren, zu dem sie “erneuert”, aber tatsächlich getötet werden, um die Population niedrig zu halten. Die Menschen in der Kuppel glauben, die Welt außerhalb wäre lebensfeindlich und sehen das Erneuerungskarussell als selbstverständlich.
Genau das vergleiche ich mit der Schule, damit, wie Gehirnwäsche betrieben wird, wie manipuliert wird, für einen eigennützigen Zweck, für die vermeintliche “Wirtschaft”.

Ich habe Angst vor nächstem Schuljahr. Angst, meinen Charakter durch die Schule zu “bilden”, Angst davor, so zu sein und werden zu müssen, wie ich es nicht für gut halte. Oder mich am Widerstand aufzuspießen.

Schlussgedanken
Ich kann lernen. Ich halte mich für recht intelligent. Aber ich kann es nicht in der Schule, nicht in dieser Art Schule. “Wenn ich nicht so mit mir selbst beschäftigt wäre”, und wenn ich das System bespringen würde, wie manch anderer, wäre ich ein exzellenter Schüler, da bin ich mir sicher. So bin ich ein durchschnittlicher, auch wenn ich mir selbst viel, viel schlechter vorkomme. So jemanden nennt man Underachiever.
Doch mein Leidensdruck ist hoch, ich halte das so nicht mehr lange durch.

Ich möchte, für alle lesbar, meine Unzufriedenheit mit dem deutschen Gymnasium (und in meinem Fall speziell dem Baden-Württembergischen) zu einen kleinen Essay fassen.
Das mag den Eindruck einer harten Abrechnung erwecken, aber das ist es nicht, schon gar nicht eine mit meinen Lehrern. Dahinter steht kein böser Wille, sondern sachliche Systemwut.
Sollte dies einer meiner Lehrer lesen: Ich will Ihnen nichts Böses. Ich kritisiere hier nicht Sie, sondern dieses System von Schule.

Ich spreche nur einige wenige Fächer an, bei den anderen mir bekannten hielt ich den Unterrichtszustand nicht in diesen Maßen für kritisierbar.

Mathe
Wir bekommen in diesem Fach so unglaublich viel unnützes Wissen eingetrichtert, und leider traut sich keiner mal die tatsächliche Sinnhaftigkeit der Themen objektiv zu betrachten, weil es ja so stark legitimiert ist als “Denksport” und Disziplin der Intelligenten; weil man ja insgeheim diese Präzision ehrfürchtig anstrebt und sieht, dass die, die auch in vielen anderen Feldern auffallend intelligent sind, Spaß daran haben, also muss es gut sein.

Ich sage: Wir müssen das nicht alle können!
Ganz klar gehört Logik geschult, die Schule ist der richtige Ort dafür. Logik! Logik kann man auch anders lernen!

Das Fach Mathematik ist an den deutschen Gymnasien ab der Mittelstufe Geldverschwendung des Staates. Von 30 Schülern braucht voraussichtlich nicht einmal immer einer das Schul-Mathematikwissen ab der Oberstufe im späteren Beruf. Das bedeutet, 29 Schüler einer Klasse von 30 Schülern werden ~vier Jahre in der Schule mit dem Lernen von absoluten Fachwissen gepeinigt, das sie nie gebrauchen können.
Ich schreie innerlich vor vergeudeter Lebenszeit! Mir scheint, als lernte ich es nur zum Selbstzweck! Das ist Wissen, das ich nie brauchen kann und selbst wenn ich es in ein paar Jahren brauchen könnte, *habe ich es sowieso schon wieder vergessen*.

Was im Fach Mathematik gelehrt werden sollte, ist praktisch umsetzbares Wissen für den Alltag; da mögen auch mal diese oder jene Spezialgebiete auf dem Plan stehen, um ein ehrlich brauchbares Bild der Fähigkeiten zu ergeben. Aber der Fokus sollte stets auf der Praxis liegen.
Jeder, der darüber hinaus ganz spezielle mathematische Fähigkeiten für ein Studium und so auch einen Beruf benötigt, dem sollen gerne kostenlose Förderkurse angeboten werden; dort sind dann wenigstens die Leute zusammen, die auch wirklich am Erlangen des Wissens ein persönliches Interesse haben.
Das Fach Mathematik, so wie es heute besteht, gehört revolutioniert, und jeder, der sich objektiv mit den Fakten beschäftigt, wird auf den gleichen Standpunkt kommen.

Ich frage mich angesichts dessen sogar, warum Mathematik auf dem Gymnasium ab der Mittelstufe noch als Hauptfach gelehrt werden muss. (Seine Berechtigung hat es darunter eindeutig, schon als Gedächtnisübung.)
Und wäre es nicht auch naheliegend, es abwählen zu können, wenn man nichts damit anzufangen weiß? Was spricht dagegen?

Es heißt bei Mathe lakonisch »Du musst«.
Ich “muss”, weil das vor Jahrzehnten Entscheider festgelegt haben, ich “muss” es nur weil es in der Schule *Pflicht* ist, Pflicht in einem abgesteckten System, ich möchte sagen, in einem ganz eigenen Öko-System (streicht das Öko, aber damit drücke ich die Separation aus), das an dieser Stelle heute völlig entartet ist zu dem, was seine Wurzel, der Auftrag, ist: Die Schüler auf das Leben und Berufkompetenzen vorzubereiten! Es geht heute nicht um Bildung, es geht um Abschlüsse! Ich “muss” nur, um mein Abi zu schaffen! Was ist das für ein Müssen! Das ist doch absurd! Und niemandem scheint das aufzufallen und zu stören!

Trotz alledem, mein Standpunkt zu Mathe ist: Ich äußere diese Kritik, aber ich setze Energien dahinein, trotzdem den Stoff zu lernen, weil ich es eben “muss”. Das sehe ich ein.

Musik
»Wenn man es nicht braucht, muss man auch keine Partituren lesen können (seh ich jedenfalls so), deshalb find ich den erzwungenen Musikunterricht in der Schule stellenweise (okay, mehr als stellenweise… :roll: ) auch ziemlich schwachsinnig.« —Charysmile

Wenn man als einzige Voraussetzung für eine 1 im Referat im Schulorchester sein muss, ist für mich die nötige Objektivität für ein Schulfach nicht gegeben.

Auch was man so in Musik macht ist ja selten dämlich: Ein gutes Viertel der Zeit verbrachten wir dieses Schuljahr mit Singen (danke Himmel, dass es nicht benotet wird…), wer eh im Chor ist, dem macht das Spaß, wer ein komplizierteres Instrument spielt, ist ein Ass in sämtlichen Notenfragen.
Klassische Musikgeschichte seh ich als wesentliches Kultur- und Allgemeinwissen, der Rest interessiert mich nicht, brauch ich nicht.
Bis darauf ist das Fach einfach unnötig. Der Stoff gehört nicht in eine allgemeinbildende Schule.

Chemie
Grundlagen sind OK, aber ich werde nie, nie, niemals in meinem späteren Leben irgendeine dieser Reaktionen durchzuführen gezwungen sein. Man sollte sich mehr auf allgemeine Kenntnisse, ein breites Basiswissen konzentrieren, als die spitze Entkonglomeratisierung unserer Materie. Auch mehr Geschichte in das Fach hereinzubringen wäre ein Gewinn; eine gewagte Forderung die Zusammenlegung mit Erdkunde.

Physik
Physik hat schon eher erkannt, dass es den Schülern nicht alles zu vermitteln braucht, was zu vermittelbar ist. Anerkennenswert. Aber auch hier ist der Lehrplan noch voller Details und Episoden, die keinerlei Nachwirkeffekt, bis auf die Noten haben. Da ist so viel, was man einfach wieder vergisst nach der Arbeit, und was einem im Leben nicht mal als kluge Hintergrundserklärung noch dienlich wäre. Für Physik wie Chemie gilt: Interessiert mich ein exakter Prozess persönlich, kann ich mir das Wissen am effektivsten selbst aneignen.

Sport
Den Sinn des Faches Sport habe ich bis heute nicht verstanden. “Körperliche Ertüchtigung” würde ja noch einleuchten, aber ich spür keine Ertüchtigung. Weder stärken die 2h wöchentlich meine Muskeln, noch nehme ich aus den Stunden auch nur *irgendetwas* mit nach Hause.
Sport ist das ungerechteste Fach, das es gibt, mit diesen pauschalen Leistungsanforderungen ohne Rücksicht auf die individuelle Konstitution und die unterschiedlichen Körper; und ein Überbleibsel der spartanischen körperlichen Leistungskultur, das abgeschafft gehört.

Religion
Warum gibt es dort keine krassen theologischen Eröffnungen und Diskussionen? Warum muss ich mir 2h in Religion Filme über Recycling-Vorgänge ansehen?! (Ohne Witz!)

Unser Lehrer ist ja ein sehr netter Mensch, doch er scheint jede Stunde zu grübeln, mit was er die Zeit nur totschlagen soll. So meine ich, 1h wöchentlich reicht locker, um das Jahrespensum unterzubringen. Oder: Die Zeit, in der man “Nichts” tut, ließe sich sinnvoller mit Philosophie verbringen, nur müssten die Religionslehrer das auch mit sich vereinbaren können…

Geschichte
Mehr Zeit dafür. Geschichte ist wichtig, man kann aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen. Das Fach wird wirklich viel zu sehr vernachlässigt.
Es geht mir nicht unbedingt um ein breiteres Stoffspektrum, sondern um Zeit für liebevolle Details.
Durch dieses Fach kann man zu höheren Erkenntnissen gelangen, vor allem durch den Inhalt der ersten drei Lehrjahre. Diese riesige Chance für die Schüler wird bislang weitgehend sträflich vernachlässigt. (Ich hatte Glück durch eine geniale Lehrerin, die wir zwei Jahre in Deutsch und Geschichte hatten und sich so die Stunden selbst sehr frei einteilen konnte.)

Gemeinschaftskunde („Politik“)
Mehr Geschichte, alte Geschichten aus der Antike, diese mit neueren vergleichen; das ist spannend.
Die Schüler sollen – und müssen – ein Gefühl für Politik entwickeln.
Auch nirgends sonst unten den weltlichen Fächern ist es wichtiger für den Staat, die Schüler zu Erkenntnis zu führen, als in Politik.
Gerade mit diesem “Gefühl entwickeln” komme ich über das Beispiel Politik auf eins meiner zentralen Anliegen: Das Notensystem herunterfahren und mehr auf Erkenntnis setzen.

Ideen
Aus der Schule kommen auf den Materialismus und Kapitalismus getrimmte Leute heraus. Die Schule gibt den Schülern nur Fakten, die Schule lässt sie nicht sich selbst finden. Sie bietet keinen Platz und keine Zeit dafür.
Darum plädiere ich für das neue Fach Geistesschulung. Darin könnte man Ideen und Übungen Rudolf Steiners in einfühlsamer Art anstoßen (auch ohne sich mit der von vielen als zu obskur befundenen “Esoterik” zu beschäftigen, der “Geheimwissenschaftsteil” ließe sich gut auskoppeln).
Bringt die Methoden der Anthroposophie in die staatliche Schule, die Schüler werden es euch danken!

Sprachlich neben Englisch sollte unbedingt Esperanto unterrichtet werden. Ich höre die Rufe: »Das spricht doch keiner!« – genau deswegen. Diese Plansprache, die das beste aus Europas Sprachrepertoire vereint, ist in jeder Hinsicht kinderleicht zu lernen und irgendwer muss ja mal anfangen, sie staatlich zu unterrichten. Esperanto ist eine Lösung für Europa, sein Sprachproblem geregelt zu kriegen: Es ist einfacher als Englisch zu erlernen, viel, viel einfacher, dennoch ungeheuer präzise und kein Land hat es als Muttersprache, so wären in der Kommunikation alle gleichgestellt. Englisch ist aus diesem Grund nicht für ein Europa der Bürger geeignet. Da Esperanto so wirklich phänomenal einfach ist, würde vorerst auch nur eine Stunde wöchentlich ein halbes Jahr genügen, um stabile Grundlagen zu vermitteln. Ich halte es für wichtiger, Esperanto zu unterrichten, als irgendeine andere zweite Fremdsprache außer Englisch – diese wäre für ein Land, Esperanto ist für Europa und den Rest der Welt.

An unseren Gymnasien gibt es heute zwei “Profile”: Das naturwissenschaftliche und das sprachliche.
Habt ihr nicht auch das wage Gefühl, da fehlt etwas?
Weder “Naturwissenschaft” noch Fremdsprachen sind mein Ding, mein “Hobby”. Was ich gerne hätte, was mir vorschwebt, ist ein neues humanistisches Profil, verstärkt mit Fächern wie Deutsch, Geschichte, Politik, Rhetorik, Psychologie, Philosophie, Geistesschulung.
Das soll schon nicht zum Drückebergerprofil werden, Ansprüche dürfen gerne gestellt werden.
Ich meine, das ist wirklich einen Gedanken wert. Klar, Englisch ist wichtig, und noch ein bisschen Esperanto und Französisch oder etwas in der Richtung, warum nicht. Auch die “Naturwissenschaften” sehe ich als wichtig, aber für mich eben nur die Basis. Ich muss die ganzen Zusammenhänge nicht auf Arbeiten gepaukt haben. Mir reicht eine gesunde Basis, wenn ich mich für etwas näher interessiere, kann ich es mir ja selbst beibringen. Ich habe nicht vor, ein Studium, respektive einen Beruf anzufangen, bei dem ich mehr als gesundes Allgemeinwissen in diesen Bereichen brauche.

Reformen
Eine weitere Idee, die das Profilproblem sogar aus der Welt schafft: Nach meinen Vorschlägen über das Neuauffassen und gegebenenfalls Kürzen einiger Fächer könnte man zu dem Schluss kommen, das Abitur ließe sich noch weiter früher herabsetzen, was ich aber trotz der Zeitersparnisse für bedenklich hielte. Meine Vorstellung wäre eher die, das Kurs-Prinzip schon mit der Mittelstufe einzuführen, nach Ende der Mittelstufe eine neue Prüfung, ähnlich dem heutigen Abitur anzusetzen, und die Oberstufe freier zu machen: Die Oberstufler sich verstärkt mit dem beschäftigen zu lassen, was ihnen liegt, indem sie sich ganz frei in die Details deren Fächer vertiefen, für die sie zuvor neugierig wurden. Am Ende der Oberstufe eine neue letzte Prüfung oder Begutachtungen der Ausarbeitungen, die, ganz individuell, ihre Lernerfolge bewertet.
Dabei sollte kein Zwang bestehen bei der Menge der zu absolvierenden Fächer oder Themen. Jedoch ergibt der Eindruck dieser Leistungen zusammen mit den Werten der Prüfung nach der Mittelstufe das “Abitur”.
Das heutige Kurse-Prinzip sollte weitergedacht werden: Jede Themeneinheit gehört als eigener Kurs abgesplittet, und über das Jahr hin wiederholen sich bei verschiedenen Lehrern die Unterkurse. So ist man absolut frei im Wählen dessen, was man für wichtig hält. Die Zeit der Oberstufe soll nicht mehr in Schuljahren betrachtet werden, sondern an sich als eines, was erlaubt, sich beliebigen Stoff zu beliebigen Zeit vorzunehmen. Wer möchte, kann sich prüfen lassen und bekommt – optionale – Noten. Für Prüfungen können ein besuchter Unterkurs oder mehrere Voraussetzung sein; – ihr seht, in welche Richtung und zu welchen Möglichkeiten das führt!
So fordert man wahren Freigeist, Individualität und Bildung!

An dieser Stelle möchte ich auf den exzellenten Artikel “Die Schule der Zukunft (v2.0)” verweisen, der da noch sehr viel weiter geht und insbesondere die Auswirkungen eines Bedingungslosen Grundeinkommens auf das Schulwesen entwickelt und beleuchtet. Ebenfalls zu empfehlen ist Klaus Sinderns Sachbuch “Tamagotchi Schule“, in dem der festgefahrene Selbstzweck unserer Schule allzu deutlich wird.

Was können wir tun?
Als erster Schritt muss überhaupt erst mal wieder eine Diskussion über die Schule legitimiert werden, muss ein Bewusstsein über das, was uns in der Schule vorgesetzt wird, auf breiter Ebene hergestellt und erlaubt werden. Nicht nur bei Eltern und Pädagogen, sondern vor allem in den Köpfen der Schüler. Es kann nicht angehen, dass man dieses aktuelle System einfach hinnimmt, ohne sich zu beschweren. Macht euch Gedanken darüber, bloggt darüber, diskutiert mit Freunden, sagt eure Meinung wohl dosiert den Lehrern. Es wird einfach Zeit, dieses archaische Schulsystem zu einem Bildungssystem zu machen! Was dafür zu erst geschehen muss, ist die Aufrüttlung, ist dass sich mehr Schüler überhaupt einmal trauen, über die heutige Schulmaschinerie nachzudenken, anstatt sie als gottgegeben zu nehmen und sich fügsam in ihren Schlund zu werfen!

Wir Deutschen geben klar zu, dass es mit unseren Nationalstolz nicht sehr weit her ist. Wir haben ihn verloren mit Ende des Krieges und der Aufarbeitung unserer Taten darin.
Italien und Russland haben ihre Kriege weit nicht so aufgearbeitet wie wir. Sie haben keinen Selbstwertschaden erlitten. Wir dagegen forschten unnachgiebig nach, so weit, dass wir uns seitdem für unsere Nationalität schämen, und wenn nicht, zumindest viel Kraft aufbringen müssen, um uns nicht von der Scham überzeugen zu lassen (»Ich hatte damit nichts zu tun«).
Das Schlechte siegt über das Gute? Oder ist der Nationalstolz schon das Schlechte, das durch noch mehr Schlechtes offenbart wird?

Ginge es nur um Gründe, stolz auf Deutschland zu sein, dann fielen mir da einige Dinge ein, die es hervortun und mir gefallen:

Deutschland ist einer der Hauptfinanziers Europas. Eine Frau ist unsere Bundeskanzlerin.
Wir haben eine gute Regierung. Sie hat Konzepte entwickelt, der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken und wir haben ein momentan konfuses und ungerechtes, aber zumindest garantiert funktionierendes Sozial- und Gesundheitssystem.
Wir bekommen Netzsperren für Seiten mit Kinderpornografie (kleiner Scherz).
Wir nörgeln und regen uns über die Politik auf, das zeigt, wir Bürger haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben; und wir sind interessiert an der Politik.

Die deutsche Sprache ist eine äußerst „begriffliche Sprache“, exakt und präzise. Sie unterstützt Wortzusammensetzungen (›Donaudampfschiffskapitänsmütze‹). Vertritt man die Sapir-Whorf-Hypothese, nach der der Wortschatz und die Grammatik einer Sprache einen kausal zwingenden Einfluss auf das Denken nehmen, so kann man annehmen, dass das auf uns gewisse Auswirkungen hat.

Wir haben ein Land mit nur wenig Rohstoffvorkommen, sind aber dennoch Exportweltmeister. Um das zu erreichen liegt es ganz klar: Unser eigentliches Gut ist unser Können.
Wir sind das Land der Dichter und Denker, „geborene Metaphysiker“ wie Verne in „Von der Erde zum Mond“ schreibt. Damit kann ich mich identifizieren. :)

Das weltberühmte „Made in Germany“ ist ein Prädikat für hohe Qualität, Durchdachtheit und Robustheit.
Unsere Fernsehsender, staatliche wie private, haben ein Designniveau, wie ich es noch nirgends anders gesehen habe. Ich möchte meinen, unsere Fernsehanimationen und -Grafiken, das Corporate Design der Sender, sind Weltspitze. Was sie produzieren, sieht wirklich ästhetisch, frisch, angenehm, modern aus und nervt nicht (!!). Die Intros zu etlichen Shows und Sendungen sind künstlerische Meisterwerke, die man erst schätzen lernt, wenn man mal das Ausland erlebt. Bei unseren Nachbarländern ringsherum kommt mir der deutsche Entwicklungsvorsprung mitunter wie mehrere Jahrzehnte vor; und vom graulichem effekthaschendem und hektischen amerikanischen Fernsehen braucht man gar erst anfangen.

Auch in der Technik, und was mir hier noch besonders am Herzen liegt, in der IT mischt Deutschland ganz weit vorne mit.
Das Frauenhofer und das Max Planck-Institut zählen zu den mir am geläufigsten Einrichtungen, aus denen kontinuierlich Innovationen und wegbereitende Forschungsergebnisse hervorgebracht werden. So sind der mp3- und AAC-Codecs zu einem großen Teil deutsche Entwicklungen!
Wir haben SAP, neben IBM und Oracle der größte Firmenintegrationssoftwareentwickler weltweit.
Eine ganz erstaunliche Anzahl der Drittanbietersoftwareentwickler für den Mac sind Deutsche – und dann, was ich damals irre fand: Als Mitte 2006 die Public Beta von Windows Vista freigegeben wurde, gab es sie in Englisch, Chinesisch und Deutsch! Weltweit, für das Austesten und Fehlerfinden eines neuen Betriebssystems bedachte Microsoft als dritten von drei die deutschsprachigen Länder! Wenn das mal nichts über unsere Signifikanz in der IT aussagt!
Übrigens war der Zuse Z3 1941 der erste funktionsfähige (und programmierbare!) Digitalrechner – der erste Computer!
In der privaten Internetanbindmöglichkeit ist Deutschland unter den besten Ländern Europas, wir bekommen hier in Städten mit DSL 16.000 und VDSL 50.000 schon vergleichsweise sehr schnelle Leitungen (in den USA ist man da, so weit meine Kenntnis, im Allgemeinen und Schnitt eher auf DSL 2.000-Niveau unterwegs).
Wir haben hier eine gigantische Anzahl an Geeks – auf unsere Landesgröße relativiert – und eine im sonstigen nicht-englischen Raum unvergleichbare Anzahl an IT-Nachrichtenseiten, Foren, Wikis und computerbezogenen Blogs. Man stößt zu IT-Themen in keiner anderen Sprache nach Englisch mehr so oft so viel auf lesenswerte Seiten aller Art (Problemlösungen, Forendiskussionen, Artikel, Blogs, Podcasts) als im Deutschen – in manchen Extrembereichen ist es für den „Rest“ Gang und Gebe, sich deutsche Seiten maschinell übersetzen zu lassen, um an die benötigten Informationen zu gelangen.

Wir haben die zweitgrößte Wikipedia geschaffen, ist das nicht krass? Und die *beste*, denn die deutschen Nutzer erstellen Artikel mit Verstand und Ordnung. In Chaosradio Express hieß es einmal (aus dem Kopf, unkontrolliert), dass „die deutsche Wikipedia die heimliche wahre Wikipedia ist“. Wir haben selbst solche hohen Ansprüche an uns, unsere Gründlichkeit und unseren Stil, dass so ein bombastisches Werk dabei herauskommen kann. Vergleicht doch mal zum Spaß die deutschen Artikel mit den französischen, spanischen, italienischen, oder englischen. Ernüchterung werdet ihr erleben! Was die englische Wikipedia als theoretischen Vorteil hat, dass Englisch die erklärte Weltsprache ist, hat sie auch zum Nachteil, denn viele Artikel sind zwar planlos vollplakatiert mit unbelegten Informationen, aber dabei lässt das allgemeine Stilniveau sehr zu wünschen übrig, eben weil ein Großteil der Autoren die Sprache nicht als Muttersprache beherrscht. Es gibt dort keine allgemeinen Konventionen im Artikelaufbau, viele Texte sind einfach Matsch, unvollständig, begonnen aber gleich wieder abgebrochen. Ulkigerweise trifft man die selben Mängel bei den genannten anderen Sprachen auch in fraglichen Dosen an; hier ist die deutsche Wikipedia ganz klar Top.

Nicht zu vergessen sind auch unsere deutschen Tugenden: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß, Strebsamkeit, Ausdauer, Disziplin, Treue, Ordentlichkeit, Genauigkeit, Gründlichkeit, Protokollismus, Bescheidenheit, Aufrichtigkeit. Zuletzt als nützlich erwiesen haben sie sich beim Wiederaufbau, bei dem in letzter Instanz dann auch die militärisch angelegten preußischen Tugenden ein Stück weit geächtet wurden.
Übrigens habe ich irgendwie das Gefühl, diese positiven und einst weit hochgehaltenen Tugenden heute noch am präsentesten bei uns Württembergern vorzufinden, um hier mal etwas zu feixen. ;)
Doch Nietzsche sagt ja »Gebet zu Menschen: “Vergib uns unsere Tugenden”«. ;)

Es ist unvermeidlich: Etwas zum zweiten Weltkrieg.
Das ist natürlich ein heikles Thema, aber in dieser Zeit haben wir eindrucksvoll gezeigt, was wir können.
<beliebig lange Distanzierungserklärung von den Nazis>
Wir waren enthusiastisiert, propagandiert und ideologisiert, aber diese Zeit ließ erkennen, was in uns steckt, welches Potenzial wir haben. Die ganze deutsche Tugendpalette kam zum Einsatz. Und bei allem Respekt, was wir damals geleistet haben *war* beeindruckend.
Ich bin überzeugt, dieses Potenzial lässt sich auch für Gutes nutzen.

Da waren Entscheider, Machthaber, Propagandaführer, Ökonomen, das waren ohne Frage intelligente Leute, die leider furchtbar fehlgeleitet waren und wurden. Einmal aus der kalten Sicht des Rationalismus betrachtet, haben diese Menschen Beachtliches geleistet.
Ich bin wirklich der Meinung, der zweite Weltkrieg zeigte auf bedrückendste Weise unser Potential.

Nach Kriegsende schauten alle Länder mit Argwohn und Suspekt auf uns, wie schnell wir wieder emporschossen, uns rehabilitierten. „Wirtschaftswunder“ wurde das genannt, die wirkenden Kräfte in der Bevölkerung waren für Außenstehende geradezu unheimlich.
Unser Protokollismus während des Krieges machte eine bis dahin nicht gekannte Kriegsaufarbeitung möglich. Wir haben ihn aufgearbeitet und verarbeitet, uns in allen Details mit ihm auseinandergesetzt, uns unserer Vergangenheit gestellt. Dabei half uns auch unsere Wahrheitsliebe und Ausdauer. Und da entwickelten wir Scham um unsere Nationalität.

Da wir wissen, dass die anderen Länder nicht wissen, wie sehr wir uns mit dem Krieg beschäftigt haben und Asche über unser Haupt streuen, trauen wir uns keine nationalen Gebärden aller Art, um nicht das »Aha, die Deutschen wieder!« zu provozieren.

Ich bezweifle, dass die Deutschen in den nächsten 100 Jahren wieder zu Nationalstolz finden.
Hinsichtlich der EU möchte man meinen, Nationalstolz wäre dem Projekt nicht förderlich, “Arroganz” könnte keine Länder vereinen. So ist es auch. Doch wir übersehen: Wir Deutschen haben ihn nicht mal in gesunden vernünftigen Maßen. Wir haben ihn gar nicht. Und damit haben wir einen Nachteil bei der Integration, so paradox es klingt. (Für ein besseres Europa bin ich, aber nicht für den vorliegenden Lissabon-Vertrag oder gar eine NWO, erzeugt durch Ängste.)

Mein Vorschlag: Den Begriff nicht in strikter geografischer Nationalität sehen, sondern gelang einer Kulturnation einen neuen finden.
Bei “national” schwingt immer “Regierung” mit, man denkt an Kaiserzeiten und Sprüche wie: »Wo hat Er gedient?«, – und natürlich leitet jeder unserer schüchternen Gedanken an die Politik früher oder später unwillkürlich auf den Nationalsozialismus über.

Was aus dieser Betrachtung folgt, ist dass wir, wenn wir sagen, wir sind Deutsche, nicht an unsere Politik und an unsere Grenzen denken sollten, sondern an das, was unsere Gesellschaft ausmacht und was unsere Denker bisher schon vollbracht haben. Damit verabschieden wir uns von der Nationalität und sehen auf unsere Kultur. Wie wäre es mit, ein Proof of Concept, »Volksstolz«? »Volksvermächtnis«, »Kulturerleben«, »Kulturempfinden«? Mit jedem dieser Wörter lenken wir den Blick auf die Kultur. Denken wir an eine Kulturnation, nicht an eine regierte Nation!

Dort wo unsere Kultur mit ihren urgründlichsten Werten und Kräften erkennbar ist, da lebt das geistige Prinzip der Deutschen. In der Sapir-Whorf-Hypothese steckt sicher ein Kern Wahrheit, wenn ich aber daraus auch nicht folgern will, dass alle deutschsprachig denkenden “Deutsche” in ihrer eigenen Gesinnung sind. Es ist aber einfach dieses Gebiet, diese Zone in Europa, nicht ein spezifisches, mit harter politischer Grenze abgestecktes Land, das „deutsch“ ist.

Aber kommen wir wieder auf die Frage zurück, wie man Nationalstolz als solchen bewerten soll.
Schopenhauer schreibt über Nationalstolz (Aphorismen zur Lebensweisheit; Parerga und Paralipomena – Teil 1):
»Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.«

Ich kann nicht ehrlich stolz sein auf die großen deutschen Wissenschaftler, Schriftstellern, Philosophen, Luther, exzellente Politiker und Künstler. Ich kann nicht auf die Leistungen anderer stolz sein, als wären es meine. Ich kann deren Ideen und Begriffe in mir spüren und sie verbreiten, mich für sie einsetzen und sie unterstützen. Das kann ich, denn ich identifiziere mich persönlich mit vielen deren Ansichten, weiß innerlich, dass sie richtig sind. Ebenso ist mein Verhältnis zu vielen unserer Tugenden, aus irgendeinem Grund liegen sie mir im Gemüte und habe herzliche Freude an ihnen.
Ich beschäftige mich aber auch damit, was bedauernswerterweise ja die überwiegende Anzahl der Bürger nicht tut. Ich habe eine persönliche Beziehung zu den guten Ideen geschaffen und lasse sie durch mich leben und wirken, dadurch fühle ich mich als tief verwurzelte Pflanze, die ebenso neue Blüten hervorbringt; dadurch erst entsteht meine überzeugte Nationalität; als Deutscher. Und so kann ich auch aufrichtig sagen: Ich bin stolz, Deutscher zu sein.

Ist denn das nicht die einzige vernünftige, verständige, vermittelnde und hilfreiche Art, sich national zu fühlen? Wenn man es denn kann, wenn man die Ideen in sich findet, wenn man sich mit ihnen identifizieren kann.
Wie steht ihr zu der Thematik?