Die Entdeckung der Gender-Dekonstruktion

Ich hatte nie den engsten Kontakt mit Mädchen. Durch meine Art der Freizeitgestaltung war kein sozialer Austausch gegeben. Nur in der Schule bin ich ihnen begegnet. Neben viel eigenen Näherungsunsicherheiten hielten mich auch die Gruppenbildung und Ausgrenzungsfaktoren ab, mich mit ihnen intensiver austauschen zu können und mehr über ihr Wesen zu erfahren. Ich hätte zwar gewollt, sah aber nicht wie. Es schien unmöglich zu sein. Die offensichtlichen äußeren Unterschiede, die mir nicht nachvollziehbaren Vorlieben für eigentümliche Verhaltensweisen, sie mussten im Kern verwurzelt sein in einer völlig anderen Art Mensch. Dieses völlig andere Geschlecht.
Bei den Jungen habe ich keinen Anschluss gefunden. Zu wenig gemeinsame Interessen, zu verschiedenes Seelenleben. Ich sehnte mich nach qualitativem Austausch. Ich wollte reflektieren, ich wollte über mich lernen, ich musste Vorkommnisse verarbeiten. Gerne wollte ich mich mit etwas anderem als mir selber beschäftigen und sehr gerne hätte ich mit wem anderen als mir selber etwas erlebt. Mein emotionales und soziales Befinden lag auf seinem vorläufigem Tiefpunkt.
Dann hab ich langsam verstanden, dass das nicht hätte sein müssen. Viel zu spät. Als ich langsam begriff, dass der ‚Unterschied‘ nur kulturell geschaffen wird – und dass ich ihnen sogar charakterlich und emotional öfter ähnele als Kerlen – war ich ernstlich schockiert. Und da war ich schon über 18!

Es geschah durch Podcasts, die kulturwissenschaftliche Themen angesprochen haben. Aber in der Bestätigung vor allem durch Twitter. Als ich das erste Mal von der Genderforschung gehört hatte, hat es mein Weltbild zerrüttet. Nichts hat mich darauf vorbereitet. Parallel folgte ich auf Twitter immer mehr jungen Frauen, die authentisch, ohne die Maskenschau eines Facebook und Co., aus ihrem Leben erzählten. Auch für Frauen bot Twitter mit seiner Halb-Anonymität einen neuen Rahmen: Keine Vorwürfe zur Promiskuität, keine soziale Ächtung der weiblichen Lust, offene Äußerung eigener Wünsche, Bedürfnisse und Ängste, dazu in der deutschen Szene eine besondere Frauensolidarität. In meiner selbstgewählten Filterblase war es mir damals noch ungewohnt, so Persönliches von Frauen zu lesen. Intimes, was sie bewegte, wie sie ihre Meinung bildeten. Beinahe ungefiltert. Nie zuvor kam ich so nah an ihre Gedankenwelt heran.
Es ist zwar traurig, dass es für mich Twitter sein musste, aber die Plattform hat mir enorm dabei geholfen, zu verstehen, wie gleich wir sind – dass Geschlecht am Ende ein kulturelles Konstrukt ist. Eine beliebige Kategorie. Viel trauriger aber ist: Mir ist wohl so viel Freude entgangen. So viele potentielle Kameradinnen, die engere Freunde hätten sein können als Kleine-Pausen-Gesprächspartner. Da war immer dieses ‚awkward‘ in der Luft, dieses „Wir können ein bisschen reden, aber wir sind eigentlich grundverschiedene Menschenarten“. Das war nur – nur! – kulturell konstruiert und hätte nicht sein müssen! Das ist eigentlich eine Form von kulturellem Rassismus.

Wenn man beginnt, sich in das Thema einzulesen, findet man Erstaunliches. Da gibt es die biologische Dimension des Sexus: Die Chromosomenpaare, die Geschlechtsmerkmale… Die manchmal gar nicht so eindeutig sind und deren Aussagekraft über den Körper und den Charakter eine Mär ist. Judith Butler stellt gar die Legitimität der Kategorie gänzlich infrage und ordnet sie dem Gender unter.
Es ist spannend festzustellen, dass das, was bei uns so verschieden wirkt, sich eigentlich sehr ähnlich ist und sich aus denselben Zellen entwickelt hat. Exakt so liegt etwa das Verhältnis bei Klitoris und Eichel, sie sehen sogar ähnlich aus. Sie sind dasselbe Organ, nur in anderer Form! Zudem besitzen auch Männer Milchdrüsen und können unter speziellen psychischen Umständen sogar etwas Milch produzieren – das hat mich total begeistert! Meinen ‚Brüsten‘ fehlt demnach nur ein unter bestimmten emotionalen Bedingungen produzierbares Hormon und ich könnte auch stillen! Der Wahnsinn!
Komplett überrumpelt hat mich auch zu erfahren, dass es keine biologische Jungfräulichkeit gibt. Die biologische weibliche Jungfräulichkeit ist eine kulturelle Erfindung! Den Mythos des Zustandes hat sich das Patriarchat als Unterdrückungsstruktur und als Handelswert seiner Frauen ausgedacht!

Die Genderforschung war für mich ein Disruptor. Kein Unterricht in der Schule hat mich darauf vorbereitet, es wurde ab und zu etwas von Gleichberechtigung erzählt, aber stets, über die ganze Schulzeit, die binäre Gendertrennung bekräftigt. Es wurde uns nie gesagt, dass wir gleich *sind*. Dass ‚Geschlechter‘ keine Rolle spielen, weil sie zum größten Teil kulturelle Konstruktion sind. Performativ ‚getan werden‘.
Die Gendertheorie ist ein Thema, dass so durchgängig ein Faden sein sollte wie die fächerübergreifende Behandlung des Nationalsozialismus, weil es so grundlegend wichtig für unser Zusammenleben ist.

Der Denkansatz, den ich empfehle: Penis, Brüste und Vagina nicht als sublim aus dem Wesenskerns herauswirkende Distinktionsmerkmale wahrzunehmen, sondern als ‚Feature-Set‘. Weitere Aufklärung zu nicht-heteronormativer Sexualität, wie sie einige Bundesländer planen, ist schon ein wichtiger Schritt, um die Genderwahrnehmung zu entkrampfen: Denn lieben darfst du jeden, egal, was du unten hast – womit das Verhältnis zwischen den ‚Geschlechtern‘ entproblematisiert werden kann, denn auf einmal (im idealisierten Fall) spielt das biologische Geschlecht wirklich keine vorwiegende Rolle mehr, sondern die persönliche Anziehung. Woraus weiter resultieren würde, dass sich soziale, gesellschaftliche, visuelle Abgrenz-Codes durch Vermengung auflösen, denn sie erfüllen keinen Zweck mehr.

Ich habe in der Kursstufe noch einige positive Erfahrungen gemacht. Vorsichtige und mutige. Für die noch weniger kontaktintensive Uni war das zu wenig praktisches Wissen.
Ein Aufruf, der mir darum sehr am Herzen liegt: Wenn ihr in einer Position seid, in der ihr mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, dann sprecht dieses Thema mit ihnen doch mal an. Das Bewusstsein für Genderkonstruktion könnte in der Gesellschaft so unermesslich viel Gutes bewirken. Für jede_n.

Politikum: Die Chromifizierung von Android

Wenn ich mir überlegen müsste, was ich das Unsympathischte an Android finde, würde ich auf die heimtückische Standardaktivierung des Tracken des Standortverlaufs, der umgebenden Funknetze und Senden der Daten an Google verweisen. Das geht gar nicht! Anscheinend aktiviert sich das Tracking durch bestimmte Google-Updates auch immer wieder selbst. Aber das ist nicht Android Open Source Project (AOSP), das sind die proprietären Play Services und sind Googles Erweiterungen.

Kapitel:
1 – Can’t put me finger on what lies in store,
But I fear what’s to happen all happened before.

2 – Die Play-Services-Verträge
3 – Proprietarisierung in Häppchen
4 – Warum „Chromifizierung“?
5 – Absoluter Kontrollwillen

1 – Can’t put me finger on what lies in store,
But I fear what’s to happen all happened before.

Ich habe um CyanogenMod gebangt, als es hieß, Google wolle das Unternehmen für 1 Mrd. Dollar aufkaufen. Dass sie auf das Angebot nicht eingegangen sind, spricht sehr für ihre Integrität! Denn was macht eigentlich CyanogenMod? Seit Google mit spätestens Kitkat (4.4) begonnen hat, mehr und mehr der vormals unter freier Lizenz mit offenen Quellcode stehenden integralen Systemkomponenten proprietär zu forken, mit Google-Diensten zu verknüpfen und sie als Standard-Apps auf ihren Nexus-Geräten zu pushen, ist das Team von CyanogenMod dabei, freie Alternativen für Googles proprietäre Apps zu schreiben und Android damit „Google wegzunehmen“, wie es der CEO formuliert hat.

Google hat einerseits seine durchaus berechtigten Anliegen, die Plattform möglichst homogen und mit den bestmöglichen Design zu gestalten. Dass Googles Android-Designer besser sind als die Teams der OEMs, müssen wir gar nicht erst ausdiskutieren. Google hat Interesse daran, seine Plattform in der besten Form an seine Nutzer zu bringen, nicht einer verhunzten Oberfläche und mit umständlichen Standard-Apps der OEMs. Der große Vergleich zur Android-Plattform ist iOS und Google hat größtes Interesse, dass sein System in Gänze und inklusive Standard-Apps – auf jedem Gerät – den Vergleich mit Apples Software standhalten kann. Das ist neben der festen Integration ihrer ‚Cloud‘-Dienste der eine Grund für ihre zunehmende Proprietarisierung von Android.

2 – Die Play-Services-Verträge
Über die Play-Services-Verträge werden den OEMs enge Auflagen gemacht, wie sie ihre Distribution/ROM zu gestalten haben – die Liste wächst jährlich und die Daumenschrauben werden enger. Ein Android-Gerät ohne Play Services ist in der westlichen Welt nichts wert.
Inbegriffen in den (nicht öffentlichen) Play-Services-Verträgen ist beispielsweise die Klausel, dass Googles strategisch relevanteste Apps im Standardbildschirm des Launchers sofort oder über einen Ordner erreichbar sein müssen.

Vom Play Store abgesehen kümmern sich die Play Services auf Android um eine ganze Menge Dienstleistungen, die im weitesten Sinne Netzkonnektivität fordern. Google Cloud Messaging (GCM) ermöglicht Apps das Pushen von Benachrichtigungen, anstatt dass die App selber in Intervallen einen Abgleich mit einer Adresse durchführen müsste. Die Maps-API integriert Googles Kartendienst unkompliziert in viele Apps, der Google Location Service stellt genauere und schnellere Ortung durch WLAN- und Funkmasten-Triangulation bereit, usw.. Die Finesse der Verträge und das Dilemma für die OEMs einmal nur am Beispiel des Location Services betrachtet: Der Vertrag schreibt ihnen die Standard-Nutzung von Googles Ortungsdienst vor, der durch jeden Nutzer automatisch (und in der Regel komplett ohne sein Wissen) auch noch verbessert wird. Würde ein OEM aus den Verträgen aussteigen, hätte er weder Anspruch auf Integration von Googles Ortungsdienst, zudem müsste er auch noch eine eigene weltweite Triangulations-Datenbank aufbauen, um vergleichbare Ergebnisse liefern zu können (Mozilla sind mit ihrem unabhängigem FirefoxOS die ersten, die versuchen, eine freie Datenbank zu schaffen). Wer ein AOSP-ROM ohne das „Sideloaden“ der Play Services betreiben möchte, steht sehr schnell deppert im Regen.

Kurze Strategieanalyse: Warum macht Google das? Es gab in den letzten Jahren vermehrt Gerätehersteller, die sich dem Diktat der Play-Services-Verwendung widersetzt haben. Dazu gehören Amazon, Xiaomi, nicht zuletzt das aufmüpfige Samsung, das gern mal mit dem ein oder anderen Gerät mit Tizen gedroht hat. Dass Samsung überhaupt ein so starkes Interesse an Tizen verfolgt, kommt auch nicht von ungefähr: Man wird unruhig, weil Google den OEMs nach und nach die Unterscheidbarkeit von Mitbewerbern nimmt, weil sie proprietäre Apps nicht mehr nach Gutdünken verunstalten können. Samsung wird in dieser Entwicklung ein Android-OEM von hunderten, teils günstiger produzierenden Smartphones, ohne sich von ihnen merklich differenzieren zu können. Ein Bein in einem alternativen OS zu haben, ist einerseits wirksames Verhandlungsmittel mit Google, andererseits der Notfallplan, falls es Google einmal übertreibt. LG verfolgt mit dem Aufkauf von webOS übrigens dieselbe Taktik. Ein bisschen vergleichbar hierzu ist, wie Apple seit NeXTStep x86-Builds von Darwin (dem Unterbau von OS X) gepflegt hat und den x86-Wechsel von PPC schließlich 2005 relativ schmerzfrei über die Bühne ziehen konnte, als IBMs Architektur an ihre Grenzen kam. Es ist eine Sicherheit, nicht zuletzt eine ökonomische.

Eine wertvolle Seitenepisode zum Verständnis von Samsungs Macht als größter Android-Gerätehersteller und Googles Kontrollwillen über die Plattform, ist die Spekulation, dass Motorola von Google nicht aus freien Stücken wieder verkauft wurde. Als in 2013 die Gerüchte und Hinweise von Samsung auf Tizen-Smartphones und ‚Wearables‘ stärker wurden, überraschte im Januar 2014 die Meldung, dass Samsung, nach Gesprächen mit Google, die eigenen Modifikationen an der Oberfläche zurückfahren und stattdessen auf mehr Apps und Dienste von Google setzen wolle. Einen Tag später wurde berichtet, dass Google Motorola wieder verkaufen wolle. Man sei ja nur an den Patenten interessiert gewesen. – Gar nicht daran, durch einen eigenen starken OEM im Fall des Bruches mit Samsung wenigstens einen Hersteller unter voller Kontrolle zu haben, der die eigene Android-Vision umsetzen und den man im Ernstfall durch die eigene Werbeplattformen stark pushen könnte.
Hier geschah ganz klar ein Deal. Beide Seiten sind extrem argwöhnisch voreinander: Google sieht seinen größten und daher wertvollsten OEM taktisch mit eigenen Apps und Diensten zündelnd drohen, Samsung sieht sich immer weiter unter einem Plattformdiktat, das es ihnen a) erschwert, durch ‚Mehrwertdienste‘ an ihren Geräten noch zusätzlich Geld zu machen, b) Unabhängigkeit unmöglich macht, sondern c) in absolute Abhängigkeit zu Google treibt. In Anbetracht dessen, dass Samsung gekuscht hat und seine Anpassungen in Folge schrittweise zurückgenommen hat – und dass Google durch den Verkauf von Motorola bei Beibehalten der Patente quasi kein Risiko eingegangen ist – sieht es nach außen aus, als ob Google hier einmal, mit größter Vorsicht, bei Samsung auf den Tisch gehauen hätte.

3 – Proprietarisierung in Häppchen
Für Android wartet Google auch noch den alten kargen AOSP-Browser, weil sie, nach eigener Aussage, einen freien Browser in Android erhalten wollen und Chrome proprietär ist (es gibt kein „Chromium“ für Android, nur die Engine, aber nicht die Oberfläche). Dasselbe Spiel läuft seit einer Weile mit vielen Apps: Die Bildergalerie soll durch G+ Fotos abgelöst werden, die proprietär ist, auch die AOSP-Kamera wird nicht weiterentwickelt, die haben sie geforkt und nennen das proprietäre Produkt nun Google Camera. Die AOSP-Music-App wurde seit Jahren nicht angefasst, nur noch die proprietäre Play-Music-App wird weiterentwickelt. So geht es auch bei Lollipop nun mit E-Mail und Kalender weiter: Sie lassen den alten AOSP-Mailclient fallen und integrieren dafür IMAP in die proprietäre Gmail-App. Analog betritt ein Google Calendar die Bühne. Diese „Chrome-ification“, wie sie in der Szene genannt wird, betrifft sogar bereits den Launcher: Ab spätestens Kitkat wurde dieser proprietär geforkt und integriert nun die Google-Suche auf der linkesten Spalte. Ein Google-Fork bedeutet jeweils gleichzeitig, die freien Komponenten nicht weiterzuentwickeln. Über kurz oder lang müssen OEMs (und Geeks) die Nutzung der freien Komponenten einstellen, oder sie mit mehr Aufwand selber weiterentwickeln.

Damit macht Google seinen OEMs das Leben schwer, denn die können nun nicht mehr einfach die hübsch von Google gewartete und weiterentwickelte AOSP-Kamera-App anpassen, sondern müssen eine eigene schreiben, die auch noch mit der aktuellen Systemversion kompatibel ist. Das erhöht die Entwicklungskosten signifikant und führt tendenziell dazu, dass OEMs den Aufwand scheuen und gleich auf Googles proprietäre Apps setzen – womit dann auch die Google-Dienste wieder mehr genutzt werden und in Googles Idealvorstellung die Plattform für ihre Nutzer unersetzlich wird.
Ziel ist es, Marktmacht bei sich zu zentralisieren. OEMs, die keine Play-Services-Verträge mit allen Lizenzbedingungen unterschreiben, bekommen die guten Apps nicht – Android wird für sie dadurch gewissermaßen ausgemergelt. Googles härteres Vorgehen lässt sich als direkte Reaktion auf die Android-Forks von Amazon („FireOS“) und Xiaomi („MIUI“) ohne Play Services verstehen.
Wir können nur darauf hoffen, dass CyanogenMod und Co. ausreichend Ressourcen finden werden, um die AOSP-Teile als freie Software weiterzuentwickeln, woran sie auch bereits sitzen.

Google ist deswegen nicht gleich ‚evil‘, aber das Unternehmen will eben mit seiner Plattform Geld verdienen und ungern durch Drittfirmen, die darauf aufbauen, die eigene Relevanz an Markt verlieren. Das ist sogar noch auf einer menschlichen Ebene nachvollziehbar.
Ein kleines schmutziges Detail ist hier der Machtkampf, der sich die letzten Jahre offenbar innerhalb Googles zwischen Andy Rubin, dem Gründer des ursprünglichen Android-Unternehmens, und Googles Führern ausgetragen hat. Rubin soll sich jahrelang für die Unabhängigkeit von AOSP eingesetzt haben, sich gegen die Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen gewehrt und auch die Motorola-Übernahme nicht gutgeheißen haben. Dann wurde er gegangen. Ausgerechnet Sundar Pichai, der Projektleiter des Chrome-Teams, der sich wiederholt für die Proprietarisierung von Komponenten ausgesprochen hatte, ist auch zum neuen Kopf der AOSP-Entwicklung berufen worden. Zwei Monate zuvor wurde im Google Campus eine metallene Android-Statue montiert.

4 – Warum „Chromifizierung“?
„Chrome“ ist mehr als der Webbrowser des Unternehmens, den sie primär aus strategischem Antrieb entwickelt haben, um nicht Mozillas Suchmaschinen-Standardeinstellung-Verträgen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Die Kontrolle über nutzerfreundliche Privatsphäreeinstellungen zu erhalten, ist ein willkommener Bonus. „Chrome“ ist mittlerweile eine Marke, die von mehr Nutzern direkt mit Google assoziiert wird als „Android“. „Chrome“ ist der Weg für Google, Nutzer tatsächlich an seine Dienste zu binden, bei denen ihnen schon im Vornherein klar ist, dass sie es mit Google zu tun haben, was einer direkteren Bindung entspricht.

Unter „Chromifizierung“ sammelt die F-/OSS-Community Strategieentscheidungen Googles, die der Chrome-Philosophie folgen und damit der Idee eines offenen Webs und offenem Systems widersprechen. Auf Android bezogen wäre das die oben angesprochene Vernietung von AOSP mit den proprietären Play Services, die durch raffinierte OEM-Verträge de facto ein vernünftig nutzbares AOSP ohne Play Services für alle Seiten ausschließt. Im Webbereich wird häufig die gefühlte Trägheit der Google-Dienste Gmail, YouTube und Co. in Firefox kritisiert, die bisweilen Mutmaßungen einer Absicht zulässt. Googles Vorstoß mit seinen „Chrome Apps“ ist eine ganz besonders deutliche Verletzung der Prinzipien des offenen Webs. Chrome Apps sind weniger Webseiten als Anwendungen, die nur in der Chrome-Runtime laufen. Mit Webtechnologien wurde eine Parallelplattform auf Basis von Chrome-APIs geschaffen – übrigens das Gegenteil dessen, wie Mozilla bei Firefox OS vorgeht. Googles Strategie entspricht damit mit frappierender Ähnlichkeit dem Credo „Embrace, Extend and Extinguish“, mit dem es Microsoft zu gerechter Berühmtheit bei den Kartellbehörden gebracht hat. Dabei darf nicht die wachsende Relevanz von ChromeOS vergessen werden. Noch weiter gedacht fragt der Analyst Benedict Evans in einem klugen Text: „This however leads to a deeper Android question – what will Google be offering in 5 years? Will we, say, be buying Chrome phones on which Android is a legacy run-time?“

Chromifizierung ist das äußerliche Darstellen als offen, obwohl innerlich Stein um Stein der proprietäre Grenzwall errichtet wird. Niemand hat die Absicht…

5 – Absoluter Kontrollwillen
Der Plattform-Branch „Android Wear“ ist nicht einmal freie Software. Android Wear ist ein proprietäres Produkt, basierend auf internen Forks von AOSP, die Google dank seiner Apache-Lizenz nicht öffnen muss. Alles, was Google bisher von Android Wear offengelegt hat, sind einige Happen modifizierter GPL-Code von Drittprojekten. Dasselbe gilt im Übrigen für Android Auto und Android TV.

Hier zeigt sich an einem Glanzbeispiel die Notwendigkeit von radikalen Copyleft-Lizenzen wie der GPL – die Google wie der Teufel das Weihwasser meidet. So nutzen sie sogar grundsätzlich bei AOSP die „Bionic“-Tools statt eines GNU-Userlands. Damit zeigen sie sich prinzipiell bereit, ihre Plattform bis in die Systemtools komplett zu proprietarisieren.
Der Linux-Kernel unter GPL 2 entzieht sich ihnen dabei, aber selbst der wäre durch ein BSD-Derivat austauschbar, Apple zeigt mit XNU auf iOS und OS X, dass das mit genügend Mitteln machbar ist. Dass Google den Schritt ginge, zeichnet sich momentan zwar noch nicht ab, ist aber technisch wohl leichter umsetzbar, als man meinen mag, wenn man sich vor Augen führt, dass kaum etwas bei AOSP typischen Linux-Protokollen entspricht. Von der Interprozesskommunikation, über den Display-Server, zu den Schnittstellen für GPU-Treiber – alles oberhalb des Linux-Kernels ist Googles Süppchen. – Bis heute noch in den essentiellen Komponenten mit freiem Rezept.

Aber so beunruhigend sich all das anhört: Letztlich zeigt es, dass das Prinzip freie Software bei AOSP bislang funktioniert und da lohnt es sich, die Sache mal aus der radikalen F-/OSS-Perspektive von Glyn Moody zu betrachten.
Nun will Microsoft in CyanogenMod investieren. Dass sie sonderlich viel Einfluss auf das Projekt haben werden, bezweifle ich, sie wollen offensichtlich vor allem Google ans Bein pinkeln. Für Normalnutzer und uns freiheitsliebende Nerds ist das im Endeffekt ein Geschenk.

Hin und dort geblieben: Mein Wechsel von iOS zu Android

Diesem Text muss ich voranstellen, dass er ein Gemisch aus eineinhalb Jahren Notizen ist. Aus einer Reihe persönlicher Umstände heraus habe ich nicht den Antrieb gefunden, ihn auszuformulieren. Er war essayistisch angelegt, doch was das Bedeutungsbröckeln der Zeit übrig gelassen hat, ist ein fragmentarischer Prozessbericht einer inneren Prioritätenverschiebung. Den habe ich mir über mein Material zur Aufgabe gemacht, als Konfliktlösung mit mir selbst zu dokumentieren.
An manchen Stellen ist der Eindruck schon von den eigenen aktualisierten Gedanken überholt, daher kann es zu gewissen Brechungen der Meinung kommen. Ich habe versucht, die Gedanken zu meinen Beobachtungen zu bewahren, während ich sie spezifischer kontextualisiert habe.

Kapitel:
1 – Winds in the east, mist coming in. Like somethin‘ is brewin‘, about to begin.
2 – Ärger über iOS 7
3 – Die Selbstrechtfertigungsphase
4 – Eigene Prioritätenverschiebung: Vom Schauwert der UI zum Nutzwert
5 – Jailbreak: Das notwendige Übel
6 – Mehr Groll
7 – Die süße Verheißung
8 – Das LG G2
9 – Heute und die Zukunft

1 – Winds in the east, mist coming in. Like somethin‘ is brewin‘, about to begin.
Wer zu den ganz Tapferen gehört und meinen letzten Android-Artikel bis zu Ende gelesen hat, weiß, das mich das Nexus 7 2012 damals zumindest milde gestimmt hatte. „Ein Komplementär-Gerät; ein sehr attraktives Lesegerät“, bezeichnete ich es noch, doch für mich nur in Kombination mit meinem iPhone als Haupt-Mobilgerät erträglich. Auch für einige signifikante Verbesserungen an Dritt-Apps seit meiner damals letzten Android-Inspektion im Frühjahr 2012 fand ich schon lobende Worte. Ich hatte Grund zum Optimismus, dass der aktive Umsetzungswille im Ökosystem um sich greifen würde.

Mitte 2013 war mein Nexus 7 vor allem eines: Träge, weil die von Asus verbaute Billig-eMMC offenbar kein TRIM umsetzt. Aber die Apps darauf waren deutlich besser geworden, sehr viel besser. Auf einmal war da mit Falcon Pro sogar ein Twitter-Dritt-Client, der sich vor Tweetbot kaum zu verstecken brauchte. – Das war für mich ein „Oho, aha!“-Moment. Immer mehr Android-Apps brachten innovative Ideen in das Feld, die ich mir immer öfter auch auf iOS wünschte. Ich kam ins Grübeln, ins Abwägen.

2 – Ärger über iOS 7
Die Vorstellung von iOS 7 hat mich kalt gelassen, mehr noch: Schockgefrostet. Was ich da gesehen hatte, fand ich einfach ’nicht schön‘. Selbst die größten Fanblogs und vernarrtesten Podcasts rügten die folgenden Monate die Umsetzung des neuen Designkonzeptes. Farbverläufe aus Paletten zum Brechen, Hitlerscheitel-Ladeanzeigen, Icons mit dem ästhetischen Charme einer Waschmaschinenarmatur. Meine im Wortsinne ‚oberflächliche‘ Liebe zu iOS fühlt sich von Ive hintergangen. Hier war ein Punkt gekommen, an dem wir uns auseinander gelebt hatten. Es war schön mit Dir, aber auf dem Weg, den Du eingeschlagen hast, kann ich nun nicht mehr hinter Dir stehen wie früher.

Während alle nur über das flache Design sprachen, hat kaum wer daran erinnert, dass iOS 7 aus Nutzersicht nicht viel mehr als ein neuer Skin war. Apple ging kein Risiko ein, überholte weder das Springboard (‚Homescreen‘), weder führte es sich aktualisierende, widgetartige Icons ein, noch wurden Nutzerbeschränkungen wie das leidige Thema Standardbrowser gelockert. Es blieb das meiste beim Alten, das aber nun in Transparenz- und Milchglasoptik, denn die hatte Microsoft ja mit Windows 8 begraben.

3 – Die Selbstrechtfertigungsphase
Mein iPhone 4s (2011) kommt bei neuen Apps jetzt öfters ins Schwitzen, Webseiten könnten auch gerne etwas schneller laden und überhaupt habe ich Lust auf ein neues Gerät. Irgendwie ist mir auch der Bildschirm zu klein geworden. Früher natürlich wie alle über die riesigen Android-Smartphones gelacht, jetzt würde ich gerne mal mehr Text und Informationen auf dem Display sehen können. Das im Herbst 2013 erschienene iPhone 5s ist mir so tatsächlich zu klein. Es ginge noch… Aber eigentlich ist mir das Display zu klein geworden, für das, wie ich das Gerät nutzen möchte.

Die Enttäuschung über iOS 7 ist für mich noch kein Wechselgrund, aber ein guter Anlass, mir abermals intensive Gedanken zu meiner Systemwahl zu machen. Ich bin immerhin jemand, der einen kritischen Android-Artikel in Buchlänge verfasst hat. Noch immer stehe ich hinter dem meisten, was ich damals geschrieben hatte. Der daraus folgenden Präferenzkonsequenz nicht mehr zu folgen, fällt mir schwer. Normalerweise bin ich nach überlegten technischen Entscheidungen sehr prinzipientreu – aber sie gelten mir nun nicht mehr wie vor über einem Jahr. In meinen Prioritäten hat sich etwas geändert. Ich gehe in mich, um herauszufinden, wo ich meinen Prinzipienbruch sehe und finde ein kleines Kapitel, ähnlich einer Vorbehaltsklausel, in meinem Text: Ich bin Linux-Nutzer geworden, weil ich damit „mehr Freiheiten, mehr Wahl, mehr Möglichkeiten“ hatte. Es ist verdammt noch mal nicht (nur) philosophisch, es ist auch, weil mir die Plattform am besten gestattet, mich auszuleben.

[Android] bietet mir weniger Möglichkeiten bei weniger Eleganz. Zu den Möglichkeiten zähle ich bei iOS die Jailbreak-Apps dazu, und selbst die sind wie gesagt besser als die nativen Funktionen von Android und seinen Market-Crap-Apps.

Das meiste in diesem folgenden Satz, stelle ich fest, hat sich mittlerweile in meiner Wahrnehmung aufgehoben. Es gibt auf Android mehr zu tüfteln und langsam werden die Tüftelmöglichkeiten qualitativ hochwertiger und interessanter als die iOS-Standards.

Ich bin nicht für Monopole oder geschlossene Systeme, aber ich bin für gute Software, für die beste Software – sowohl in Plattformarchitektur, als auch Benutzbarkeit – adäquat für den Zweck, für den sie gefordert ist.

Ich bin also Utilitarist. Ich nutze Plattformen, weil sie die besten für meine Anforderungen sind, zum Zeitpunkt t=n. Meine Anforderungen ändern sich in der Zeit, ebenso wie sich die Plattformen durch die Zeit ändern. Dass wir uns auf immer linear, proportional zueinander bewegen, ist so unwahrscheinlich, wie dass wir uns überhaupt in derselben Achsendimension befinden und nicht nur einen parallelen Moment hatten, in dem wir uns zuwinkten.

4 – Eigene Prioritätenverschiebung: Vom Schauwert der UI zum Nutzwert
Ich komme zu dem Schluss: Android ist meine Plattformzukunft. Ich finde iOS 7 nicht sonderlich hübsch, weder von den Icons, noch von den UI-Elementen. Da ist das jetzt der perfekte Zeitpunkt, um gleich auf Android zu wechseln, bevor ich mich mit dem Hammer an iOS 7 gewöhne. Ja, Android ist noch immer nicht so elegant wie iOS, aber es ist für mich nun weniger relevant. Ich merke, wie ich diese Design-Bestaunphase langsam durch habe. Und ich bin schließlich Linux-Nutzer – ich freue mich über jede Software, die erst mal das macht, was ich funktional erwarte, nettes Aussehen ist dann ein luxuriöses Extra obendrauf. – Trotzdem ist es ein Plus, wenn sie nicht wie iOS 7 aussieht.

Es gibt 2013 auch immer mehr stylische Apps für Android. Das Problem an ihnen ist, dass häufig klar ist, dass sie keine nativen Widgets verwenden, sondern ihren eigenen ‚Skin‘. Das erinnert an die wilden Zeiten von Windows XP, in denen jedes bessere Tool seinen eigenen Widget-Stil hatte (wobei da wirklich von Vergangenheit zu deren bei Windows bis heute nicht als angemessen erscheint). Den Grund sehe ich hauptsächlich darin, dass Android immer noch zu fragmentiert ist und neue Widgets aus Holo [und Material Design] nicht auf allen Geräten genutzt werden können. Dabei kommen dann teilweise auch Apps bei heraus, die optisch ihren iOS-Versionen nachempfunden sind. Gerade jetzt mit iOS 7 gab es viele unglückliche Android-Ports. Mit der Verwendung von nicht systemeigenen Widgets verhalten sich dann auch Zieh-, Tab- und Scroll-Aktionen anders als ’normal‘ und das führt alles zu noch weiterer Inkonsistenz. Aber das sind die prominenten Ausnahmen von der Regel.

5 – Jailbreak: Das notwendige Übel
Das Upgrade auf iOS 7 lasse ich vorerst aus, werde erst im Spätherbst auf 7.1 aktualisieren, und lache mir bei jedem Frustkommentar über die 7.0-Instabilität auf Twitter ins Fäustchen.
Ein Jailbreak ist auch noch nicht erschienen, ohne wäre iOS für mich bis vor 7.0 schwer ertragbar gewesen. Ich habe übrigens nie Software illegal darüber beschafft und im Gegenteil sogar für einige nützliche Systemerweiterungen im Cydia-Store Geld ausgegeben! Einige Beispiele, weshalb ich jailbreakte:

  • „NC-Settings“ gab mir über Jahre Schnelleinstellungen für WLAN, Flugmodus und Helligkeit, die iOS absurderwiese in seiner „Einstellungen“-App vergraben hat. Erst iOS 7 reichte mit dem „Control Center“ diese Grundfunktionalität, die ich dutzende Male täglich brauche, nach. Finally.
  • Das schwachsinnige Bedienkonzept für Benachrichtigungen: Um Sie zu entfernen, gibt es keine Wischgeste, sondern ich muss den fitzeligen X-Button drücken. Eine Jailbreak-Erweiterung schaffte Abhilfe.
  • F.lux für das Entfernen von blauem Licht, das nachts im Dunkeln in den Augen brennt.
  • Der notwendige Doppelklick auf den Home-Button für das Multitasking nervt! Es ist langsam und jedes Mal denke ich dabei daran, wie ich die physische Taste nun +1 in die geplante Obsoleszenz schicke. Eine Jailbreak-Erweiterung erlaubte mir praktische Wischgesten von den Seiten, um in den App-Wechsler zu gelangen und sogar von den Bildschirmseiten direkt die App zu wechseln. Hört sich hakelig und mit vielen Apps kollidierend an, hatte aber eine sehr raffinierte Erkennungsmethodik.
  • Der Standardbrowser!! OMG!! Lasst mich doch den verdammten Standardbrowser wählen! Weil iCab Mobile Vollbildmodus, Adblocker und Integration von Firefox Sync hat, ist er meine absolute Präferenz. Aber erst durch eine Jailbreak-Erweiterungen werden mir Links aus Apps in ihm statt in Safari geöffnet.
  • Zum Musikbespielen ist iTunes erforderlich. Ich bin Linux-Nutzer. Was ich seit meinem iPod nano 2007 tat, war abenteuerlich: Eine Windows-VM hatte per virtuellem Netzwerk Zugriff auf meinen Medienordner im Linux-Dateisystem, den ich in iTunes warf. Per USB-Durchreichung klappte dann ein Sync, mal mehr, mal weniger. Das hat mich alles extrem viele Schmerzen gekostet, denn wenn iTunes schon lahm ist, ist es in einer VM mit Netzwerkordnern fünfmal so lahm. Aber ich nahm das viele Jahre lächelnd in Kauf, weil mir die Mobilgeräte und ihre Software so gefallen haben.
    Nein, die iPod-Tools für Linux haben nie gut funktioniert und sind keine Alternative. Ab iOS 5 konnten sie dann übrigens nicht einmal mehr Apples dreiste Datenbankverschlüsselung umgehen. (Die einzige gangbare Alternative wären Dritt-Apps, die sich ohne iTunes mit eigenen Medien füllen lassen, aber ich wollte unbedingt die großartige iPod-Musik-App nutzen.)
    Wäre das noch nicht genug, drangsaliert Apple einen selbst bei eigener, vollkommen DRM-freier und nicht bei iTunes gekaufter Musik mit dem irren Rechtemanagement: Einmal hatte ich Probleme mit meiner Windows-VM, so dass ich sie neuinstallieren musste. Das frische iTunes verweigerte dann aber die Zusammenarbeit mit meinem iPhone, weil es mit einem anderen Computer eingerichtet worden sei. Übrigens trotz gleichem iTunes-Profilordner. Ich hätte iOS automatisch „löschen“ lassen sollen, also zurücksetzen und alles in neuem Profil neu einrichten. Meine Systemeinstellungen wären wohl noch über die Apple-ID und das Backup zurückgespielt worden, aber ich hätte dadurch auch meine ganze Jailbreak-Tools-Konfigurationen verloren, was mir schon bei Major-Releases von iOS gereicht hat. – Und da bleibt ja zumindest durch das Vollbackup das Profil erhalten! Das kleine Jailbreak-Tool „Multilib“ erlaubte mir dann, dem zeitaufwendigen Prozedere zu entgehen und iTunes eine frische Mediendatenbank auf dem iPhone zu präsentieren.

Fakt ist: All das bekomme ich ohne Verrenkungen und Schmerzen auf Android geboten.

6 – Mehr Groll
Nach meinen Android-Erfahrungen bemerkte ich zudem negativ:

  • Die iOS-Systemtastatur regt mich nur noch auf, dieses Stück Dreck ist nicht weiterentwickelt worden seit iPhone OS 1! Eine unsägliche Autokorrektur (nein, ganz ohne ist es schlimmer) und seit ich von Android Swype kenne, ist sie nur noch anachronistisch, langsam und umständlich.
  • Die Nichtanpassbarkeit der „Teilen-Funktion“, die bei Android systemweites Weitergeben an andere Apps erlaubt [kam halbwegs mit iOS 8, ist trotzdem nicht so flexibel].

Nicht zuletzt: Geld! Ich sehe die Gier nicht mehr ein! Die 32 GiB-iPhones wurden seit dem 4s mehrmals im Preis angehoben, womit es als Direktkauf teurer wurde, als mein Kein-Mobilfunktarif-Ratenzahlung-iPhone-4s zuletzt! Es ist nicht abzusehen, dass sich die Entwicklung noch rückgängig machen würde und soll ich mich bei all den Kompromissen, die ich mit dem System eingehe, wirklich an eine Plattform mit nur einem Gerätehersteller binden, dessen Preisdiktat ich auf Gedeih und Verderb auf ewig ausgeliefert bin?!

7 – Die süße Verheißung
An Android finde ich nichts besonders wundervoll, so wie es mir früher iOS angetan hatte. Es ist eine sehr rationale statt emotionale Entscheidung.

Als grundfest überzeugter Firefox-Nutzer am Desktop habe ich Interesse daran, meine Tabs, den Verlauf und Co. auch mit meinen Mobilgeräten zu syncen. Firefox für Android ist anders als Chrome für Android freie Software, durch Add-Ons vielseitig anpassbar und erweiterbar – etwa durch AdBlock Edge und einen User-Agent-Wechsler – und lässt mich mein ganzes Profil inklusive Tabs zwischen Desktop und Mobilgerät austauschen. Was ihn übrigens darüber hinaus noch von Chromes Sync abhebt, ist die Möglichkeit, vom Mobilgerät direkt Tabs auf den Desktop zu pushen. Firefox für Android nutzt die Gecko-Engine und setzt sich dadurch gegen die bedrohliche Blink-/WebKit-Monokultur im (Mobile-)Web ein.

Im Oktober 2013 hat Twitter bekannt gegeben, zukünftig eine Tablet-UI für den offiziellen Android-Client bereitzustellen. Letztendlich. Bis heute wird diese allerdings nur auf Samsung-Tablets aktiviert, was ich für eine sehr kaputte Werbepartnerschaft halte.
Selbst nutze ich den offiziellen Twitter-Client nur, um zuverlässiger bekommene Favs zu checken, ansonsten setze ich heute auf Tweetings und Talon. Trotzdem habe ich damals gemeint, Twitter habe nun auch endlich den Android-Tablet-Markt als solchen anerkannt und möchte nicht für Tim Cooks Spitzen über das Android-Ökosystem herhalten.

Im August 2013 trug auch die elegante Wecker-App Timely ihren Teil dazu bei, meine Ansichten über Android zu korrigieren. Im Januar 2014 wurde das Entwicklerstudio sogar von Google aufgekauft, trotzdem erschienen seitdem kontinuierlich weitere Updates.

Mir macht die Ankündigung des Entwicklers hinter dem Spiel Badland Freude: Badland – Gewinner des Apple Design Awards 2013 – ich hätte es nie für möglich gehalten, dass noch eine Android-Version erscheint, aber doch. Ich sehe darin den Beweis, dass Entwickler Android nun sehr ernst nehmen und darin einen Markt zum Geldverdienen sehen; es gibt mir einen zuversichtlichen Schub in Richtung meines Entschlusses.

Auch die Schmiede hinter der von mir geschätzten professionellen Video-Kamera-App Filmic Pro geht für eine Android-Version auf Kickstarter. Die Kampagne scheitert am Unterstützerziel – das immerhin die Hälfte erreicht, was an sich beachtenswert ist, weil sich die Entwickler nicht weiter um das Kommunizieren der Kampagne kümmern. Denn die sind damit beschäftigt sind, ihre App um die Eigenheiten von OS 7 zu biegen. Im Nachhinein wird versprochen, die Android-Version noch einmal anzugehen.

Es passiert mehr auf Android, es gibt öfter App-Updates, die was Neues bringen, etwas Altes positiv verändern und alles ist viel mehr im Fluss. Die App-Updates sind im Ökosystem aufregender. Das mag ich!

Exemplarisch ein paar Beispiele an innovativen Launchern, die den Homescreen ersetzen: Die Launcher Aviate und EverythingMe mit lernender ‚KI‘. Oder der Action Launcher. Selber nutze ich Nova (Prime).

Die Wischtastatur Swype hat es mir angetan. Die Wortvorhersage, Autokorrektur, der Gerätesync und die ‚Sondertasten‘-Wischbelegungen für Kopieren und Einfügen sind großartig. Als Bonus gibt es noch die integrierte industrieführende Spracherkennung von Nuance, die auch in der iOS-Tastatur und Siri Verwendung findet.
SwiftKey ist eine Wisch-Tastatur-Alternative, mir sagt jedoch Swype besser zu. [Beide Tastaturen sind mittlerweile auch auf iOS 8 zu haben, aber in einer nicht vergleichbaren Verfassung zu ihren Android-Versionen.]
Ein ganz anderes Konzept verfolgt die Tastatur Minuum, die das Alphabet kompakt auf einem Streifen abbildet und durch Heuristiken eine erstaunliche Autokorrektur beim blinden Tippen gewährleistet. Nicht ganz mein Ding, aber sehr innovativ. [Zugegeben, als Apple mit iOS 8 nach Jahren der Sturheit endlich nachgab und das System für Dritttastaturen öffnete – mit Jailbreak war vorher auch das schon möglich – gab es dort ebenfalls viele innovative Ideen.]

Link Bubble ist eine Knaller-App für mich: Als Standardbrowser gesetzt, öffnen sich Links aus Apps zuerst in einer Blase, ähnlich der vom Facebook Messenger bekannten Chat-Blasen. Diese Blasen lassen sich mit einem Wisch im normalen Browser – bei mir Firefox – öffnen, oder gleich der Link weiterleiten. Ein geniales Konzept, das viel Zeit spart, weil ich beispielsweise während des Ladens in meinen Twitter-Clients weiterscrollen kann und die Webseite bei Nichtinteresse schnell schließbar ist.

Aus meinem 2012er-Artikel über mein Nexus 7:

Es ist viel mehr an ‚mobilem PC‘ als Geräte mit iOS (‚Post-PC‘) und als Ergänzung zu ihnen habe ich es als einen ultramobilen PC. Weil ich ein Geek bin. Ich kann damit Sachen machen, die ich mit iOS nicht machen kann, dafür fummeliger […].

Das ist interessant, denn die Feststellung halte ich noch nicht für überholt, aber meine Wahrnehmung hat sich durch meinen Anspruch auf eine andere Nutzungsweise verändert.
Ich glaube, zum einen haben die schnelleren Geräte einen Anteil daran, die jetzt einen Umgang erlauben, der vor wenigen Jahren nicht denkbar war und daher auch architekturseitig, noch vor Überlegungen zum Design und der Usability, eingeschränkt war. Mit modernen Chips ist prinzipiell die Leistungsfähigkeit eines Desktop-PCs von vor sieben Jahren in einem Smartphone möglich, im Grafikbereich sogar deutlich mehr. Wie ich merkte, dass immer mehr Features am Ultramobilgerät möglich werden, weil sie die Hardware offensichtlich mitmacht, wuchs in mir der Anspruch, mehr und mehr zu nutzen, denn warum auch nicht? Die Standardaufgaben eines Ultramobilgerätes sollen trotzdem elegant und nutzerfreundlich machbar sein, aber es spricht doch nichts dagegen, die Plattform grundsätzlich offen zu gestalten, so dass anspruchsvollere Nutzer damit anstellen können, was sie wollen. Heute habe ich auf Android nicht den Eindruck, dass diese Standardaufgaben in irgendeiner Weise komplizierter als auf iOS sind.

Mit einer Ausnahme: Ich wünsche keinem Normalnutzer, auf Android mit dem Dateisystem (‚Homeordner‘ auf der emulierten SD-Karte) konfrontiert zu werden. Doch auch hier hat Google mit Kitkat (4.4) und Lollipop (5.0) angesetzt und einen sinnvollen Datei-Auswahldialog auf App-Modul-Basis eingeführt. Das Thema ist noch nicht in trockenen Tüchern, aber wir kommen da hin. Android entzieht sich damit auch weiter einer Einkategorisierung in ‚PC‘ oder ‚Post-PC‘, denn obwohl es klassische PC-Vorgänge abstrahiert und versimplifiziert, schafft es keine doktrinalen Beschränkungen (z.B. ‚App-Silos‘ auf iOS) und ermöglicht Power-Usern tiefen Eingriff. Vielleicht ist es einfach nur ein sehr nutzerfreundlicher ‚PC‘.

8 – Das LG G2
Als mein Wechsel feststand, hielt ich Ausschau nach Smartphone-Kandidaten nach meinen Erwartungen. Mir haben am Nexus 5 die Displayqualität, die Kamera und der Akku nicht gefallen, daher sollte es ein anderes Gerät werden. Bei der ‚Premium‘-Variante des Nexus 5 von LG bin ich dann hängen geblieben: Das LG G2 hat einen größeren Akku, eine deutlich bessere 13 MP-Kamera, ein leuchtstarkes 5,2″-IPS-Display mit FullHD bei 424 dpi, auf dem kein Multitouch-Sensorennetz sichtbar ist und Gimmicks wie Doppeltap-Aufwachen und die Geräteknöpfe an der Rückseite.

Meine ursprünglichen Gedanken zur Displaygröße: 5,2″ ist eigentlich zu unbequem, es ‚geht‘ gerade noch so mit einer Hand alles zu erreichen, dafür muss ich aber den Griff oft ändern. Das Nexus 5 mit 4,95“-Display ist näher am Optimum. Viel Platz zum Lesen ist trotzdem fabelhaft und eigentlich wünscht man sich doch immer mehr davon.

Nachteil des G2′: Das vermurkste LG-ROM. Nicht so schlimm wie bei Samsung und durch alternativen Launcher ist man gleich viel davon los, aber trotzdem weniger durchgedacht als Vanilla-AOSP. Hinzu kam, dass das offizielle ROM noch bei 4.2 dümpelte.

Als ich im Frühjahr das Custom-ROM Carbon ROM auf das G2 geflasht hatte, das auf CyanogenMod basiert, nutzte ich fast mit einem Schlag mein iPhone 4s eigentlich gar nicht mehr. Die Nutzung des schnelleren G2′ mit größerem Bildschirm und mit Android 4.4 machte mir viel mehr Spaß!

Das G2 hat einige Schwachpunkte: Es setzt treiberseitig eine aggressive Geräuschunterdrückung bei Mikrofonaufnahmen in Videos um, so dass es dauernd klingt, als würde man in einem schlechten Netz telefonieren. Das ließ sich lange nicht erfolgreich deaktivieren. Ewig geärgert hatte ich mich auch über die unglaublich miesen Videos, die die LG-Kamera-Software und die Dritt-Apps auf Carbon-ROM aufnahmen: Eine Matsch-Bitrate zum Heulen und nicht anpassbar. Dass so etwas durch das QA gelangt, ist schon ein Ding. Die Videos des Nexus 5 sind übrigens nicht besser.
Die Video-Aufnahmen machten mich deshalb so wütend, weil ich weiß, dass man mit heutigen Smartphone-Sensoren phänomenale Ergebnisse erzielen kann, wenn die Software stimmt. – FiLMiC Pro erlaubt auf iOS Bitraten von bis zu 50 MBit und sticht mit der iPhone-Kamera so manches Fernseh-Equipment aus, ermöglicht außerdem Audio-Tracks in PCM. Solche Drittanbieter-Software kann es auf Android kaum geben, weil sie hochangepasst auf nur wenige Geräte ist.

Foto-Apps sind allgemein auf Android defizitär: Professionelle Fotografieoptionen gibt es nicht, alles, was über Filter und Gag-Effekte hinausgeht, sucht man vergebens im Play Store. Das fängt schon so grundsätzlich dabei an, dass die Vanilla-AOSP-Kamera-App und die von mir getesteten anderen keinen Helligkeitspicker getrennt vom Fokus besitzen.

Weil unter der auf CyanogenMod basierenden Distro die Fotos schlechter rauskamen und ich nicht den bei XDA veröffentlichten 4K-Kamera-Hack nutzen konnte, weil er auf den nur im Stock-ROM mitgelieferten Treiber-Blobs aufbaut, musste ich zähnekrirschend wieder auf ein Stock-ROM. Ich hab mir dann damit beholfen, auf eine auf dem Stock-Android basierende, abgeschlankte Distro mit bereits integriertem Root zu wechseln, für die auch regelmäßig Updates erscheinen. Das ROM integriert auch gleich den moderneren Systemstil des später erschienenen LG G3.
Mit dem Rooten des Geräts hatte ich nämlich beim Stock-ROM vormals äußerst schlechte Erfahrungen gemacht: Nach dem nächsten OTA-Update gab es einen Bootloop, aus dem ich nur durch Neuflashen wieder herausgekommen bin. – Das Rooten hatte bei dem LG-ROM also dieselbe restriktivierende Wirkung auf die Updates wie ein Jailbreak auf iOS.

Besagter Kamera-Hack stellte sich als ein ambitioniertes Pimp-Projekt eines fähigen Entwicklers heraus, der die Original-Kamera modifizierte, zahlreiche Bildoptionen bis zur JPEG-Kompression und der Video-Bitrate barg und sogar eine Kompanion-App für die Einstellungen schrieb, mit denen sich auch die lästige Geräuschunterdrückung deaktivieren lässt. Hier gibt es drei 4K-/UHD-Video-Beispiele von mir. Das Reencoding von YouTube reduziert die Bildqualität allerdings radikal.

Eines ist klar: Wenn du von iOS auf Android umsteigen willst, musst du bereit sein, Abstriche zu machen. Das Großartige bei Apple-Produkten ist, dass ihre ausgewiesenen Funktionen – einfach – perfekt funktionieren. Darum auch der Skandal immer, wenn es doch mal Probleme gibt. Bei Android ist es völlig normal, dass Funktionen nicht wie versprochen funktionieren, oder nur leidlich, oder nur furchtbar benutzerunfreundlich. Dafür hat die Plattform andere Qualitäten, die – nach jeweiligem persönlichem Ermessen – wichtiger sein können als Zuverlässigkeit einer Black-Box.

Auf Android habe ich immer das Gefühl, dass ich nicht richtig bestimmen kannst, was im Hintergrund läuft. Das Thema ist super relevant, weil Hintergrunddienste RAM brauchen und Akku fressen. Ich muss mit Drittanbieterwerkzeugen, die Root-Zugriff brauchen, händisch den Autostart säubern (und dabei höllisch aufpassen, was ich deaktivieren darf). Mir ein Rätsel, warum es da keine globale Option in Android für gibt. Wenn ich da ein paar Dinge deaktiviere, muss Firefox gleich nicht mehr so oft Tabs beim Wechsel neuladen, die Auswirkungen spürt man absolut.

Bis iOS 6 war bei iOS das Regelwerk für Hintergrund-Apps noch klar und verlässlich: Nach 10 min werden in den Hintergrund versetzte Apps angehalten, nur Audiowiedergabe durfte weiterlaufen. Ab iOS 7 bin ich mir genauso unsicher, inwieweit meine Apps noch Hintergrunddienste am laufen haben und wie viel bei ihnen noch läuft, nachdem sie in den Hintergrund versetzt wurden. Die Vorteile sind mir einleuchtend, aber die Umsetzung ohne Kontrolle gefällt mir nicht. Es geht schließlich nicht nur um RAM, sondern auch CPU-Zeit und eMMC-Zugriffe.

Stand Frühling 2014: Ich habe diesen Artikel in Herbst begonnen und meine Erwartungen haben sich erfüllt: Android wird erwachsen. Ich war noch nie so zufrieden mit meinem Ultramobilgerät! Unter Android arbeite ich mittlerweile schneller, als jemals mit iOS!

Episode von April 2014: Kürzlich ist mein PC-Motherboard kaputt gegangen und ich musste eine Woche auf Ersatz warten. Mit iOS als komplementäres Gerät wäre das ein viel größeres Problem gewesen. Mit Android konnte ich sogar meine interne HDD mit Linux-Dateisystemen in ein externes Gehäuse stecken und am Tablet auf meine Bibliotheken zugreifen. Auch mein Neo-Tastaturlayout habe ich dort auf die externe Bluetooth-(Apple!-)Tastatur mappen können und hatte damit dasselbe Layout wie am PC (und nicht altbackenes QWERTZ). Android, mit einigem Gefummele kann ( – momentan jedenfalls noch, so lange nicht überall Einschränkungen zugunsten der Sicherheit gemacht werden, alles ist ein zweischneidiges Schwert) ein fast vollwertiges PC-OS sein.
Wie man an meinen Beispielen sieht: Es kommt darauf an, was man tun möchte. Ich mag die Freiheit, zu tun, was ich mit der fähigen Hardware tun kann, eigentlich so sehr, wie ich elegante Usability schätze. Android hat für mich mittlerweile so viele Vorzüge, dass die Freiheitsfeatures zu Usability werden: Ich brauch die Aufgabe nicht über fünf Ecken und dort mit Einschränkungen zu erledigen, sondern ich kann sie wie an einem PC angehen. Und seit einem guten Jahr werden diese Features in breiten Ökosystem sukzessive (und nun: ernsthaft) hübsch, besser integriert und nutzerfreundlicher – Android nähert sich iOS rapide an, ohne seine eigenen Vorzüge aufzugeben.

Android ist mir fast gar nicht bei dem im Weg, was ich machen möchte, während iOS dem ‚Apple-Pfad‘ folgt.

Zu dem Android-Forum XDA möchte ich noch etwas loswerden: Ein sonderlicher Haufen. Wenn du aus dem Linux-Umfeld kommst und Vorstellungen davon hast, wie ein Systemberatungsforum funktionieren sollte, kannst du alles darüber vergessen. XDA liest sich wie eine unglückliche Kombination aus Reddit und Windows-User-helfen-Windows-User-Foren. Das Verstörendste für mich ist, wie wenig technische Details die ROM-Bastler dort angeben – außerdem fehlt in der Regel vom Source jede Spur. ROMs werden angepriesen wie Fun-Apps, Installationshinweise sind dürftig, selbst wenn ein Gerät ein wirklich kompliziertes Prozedere erfordert.
Dass ein Entwickler offenbar kein Interesse hat, zu erklären, was er da wie zusammengebaut hat und welche Probleme ihm dabei begegnet sind, ist meiner Erfahrung nach höchst untypisch für technische Foren. Ich frage mich, aus welchem Hintergrund die Entwickler kommen, oder ob die ROM-Entwicklung vielleicht so leicht ist, dass sie jeder Mausschubser bewältigt – halte ich, gelinde gesagt, für unrealistisch. Anonymität ist darüber hinaus auch ein Thema, das die Angebote fishy macht. Daran scheint sich dort aber offenbar überhaupt niemand zu störend und es wird von der Community nie zum Thema gemacht.

9 – Heute und die Zukunft
Am Ende meiner letzten Android-Auseinandersetzung habe ich formuliert:

Wenn mensch sich auskennt, können die weniger restriktiven Möglichkeiten, die Android einem bietet, Spaß machen, wenn mensch weniger versiert ist, neige ich zu glauben, verwirrt die Inkonsistenz und Unergründbarkeit des Ökosystems nach wie vor stark, und die angesprochenen konzeptionellen Schwächen behalten in jedem Fall ihre Signifikanz.

Android macht mir weiter Spaß, so viel Spaß, weil es so viel zum Ausprobieren und Entdecken gibt und mich das System in meinem Experimentiertrieb nicht kriminalisiert. Auf der Plattform fühle ich mich mit meinen Bedürfnissen ernst genommen.

Die Inkonsistenz der Apps nimmt ab, es hat sich herumgesprochen, dass es Design-Richtlinien gibt und Nutzer Ansprüche stellen, oder zur App-Konkurrenz wechseln. Die „Unergündbarkeit des Ökosystems“, womit ich ungefähr das Verhältnis von Erwartung an Apps und deren Nichterfüllung meinte, wird durch Marktmechanismen behoben.

Das mag meine frühere Aussage nicht durchweg entkräften, aber mir ist es genug. Ich würde heute keinem Touch-Gerät-Einsteiger mehr glühend iOS empfehlen; die Android-Plattform ist reif geworden und was ihr an Nachteil bleibt, gleicht sie durch Vorteile aus.

Zwei ganz gewaltige Defizite zu iOS sehe ich allerdings nach wie vor, die sowohl unbedarfte Anwender, wie auch Power-User betreffen: Die App-Berechtigungen, die man bereits bei der Installation nur alle oder gar nicht akzeptieren kann und vollständiges (!), nutzertransparentes Backup.

Es ist aber so vieles, was ich heute an Android schätze, was ich zuvor nicht hatte, dass ich wirklich nicht weiß, wo anzufangen. Ein visueller Punkt wären z.B. animierte Hintergrundbilder. Ich habe mittlerweile eine ganze Reihe von ihnen gekauft und die sich dynamisch bewegenden 3DPlaneten, –Asteroiden, –Galaxien und –Baumkronen im Wind sind einfach ein Augenschmaus.
Ganz generell gefällt mir auch Lollipops (5.0) Material Design sehr viel besser als die eher ‚kühle‘ flache Designsprache in iOS 7/8.

Ich glaubte lange, dass ich noch ein iOS-Gerät ‚brauchen‘ werde. Mein Plan war, den 2014/-15er-iPod Touch oder ein iPad Mini zu kaufen, aber heute fehlt mir an nichts und ich habe auch nicht mal das Bedürfnis nach den – weniger werdenden – Exklusivspielen, die iOS mir bieten würde. Die Plattform ist wirklich erwachsen geworden. (Zum Vergleich ein Beispiel, was noch Anfang 2012 auf Android unter den aufregendsten Spielen der Plattform lief: Ein Port von Cut the Cope.)
Heute bleibt kaum noch etwas längere Zeit iOS-only, der Android-Markt ist heute so gewaltig, dass er die geringere Kaufbereitschaft seiner Nutzer durch Masse aufhebt.

Mein Nexus 7 habe ich fünf Semester für das Mitschreiben per Bluetooth-Tastatur an der Uni verwendet und wurde im Dezember 2014 von mir durch ein Galaxy Tab 8.4 Pro ersetzt, das ich neu für 220 € ergattern konnte (selbstverständlich in schwarz). Das Tablet ist Samsung-untypisch mit TFT- (wahrscheinlich einfach IPS) statt (Einbrenn-/Waben-)AMOLED-Display und ein Alternativ-ROM hat das Samsung-ROM für mich abgelöst, das nach dem üblichen Wechsel des Launchers auf Nova Prime sogar überraschend erträglich war. Die 16:10-Auflösung von 2.560 x 1.600 auf 8,4“ bei hellen 359 dpi ist fantastisch und der Snapdragon 800 hat, genauso wie in meinem LG G2, noch ordentlich Dampf. Ursprünglich hatte ich vor, das Nexus 9 zu kaufen, als dann aber das Lichtbluten des Displays von vielen Testern bemängelt wurde, sich herausstellte, dass es weder per HDMI, noch DP, noch MHL, Slimport oder sonstigem Port Video-Out kann – was mir ein Nachteil für die Uni ist, denn das Tablet und Smartphone am Beamer zu bedienen ist so verdammt cool – es außerdem wieder nur 2 GiB RAM hat, noch dazu einige Mängel in der Verarbeitung, da hab ich mich umgeschaut. Wahrscheinlich ist 4:3 doch das bessere Seitenverhältnis für Tablets, aber das Nexus 9 hat damit nur 2.048 x 1.536 – und mehr Pixel gewinnt immer!!1 Bin mit meinem Galaxy Tab 8.4 Pro ausgesprochen glücklich, nur der „Samsung“-Schriftzug über dem Display ist mir unter Menschen ein bisschen peinlich.

Ich werde mir wahrscheinlich dieses Jahr dann das noch nicht angekündigte LG G4 zulegen. Doppeltap-Geste ist für mich nicht mehr wegzudenken, die Kamera ist exzellent, das offizielle ROM nicht zu verunstaltet und ich habe das Gefühl, die gesamte Hardware ist wohl durchdacht und stimmig. Das habe ich bei Apple geschätzt und das erwarte ich auch von Android-Hardware. Dass die Geräte ‚perfekt‘ funktionieren, nimmt man bei iDevices so hin, aber das ist Ergebnis von exzessiven Testreihen. Es kann bei Billig-Herstellern so unglaublich viel geschlampt sein: Der Flash-Chip altert zu schnell, ist nicht aus der neuesten Geschwindigkeits-Generation, das RAM ist nicht das Schnellste, das Display zeigt das Multitouch-Sensornetz, bringt zu wenig Helligkeit, hat Lichtbluten oder übersättigte Farben, getränktes Weiß, Wabenstruktur, oder brennt ein (AMOLED), der Kompass hat Neigung, der GPS-Empfang ist schwach, Fotos verwackeln zu leicht, der Akku ist billig und altert zu schnell bei zu wenigen Ladezyklen, die Gerätetasten bekommen Spiel, usw. usf.. – Für das bessere Gefühl bin ich dann auch bereit, einen Premium-Preis zu zahlen.

Ich schiele neugierig auf Jollas Sailfish, das Betriebssystem halte ich für die einzige ernstzunehmende Android-Alternative – wenn Jolla sein Versprechen mal wahr macht und alle Eigenentwicklungen unter freier Lizenz veröffentlicht. Hinter Firefox OS sehe ich keine Vision, außer Me-Too und dem absurden Machbarkeitsbeweis, eine Mobile-UI in Webtechnologien schreiben zu können. Vor allem aber unsympathisch macht sich Mozilla dabei dadurch, dass es sich offen an OEMs und Carrier mittels seiner ‚Anpassbarkeit‘ anbiedert. Ubuntu Phone ist natürlich durch und durch ein schlechter Witz. Tizen scheint zwar auch F/OSS zu sein, seine Entwicklung ist aber sehr stark in das Industriekonsortium eingebunden und Innovation sehe ich da nirgends. Sailfish ist aufregend und cool, weil es von einer kleinen finnischen Entwicklerschmiede aus abtrünnigen Nokialern mit dem neuesten Spielsachen aus dem Linux-Umfeld – wie systemd, PulseAudio, Wayland und Qt QML – gebaut ist, Nutzer zum Anpassen des Systems animiert, und man damit ein echtes GNU/Linux, wie man es vom Desktop schätzt, bekommt. Damit ist Sailfish das exakte Gegenteil von „Google/Android“.

Bevor ihr kommentiert, noch einmal: Dieser Beitrag ist das Produkt von fragmentarischen Absätzen über anderthalb Jahre und daher stellt sich auch so manches Detail heute auf iOS 8 ein wenig anders dar.

The Geekster Rises – Das Ende einer Tech Culture

»To geek out: The act of becoming emotionally and physically aroused by the sight or the thought of a technicality of a certain topic of major interest. It resembles an ‚orgasm of the mind‘.« –urbandictionary.com

Das Thema IT wird in einer breiteren Öffentlichkeit denn je diskutiert, es ist für die Breite der Gesellschaft alltäglich geworden. Es hat sich über die letzten Jahre eine neue Konsum-Coolness für die Massen um neue Branchen-Entwicklungen gebildet. Die Rede ist von Smartphones, einer aberwitzigen Zahl verschieden konfigurierter Smartphones, Tablets, und ein paar sozialen Web-Diensten. Es hat sich eine Art Subkultur von Menschen herausgebildet, die nach Lifestyle gieren, nach Neuheiten schreien, und sich über Marken identifizieren.

Ich beobachte da gerade etwas: Was dort nun lautstark in der Mitte der Gesellschaft diskutiert wird, ist nicht mehr das, was ich unter Computern verstehe, sondern sind massentaugliche Konsumprodukte.
Ich betrachte mich zugehörig zu einer Gruppe von rebellischen Tech-Begeisterten. Wir haben diese Kultur aufgebaut, wo wir seit Jahren als Selbstbeschäftigung um die neuesten Mobile-Trends kreisen und uns gegenseitig versichern, wie bedeutsam diese Entwicklungen sind. Und selbst ich überhöhe künstlich die Bedeutung der Post-PC-Gerätschaften (für mich), wenn ich abschreckend lange Mobile-OS-Analysen schreibe: Denn in meiner Realität nutze ich zu allerhäufigst für das Allermeiste nach wie vor den PC und das wird auch so bleiben.
Denn ich bin kein Hipster, ich bin Geek.

Zu Anfang stand die Verweichlichung des Nerds in die Popkultur durch Matrix, wodurch Computer erstmals mit Coolness assoziiert wurden. Diese Darstellung griffen in Folge weitere Filme auf und statteten die wirr redenden Protagonisten mit beeindruckenden Technik-Gadgets aus. Der Blick schwenkte auf die unverstandenen, aber drolligen Wissensanhäufer im Experimentierkämmerlein und gab auch diesen erfolglosen Charakteren eine Bühne. Ein Abziehbildchen des Geeks ist zum Popkulturphänomen geworden. Er wurde gefeiert, er wurde stilisiert, er wurde irgendwie cool. Er wurde kopiert, aber er wurde dabei nicht verstanden.

Der Tech-Hipster ist der Gegenentwurf zum Geek, bei flüchtiger Betrachtung scheinen sie aber dem selben Schlag anzugehören. Noch frappierender ist, das dies ebenso für die eigene Selbstreflektion gilt – leicht verwechseln wir unsere Intentionen. Nachrichtenportale richten sich auf eine vergrößerte Zielgruppe aus, immer stärker werden die gegenseitigen Überschneidungen dessen, womit sich beschäftigt wird, beziehungsweise womit nicht mehr. Aufschlussreich geben sich beispielsweise die Kommentare auf The Verge: Was zu techy ist, ist gleich uncool, was eine flutschige UI hat, am besten noch proprietär, Mac-only, das gilt als cool.
Ich bin nicht der Type, der immer die neuesten Spielsachen hat und sich mit allen Hypes auskennt – ich bin jemand, der Freude am Erforschen hat. Ich bin ein Tüftler. Und ich verliere gerade eine Selbstidentifikation. Es scheint, Technik ist zu einfach geworden. Ich schaue irritiert auf die Nutzerschaft: Das ist nicht mehr das faszinierende, weite, geheimnisvolle Land voller Rätsel und Abenteuer, das mich einst anzog.

Origins: Tech-Hipster
Es gab da diese Phase, in der „Gadget“ zu einer einschließenden Einheit von „Geek“ wurde. Das iPhone war im Prinzip der Wendepunkt: Ab 2007 wurde es in der Geek-Kultur aufregend und cool, einen Taschencomputer bei sich zu tragen, der nicht mehr wie frühere PDAs den PC-Paradigmen folgte und nun eine angenehmere Bedienung ermöglichte. Ausschlaggebend für die Akzeptanz innerhalb der Gemeinde dürfte zudem das rebellische Image gewesen sein, das Apple zu dieser Zeit noch anhaftete. Es vertrug sich gut mit der Selbstidentifikation der Geeks. Apple wurde von uns abgefeiert und viel Konfetti stob auch außerhalb unserer Kreise. Mancher verschrieb sich der neuen Philosophie und wurde von Apples Hardware-Ökosystem in den Bann gezogen. Andere wurden zu regelrechten Jüngern, zu Evangelisten, und mancheiner Rollenmodell für die aus dem Geek-Lager abtrünnigen, und sich zugleich aus der Mitte der Gesellschaft nährenden Hipster.
Gadgets liegen heute in jedermanns Hand, sie wirken cool. Das sind sie auch, aber Gadgets sind in erster Linie Appliances, keine ‚Computer‘. Wenn wir sie nutzen, arbeiten wir nicht mit Software, sondern mit Objekten, wir denken so natürlich, wie wenn wir einen Wasserhahn bedienen (im Speziellen bei iOS).

Ich seh da nicht mehr mich. Ich liebe Technik. Ich schätze Appliances, die einfach tun, für bestimmte Zwecke. Aber ich bin nicht post-PC, ich bin sogar noch sehr PC. Ich habe Ideale von völliger Freiheit, die mit Computern nur an einem PC umsetzbar sind. Wir sollten uns fragen: Sind moderne Gadgets heute wirklich ‚geekig‘, oder nur ‚convenient‘? Sind wir dem Komfort verfallen? Was haben wir dafür geopfert? Können wir das mit unseren Werten vereinen?

Hipsters gonna hip
Was können wir tun, um unsere unterwanderte Tech-Geek-Kultur zu retten? Die Frage ist vielleicht auch, ob es diese Kultur überhaupt wert ist, gerettet zu werden. Vielleicht lohnt es sich nicht, sich mit Tech-Hipstern in einen Image-Kampf zu begeben, vielleicht liegt unsere Zukunft darin, zu akzeptieren, dass Technik existiert und das Beste aus ihr herauszuholen, ohne sie zu idealisieren oder zu hypen. Vielleicht sind wir von der Zeit eingeholt worden und vielleicht wäre es sinnvoll, sich neu zu orientieren.

Sinnkrise – Der Traum ist wahr geworden
Aus meiner Perspektive hat die IT-Branche die größten Ihrer Träume bereits in der richtigen Weise umgesetzt und kluge Fundament-Konzepte ersonnen und beschäftigt sich nun mit deren Optimierung. Da sind die Webentwickler, die unerbittlich daran arbeiten, dass sich das Web mehr wie eine Betriebssystem-native Software anfühlt. Oder das Beispiel Kernel-Entwickler: Wir haben schon ‚alles‘, und was nun noch passiert, sind nur Verfeinerungen und Raffinessen – aber es scheint, diese Art von Technik ist ‚fertig‘ erforscht bis an ihre Grenzen. Wir brauchen neue Perspektiven, ich brauche neue Perspektiven – denn ich bin noch jung und habe schon jetzt das Gefühl, diese Technik hält uns keine Neuheiten mehr parat – und persönlich möchte ich nicht einer sich so selbst verfestigenden Kultur angehören, die scheinbar ihr Strebeziel schon erreicht hat. Das, wo sich jetzt noch Innovation und Weiterentwicklung zeigt, ist auf einer so hochtechnologisch-abstrakten Ebene, dass ich es nicht mehr überblicken kann; dass ich als neugieriger Dilettant keinen Zugang mehr dazu habe. Alles wird noch schneller, noch effizienter, noch mobiler, noch komfortabler, noch vernetzter. Sicher, an der UI und UX wird sich noch viel tun, neue Geräteklassen werden enthoben. Aber es ist nichts, was wir uns nicht schon ausgedacht oder erträumt hätten. Wir *haben* Computer, wir sind da.

Das sage ich als ein junger Mensch, der die letzten zehn Jahre unermesslich viel Lebenszeit in das hauptsächlich aus Neugierde getriebene Erkunden der Digitalwelt gesteckt hat. Ich frage mich ganz persönlich, wie sinnvoll meine dauergetriebene Beschäftigung mit der IT noch ist. Ich bin Experte, keine Frage, aber was nützt das meinem Leben? Ich beabsichtige aus mehreren Gründen nicht, mit IT mal mein Geld zu verdienen (wenn es dann noch Geld gibt) und studiere auch konsequent Sozial- und Geisteswissenschaften. Gerne würde ich diese Fokus-Fixierung bei mir lösen, aber es scheint für mich nicht möglich zu sein, weil 2/3 meiner Weltentdeckung am Computer über das WWW und Filme geschehen. Wenn ich mir ein neues Thema abseits von IT aufmache, steht es gleich in Abhängigkeit zu meiner IT, was mich in einer Teufelsspirale wieder dazu veranlasst, diese zu optimieren. Ich bin an die Technik gefesselt.
Ich bin jung, ich suche mich selbst, und diese Selbsterfahrungen funktionieren schlechter über Technik. Tatsächlich wünsche ich mir für ganz persönliches Wachstum eine Welt ohne Computer. Ich wäre gerne unabhängig, nur von meinem Verstand gestützt. Einfach ich selber, nicht ‚ich und mein Computer‘. Dass das heute unpraktikabel ist, ist klar, als Gedanke ist es aber anziehend. Damit so ein Leben wieder möglich würde, bräuchte es den gesellschafts-politischen strukturellen Zusammenbruch, der mit dem, wahrscheinlich früher, als wir denken, eintretendem weltweiten Zusammenbruch der Idee von ‚Geld‘ einhergehen könnte und gute Nachwirkungen haben könnte, ohne uns dabei tatsächlich Technik zu nehmen, sondern nur deren Sinn im Leben neu zu verhandeln.

Individualität
Wir sind in einer Krise, wir haben in unseren Milieu das Bewusstsein darüber verloren, was wir eigentlich alles menschlich können. Wir suggerieren uns in unserer aufgebauten Kultur, in erster Linie Computer-Menschen zu sein. Es geht dadurch viel kreative Kapazität verloren. Wir machen einen Fehler, uns so festzulegen. Unser Selbstverständnis baut direkt darauf, IT den anderen Interessen überzuordnen.
Die Lösung sollte sein, wieder so etwas wie Nerds zu werden, ‚back to the roots‘; wieder auf eigenen Beinen zu stehen, sich zurückzubesinnen. – Etwas können, selbst etwas sein, auch ohne technische Geräte.

»Hipster sein wird Mainstream, aber Hipster sein bedeutet, nicht Mainstream zu sein, deshalb bedeutet Hipster zu sein, kein Hipster zu sein. Das ist das Hipster-Paradoxon.«Binärgewitter-Podcast, Folge 37

Peter Lustig auf unsere Fahne
Die Begeisterungsfähigkeit des Geeks liegt schon mit in seiner Definition. Wir sind nicht nur fasziniert, wir sind versessen in Themenfelder. Wäre es nicht von großem Nutzen für die Gesellschaft, wenn wir unser Interessensgebiet weiten würden? Eine ‚humanistische Allgemeinbildung‘ in der Tech-Szene ist jetzt schon Credo unter Geeks und macht uns Spaß. Wie lässt sich das Fenster eventuell mehr in die Weite öffnen? Entscheidendes Merkmal der Geek-Kultur ist die Mentalität des begeisterten Weitergebens: „Das kannst Du ausprobieren, da kannst Du Dich einarbeiten und damit experimentieren, das sieht cool aus.“ Die vorherrschende Mentalität in unserer Gesellschaft dagegen sind starre Konventionen und Regelwerke. Es scheint, die zwei seien unverbindbare Welten. Gibt es die Perspektive, die ganze Gesellschaft für uns interessanter zu machen? Die Piratenpartei lässt sich als laufendes Experiment dessen sehen. Wo können wir uns noch mit unserer Mentalität des vorbehaltlosen Teilens und transparentem Austauschs einbringen? Über manches müssten wir uns hinwegsetzen und gesellschafts-konventionelle Hemmungen abbauen. Aber wir sollten uns zu nichts zwingen, was uns keine Freude bereitet. Ein lebensbejahendes neues Massenbewusstsein darüber in der Geek-Gemeinschaft, dass es außerhalb der IT noch so viel Spannendes gibt, könnte Begeisterungswellen für neues Terrain erzeugen und – entscheidend – unsere Begeisterung dort sähen, wo bislang Bürokratie und Industrie herrscht.

Auf der Suche nach einer neuen Selbstidentifikation
Lasst uns zu Universalgenies werden, vielleicht mit weniger Genie als universal, aber lasst uns das doch zu unserem Ideal erklären. Eine institutionslose Kultur des Austauschs von Lebensproduktivitätsfaktoren gründen.

Lasst uns mehr sein als Geeks.

Absicht dieses Beitrages ist, zum Nachdenken über die eigene Lebensausrichtung anzuregen. – Wir sollten uns wieder als die Kreativen begreifen, als die Tüftler und Wissbegierigen, als die Vordenker und idealistischen Forscher. Unser Schlag Leute hat das noch in sich, wir haben es nur seit Jahrzehnten vergessen. Wir sind geblendet von der Geek-Kultur und haben den Gedanken an uns Individuen verloren. Wir sind die Extremen, aber lasst euch auf nichts festschreiben, lasst euch nicht einreden, wo euer Interessensgebiet zu liegen hat!

The Tüftler Rises!